Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Sankt Bürokratius und das Rattengift (Teil 3)

with 8 comments

„Das Problem läßt sich lösen!“ sagt Kalle.
„Und wie?“
„Es gibt da so ein Messgerät, welches mit ganz kleinen Mengen Blut auskommt. Dazu braucht man keine Vene sondern nur einen kleinen Piekser in die Fingerbeere…“
„Du meinst, so wie bei den Geräten für den Zucker?“
„Genau, ganz ähnlich. Hunderttausende von Diabetikern pieksen sich täglich in die Finger, um den Blugzucker zu messen…“
„Wenn das genau so einfach geht – warum macht man es bei den meisten Marcumarpatienten denn so umständlich?“
„Weil diese Geräte, welche die Blutgerinnung aus einem kleinen Tröpfchen Kapillarblut messen, nun einmal etwas komplizierter sind. Und damit auch teurer. Ziemlich viel teurer.“
„Aha, da läuft der Hase lang…“
„Genau. Und weil das Gerät so teuer ist, muss es bei der Krankenkasse gesondert beantragt werden!“
„Super. Dann gehen wir es an!“
Kalle seufzt.
„Wo ist das Problem?“
„Wenn das mal so einfach wäre… lass uns zunächst einmal mit dem Sozialdienst sprechen!“
Kalle greift zum Telefon. Das Gespräch dauert ziemlich lange und Kalle macht sich eine Menge Notizen.
Am nächsten Tag liegt ein mehrseitiges Formular in meinem Postfach.
Am übernächsten Tag diktiere ich den Entlassungsbrief.

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Written by medizynicus

12. Januar 2011 um 05:04

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

8 Antworten

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  1. Gibts die Teile denn mittlerweile in handlicher Größe? So a la BZ-Messgerät?

    Als ich damals noch beim Arzt gearbeitet habe (10 Jahre her…), hatten wir dort so ein Testgerät stehen um den Quickwert aus Kapillarblut zu gewinnen, die Kiste war ca. so groß wie 2 Schuhkartons.

    rettungsschnepfe

    12. Januar 2011 at 13:57

  2. Mhm, ist das nicht die BGA, Blut-Gas-Analyse….?!?

    rettungsdienstblog

    12. Januar 2011 at 20:50

  3. @Rettungsschnepfe

    Wir haben in der Apotheke mal so ein Teil für jemand bestellt, das war schon größer als ein BZ-Messgerät (wobei die inzwischen teilweise verschwindend winzig sind *g*), eher wie eins der alten Backsteinhandys 😉

    Squirrel

    13. Januar 2011 at 07:54

  4. @RD-Blog

    Nein, war es definitiv nicht. Ich war einmal die Woche den ganzen vormittag damit beschäftigt, Kapillarblut für die Bestimmung des Quickwerts abzunehmen und diese dann in dutzende Marcumarausweise einzutragen, damit einer der Chefs die Dosierung des Marcumars für ne Woche festlegen konnte.

    @squirrel

    Ah okay. Aber dennoch „mobiler“ und „unsperriger“ wie die alte Kiste, die wir damals in der Praxis stehen hatten 😉

    Rettungsschnepfe

    13. Januar 2011 at 08:43

  5. 14 cm lang, 7,5 cm breit, 2,5 cm hoch.
    Zusammen mit Stechhilfe und Teststreifendose befindet es sich in einem handlichen Mäppchen (sieht aus wie ein kurz geratenes Erstklässler-Schulmäppchen).

    Das frühere Testgerät war wesentlich größer, wurde einschl. Anschlusskabel/Netzgerät, mehreren Steckdosen-Adaptern und Stechhilfe in einer Art Umhängetasche transportiert und aufbewahrt. Die Teststreifen hierfür mussten gekühlt werden, außerdem sollte bei Anbruch jeder neuen Teststreifenpackung ein Funktionstest mit (ebenfalls kühlpflichtigen) Testampullen gemacht werden.

    Pu der Zucker

    13. Januar 2011 at 13:56

  6. Als Marcumar-Patient, der mit seinem internistischen Hausarzt vor der Überlegung steht, dieses Gerinnungs-Selbstmanagement (CoaguChek) bei der Krankenkasse zu beantragen, bin ich sehr an der weiteren Fortsetzung dieses Falles interessiert!

    Karl H.

    13. Januar 2011 at 21:10

  7. Bei mir hat die Krankenversicherung keine Zicken gemacht und das Gerät anstandslos bezahlt. Soweit ich mich erinnern kann hat es damals (2009) beim günstigsten Anbietern, den ich finden konnte, um die 700 EUR gekostet.

    Der teuere Spaß sind eher die Teststreifen (kosten so zwischen 4-5 EUR pro Stück), zumal es auch einmal passieren kann, dass eine Messung schief geht und man einen zweiten Streifen braucht.
    Im Vergleich zu Blutzuckermessgeräten braucht man relativ viel Blut, aber immer noch so wenig, dass man es aus der Fingerbeere extrahiert bekommt. Bei schlecht durchbluteten Händen kann es allerdings auch mal schwierig werden.

    Der Arzt, bei dem ich damals den Einweisungskurs bekommen habe, hat damals aber auch berichtet, dass die gesetzlichen Versicherungen das häufig nicht zahlen wollen.

    Dank unseres tollen Systems zahlen die gesetzlichen Versicherungen nämlich sowieso nur einmal pro Quartal die pauschale pro Patient. Was dann an ärztlichen Leistungen erbracht wird, ist ihnen egal. Die Teststreifen hingegen müssen sie separat bezahlen.

    Für die private Krankenversicherung dürfte die Rechnung hingegen sein, dass die Zahlung der ärztlichen Leistung sie nicht wirklich billiger kommt.
    Davon abgesehen zahlen ich durch die Selbstbeteiligung in den meisten Jahren die Teststreifen effektiv sowieso selbst.

    Aber selbst wenn man das Gerät und auch die Teststreifen selbst zahlen muss, kann ich jedem, der Marcumar dauerhaft nehmen muss, nur empfehlen die Messung selbst durchzuführen.

    Es erspart einem nicht nur das dauernde zum Arzt rennen, sondern es gibt einem auch das Gefühl die Erkrankung besser kontrollieren zu können. Insbesondere bei Reisen im Ausland ist es ein gutes Gefühl, wenn man weiß, dass man den INR jederzeit selbst kontrollieren und die Dosierung des Marcumar entsprechend anpassen kann.

    Dass die gesetzlichen Krankenkassen sich in dieser Frage dermaßen quer stellen zeigt eben, – diesen Seitenhieb kann ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen – dass ein staatlich organisiertes Gesundheitssystem an vielen Stellen nicht vernünftig funktioniert.

    @Karl H.: Wenn du gesetzlich und nicht privat versichert bist, könnte dir der folgende Hinweis vielleicht helfen. Eines der Kriterien, die von den gesetzlichen Krankenkassen bei einem entsprechenden Antrag wohl herangezogen werden, ist, wie stabil der INR ist. Wenn also dokumentiert ist, dass der INR auch in kurzen Zeiträumen (bei wöchentlicher Messung) relativ stark schwankt, sind sie wohl eher bereit, die Gerinnungsselbstkontrolle zu genehmigen.

    Sebastian

    17. Januar 2011 at 02:09

  8. @Sebastian:
    Danke!

    Karl H.

    19. Januar 2011 at 20:42


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