Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Kontrolle und Vertrauen

with 11 comments

Es ist früher Nachmittag, Leistungstief, Zeit für eine Koffeininfusion. Ich schleppe mich die Treppe hoch auf Station, greife mir in der Küche einen Becher Krankenhauskaffeeplörre und verziehe mich ins Arztzimmer, unterwegs noch schnell einen Griff ins Postfach, da liegt ein dicker Stapel Befunde. Also unter anderem auch die Ergebnisse der heute angeordneten Bluttests. Gelangweilt und gähnend blättere ich sie durch…. halt… was ist das? Der Herr Wagner aus Zimmer acht hat einen Hb von sieben? Wundern tut mich das nicht, immerhin hat der Ärmste ein fortgeschrittenes Bronchialkarzinom. Trotzdem sollten wir etwas für ihn tun. Ich greife zum Telefonhörer.
„Können wir für ihn bitte zwei Blutkonserven kreuzen?“
„Alles klar, Chef!“ sagt Schwester Anna.
Ich blättere fertig, trinke noch einen Schluck Kaffeeplörre, dann stehe ich auf um das Blut für die Blutgruppenbestimmung abzunehmen. Auf dem Flur kommt mir Schwester Anna entgegen.
„Schon passiert, Chef!“
„Äh, das sollte ich ja eigentlich selber machen…“
„Vertraust Du mir nicht, Chef?“
„Also…. eigentlich…. hmmm.“
„Dann unterschreib doch einfach!“
Mit meiner Unterschrift bestätige ich, dass ich mich persönlich von der Identität des Patienten überzeugt habe. Das ist Arztsache, so schreibt es das Gesetz vor. Nun ist Anna mit Sicherheit eine der gewissenhaftesten Schwestern die wir haben und es gibt keinen Grund, ihr nicht zu vertrauen. Und ich bin mehr als überzeugt davon, dass sie Herrn Wagner besser kennt als ich und ihn nicht verwechselt hat.
Als ich meinen Schnörkel unter das Formular setze, habe ich trotzdem ein flaues Gefühl.

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Written by medizynicus

3. Dezember 2010 um 05:42

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

11 Antworten

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  1. ..weil wenn doch nicht, bist du dran….

    Aber nein sagen, käme einem Vertrauensbruch gleich…

    knifflige Situation, kann 100 Mal gut gehen und dann einmal schief, nur wenns schief geht, dann ist die Hütte am dampfen^^
    Gruß

    derretter

    3. Dezember 2010 at 06:25

  2. Guten morgen,
    verständlich das mit dem flauen Gefühl. Optimistisch bleiben das alles passt. Vielleicht mal in Ruhe bei einem Becher Krankenhausplörre ansprechen, das du sowas in Zukunft lieber selbst machst. Kann man ja muckelig formulieren damit niemand beleidigt ist.
    Hab ich bei den Bluttests was falsch verstanden oder habt ihr die Ergebnisse tatsächlich schon bevor sie gemacht sind?

    Sigi

    3. Dezember 2010 at 06:55

  3. Zu Recht hast du da ein mulmiges Gefühl, war ja auch verboten.
    Grundsätzlich sollte man nichts unterschreiben, was nicht stimmt. Fragt sich nur, wer das im Zweifel beweisen kann, dass du dich nicht selbst von der Identität des Patienten überzeugt hast… aber es spricht für dich, dass bei dir trotzdem ein flaues Gefühl bleibt, das ist leider nicht selbstverständlich.

    fishly

    3. Dezember 2010 at 08:53

  4. Kann ich absolut nachvollziehen. Wenn mir der Kopf für etwas abgesäbelt werden sollte, dann möchte ich auch selbst dran Schuld sein. Und sei mein Gegenüber die Inkarnation des Begriffs gewissenhaft.

    Der Maskierte

    3. Dezember 2010 at 09:13

  5. Das flaue Gefühl hätte ich an Ihrer Stelle auch Herr Medizynikus, schließlich ist es Ihr Kopf, den Sie hinhalten 😉

    sweetkoffie

    3. Dezember 2010 at 13:00

  6. An deiner Stelle würde ich das auch mal ganz dezent ansprechen.
    Denn es ist ja wirklich dein Kopf den du hinhälst und im falle des Falles würde auch die liebe Schwester nicht ihren Kopf für dich hinhalten ausser sie ist wirklich sehr sehr Vertrauensbewusst.
    Mal ganz ehrlich… Es ist doch so dass wir Pfleger/Schwestern mit euch Ärzten ja gut auskommen aber wir würden für euch den Kopf genauso ungern hinhalten wie ihr für uns.
    Drum kommts ja auch vor dass man mal mitten in der Bereitschaft ausm Bett geklingelt wird, für ne blöde Unterschrift, falls doch mal was passiert.

    Mein Rat an dich: Wenns dir dabei nicht wirklich wohl ist, mach es selber, dann weisst du wenigstens dass du für deine eigenen Fehler einstehen musst und nicht für die anderer…

    Tobi

    3. Dezember 2010 at 14:17

  7. Ja,
    das ist immer so eine Sache. Und wenn man es dann doch selber machen möchte, weil man schließlich auch dafür unterschreiben muß, dann wird einem gleich vorgeworfen, man hätte kein Vertrauen.

    Das ist immer eine heikle Gratwanderung, so etwas aufzuklären, ohne dass alle gleich eingeschnappt sind.

    ednong

    3. Dezember 2010 at 18:01

  8. „Natürlich vertraue ich Ihnen, Schwester Anna. Aber hier geht es nicht um Vertrauen sondern im Zweifel um meine Zulassung als Arzt und ich MUSS das machen, also nehmen Sie es mir nicht übel, ich kontrolliere es nicht weil ich Ihnen nicht vertraue sondern weil ich muss.“

    Blogolade

    3. Dezember 2010 at 19:22

  9. Die Unterschrift steht da, also muß man den Schluß ziehen, daß der Anfang des Eintrags gelogen ist und du dich natürlich selbst überzeugt hast. Also gibt es doch kein Problem… oder? 😉

    flipflop

    4. Dezember 2010 at 02:24

  10. Hallo,

    dank bedside-Test habe ich mal entdeckt, dass mein Kollege beim falschen Patienten die Blutgruppe bestimmt hat. Der Kollege war total erschüttert, da er bedside-Tests für vernachlässigbar hielt. Hätte ich das auch getan und meinem sehr erfahrenen Kollegen vertraut, hätte ich eine Katastrophe verursacht. Dieses Erlebnis ist mir für immer eine inner Warnung.
    Gruss Cornelia

    Cornelia

    4. Dezember 2010 at 18:18

  11. Das ist eines der schönen Dinge in der Schweiz: Man verordnet einfach 2 EK und der Rest läuft von alleine (einschl. Der Verantwortung, das das Blut zum Pat. passt). Auch einer der Gründe warum ich hier nie mehr weggehe …

    KlabauterDoc

    6. Dezember 2010 at 01:25


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