Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Adrenalinjunkiemomente (Teil 8 und Schluss)

with 9 comments

„Er hat’s gepackt!“
„Wie bitte?“
„Er hat’s gepackt!“ wiederholt Schwester Anna.
„Von wem redest Du?“
„Von Herrn Walser natürlich. Gestern Abend um halb zwölf ist er verstorben!“
„Reanimation?“
„Zum Glück nicht!“
Nach dem letzten unerfreulichen Telefongespräch habe ich mich nicht getraut, eine entsprechende Notiz in die Akte zu schreiben. So hätte er eigentlich offiziell reanimiert werden müssen.
„Die Ehefrau war bei ihm,“ fährt Schwester Anna fort, „Sie hat uns erst Bescheid gesagt, nachdem er eingeschlafen ist.“
„Und dieser Sohn?“
„Der hat sich doch nicht blicken lassen. Die ganze Zeit über nicht.“
Aha. Aber natürlich das Maul aufreißen. Ich verkneife mir einen bissigen Kommentar.
„Was ist mit den Formailitäten?“
„Sarah hat Dienst gehabt. Sie hat die Leichenschau gemacht…“
„Wo ist er jetzt?“
„Station Dreizehn.“
Station Dreizehn ist die inoffizielle Bezeichnung für den gefliesten Raum im Keller, den kein lebender Patient jemals betreten hat.
Da unten riecht es nach Putzmitteln. Der Leichnam liegt, in ein Laken eingeschlagen auf einer Trage. Meine Aufgabe ist es, nach sicheren Todeszeichen zu schauen: Leichenflecken und Leichenstarre. Das kann man frühestens zwei Stunden nach dem Ableben. Wenn ein Patient in der Nacht verstirbt überlässt man diese Aufgabe in der Regel demjenigen Arzt, der den Patienten zu Lebzeiten regelmäßig betreut hat.
Ich schließe den Raum wieder ab, bringe den Schlüssel zum Pförtner zurück und dann fülle ich im Sekretariat den Totenschein aus.

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Written by medizynicus

30. November 2010 um 05:37

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

9 Antworten

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  1. Nun also doch fernab der Heimat…

    Sigi

    30. November 2010 at 06:00

  2. @Sigi

    Aber wenigstens wurde er nicht zwangsweise zum Leben an Apparaten verdonnert.

    Der Maskierte

    30. November 2010 at 09:02

  3. Gestorben, fernab der Heimat und trotzdem nahe an seinen Liebsten. Doch nicht das schlimmste…

    Auch Respekt für das umsichtige Handeln der Frau…so hat sie sich, ihrem Mann und dem Krankenhaus viel Arbeit erspart.

    Kurze Frage am Rande: Muss nicht der Arzt der den Tod feststellt, eben mittels der Leichenschau, den Totenschein ausfüllen?!?

    rettungsdienstblog

    30. November 2010 at 09:59

  4. Möge der Herr Walser in Frieden ruhen.
    Seine Frau hat meinen Respekt, weil sie ihn in Ruhe hat sterben lassen.

    Sie, lieber Medizynikus haben ebenfalls meinen Respekt, weil Sie mir Ihre Arbeit so gut rüberbringen.
    Deshalb ein herzliches „Danke schön“!

    sweetkoffie

    30. November 2010 at 11:57

  5. Ich hab mal eine Frage,
    wenn die Ehefrau und die Tochter gegen eine Rea waren, warum hätte dann der Einspruch des Sohns gereicht? Also dass man dann eigentlich eine hätte machen müssen?

    clarissa

    30. November 2010 at 19:02

  6. Rein theoretisch müsste man eigentlich immer Reanimationsmaßnahmen durchführen.
    Die Nacht ist eigentlich der einzigste Zeitpunkt um in einem Krankenhaus, auf peripherer Station, sterben zu dürfen. Ich schreibe extra dürfen denn der Tod ist ja heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr (natürlich erwischts jeden früher oder später aber vom sinnbildlichen her). Das Problem an der Sache ist eben immer folgendes: Wie gesagt, gesetzlich muss man reanimieren aber wenn man davon ausgehen kann dass die Angehörigen einen nicht verklagen… Wo kein Kläger, da kein Richter. In dem Fall hat der Sohn ja damit gedroht zu klagen, meistens nur heisse Luft aber manchmal eben auch nicht und wenn der liebe Medizynikus Pech hat, dann wird er unter Umständen noch vors Gericht geschleift.
    Ich bin beim arbeiten immer recht froh wenn ich einen couragierten Arzt bei der Hand hab, der sich auch nicht scheut zu sagen dass man eben nicht reanimiert.
    Ein Thema worüber man wirklich Stundenlang diskutieren und reden könnte… Sterben und Tod sind mittlerweile so weltfremde Dinge und kein Mensch findet Akzeptanz dafür seine lieben sterben zu lassen.
    Vor kurzem ist mein Großvater gestorben und lag davor noch auf einer Intensivstation, auf der er täglich bis zu 4x (!!!) reanimiert wurde. Ich hab sehr wüste Worte von meiner Familie hören dürfen als ich mal das Thema Sterben und sterben lassen ansprach. Beruflich hab ich auch schon einige Storys durch, die zum Teil weniger schön endeten aber das sprengt nun die Kommentarfunktion 😀 .

    Mittlerweile ist das Sterben zu einer Krankheit verkommen, die mit höchster Wahrscheinlichkeit tödlich endet.

    Tobi

    30. November 2010 at 22:31

  7. *grusel*
    Alleine in den Kühlraum gehen? Bei uns wird die zweite L-Schau noch auf Station gemacht, solange bleibt der Verstorbene auch noch in seinem Bett, da haben die Angehörigen auch noch ein bißchen mehr Zeit sich zu verabschieden.
    Finde es bei uns immer ganz furchtbar, wenn wir durch Angehörige, die die Situation noch nicht begriffen haben, gezwungen werden die Patienten noch den ein oder anderen Tag zu quälen, ohne Aussicht auf Erfolg.
    Viel schlimmer als die Menschen beim „humanen“ Sterben zu begleiten.

    Auriel

    1. Dezember 2010 at 10:34

  8. Unser Rechtsmedizin-Prof. würde jetzt eine seiner Schimpftiraden auf inkompetente Ärzte abhalten und Dir den Hals umdrehen.

    Deine Kollegin Sarah hat bereits die Leichenschau durchgeführt. Aufgabe des leichenschauenden Arztes ist die Feststellung von:
    * Personalien
    * Tod
    * Todeszeitpunkt
    * Todesart
    * Todesursache

    Dazu gilt im Besonderen: „…die erste und wichtigste Aufgabe bei der ärztlichen Leichenschau [ist] die sichere Feststellung des eingetretenen Todes…“
    Du musst also später gar nicht nach sicheren Todeszeichen schauen, da dies bereits Deine Kollegin hätte tun müssen. Ohne die, darf sie keinen Totenschein ausfüllen.
    Es ist ferner grundfalsch, dass sichere Todeszeichen erst nach zwei Stunden feststellbar sind. Ihre Ausprägung kann abhängig von den äußeren Bedingungen (Temperatur, Luftfeuchte,…) stark variieren, Leichenflecken können aber bereits 20-30 Minuten nach Todeseintritt auftreten. „Der Arzt sollte sich deshalb auf schnellstem Wege nach Erhalt der Anzeige über einen vermutlichen Todesfall zur Leichenschau begeben.“ Abzuwarten, bis sie auf jeden Falls vorhanden sind, ist streng genommen unterlassene Hilfeleistung.

    Bei den bekannten Spannungen zwischen den Angehörigen halte ich es für angebracht, beim vorschnellen Bescheinigen eines natürlichen Todes äußerst vorsichtig zu sein. Seine Hirnblutung wird am wahrscheinlichsten von Hirnmetastasen herrühren. Sie könnten allerdings auch einen nicht natürlichen Ursprung haben – Sturz, Heparinüberdosierung…

    Mir ist klar, dass im klinischen Alltag manches anders läuft und man auch mal Fünfe grade sein lässt. Da hier aber auch Nichtmediziner mitlesen, konnte ich dem Jucken in meinen Fingern nicht widerstehen.

    Zitate aus: „Regeln zur Durchführung der ärztlichen Leichenschau“ – Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/054-002.htm

    Stefan

    1. Dezember 2010 at 13:23

  9. Hab eben gesehen, dass nicht Sarah, sondern Du den Totenschein ausgefüllt hast. Wahrscheinlich am nächsten Tag. Streng genommen ist das auch nicht ok. Das hätte Sarah gleich in der Nacht machen müssen.

    Stefan

    1. Dezember 2010 at 13:35


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