Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Frau Höbelmann und der Brief

with 6 comments

Über Bad Dingenskirchen dämmert soeben der dritte Morgen des neuen Jahres herauf und mit dem Morgengrauen beginnt mal wieder der Ernst des Lebens: der erste reguläre Arbeitstag nach den Feiertagen.
Fit und ausgeschlafen mache ich mich auf den Weg zu meiner Arbeitsstätte.
Der Pförtner blickt kurz von seiner Zeitung auf und tut wie immer so als hätte er meinen Gruß nicht bemerkt.
Tapptapptapp, die Treppe rauf. Schlurfschlurfschlurf, ins Schwesternzimmer.
„Ein wunderschönes Frohes Neues Jahr, allerseits!“
Meine gute Laune will ich mir nicht nehmen lassen. Noch halten meine Neujahrsvorsätze.
Schwester Paula schaut mich emotionslos an.
„Frau Höbelmann geht heute heim!“ sagt sie.
Wer ist Frau Höbelmann? Warum geht sie heute heim? Warum auch nicht? Geht mich das etwas an?
„Ist Okay…“ Ich bemühe mich um einen professionell-neutralen Ton.
„Um acht Uhr wird sie abgeholt!“
Ja? Na und?
„Ist der Arztbrief schon fertig?“
Ach daher weht der Wind! Ich ahne Schlimmes…
„Keine Ahnung. Wer sollte den Brief geschrieben haben?“
„Frau Höbelmann liegt in Ihrem Bereich!“
Hab ich’s mir doch gedacht. Die Krankenakte liegt praktischerweise griffbereit auf dem Schreibtisch bereit; ich nehme sie die Hand und schlage sie auf.
Höbelmann, Alwina liegt auf Zimmer sechzehn. Damit befindet sie sich formell auf dem Territorium, für das ich verantwortlich bin.
Frau Höbelmann wurde am Tag vor Silvester aufgenommen, um halb fünf Uhr nachmittags, will sagen: kurz nachdem ich das Haus verlassen habe. Silvester war ich nicht da. Am Neujahrstag war keine Routine-Visite möglich, ich war mit Notfällen und den üblichen Stationskleinigkeiten mehr als ausgelastet. Dann kamein Sonntag, den ich zu Hause und weitgehend im Bett verbracht habe und heute…
Ich schaue auf die Uhr.
„Ich muss runter zur Besprechung!“
„Und was ist mit dem Brief?“ ruft Schwester Paula mir nach.
„Wenn ich den schreiben soll, dann verlässt die Patientin das Haus nicht, bevor ich sie gesehen habe!“
Die Antwort höre ich nicht mehr.

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Written by medizynicus

3. Januar 2011 um 05:21

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

6 Antworten

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  1. Ach herrje!

    Hesting

    3. Januar 2011 at 10:44

  2. Oh nein…
    Gibt es keine Vereinbarung Entlassungen nicht vor x Uhr?

    Simone

    3. Januar 2011 at 11:30

  3. Ah, woher kenne ich das? Richtig, aus der Zeit, als ich noch Stationstrottel war… allzeit beliebtes Spiel 😀

    anna

    3. Januar 2011 at 21:20

  4. Übel, übel. Diese Briefe sind aber nie fertig. So zumindestens meine Erfahrung als Patient und als Abholer 😉

    ednong

    4. Januar 2011 at 02:16

  5. Abholen um 8 Uhr? Haben die zuviel Langeweile?

    Als Patientin finde ich es aber auch sehr anstrengend, immer auf die Briefe zu warten. Ich frage wann ich nach Hause darf und es heißt „morgen nach der Visite“ dann teile ich das den Abholenden auch so mit. Ebenso wann die Visite etwa stattfindet. Bei der Visite erfahre ich dann, dass erst der Brief getippt werden muss wo idR nix drinsteht, was nicht schon bekannt ist.

    Meine ambulante Geburt wäre beinahe eine stationäre geworden nur weil der für 9 Uhr versprochene Brief um 11 nicht fertig war und die Ärztin nicht auffindbar (im OP für unbestimmte Zeit).

    Darf man nicht ohne Brief gehen? (Vorausgesetzt die Medikamente etc sind geklärt).

    Blogolade

    4. Januar 2011 at 11:33

  6. Wer entscheidet denn in Bad Dingenskirchen, wann ein Patient entlassen werden kann? Klar darf man ohne Brief gehen, ist ja kein Gefängnis… Man darf sogar jederzeit gehen, wenn man möchte. Aber offiziell endet ein Krankenhausaufenthalt normalerweise dadurch, dass man vom Arzt entlassen wird, zumindest kenn‘ ich das so.

    Eine Schwester, die einen Patienten „entlässt“, obwohl der Oberarzt angeordnet hat, dass er nur dann entlassen werden kann, falls eine wichtige Untersuchung in Ordnung ist (die aber noch gar nicht ausgewertet ist), und obwohl der „behandelnde Arzt“ (der die Patientin noch nie gesehen hat) noch nicht sein Einverständnis gegeben hat, müsste sich bei uns doch ziemlich was anhören.

    jay_vee

    4. Januar 2011 at 20:19


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