Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Lifestylepillen

with 6 comments

Wir befinden uns wieder mal in Spelunkistan. Und zwar im marktwirtschaftlich-freiheitlich-kapitalistisch-bunten Süden des Landes, da wo die Landschaften blühen und die Leute fröhlich sind und die Kranken alles kriegen, was sie brauchen, um gesund zu werden.
Herr Müllermeierschulze schlägt beim Hausarzt seines Vertrauens auf.
„Die kleinen bunten Pillen hätte ich gerne. Sie wissen schon, die wo müde Männer munter machen. Und dann noch ein paar von denen, die wo schlank machen. Und die, die wo glücklich machen, die hätte ich auch gerne!“
Gleich gegenüber vom Doktor ist die Apotheke.
Der Apotheker holt eine Packung nach der Anderen aus seinen geräumigen Schränken, dann hakt er die Sachen auf dem Rezeptfomular ab und tippt es in den Kassencomputer.
„Macht zweihunderteinunddreißig Spelunki-Dollars und fünfzig!“ sagt er.
Herr Müllermeierschulze bezahlt, geht nach Hause und wirft seine Pillen ein.
Herr Schulzemeiermüller würde auch gerne Pillen einwerfen. Er wohnt allerdings im sozialistisch-trüben-regnerisch-grauen staatssozialistischen Nordspelunkistan.
Beim Hausarzt muss er erstmal eine Wartenummer ziehen und dann geschlagene zwei Stunden im nasskalten und ungemütlichen Wartezimmer zwischen verrotzten Kindern und sabbernden Rentnern warten, bis er endlich drankommt.
Und dann schüttelt der Herr Doktor den Kopf.
„Bunte Pillen? gibt’s nicht!“ sagt er.
„Aber… zum Abnehmen?“
„Treiben Sie gefälligst mehr Sport!“
„Und… äh… im Bett… Sie wissen schon…?“
„Sie wollen doch nicht behaupten, dass die staatliche Einheitskrankenkasse so etwas bezahlen soll?“
„Und… äh…. weil ich immer so depressiv und niedergergeschlagen bin…?“
„Dafür gibt’s graue Pillen. Die wirken genauso gut. Die schreibe ich Ihnen jetzt auf. Der Nächste bitte!“
Herr Meierschulzemüller wohnt nicht in Spelunkistan, aber er überlegt, dorthin zu ziehen.
Fragt sich nur, ob er in den Norden will oder in den Süden.
Oder vielleicht nach Mittelspelunkistan? Also irgendwohin, wo man beim Arztbesuch die Brieftasche ruhig zuhause lassen kann? Wo man aber trotzdem nicht nur graue, sondern auch ein paar bunte Pillen kriegt?

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Written by medizynicus

2. Dezember 2010 um 05:23

Veröffentlicht in Nachdenkereien

6 Antworten

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  1. So ist nun einmal: „Money makes the world go arround“

    Ist doch in Ordnung, wenn es eine Vielzahl bunter oder grauer und weißer Pillen gibt. Und es ist doch auch okay, wenn es Leute gibt, die sich diese Pillen leisten können.

    Und es ist doch ebenfalls nichts dagegen einzuwenden, wenn Menschen frei entscheiden, wo sie leben möchten.

    Und noch viel besser ist die Erkenntnis: NIEMAND kann wirklich frei entscheiden, wo er leben möchte :-)).

    DocConsult

    2. Dezember 2010 at 08:41

  2. Mein lieber Medizynicus, so kannst Du nicht argumentieren. Bei Ingenieuren ist das als „Happy Path“-Methode bekannt – wir basteln mal was, was irgendwie geht, und sobald einer den falschen Knopf drückt, fliegt das Ding in die Luft. Schon gehts nicht mehr.

    Wichtig ist doch die Frage, was passiert, wenn Herr Müllermeierschulze aus Süd-Spelunkistan Pillen nicht nur WILL, sondern auch BRAUCHT, und diese nicht mit den Spelunki-Dollars bezahlen kann, weil er nicht so viele hat. Oder hat per definitionem jeder in Süd-Spelunkistan genügend „Spelunzen“? Das anzunehmen, geht völlig an der Lebenswirklichkeit vorbei…

    Machen wir uns doch nix vor: Mittelspelunkistan ist dagegen doch immer ein fauler Kompromiss, d.h. es gibt nur graue Pillen, die man auch noch selber bezahlen muss.

    Interessant wird doch Süd-Spelunkistan mit Versicherungen (PKVs, oder wie in den USA HMOs, also health management organisations), die Kosten übernehmen, aber nur die sinnvollen (Stichwort evidenzbasierte Medizin). Und außerdem Anreize bieten, wenn jemand doch abnehmen will anstelle blauer Pillen – und zwar Anreize für Ärzte UND Patienten. Und alles andere, Globuli, KAHs und Fröhlicher-Mann-Pillen, gibts frei käuflich.

    Es könnte so einfach sein…

    Krischan

    2. Dezember 2010 at 14:34

  3. @Krischan: Ha, Super, genau auf diese Antwort habe ich gewartet!
    Worum es mir mit diesem – zugegebenermaßen etwas kryptischen – Beitrag ging:
    1.) Die Frage, ob jemand ein Medikament „braucht“ oder nur „will“ ist manchmal sehr subjektiv: Ist erektile Dysfunktion eine Krankheit, eine Befindlichkeitsstörung oder etwas, was man halt ab einem gewissen Alter hinnehmen muss?
    2.) Wer entscheidet, was auf Kosten der Gemeinschaft (der Steuerzahler oder der Versicherten) bezahlt werden darf?
    3.) Leute, die ein paar mehr Spelunki-Dollars in der Tasche haben, können sich eine bessere medizinische Versorgung leisten und damit auch Behandlungen von medizinischen Diagnosen (ich sage bewusst nicht „Krankheiten“), die bei anderen Menschen nicht behandelt werden. Das war schon immer so. Ob reichere Menschen deswegen länger leben oder nicht ist eine andere Frage.
    4.) Große Frage: Wo liegt Mittelspelunkistan???

    medizynicus

    2. Dezember 2010 at 15:58

  4. Medizin spielt isch erstmal im Kopf ab.
    Und farben spielen auch bei Pillen eine Rolle.
    Z.b. wirken blaue Zuckerpillen beruhigend. (Das Viagra blua ist hatte den Grund weil nur blau überall zugelassen war)

    nanovim

    2. Dezember 2010 at 19:14

  5. Lieber Medizynicus,
    zu Deinen Fragen:
    1. Natürlich ist diese Frage subjektiv. Aber: Es gibt objektive Indikatoren für Krankheiten (da, wo ich herkomme, nannten man das früher „objektive Fakten, Genossen“). Die große Frage ist doch, werden sämtliche Krankheiten von der Versichertengemeinschaft getragen oder nicht? Ich kann mir vorstellen, dass es hier einen Grundleistungskatalog gibt (sowas gibts ja schon), alles darüber hinausgehende, z.B. gegen hängende Extremitäten, lässt sich entweder komplett privat finanzieren ODER als Zusatzversicherung, genau wie bei einer Haftpflicht. Je mehr Leistung ich will, desto mehr muss ich zahlen.
    2. Wie wäre es mit den Versicherten selbst? Maximale Kostentransparenz. Wenn ich heute zum Tierarzt gehe mit meinem Hund, kostet jeder Handgriff, ich werde vorher drüber informiert, ich kann yay oder nay sagen. Warum soll z.B. die Versichertengemeinschaft nicht das gebrochene Bein bezahlen, die KAH und Globuli hinterher aber der Patient selbst (wenn er will und kann?).
    3. Ja. Und? Wer mehr Geld hat, kann auch Trüffeln essen, die mit weniger Geld gehen dann zu Feinkost Albrecht. So ist das Leben.
    4. Mittelspelunkistan ist hier und heute. Oder?

    Krischan

    3. Dezember 2010 at 07:54

  6. @Krischan
    Was ist nicht subjektiv??? Ist Krankheit Krankheit oder einfach eine andere Befindlichkeit?
    In der Akutmedizin wird nicht lange gefragt, sondern gehandelt!
    In den Wartezimmern der Ärzte befinden sich überwiegend Menschen mit Befindlichkeitsstörungen, wie z.B.: Erketile Dysfunktion! Herbstliche Dpression…..Dafür braucht man weder Arzt, Psychologen oder Apotheker!
    Mit meinen fast 63 Jahren ist es mir auch nicht mehr möglich, eine 6er Wand 10 Stunden hinaufzuklettern, na und???
    Die Versichertengemeinschaften sind dazu da, Krankheiten kostengünstig mit evidenzbasierter Medizin zu „heilen“. Alles andere bleibt jedem selbst überlassen.
    Ich wohne im südlichen Teil Spelunkistans, in A. Da haben wir es noch ein wenig schöner mit den bunten Pillen!!!!

    REALM

    5. Dezember 2010 at 11:08


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