Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Frau Höbelmann – oder: die Jagd nach einem Phantom

with 4 comments

Als ich von der Besprechung zurückkomme, begebe ich mich schnurstracks auf Zimmer sechzehn. Dort liegen zwei etwas fragil aussehende ältere Damen.
„Guten Tag, wer von Ihnen ist Frau Höbelmann?“
Keine fühlt sich angesprochen.
Ich wende mich an die Dame in dem mir am nächsten stehenden Bett.
„Frau Höbelmann?“
Keine Antwort. Die Gestalt vor mir starrt ausdruckslos ins Leere.
Dann muss es die Andere sein.
„Frau Höbelmann?“
„Nee, die is nich mehr hier!“
„Warum?“
Die Patientin deutet auf das leere Bett nebenan. Das Bett ist benutzt, aber auf dem Nachttischchen fehlen die üblichen Krimskramssachen.
„Die ist soeben gegangen!“
„Wohin?“
„Nach Hause, nehme ich an…“
„Und wann?“
„Jetzt gerade… vor vielleicht zwei Minuten…“
Ohne ein weiteres Wort stürme ich in Richtung Pflegestützpunkt. Vielleicht erwische ich die Patientin ja noch irgendwo. Aber am Stützpunkt ist nur noch Schwester Paula. Und die Krankenakte von Frau Höbelmann.
„Sie sollen den Brief gleich zum Hausarzt faxen!“ sagt Schwester Paula, „die Angehörigen werden so gegen neun Uhr dort sein!“
Tief einatmen, nicht aufregen, wortlos nehme ich die Akte und einen Becher Kaffeeplörre und verziehe mich ins Arztzimmer. Höbelmann, Alwina, Jahrgang fünfundzwanzig.
Zwar habe ich die Dame nie gesezen, aber in der Besprechung habe ich immerhin den Aufnahmegrund erfahren: Synkopenabklärung.
Aus der Akte erfahre ich, dass ihr angablich schwindelig und schwarz vor Augen geworden war. Oberarzt Heimbach hat dann übers Wochenende ein paar Untersuchungen gemacht und entschieden, dass sie nach Hause darf, unter der Voraussetzung, dass das Langzeit-EKG in Ordnung ist. Das Langzeit-EKG-Gerät wurde gestern, am Sonntag abgenommen und die Daten sind mit Sicherheit noch nicht im Computer.
„…die Befunde stehen noch aus.“ diktiere ich. Jetzt noch die ellenlange Medikamentenliste hinzufügen und dann im Schreibbüro ganz lieb Bitte-Bitte machen auf dass mein zusammenfabuliertes Machwerk heute vormittag noch beim Hausarzt landet.

Advertisements

Written by medizynicus

4. Januar 2011 um 05:13

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

4 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Aha!

    Über Silvester zur Synkopenabklärung…
    Alles klar…

    Da wollte wohl jemand ohne die alte Spaßbremse Silvester feiern.

    Ne alte Frau kann doch mal synkopieren^^
    War vll. nur dehydriert, aber naja ich war ja nicht dabei und aus der Ferne lässt sich immer Klugscheißen…

    Nur wieso da die Ärzte mitmachen?

    stachel

    4. Januar 2011 at 13:02

  2. Wurde auch ein Alkoholtest gemacht? :p

    Graf Zeppelin

    4. Januar 2011 at 20:11

  3. Ich habe so das Gefühl, dass wir von Frau Höbelmann noch etwas hören werden…

    Mr. Gaunt

    4. Januar 2011 at 20:35

  4. Hast du Schwester Paula mal heimlich ein Pupskissen auf den Stuhl gelegt?
    Ich glaub, die mag dich nicht.
    Und was ist das überhaupt fürn Quatsch? Dann kann man sich seinen Krankenhausaufhalt auch sparen und gleich in die Kristallkugel schauen. Oder ins Märchenbuch.

    alleinverziehend

    4. Januar 2011 at 20:53


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: