Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Wenn ich Gesundheitsminister wäre…

with 9 comments

Aufgeregt stürmt meine Sekretärin ins Büro.
„Herr Minister, da draußen steht jemand, der will Sie sofort sprechen!“
„Wer denn?“
„Ein wichtiger Vertreter der Krankenkassen. Er sagt, fast alle Kassen stehen unmittelbar vor der Pleite. Sie müssen eine Rettungsaktion starten, und zwar sofort!“
Nichts leichter als das. Ich greife mein Zauberstäbchen und… wünsche, dass auch alle Krankenkassen glücklich sind.
Aber wo kommt plötzlich dieser Lärm her?
„Schauen Sie doch mal aus dem Fenster, Herr Minister!“
Unten vor dem Ministerium hat sich eine wütende Menschenmenge versammelt. Sie haben Tröten und Trillerpfeifen dabei und tragen Transparente. Die kann ich aber von hier oben nicht gleich entziffern.
„Was steht da drauf?“ frage ich.
„Sie fordern sofortigen Ihren Rücktritt, Herr Minister! Und das ist die harmloseste Formulierung…“
„Äh… warum denn?“
„Weil die Krankenkassenbeiträge ins Unermessliche gestiegen sind! Die Ärzte verdienen sich dumm und dämlich, und das Volk…“
„Schon gut, schon gut… ich… ich kümmere mich darum!“
Kein Problem, wozu habe ich meinen Zauberstab? Dann wünsche ich halt, dass auch das Volk glücklich ist!
„Herr Minister?“
„Was denn jetzt?“
„Da ist ein Herr, der Sie sprechen möchte!“
„Schon wieder?“
„Ein Herr mit einem italienischen Akzent. Er behauptet, Sie hätten etwas, was Ihnen nicht gehört. Er möchte es zurück haben.“
„Hat er gesagt, worum es sich handelt?“
„Äh… ich bin aus ihm nicht so richtig schlau geworden. Er spricht, wie schon gesagt, mit ziemlich starkem Akzent. Will auch nicht seinen Namen sagen, nur seinen Vornamen. Angelino heißt er angeblich…“
„Ja… und um was für einen Gegenstand handelt es sich, sagten Sie?“
„Er sprach von einem Zauberstab…“
Die Sekretärin schüttelt den Kopf und tippt sich mit dem Finger an die Stirn.
„Oh ja… äh… lassen Sie ihn reinkommen!“
Der Mann, der sich Angelino nennt trägt einen tadellosen Nadelstreifenanzug und eine Sonnenbrille, obwohl Letzteres doch eigentlich hier drinnen gar nicht nötig wäre.
„Sie wissen, weshalb ich komme!“
„Äh… vielleicht….“
„Sie haben versucht, etwas Unmögliches zu wünschen! Sie haben den guten Willen meines Auftraggebers missbraucht…“
Irgendwie habe ich ein ziemlich unbehagliches Gefühl… wie funktionierte das noch mal gleich mit dem Personenschutz? Allerdings könnte es sein, dass ich damit ziemlich spät dran bin…
Der Mann, der sich Angelo nennt, grinst.
„Okay, Herr Minister!“ sagt er, „eine Chance haben Sie noch! Wenn Sie eine wirklich gute Idee haben, wie unser Gesundheitssystem zu retten wäre – ich wiederhole: eine wirklich gute, eine geniale Idee – dann dürfen Sie noch einmal wünschen!“
Und damit dreht er sich um und verläßt mein Büro.

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Written by medizynicus

30. Dezember 2010 um 05:22

Veröffentlicht in Nachdenkereien

9 Antworten

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  1. und die geniale Idee lautet? geht die Geschichte nicht weiter? schade. Vermutlich gibt es eh nichts, womit alle glücklich sind.

    definstern

    30. Dezember 2010 at 09:06

  2. Mein Gott, was kann man einen Menschen nur unter Druck setzten!
    Ich kümmere mich SOFORT um eine Zimmerreservierung für den Gesundheitsminister….

    ……in einer feinen Burn-Out-Klinik

    sweetkoffie

    30. Dezember 2010 at 10:29

  3. Muss die Idee auch mit dem Humanismus in Einklang stehen? 😉

    Der Maskierte

    30. Dezember 2010 at 10:42

  4. „Die Geister, die ich rief…“, im Fernsehen laufen reihenweise Sendungen („Schluss mit Hotel Mamma“, „die strensten Eltern der Welt“, u.v.m.), in denen Eltern versuchen, ihre faulen, leistungsunwilligen, schmarotzenden und rücksichtslos egoistischen Kinder wieder auf den Pfad der Tugend, der Bescheidenheit und des Fleißes zurückzuführen, von dem sie sie zuvor selbst durch zu große Nachsicht, falsch verstandene Rücksichtnahme, Verhätschelung, teure Geschenke ustw. abgebracht haben.

    Unsere Politiker haben – allerdings sehr eigennützig – dem Deutschen Volk seit den 60er Jahren (davor waren die Sozialversicherungen noch arm und die Leistungsbereitschaft noch hoch) gesagt: „Wählt uns, wir greifen dem Anderen in die Tasche und geben es Euch (natürlich mit einer kleinen Bearbeitungsgebühr für uns)“. Die dummen Wähler haben nur nicht kapiert, dass diejenigen, aus deren Taschen genommen werden sollte, die selben waren, wie jene, die das Geld empfangen sollten. Die Reichen, die eigentlich etwas mehr in der Tasche gehabt hätten und denen das Ganze nicht so hart angekommen wäre, die haben sich ja – über ihre Lobby – per Beitragsbemessungsgrenze verabschiedet. (Merke: Reich wird man nicht durch Fleiß und tolle Leistung, sondern durch Sparsamkeit und Geiz)

    In der Bibel steht: „Der Blinde helfe dem Lahmen“. Und die „Sozial“-Politker von CDU/CSU und SPD haben in den Sozialgesetzen hinzugefügt: „und der Gesunde ziehe unbeteiligt von dannen“.

    Die GKV kommt nur auf einem Weg („nachhaltig“) aus ihrem Dilemma:
    1. Die Politik definieren die Krankheiten (nicht die Leistungen!), die von der Solidargemeinschaft bezahlt werden sollen
    2. Für die Finanzierung sind alle Deutschn zuständig, die Finanzierung erfolgt über Steuern!
    3. Für die nicht von der GKV bezahlten Krankheiten besteht für alle eine Zwangsversicherungspflicht!

    der Landarsch

    30. Dezember 2010 at 12:04

  5. Na dann hätte er ja seinen Zauberstab gleich wieder mitnehmen können. Oder du reichst ihn noch schnell an den Landarsch weiter.
    Obwohl…dort wird er wahrscheinlich auch gleich wieder einkassiert.
    Alle glücklich machen! Wosimmerdennhier?

    alleinverziehend

    30. Dezember 2010 at 14:16

  6. Der Ansatz des Zauberlehrlings ist ein typisch verwöhnter und verkehrter, “Gruppen glücklich machen”.
    Für das Glück ist jeder selbst verantwortlich. Der Minister soll statt dessen ein humanistisches Ziel verteidigen, zB wie das, was Landarsch nennt: “Krankheiten definieren”. Damit nicht jeder Journalist oder Heilpraktiker eine “Managerkrankheit” bzw”Burnout” aus dem Hut zaubern kann, für die es dann 3 Bücher in der Bestsellerliste, 20 Superärzte und 200 Selbsthilfegruppen gibt, die alle unverzichtbare Therapien fordern.

    Krankenkassen:
    Die Kassen gehören aus Steuern finanziert. Ein vollkommen logisches Modell, Landarsch hat natürlich Recht. Seiner Begründung ist nichts zuzusetzen. Die “Konkurrenz der Kassen” ist eine einzige Volksverdummung. Diese Kassen leisten NICHTS!!! Ärzte, Schwestern und Klinikpersonal leistet etwas. Kassen verschieben nur Geld. Durch Wiederholung wird der Quatsch aber salonfähig. Ulla`s Erbe.
    Wenige regionale Großkassen (eine pro Bundesland) genügen. Ohne in Konkurrenz zu stehen. Private Zusatzkassen für Pippifax wie Luxus mit 5 Sternen darf immer sein, gibts doch auch bei der Bahn.

    Pharmaindustrie:
    Die Entscheidungshoheit, welche Medikamente von der Kasse bezahlt werden, hat beim Minister bzw seinem Beraterstab IquiG zu liegen. Ausschließlich. Dass Zig Mal das gleiche Mittel mit verschiedenen Mickimausnamen, Farben und Schachteln von der Kasse bezahlt wird nutzt NUR den Anbietern und schadet NUR den Patienten. Man braucht nur von England lernen. Die lassen auch den Arzt entscheiden wieviel Pillen abgefüllt werden. In immer gleiche braune langweilige kindersichere Dosen. Wenn die Mittel zugelassen sind, dann entscheidet der Arzt und das gilt! Hinterher die Ärzte mit “Regressen” zu bedrohen ist unbeschreiblicher Irrsinn.

    Ärzte:
    Wer in der Praxis mit Patienten arbeitet, muss nach 2 Kriterien bezahlt werden. 1. Nach den Minuten, die er mit dem Patienten verbringt. 2. Nach der Art der Arbeit. (Hausbesuche zB fordern mehr Können, als Arbeit in der Praxis und gehören besser bezahlt). Der Patient sieht die Rechnung an die Kasse und kann (wenn er nicht psychisch krank ist) Einspruch gegen Unfug erheben, er hat auch Eigeninteresse, weil er bis zu einer Obergrenze im Jahr einen verträglichen Anteil am Kassengeld mitzutragen hat. Die Hauptsumme für alles zahlt seine Kasse natürlich. Was dieses simple System an Bürokratie wegschmelzen würde ist so unglaublich, ich mag gar nicht an jene Phantasie denken, sonst weine ich. Die völlig paranoide Planwirtschaft der KV und Kassen gehört in die DDR-Tonne getreten.

    Patienten:
    Jeder, der eine ärztliche Leistung beanspruchte, in Praxis oder in Klinik, sollte spätestens am Ende des Jahres eine Bewertung abgeben müssen. Wenn er es nicht tut steigt sein Eigenanteil an den Kosten, wenn er Unsinn verzapft auch. Hieraus kann endlich ermessen werden, wie zufrieden die Leute mit ihren Ärzten und dem System wirklich sind. Und weil alles unvermeidbar sauteuer ist, kann man die Kooperation auch wirklich fordern, so wie bei jedem Behördengang, der auch durch Gebühren vom Beamtenwitz zum Ernstfall mutiert. Der Journalistenbrei, das Arztbashing hört dann auf. Dann gibt es facts. Dann gibts sinnvolle Verbesserungen für die Patienten.

    Kreativarzt

    30. Dezember 2010 at 15:14

  7. Mein Wunsch:
    Eine große Portion gesunder Menschenverstand für alle Beteiligten (inkl. Patienten!) und die Einsicht, dass sich Menschlichkeit/Medizin und Wirtschaftlichkeit sehr gut zum Wohle aller verbinden lassen!

    Antje

    30. Dezember 2010 at 18:03

  8. Medizinzynicus wünscht sich alle Menschen in den Himmel, und damit sind alle Probleme für immer gelöst.

    michael

    30. Dezember 2010 at 22:53

  9. Landarsch, du solltest deine Bibel mal wieder lesen, dann würdest du auch nicht so falsch zitieren… richtig heißt es: „kann auch ein Blinder einen Lahmen führen? Fallen sie nicht alle beide in die Grube?“ und somit genau das Gegenteil von dem, was du behauptet hast.

    Zu den Ausführungen des Kreativarztes: hast du mal das französische System kennengelernt?
    Hier zahlen Patienten beim niedergelassenen Arzt in der Regel erst mal selbst – allerdings sind zumindest die Spezialistenpraxen so freundlich, mit dem Einlösen des Schecks 14 Tage zu warten, bis die CPAM, die staatlich gelenkte Caisse Primaire d’Assurance-Maladie oder auch einfach Krankenkasse, die für 95% der Versicherten zuständig ist, ihren Teil an der Erstattung geleistet hat. In der Apotheke allerdings zahlt man selten was, außer für nicht erstattete Medikamente, weil da seit einiger Zeit Direktabrechnungsverträge bestehen. Auch im Krankenhaus muß man idR nicht in Vorleistung treten.
    Die CPAM hat eine Tarifliste, die „tarif conventionné“ genannt wird, tatsächlich aber nicht als „convention“ (Übereinkunft) zustandekommt, sondern vom Gesundheitsministerium festgelegt wird. Von den dort stehenden Tarifen erstattet sie 70% – Ausnahme: die ehemaligen Reichslande Elsaß-Lothringen, wo im Prinzip Bismarcks RVO gilt und die CPAM 90% erstattet. Zu 100% erstattet werden Auslagen für Schwangerschaft und Geburt.
    Den nicht erstatteten Teil kann man privat versichern; oft bietet der Arbeitgeber an, davon einen Teil zu bezahlen, allerdings dann bei einer Zusatzkasse seiner Wahl. Die Tarife sind nicht altersabhängig; die Leistungen über die 10% oder 30% der „tarif conventionné“ hinaus sind sehr verschieden, einer zahlt Brillengläser, einer nicht, einer zahlt Einzelzimmer, einer nicht…
    Seit zwingend die „carte sécu“, die Patientenkarte mit Chip, eingeführt ist, sieht der Patient zwar wesentlich schneller Geld als früher wo die roten oder grünen Formulare erst mal an die CPAM eingereicht werden mußten und schon mal verloren gingen, aber dafür sieht er nicht mehr, was der Arzt berechnet, und darf nur den Scheck ausstellen.

    Zwei generelle Bemerkungen noch: von den 23 Euro, die derzeit für eine Konsultation beim Hausarzt berechnet werden, kann der Hausarzt offenbar ganz gut leben. Allerdings haben die Ärzte deutlich weniger Personal: in meiner Hausarztpraxis in Deutschland gab es eine Ärztin, aber mindestens vier Vorzimmerfeen liefen dort gleichzeitig herum; hier teilen sich bei meiner Hausärztin vier Ärzte die Praxis (je ein Behandlungszimmer), und außer ihnen sitzt da noch eine Vorzimmerfee. Die macht denn auch nur Verwaltung, Ablage, Termine; für ne Blutabnahme geht man zum Laborarzt.
    Zweite Bemerkung: die CPAM zahlt generell 70% der Standardtarife und ist ständig in den Miesen… aber die CPAM Elsaß, die bei gleichen Beitragssätzen 90% erstattet, schreibt schwarze Zahlen. Es gibt wohl noch andere Faktoren, die auf die KK-Ökonomie einwirken, als nur die Kostenseite. Vielleicht die Lebensqualität?

    Wolfram

    1. Januar 2011 at 07:17


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