Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Kräksjuka oder: die schwedische Kotzkrankheit

with 14 comments

Eine stürmische Winternacht irgendwo in Deutschland. Beim Diensthabenden Hausarzt klingelt das Telefon.
„Herr Doktor! Sie müssen rauskommen. Sofort!“
„Äh…. worum geht es denn?“
„Mein Kind ist krank. Sie kommen doch, oder?“
„Darf ich vielleicht fragen…?“
„Das erzähle ich Ihnen gleich, wenn Sie bei uns sind. Telefonieren kostet schließlich Geld und Sie sind ja eh in zehn Minuten hier, oder?“
Der Herr Doktor ist ein guter Hausarzt vom alten Schlag und steigt deshalb – wenn auch nach einem leichten Seufzer – unverzüglich ins Auto.
Im Hausflur des Patienten stellt er dann ein paar Fragen und erfährt von den besorgten Eltern, dass das Kind heute früh aus dem Kindergarten heimgeschickt worden ist weil es erbrochen hat und jetzt hat es immer noch Durchfall. Nach ein paar weiteren Fragen ist der Herr Doktor sich sicher, dass keine akute Gefahr für Leib und Leben besteht. Und nachdem er dann – da er ja nun einmal da ist – einen Blick auf das friedlich schlafende Kind geworfen hat, bestätigt sich diese Meinung und mit ein paar guten Ratschlägen kann der Herr Doktor die Eltern beruhigen.
Szenenwechse.
Dieselbe stürmische Winternacht, ein paar hundert Kilometer weiter nördlich.
In einer schwedischen Notdienstzentrale klingelt das Telefon.
„Herr Doktor, mein Kind ist krank….“
Der Herr Doktor stellt ein paar Fragen, ist sich daraufhin sicher dass keine akute Gefahr für Leib und Leben besteht und gibt am Telefon die entsprechenden Ratschläge.
So läuft das da oben. Kräksjuka heißt die Kotzkrankheit in Schweden und eine gute Beschreibung findet sich bei Gunnar Herrmann: „Elchtest“ – ein Jahr in Bullerbü“.
Handelt der schwedische Doktor fahrlässig? Was wäre, wenn das Kind doch unter extremem Flüssigkeitsmangel leidet oder sich hinter der vermeintlichen Magen-Darm-Grippe gar eine lebensgefährliche Meningokokkensepsis versteckt?
Schwedische – und auch britische – Notdienstzentralen haben in jahrelanger Arbeit ein exaktes telefonisches Triagesystem entwickelt, welches solche seltenen, aber gefährlichen Verläufe mit erstaunlicher Treffsicherheit aufspüren kann. Und im Internet findet sich gutes Informationsmaterial.
Haben deutsche Kinder also mehr Glück als britische oder schwedische Kinder?
Schwedische oder britische Kinder sterben nicht häufiger an den Folgen einer Gastroenteritis.
Und der Herr Doktor?
Der ist auf dem Rückweg bei vierzig Zentimeter Neuschnee auf der ungeräumten Straße ins Schleudern gekommen und im Straßengraben gelandet. Hat Glück gehabt. Das Auto ist zwar nur noch Schrott, aber ihm selbst ist außer ein paar Prellungen nichts passiert.

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Written by medizynicus

26. November 2010 um 07:27

14 Antworten

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  1. Ich denke jedes System hat seine Vorteile, leider sind die Ärzte im deutschen System halt der Arsch vom Dienst und sowas wie Feierabend scheint es hier ja auch net so geben…für mich steht demnach fest sobald ich in einigen Jahrhunderten meinen Titel hab bin ich weg

    Jane Doe

    26. November 2010 at 08:35

  2. Ich fände so ein System auch nicht schlecht. Es ist ja immer noch gewährleistet, dass in ernsten Fällen jemand kommt.

    Der Maskierte

    26. November 2010 at 09:07

  3. Getopt wird die deutsche Variante dann – nach ausführlicher Untersuchung (ohne die in der Praxis vorhandenen Hilfsmittel und bei meist schlechtem Licht), ausführlicher Beratung der Eltern (mit ständigem Dazwischengequake von anderen im „Untersuchungszimmer“ anwesenden Personen, z. B. Großmutter oder Tante) sowie dem laufenden Fernseher, und dem handschriftlichen Ausstellen von Notfall-Quittung, Notfall-Schein und Rezepten (getrennt nach rot = kassenfähig und grün = nicht kassenfähig) auf wackeligem und unaufgeräumtem Couchtisch, und dem Einlesen der Chipkarte („Ja wo ist sie denn, gestern war sie doch noch da, Hannnsss, hast Du die Karte ? Nee, ach ,da is se ja. Tschuldigens, Herr Doktor) – nur noch von der Frage:

    „Muss ich die Medikamente jetzt sofort holen, oder reichts morgen?“.

    Ja verdammt, warum musste denn der Arzt um Drei Uhr Nachts kommen???

    der Landarsch

    26. November 2010 at 09:09

  4. „„Das erzähle ich Ihnen gleich, wenn Sie bei uns sind. Telefonieren kostet schließlich Geld und Sie sind ja eh in zehn Minuten hier, oder?““

    Das Rausfahren nicht?

    Da wünscht man sich ein Telefon, dass die Leute direkt per Knopfdruck noch würgt..

    Graf Nudu

    26. November 2010 at 18:36

  5. Kräksjukan wird hier auch bereits von den Kindergärtnerinnen mit nahe 100%iger Treffsicherheit diagnostiziert. Und heute erfolgreich in der Zeitung angekündigt. Die diesjährige Welle soll zu Weihnachten kommen und dann gegen Neujahr ihren Höhepunkt erreichen. Zum Glück bin ich um diese Zeit schon wieder in Deutschland.
    Aber… gibts das in Deutschland theoretisch nicht auch. Auf der Abrechnung steht gern „Beratung, auch telefonisch“.

    lejontine

    26. November 2010 at 19:09

  6. Ich verstehe das alles nicht. Ich kann nur in der Leitstelle vom kassenärztlichen Notdienst anrufen, die Symptome schildern, und dann entscheiden die, ob und wann sie jemanden schicken. In welchem Land finden denn solche Telefonate statt?

    tibia

    26. November 2010 at 20:23

  7. Ich fänds völlig OK, wenns so wäre wie in Schweden.

    Nun muss ich mal doof fragen: es gibt das TK-Familientelefon. Da hat man bei Bedarf einen Kinderarzt an der Strippe. Dort habe ich auch schonmal Symptome geschildert, er schickte mich daraufhin zum Kinderarzt/Notdienst (was absolut korrekt war, da es sich um eine akute Bindehautentzündung handelt für deren Tropfen ich ja ein Rezept brauche).

    Wenn ich so drüber nachdenke, könnte das aber schon sowas sein wie Telefonberatung.

    Blogolade

    26. November 2010 at 21:12

  8. Es ist eigentlich eher die Ausnahme, dass bei der“sjukvårdsrådgivning“ (landesweite Nummer:1177, http://www.1177.se) Ärzte am Telefon sitzen – nach meiner Erfahrung sind es eher Krankenschwestern (die allerdings studiert haben). In den Zeitungen kann man ab und zu von Fällen lesen, bei denen sich Angehörige an diese Telefonentrale gewandt haben und den Rat bekommen haben abzuwarten, und dann sind die Patienten zu spät ins Krankenhaus gekommen. Gleiches wird aber auch von Leuten berichtet, die Krankenhäuser oder Polikliniken besucht und nicht richtig diagnostiziert wurden (aber auch dort trifft man meist zunächst auf eine Krankenschwester, die die Patienten nach Dringlichkeit sortiert). Solche Fälle wird es wohl auch in D zuhauf geben, doch müssen diese in S an eine übergeordente Behörde gemeldet werden, damit werden diese öffentlich zugänglich (Verwaltungsschriftverkehr in Schweden ist im Grundsatz immer öffentlich), und Zeitungen können darüber berichten.

    Was mich immer wieder erstaunt, ist, dass alle Informationen zu Krankheiten wie Husten, Schnupfen, Erkältung, Magen-Darm-Grippe, die von den Polikliniken und Apotheken verteilt werden, die Grundbotschaft vermitteln: wenn es in ein, zwei, drei Wochen noch nicht besser geworden ist, geh mal zum Arzt.

    MaWa

    26. November 2010 at 21:33

  9. Im Vereinigten Königreich gibt es bereits Ärzte-Hotlines für Patienten, z.B. „Talktoadoctor“.
    Inwiefern ein solches Angebot nützlich ist, kann ich nicht beurteilen, da ich immer in größeren Städten gewohnt habe, und die Notaufnahme nie weit weg war. 😉
    Aber ich hab z.B. auch schon mal beim Tierarzt angerufen, weil unser Vierbeiner wieder einmal Schokolade geklaut hatte, und wir nicht wussten, ob ihm die Dosis gefährlich werden könnte oder nicht.
    Gruß,
    – Mae

    Mae

    27. November 2010 at 04:18

  10. Ich untersuche jedes Kleinkind mit Magendarmgrippe m liebsten persönlich, als Hausbesuch ist das aber leider nicht möglich. Ein Kleinkind ist eigentlich fast immer mit dem Auto transportfähig, ein Hausbesuch daher fast nie notwendig.

    Bei jeder Welle von Magen-Darmgrippe kann ein ernsthafter Fall dazwischen stecken, der weitergehende Therapie erfordert.

    Günter Schütte

    27. November 2010 at 23:25

  11. Günter: also solange es sich vermeiden lässt, bleibe ich (und auch meine Kinder) bei Magen-Darm-Grippe lieber daheim, wo ein Klo ist und Putzzeug. Ein Auto lässt sich wesentlich schlechter reinigen und es macht schlichtweg keinen Spaß, wenn einem die Flüssigkeit überall raus kommt, noch im Auto ausharren zu müssen.

    Aber ich behaupte einfach mal, dass ich bei M-D-Grippe einschätzen kann, wann es noch normal ist und wann ein Arztbesuch fällig wird.

    Blogolade

    28. November 2010 at 09:43

  12. @Günter: Das ist sicherlich eine lobenswerte Einstellung, aber die Sache mit dem Transport ist es, die Schweden so von Deutschland unterscheidet. Mal eben ein Kind einbestellen (oder hinfahren) ist einfach nicht drin. Unter Umständen bedeutet das eine stundenlange Anfahrt, im Dunkeln, im Schnee… vor allem im Norden kann es ziemlich weit sein bis zur nächsten Vårdcentral (Gesundheitszentrum/Praxis), bis zur nächsten Klinik noch viel weiter. Hier ist es zwingend nötig eine organisierte Vorsortierung zu realisieren. Und es ist wohl tatsächlich so, dass ein Grossteil der Patienten durch systematisierte Abfrage (die, wie oben schon geschrieben wurde, nicht durch einen Arzt erfolgt) entsprechend eingeordnet werden kann.

    Patrick

    29. November 2010 at 22:35

  13. Manche Leute sind echt ganz schön dreist … „Das Telefonieren kostet schließlich Geld“ Da kann man nur noch mit dem Kopf schütteln…

    Alter Schwede

    14. März 2011 at 14:35

  14. Die Organisation des Notdienstes ist im Prinzip nur eine Assistenz für den Arzt.Entscheidend ist in jedem Falle,daß der diensthabende Arzt oder sonstige kontaktierte Arzt letzendes die Verantwortung trägt.Ferndiagnosen am Telefon haben dabei ein hohes Risiko an Fehleinschätzung,insbesondere wenn es sich um für den Arzt unbekannte Patienten handelt.Die persönliche Untersuchung des Hilfesuchenden ist die beste Form der Behandlung,auch wenn es sich um scheinbar harmlose Beschwerden handelt.Schließlich schaut der Staatsanwalt „durch das Fenster“ zu.

    Dr.Jentzsch

    20. Juli 2015 at 09:41


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