Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Adrenalinjunkiemomente (Teil 7)

with 16 comments

Schwester Paula telefoniert.
Im Vorbeigehen schnappe ich die Worte „Privatpatientin“ und „Einzelzimmer“ auf.
Dann geht mein Piepser.
Ich gehe ins Arztzimmer
„Gespräch von draußen!“ sagt der Pförtner mit gelangweilter Stimme.
Ich schieße die Tür.
„Hallo?“
„Hallo? Wer ist denn da?“
Ich nenne artig meinen Namen.
„Walser hier, Horst Walser!“
„Guten Tag, Herr Walser.“
„Sie betreuen meinen Vater?“
„Das ist richtig.“
„Berichten Sie mir, was Sache ist!“
Habe ich mich verhört? Hat er mich gegrüßt? Hat er ‚bitte‘ gesagt?
„Herr Walser, ich komme gerade aus dem Zimmer Ihres Vaters. Seine Tochter…. also Ihre Schwester ist gerade bei ihm. Mit ihr habe ich gerade ausführlich gesprochen. Soll ich sie vielleicht ans Telefon holen?“
„Nicht nötig.“
„Gut, dann richte ich ihr aus, dass sie sich mit Ihnen in Verbindung setzen soll.“
Am anderen Ende der Leitung Stille. Leises Knistern.
„Herr Doktor?“
„Ja?“
„Ich erwarte Ihren Bericht!“
„Herr Walser, Ihre Schwester ist jeden Tag mehrere Stunden hier. Ihre Mutter übernachtet sogar hier. Das beste wäre wirklich, wenn Sie sich untereinander kurzschließen könnten…“
„Ich möchte es aber von Ihnen hören!“
Ich schließe die Augen und zähle innerlich bis zehn. Dann berichte ich in knappen Worten den derzeitigen Stand der Dinge.
„Herr Doktor!“
„Ja?“
„Ich erwarte, dass Sie alles tun, was machbar ist!“
„Herr Walser…“
„Sie werden alles tun, was machbar ist?“
„Hören Sie…“
„Andernfalls werde ich Sie persönlich zur Rechenschaft ziehen!“
Bevor ich etwas erwidern kann, hat er aufgelegt.
Vorn im Schwesternzimmer telefoniert Schwester Paula immer noch.
„…vielleicht haben wir bald ein Einzelzimmer….“ schnappe ich auf.

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Written by medizynicus

25. November 2010 um 07:27

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

16 Antworten

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  1. Und das nächste mal bitte in Achtungsstellung neben dem Telefon stramm stehen.
    Und jeden Satz mit „Jawohl Herr General“ abschliessen…

    Typen gibts….

    lorem42

    25. November 2010 at 07:46

  2. „Ich schieße die Tür“ 😀

    Tja, Arschlöcher gibts halt überall…

    Chaoskatze

    25. November 2010 at 08:05

  3. Diese modernen Telefonanlagen verlieren doch ständig die Gespräche… dieses VoIP-Teufelszeug. 😉

    Der Maskierte

    25. November 2010 at 09:04

  4. Was erwarten die Leute? Etwa eine Antwort wie: „nein, wie geben nur selten unser Besten und tun meistens weniger als machbar ist. Unsere Patienten müssen schon selber sehen, wie sie klar kommen.“ ?

    wiederhoeren

    25. November 2010 at 09:12

  5. Ganz ehrlich… wer so daher kommt, bekommt keine Auskunft, fertig! Er hat keinen rechtlichen Anspruch darauf am Telefon informiert zu werden, tut man es doch ist das reines Entgegenkommen. In solchen Fällen müssen sich die Angehörigen zusammenraufen und gemeinsam (!) ihre Wünsche bezüglich der Behandlung äussern. „zur Rechenschaft ziehen“, haha, sehr witzig…

    patrick

    25. November 2010 at 10:36

  6. Beim nächsten Anruf wird dir Herr Walser mitteilen, dass heute dein letzter Arbeitstag ist und er dafür sorgt.

    Thomas netAction

    25. November 2010 at 11:48

  7. Eigentlich ist die Auskunft am telefon aus datenschutzrechtlichen Gründen gar nicht gestattet.

    Das schlimmste im Medizinischen Beruf sind leider selten die Pat. und meistens die Angehörigen :\

    Tobi

    25. November 2010 at 13:56

  8. Du gibst wildfremden Leuten am Telefon Informationen über Patienten? Wenn das nicht mal nach hinten losgeht.

    Avarion

    25. November 2010 at 14:11

  9. Soweit ich mich erinnern kann, hab ich bei der letzten stationären Aufnahme unterschrieben, dass an Angehörige telefonische Auskünfte gegeben werden dürfen, konnte man aber auch, glaub ich, ablehnen.

    drkall

    25. November 2010 at 14:19

  10. Was für ein Typ…^^

    Ich sehe es schon kommen, er will, dass alle intensivmedizinischen Experimente, die die Welt kennt an seinem Vater durchgeführt werden…udn das obwohl das bewiesenermaßen keinen Sinn hat und die Qualen nur verlängert.
    Und weil Herr Walser keine Patientenverfügung verfasst hat, seid ihr nun gezwungen, diese auch durchzuführen…vielleicht obwohl ihr wisst, dass der Patient das mutmaßlich gar nicht wollte und die Tochter und Frau dagegen sind.
    So spielt die Welt traurig.

    Nur welcher Arzt hat den Arsch in der Hose sich dem Sohn entgegen zus tellen und vielleicht dann, wenn es darauf ankommt, die Rea nicht zu beginnen?!?

    rettungsdienstblog

    25. November 2010 at 14:20

  11. Diejenigen, die wollen, dass man alles macht und nicht loslassen können, sind oft die, die eben nicht wirklich für Ihre Angehörigen da waren, als es noch die Gelegenheit dazu gab. Sonst könnten sie ja auch loslassen.

    anna

    25. November 2010 at 14:24

  12. @Avarion, @Tobi: Die Sache mit den telefonischen Auskünften sind in der Tat eine ziemliche Gratwanderung… Gar nichts sagen kommt manchmal auch nicht gut, auch wenn man vielleicht formal im Recht ist – wenn der entsprechende Angehörige am Stammtisch mit Chef und Bürgermeister verkehrt hat man dann trotzdem die A…. Karte gezogen. Nervig ist, wenn es verschiedene Fraktionen von Angehörigen gibt, die nicht miteinander reden… so wie hier. 😦

    medizynicus

    25. November 2010 at 15:06

  13. @Anna: Genau so ist es!! Ehefrau und Tochter sind sehr, sehr umgänglich. Die beiden sind ja auch stunden- und tagelang beim Patienten…

    medizynicus

    25. November 2010 at 15:08

  14. Also, egal ob Chef oder BGM am Stammtisch sitzen, rechtlich darfst du keine Auskunft geben, könnt ja wer weiß wer am Telefon sein. Wir handhaben das hier immer so, haben aber Rückendeckung vom Chef. Mein Chef verweist in solchen Fällen auch auf die anderen Angehörigen bzw. solche Gespräche werden auch nicht automatisch auf mein Telefon durchgestellt, sondern erst an die Sekretärin, die alles aufnimmt. So kann man sich mental etwas vorbereiten und ist selbst am Zug mit dem Anrufen und die Angehörigen müssen auf meinen Anruf warten. Bessere Position…
    Habt ihr vielleicht ein Ethikkomitee??? Hier kann solche verzwickten Fälle besprechen, wobei du hier vom Sohn auch nicht wirklich Ärger erwarten kannst. Du hast einen Konsens mit den anwesenden Angehörigen erreicht, schön dokumentieren und unterschreiben lassen. Solange er keine offizielle Betreuung hat und Herr Walser nicht entmündigt, mußt dich vor so etwas überhaupt nicht fürchten.
    Wenn man wirklich mal etwas irritiert ist durch solche Angehörigen, ich geh immer zu meinem Chef, der meistert solche Sachen immer ganz toll, holt mich aber immer mit ins Boot und stellt auch vor nervtötenden Angehörigen klar, dass ich sein vollstes Vertrauen genieße und er hinter mir steht. So wird denen meist der Wind aus den Segeln genommen.

    mausel

    25. November 2010 at 21:58

  15. W e r i s t H e r r W a l s e r ? ? ^?

    der Landarsch

    26. November 2010 at 09:15

  16. NaTÜRlich wurde alles für den Mann getan. Er wurde NICHT operiert, weil ihn das umgebracht hätte; so aber konnte seine Familie von ihm Abschied nehmen. Hätte der Horst auch gekonnt, wenn er denn gekommen wäre…

    Wolfram

    26. November 2010 at 11:36


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