Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Sankt Bürokratius und das Rattengift (Teil 1)

with one comment

Telefon geht, Gespräch von draußen.
„Hier ist die Frau Wirges…. kennen Sie mich noch?“
Frau Wirges? Ich erinnere mich dumpf. Da war doch etwas… aber was?
„Ja, ich bin die Frau, die wo diese Tabletten nehmen muss…“
Aha?
„Also die Tabletten, die wo das Blut dünner machen. Das Rattengift!“
„Äh… Sie meinen, Marcumar!“
„Genau, das Marcumar. Sie erinnern sich?“
Komm, hilf mir auf die Sprünge! Marcumar-Patienten sind auf internistischen Krankenhausstationen ungefähr so häufig wie Schnauzbartträger am Ballermann.
„Sie haben mir beide Arme grün und blau gepiekst!“
Jetzt weiß ich Bescheid! Marcumar ist ein Medikament, welches die Blutgerinnung hemmt. Das gibt man Patienten, die eine Thrombose oder eine Lungenembolie hinter sich haben oder Leuten mit gewissen Herzrhythmusstörungen. Das Gefährliche an dem Zeug ist, dass man es weder unter- noch überdosieren darf. Die Wirkung muss regelmäßig durch Blutentnahmen überprüft werden, und zwar in der Anfangsphase alle drei oder vier Tage.
„Sie sind die Frau Wirges…“
„…die Frau Wirges mit den schlechten Venen, genau die!“
„Richtig! Was kann ich für Sie tun, Frau Wirges?“
„Ich würde Ihnen gerne eine Geschichte erzählen, wenn Sie einen Moment Zeit haben!“
Habe ich Zeit?
Es ist früher Nachmittag und ich habe gerade mein übliches Leistungstief. Der Stapel der zu diktierenden Entlassungsbriefe wird nicht kleiner, wenn ich mir jetzt von Frau Wirges eine Geschichte erzählen lasse. Er wird aber auch dann nicht kleiner, wenn ich ihr nicht zuhöre… also gut.
„Worum geht es denn in Ihrer Geschichte?“
Die Patientin am anderen Ende der Leitung lacht.
„Um Ihren Entlassungsbrief,“ sagt sie, „und um meinen Kampf mit der Krankenkasse. Ein Kampf, der noch immer nicht entschieden ist!“
Na, dann schießen Sie mal los!

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Written by medizynicus

6. Januar 2011 um 05:45

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Eine Antwort

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  1. Entlassungsbriefe werden tatsächlich von jemanden gelesen?

    chefarbeiter

    6. Januar 2011 at 09:26


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