Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Sind Ärzte Physiker oder Philosophen?

with 17 comments

Oder gar nichts von beiden? Sind Ärzte einfach Ärzte, wobei nicht alle Mediziner zu Ärzten werden und… lassen wir das. Tatsache ist: Jeder Medizinstudent muss nach Vollendung des zweiten Studienjahres das Physikum ablegen, sonst kann er nicht weiterstudieren. Offiziell heißt das Ganze inzwischen „Erster Abschnitt der Ärztlichen Prüfung“ (früher: „ärztliche Vorprüfung“), aber der alte Name hat sich tapfer gehalten und das, was dahintersteht auch: in den ersten zwei Studienjahren geht es hauptsächlich um die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Medizin, angefangen von Physik, Biologie und Chemie bis hin zu Biochemie, Physiologie und Anatomie. Und dass die moderne Medizin auf naturwissenschaftlichen Grundlagen beruht, will heute niemand mehr ernsthaft bezweifeln, abgesehen vielleicht von ein paar Hardlinern aus der Hokuspokustherapie-Ecke.
Und das ist schon ziemlich lange so, nämlich seit ziemlich genau hundertfünfzig Jahren.
Damals, 1861 wurde das Philosophicum abgeschafft.
Das Philosophicum war… wohl so eine Art Rundumschlag durch das, was man damals als „humanistische Bildung“ bezeichnete, also Dinge, die aus heutiger Sicht in der modernen Medizin nicht mehr ganz so wichtig sind.
Wirklich nicht?
An der Uni Würzburg hat man jetzt das <a href="„>Philosophicum wieder ausgegraben, und zwar offenbar auf Wunsch der Studierenden, als freiwillige Veranstaltung.
In der Medizin kommt es eben nicht nur auf naturwissenschaftlicher Erkenntnis und Faktenwissen und Technik sondern auch auf Ethik und Menschlichkeit an, und das kommt im Studium bislang leider kaum vor.

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Written by medizynicus

5. Januar 2011 um 05:55

17 Antworten

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  1. Hätte ich die Ambition, Medizin zu studieren, wäre Würzburg wegen des Philosophicum in der engeren Wahl. Ich finde es einfach nur großartig und insgesamt sehr schade, dass das Fach nicht mehr als Pflichtfach existiert.

    antagonistin

    5. Januar 2011 at 06:55

  2. naja die Würzburger 😀

    Und zu der Physiker-Frage:
    Im Englischen heisst Arzt auch „physician“

    DayLight

    5. Januar 2011 at 07:54

  3. Cool. Hätte ich seinerzeit auch sofort gemacht.

    anna

    5. Januar 2011 at 09:32

  4. Medizynicus sagt: „In der Medizin kommt es eben nicht nur auf naturwissenschaftlicher Erkenntnis und Faktenwissen und Technik sondern auch auf Ethik und Menschlichkeit an, und das kommt im Studium bislang leider kaum vor.“

    Nicht nur in der Medizin.

    Es sollte ein Fach „Ethik, Menschlichkeit etc.“ bereits in der Schule geben. Ab Klasse 1. Und zwar als Doppelstunde 5 -mal die Woche.

    Schwester Paula bräuchte auch dringend eine Nachschulung.

    alleinverziehend

    5. Januar 2011 at 10:12

  5. @alleinverziehend

    Dieses „Fach“ gibt es bereits. Nicht an der Schule, sondern zu Hause.
    Nennt man üblicherweise „Erziehung“.

    fieser Sack

    5. Januar 2011 at 10:24

  6. @alleinverziehend:
    Gibts ja sogar 😉 Wenn auch leider nicht mit den Lehrinhalten, die du dir wahrscheinlich vorstellst…
    Es nennt sich: Religion
    und ist Pflichtfach bis zum Abi, da in diesem Fach „soziale Werte“ und „Menschlichkeit“ vermittlen werden.
    Wer keinen Angebotenen Religionsunterricht mit seinem Glauben vereinbaren kann, der muss dann „Ersatzunterricht“—>Ethik besuchen.
    Was dort abgeht, kann ich nicht genau sagen, jedoch lt. Erzählungen auch nicht unbedingt dass, das du dir wahrscheinlich gewünscht hättest…

    Es ist eben eine Schmach…

    Wobei das Elternhaus dabei eine nicht unbedeutende Rolle spielt. (soziale Integration, …)
    Später ist das alles nicht mehr „so einfach“ zu vermitteln…

    derretter

    5. Januar 2011 at 10:24

  7. … muss schmunzeln, ist mit einer Ethiklehrerin verheiratet … Ethik und Philosophie … Gesprächststoffe ohne Ende sag ich nur …

    DocConsult

    5. Januar 2011 at 10:45

  8. @ derretter
    @ fieser sack:
    Es scheint ja nicht so viel zu bringen. Wenn sich Medizynicus so was als Studieninhalt wünscht. Und er hatte wahrscheinlich eine sehr gute Kinderstube.
    Vielleicht würde es schon reichen, wenn Grundschulkinder mal ein paar Ideen von Marshall Rosenberg vermittelt bekämen. Musste ich auch erst lernen. Mit über dreißig. Aber es wirkt!

    alleinverziehend

    5. Januar 2011 at 11:53

  9. Naja, es kommt halt immer auf den Unterricht an, bei uns hat das dann ab der Oberstufe wirklich auch philosophische Inhalte und wir diskutieren eigentlich regelmäßig nach unseren Reli- und Ethikstunden in den Pausen weiter. Aber das mag auch an den Leuten, die auf unserer Schule sind liegen, gilt für normale Schulen wahrscheinlich nicht so. Aber bei uns haben sogar relativ viele Leute Ethik als Leistungskurs gewählt und sind mit der Wahl immer noch sehr zufrieden. Aber schlussendlich kommt sowas wirklich immer darauf an, ob man einen Lehrer hat, der einen für so etwas begeistern kann, oder ob dieser als Langweiler gesehen wird, dem man sowieso nicht zuhört.

    Tänzerin

    5. Januar 2011 at 12:05

  10. @daylight
    Und die Physiker heißen physicists, weil DIE sich hauptberuflich mit Physik beschäftigen, während die Ärzte sichunter anderem um die Physis der Patienten kümmern 😉

    Nichts desto trotz könnte ein wenig mehr _Verständnis_ der Physik vielen Medizinern weiterhelfen (auch vielen Biologen, wie ich aus eigener Erfahrung weiß). Womit ich nicht gesagt haben will, dass es nicht auch Ärzte gibt, die ein recht tiefgreifendes Verständnis von Physik haben.

    Humanistische Bildung schadet grundsätzlich nie, und jeder Ansatz in dieser Richtung ist begrüßenswert, hilft aber auch nicht immer, es gibt leider auch humanistisch gebildete A……..r.

    drkall

    5. Januar 2011 at 12:49

  11. Ehrlich gesagt möchte ich aber lieber einen behandelnden Arzt der wissentschaftlichen und ggf. handwerklich was auf der Pfanne hat. Ob der empathisch oder nicht ist, wäre mir völlig egal.
    Die Möglichkeiten des ethischen Handelns selbst zeigen sich ja alleine schon durch Gesetze und Klinikstandards.

    Graf Zeppelin

    5. Januar 2011 at 19:09

  12. Nicht ganz, denn nicht überall gibt es ein Physikum. In Aachen legt man z.B. nach drei Jahren die „Ärztliche Basisprüfung“ in Form einer OSPE Prüfung ab, die auch inhaltlich nur wenig mit einer Physikumsprüfung zu tun hat. 😉

    Zum Philosophicum: Wer neben dem eigentlichen Studium noch so viel Zeit hat, sich auf so etwas vorzubereiten, sei’s drum.

    Exxodos

    6. Januar 2011 at 00:45

  13. Eigentlich müsste das Philosophikum am Ende des Studiums stehen! Denn was hilft’s, wenn man das am Anfang lernt („liest“), und dann vernebeln einem die Professoren 3 Jahre lang die Birne mit „Das muss sein“, „Das muss man tun“, „Anders gehts gar nicht“, „Die Wissenschaft sagt…“ und ….

    Im Mündlichen des 3.Staatsexamens fragte mich der Chirurgieprof.(42 Jahre!) wie ich eine Unterschenkelfraktur behandeln würde (er erwartete: Nageln). Ich witterte eine Fangfrage und hielt dagegen „Wie alt und wo?“. Unwirsche Antwort „17 Jahre, männlich, in Schaftmitte“. Ich anwortete „einrichten, Gips“. Er ging senkrecht durch die Decke, schimpfte, was ich eigentlich gelernt hätte und wollte mich durchschmeißen. Der Prüfungsleiter glättete die Wogen und fragte, was man denn sonst machen könnte und ich zählte alle Möglicheiten auf und erklärte auch, wann ich was für sinnvoll hielte und warum ich im beschriebenen Fall nur Gipsen würde. Das war den beiden älteren Prüfern ausreichend und ich bestand (der Chirurg dagegen maulte noch immer). Später stellt ich allen meinen Chefärzten und anderen befreundeten Chirurgen dieselbe Frage und alle bestätigten meine Antwort.

    Warum aber hatte sie dem Prüfer nicht zugesagt? Na ganz einfach: der ist nur dadurch mit 42 Jahren schon Chirurgie-Professor gewesen, weil er alles und jedes, incl. seiner eigenen Großmutter auf den OP-Tisch geschmissen und seine „Kunst“ und „Wissenschaft“ ausgetobt hat!

    der Landarsch

    6. Januar 2011 at 16:44

  14. P.s.: Das sind genau die Typen, die nach der vergeblichen Behandlung eines Patienten mit einer neuen „wissenschaftlichen“ Schnapsidee diesem kaltlächelnd ins Gesicht sagen „Ich kann jetzt nichts mehr für Sie tun, alles Weitere wird Ihnen Ihr Hausarzt erklären“.

    Und (auch) das sind die Lehrer der nächsten Generation!

    der Landarsch

    6. Januar 2011 at 16:48

  15. @Graf Zeppelin: Das habe ich auch gedacht, bis ich an einen geraten bin, der so unempathisch mit mir umgegangen ist, dass ich mich eine zeitlang geweigert habe, eine notwendige (= lebenserhaltende) Operation durchführen zu lassen, weil da die Schotten runtergegangen sind. Da brauchte es dann einen empathischen Arzt, der es wieder eingerenkt hat.

    Carpe tempus!

    6. Januar 2011 at 22:04

  16. @ Graf Zeppelin: Nicht jeder ist so abgebrüht, dass ein reiner „Techniker“ als Arzt reicht. Viele gehen genau deshalb allzulang zu keinem Arzt, weil das Finden eines empathischen Arztes der Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen gleichkommt.
    Das Vorhandensein von Empathie schließt medizinische Fähigkeiten ja nicht aus.

    antagonistin

    7. Januar 2011 at 08:21

  17. Vielleicht war Landarschs Chirurg-Prüfer auch nur ein wenig betriebsblind?
    Mir wurde im hiesigen KH gesagt, „die Unikliniken haben immer so viele Problemfälle; die sehen überall nur noch Probleme. Wir hier sehen bei den normalen Fällen viel klarer und machen weniger Brimborium.“ Was nicht heißt, daß sie Probleme nicht erkennen; die Transferrate in die umliegenden „CHU“ zeugt davon, daß man kein Risiko durch Nichtwissen eingeht.

    Wolfram

    9. Januar 2011 at 00:25


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