Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Just another winter’s tale… eine kleine Weihnachtshorrorshow (Teil 2)

with 9 comments

Es war eine stürmische Winternacht, der Schnee stob in dichten Flocken und der Wind heulte um das Haus. Marvin und ich saßen im Dienstzimmer der Notaufnahme, tranken Kaffee, knabberten Weihnachtskekse und zappten gelangweilt durchs Fernsehprogramm.
„Nichts Gescheites!“ sage ich.
„Ich hätte eine DVD dabei!“ meint Marvin.
„Zeig mal!“
Marvin schiebt die Hülle über den Tisch. Die Hülle ist ziemlich schwarz und blutig rot.
„Was is’n das?“
„’n Zombie-Film.“
Er schaut mich fragend an. Ich zucke mit den Schultern. Marvin legt die Scheibe ein. Eigentlich mag ich so’n Zeug ja nicht, aber der Anfang ist ganz harmlos: es geht um eine paradiesische Tropeninsel mit Palmen und weißen Stränden und hinreißend schönen Bikini-Mädchen, die sich fotogen in der Brandung räkeln. In der nächsten Szene sieht man dann eine geheimnisvolle Sekte, die irgendwo mitten im Dschungel okkulte Voodoo-Rituale praktiziert, oder sowas ähnliches, und dann geht mein Piepser.
Ich muss oben auf Station eine Braunüle legen und eine verwirrte Oma auf der Chirurgie beruhigen: zwanzig Tropfen Haldol, dann schläft sie tief und fest und selig.
Wieder unten in der Notaufnahme angekommen, haben die Sanis gerade einen älteren Patienten mit exazerbierter COPD gebracht: Blut abnehmen, untersuchen, Infusion anhängen, Antibiotikum und Kortison, EKG, Blutgase und Röntgen-Thorax, dann kann er rauf auf Station. Ich nehme mir einen Kaffee und setze mich zu Marvin ins Dienstzimmer.
Die Bikini-Schönheit von vorhin wird gerade von irgendwelchen düsteren Gestalten gejagt.
Marvin starrt gebannt auf den Bildschirm.
„Und?“
„Hmmm.“
Mehr Konversation ist momentan nicht möglich.
Noch ahnten wir nicht, dass wir uns Minuten später selbst im Plot eines Horrorfilmes wiederwinden würden…

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Written by medizynicus

7. Dezember 2010 um 05:39

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

9 Antworten

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  1. Immerhin, Bikini-Mädchen. Reichen ja auch schon für anatomische Studien. 😉

    Aber bis ich medizinischer Laie exazerbierter COPD entschlüsselt hatte…

    Der Maskierte

    7. Dezember 2010 at 09:42

  2. Ach ein Zombi-Film, aber okay – auch sowas kann einem wohl peinlich sein. Wie konnte ich auch nur sowas denken – pöses Mädchen, ich…

    @ Maskierter: Gräm dich nicht – ich musste auch googeln 😉

    anima

    7. Dezember 2010 at 09:58

  3. da macht‘ wer spannend …

    COPD wird ja oft genug diskutiert – das exacerbiert muß ich auch googeln gehen. (zugespitzt?)

    Morgaine

    7. Dezember 2010 at 14:10

  4. Ich brauche jetzt was zur Beruhigung, sonst halte ich die Spannung nicht aus und kann heute Nacht nicht schlafen… 😉

    sweetkoffie

    7. Dezember 2010 at 17:33

  5. Hm, das läd natürlich trefflich zu Spekulationen über den Fortgang ein. Zombies verleiren ja z.B. gern mal ein paar Körperteile …

    drkall

    7. Dezember 2010 at 21:48

  6. Spannender als ein Zombie Film??? In einem Kreiskrankenhaus?

    Was kann einen sonst mehr bannen….Ich würde Ginger Snaps I empfehlen…(Okay, ein Werwolf Film)
    Währenddessen den Pieper abstellen und die Patienten sterben lassen…Das kann man dann auch gleich verfilmen und als Art House Movie verkaufen…

    Aber ich frage mich noch immer: Wo ist eigentlich Bad Dingenskirchen??? Warum darf ich das Foto des genialen Marktplatzes nicht sehen??? Seufzzz….

    blogwesen

    7. Dezember 2010 at 21:50

  7. Ich will die Weihnachtsstimmung nicht verhageln, aber … was genau ist da unter
    „verwirrte Oma auf der Chirurgie beruhigen: zwanzig Tropfen Haldol, dann schläft sie tief und fest und selig.“
    zu verstehen? Das klingt fuer mich nach Zuwendung-durch-Ruhigstellen-Ersetzen und erschreckt und entsetzt mich dann doch ein wenig, vor allem in der Banalitaet, in der dieser Satz daherkommt. Ist das die bittere Realitaet in deutschen Krankenhaeusern? :/

    Jakob.Kr

    9. Dezember 2010 at 02:21

  8. @Jakob: Genau das ist die Realität in vielen Krankenhäusern. Leider. Oder man kann auch sagen: Ist halt so. Ablauf normalerweise wie folgt: eine demente Person ist unruhig. Pflegepersonal gibt viel Zuwendung, kümmert sich intensiv um den Patienten. Hat aber auch noch vierzig andere Patienten zu versorgen. Patient ist immer noch unruhig, neigt eventuell zu selbstgefährdendem Verhalten (zieht sich Infusionsschläuche und Nadeln heraus, versucht aufzustehen mit Sturzgefahr usw.). Doktor kommt und versucht ein Beruhigungsmittel zu geben, normalerweise zunächst Tablette oder Tropfen, wobei man dem Patienten natürlich, auch wenn er dement oder verwirrt ist, erklärt, worum es geht. Finde ich jetzt nicht unbedingt verwerflich.

    medizynicus

    9. Dezember 2010 at 10:08

  9. @medizynicus: Ich danke fuer die Erhellnis; mit dieser Erklaerung wirkt es durchaus ein bisschen weniger brachial auf mich als es vorher den Anschein erweckte. Insbesondere, dass versucht wird, es dem Betroffenen zu erklaeren (wirklich? auch beim 40. Mal in drei Wochen noch?) ist erfreulich.
    Denn es war gerade dieser Aspekt des „Ruhigstellens“, der mich beunruhigte — ich weiss nicht, welches Zeitempfinden ein Betroffener hat, ob er das hier-und-jetzt wahrnimmt.
    Aber die Vorstellung „ich liege (vllt etwas unruhig) im Bett, da kommt einer, gibt mir eine Spritze (ggf. noch in durch einen bereits gelegten Zugang, ich habe also gar keine Moeglichkeit, mich dessen zu entziehen) und ich doese weg.“ laesst es mir dann doch kalt den Ruecken runterlaufen. So als Mensch, der seine Entscheidungsfreiheit sehr schaetzt 😉

    Jakob.Kr

    10. Dezember 2010 at 02:03


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