Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Krankschreibung Under Cover

with 14 comments

Tja, ist doch gar nicht so schwer, das Krankfeiern, nicht wahr?
Deutschlands größte Zeitung, die mit den roten vier Buchstaben hat den Test gemacht: Under Cover hat sie einen Reporter losgeschickt: Ganz dreist ist der zu mehreren Doktors hingegangen und hat gesagt, er will einfach nur einen Krankenschein haben. Einfach nur so. Obwohl er kerngesund ist, wie er gleich dazu behauptet. Und sieh einmal an, was passiert: Er kriegt seinen gelben Urlaubsschein.
Von allen drei Ärzten, die er besucht.
Sind Deutschlands Hausärzte also allesamt korrupt?
Anstatt um das Wohl der Gesellschaft bemüht, der sie egentlich dienen sollen, geben sie sich dem schnöden Mammon hin und prellen die Volkswirtschaft um Millionen, ach was sage ich, um Milliarden, und das alles nur, um selber ein paar Kröten zu verdienen…. denn: ein Patient, der eigentlich gesund ist und nur einen Krankenschein will, ist ein guter Patient. Er macht keine Arbeit und spült den armen, am Hungertuche nagenden Hausärzten Geld in die Kassen. Einmal Karte duchziehen, Arbeitsunfähigkeit unterschreiben, dreißig Sekunden Arbeit, Vierzig Euro verdient. Macht hochgerechnet einen Stundensatz von…
So zumindest sieht es Deutschlands größte Zeitung, die mit den vier roten Buchstaben und die hat ja bekanntlich immer Recht.
Und die Moral von der Geschicht: Den Ärzten gehört mal wieder heftig auf die Finger geklopft. Vor allem den Hausärzten. Jawoll!

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Written by medizynicus

13. Januar 2011 um 05:21

14 Antworten

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  1. Und was ist jetzt dein Fazit?

    Hellebora

    13. Januar 2011 at 08:16

  2. Würde mich auch interessieren 😉 Ich denke, im Endeffekt würde besagter „Kranker“ sowieso krankgeschrieben… denn selbst wenn er zum Arzt reingeht und sich untersuchen lässt, wird er irgendwas vorweisen können, was ihm am Ende den Schein beschert…
    Lg Karoline

    Karoline

    13. Januar 2011 at 08:32

  3. Naja, solche Tests finden ja immer mal wieder statt, auch gerne in irgendwelchen TV-Sendungen als Test. Und bisher sah das leider fast immer so oder ähnlich aus. Echt traurig.

    Der Krangewarefahrer

    13. Januar 2011 at 08:36

  4. Das ist nicht nur in Deutschland so. Das kenne ich auch hier in der Schweiz. Ganz schön toll, wenn eine Angestellte wegen einem Stuhl, der ihr auf den Fuss gefallen ist (nicht gebrochen, keine gerissenen Bänder, nur etwas angeschlagen) gleich mal für 3 Wochen 100% arbeitsunfähig geschrieben wird. Und das reizt sie aus bis zum Schluss.

    Pharmama

    13. Januar 2011 at 08:55

  5. Verwundert mich nicht wirklich. Vielen Hausärzte sind erstaunt, wenn man meint, ob denn ein AU wirklich notwendig ist. Auf der anderen Seite habe ich auch schon mal zwei Tage mehr erbeten, weil die Krankheit über ein Wochenende verlief war und ich auch einen Tag zum Erholen brauchte. Aber mit genau den Argument vorgetragen, dass ich nicht als Zombie auf der Arbeit stehen möchte und sollte.

    Leider gibt es immer wieder diejenigen, die jegliche Freizügigkeit bis aufs Maximum ausreizen. Und die springen einem voll ins Auge. Dabei sind es, nach meiner Erfahrung, immer nur eine sehr kleine Anzahl, während der Großteil einer Gruppe sich vernünftig innerhalb der Freiräume bewegt.

    Der Maskierte

    13. Januar 2011 at 09:03

  6. Auch wenn das viele meiner Kollegen anders sehen (der Arzt kann ja bekanntlicherweise alles!): Die (Haus)Ärzte sind für eine juristsch gültige Attestierung eigentlich gar nicht befähigt, denn sie kennen „nur“ Krankheiten, nicht aber die Arbeitswelt: Das „kennen“ – per Definition der Weiterbildung – nur die Arbeitsmediziner.

    Um zu erkennen, dass ein Dachdecker mit gebrochenem Bein nicht auf dem Dach rumturnen soll, brauchts kein Medizinistudium. Ab wann aber ein Koch mit Tuberkulose und erfolgreicher Therapie arbeiten darf, ob jemand mit Taubheitsgefühl an einer Stanze arbeiten darf oder ob eine mäßig erkältete Kindergärtnerin weiter Kinder betreuen soll (alles im letzen Jahr erlebte Fälle), das sind die großen Fragen.

    Und wenn jemand einfach platt ist, weil er – neben der körperlich sehr schweren Arbeit – derzeit das Wasser im Keller stehen hat und er jede freie Minute werkelt, dass ihm das Ganze nicht komplett absäuft, ist er dann krank? Oder muss er Urlaub nehmen, obwohl die Firma wegen Auftragsüberlastung Urlaubsstopp angeordnet hat? Oder muss jemand (mit geistig sehr anstrengendem Job) nach einem Todesfall in der Familie, wo er zwar vom Tarifvertrag her keinen Sonderurlabsanspruch hat, aber der einzige ist, der das Ganze managen kann (und muß), Urlaub nehmen, obwohl er sich auf die Arbeit gar nicht konzentieren könnte?

    Im Übrigen: wenn einer ständig krank „feiert“, kann er jederzeit entlassen werden (selbstverständlich erst, nachdem er wieder gesund ist). Und wenn einer aus Faulheit und Schmarotzertum seinen Job derart gefährden will, ist das Sache der Kassenmedizin oder der Gesetzgebung?

    der Landarsch

    13. Januar 2011 at 12:17

  7. Also wir haben hierzulande 30 Tage Urlaub … ich denke schon, dass man einen Teil dieses Urlaubs auch für solche Fälle aufwenden kann und sollte. Gut, wenn der Arbeitgeber Urlaubssperre verhängt und auch in Notfällen nicht mit sich reden lässt, ist eine Krankschreibung schon ne Alternative. Aber das würde ich echt nur in Ausnahmefällen so machen.

    tibia

    13. Januar 2011 at 13:44

  8. Tibia die 30 Tage Urlaub haben nur noch wenige Festangestellte, Zeitarbeiter haben so 21 Tagen Urlaub

    Björn R.

    13. Januar 2011 at 20:22

  9. Arbeitsmedizin geht ja mal gar nicht, schon im Studium nicht, ist so wie Umweltmedizin oder Medizin des Alters oder Prävention. 😀

    Warum sollte man bitte seinen Urlaub oder besser: Ferien fürs Kranksein verschwenden?
    Ferien, kommt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie Feier, Ruhetag. ^^

    Sebastian

    13. Januar 2011 at 21:53

  10. Bin keine Ärztin, kenne nur einige und stelle mir die Frage, ob so eine Zack-Zack-Krankschreibung evtl. zu einer gesunden Mischkalkulation beitragen kann. Wenn man für andere Arbeiten fünffuffzich kriegt, fände ich das nachvollziehbar. Aus der Sicht der Praxisbesitzer wohlgemerkt.
    Eigentlich aber find ich schon, dass Gesunde nicht krankgeschrieben werden dürfen. Und bei Hochwasser und sonstigen Katastrophen könnte der Arbeitgeber ja eigentlich auch mal kulant sein und Freizeit verschenken. Ich bin sicher, dafür verschenken Arbeitnehmer dann auch mal die ein oder andere Überstunde. Aber dafür immer gleich das Gesundheitssystem (aus)nutzen …?

    Silke

    14. Januar 2011 at 11:54

  11. Das Problem ist doch ein zweischneidiges (wie auch schon mehrfach erwähnt), zum einen sollten Ärzte natürlich nicht jeden Schlumpf wegen einmal am Wochenende zuviel gefeiert krank schreiben. Andererseits ist es eben schon ein Problem, dass viele Arbeitgeber/Firmen alles andere als kulant sind, auch wenn sie von einem völlig überlasteten und fertigen Arbeitnehmer unter Strich mal garnichts haben.
    Deshalb muss man in der Realtität halt immer irgendwie einen Mittelweg finden. ich gehe auch solange es irgendwie geht in die Uni und zur Arbeit, aber ich schätze es, einen Arzt zu haben, der mich im Zweifelsfall (wenn es mal nicht geht und das muss nicht immer gleich eine schwere Krankheit sein) auch mal zwei Tage krank schreibt.

    Ist schon lustig, dass die BLÖDzeitung das jetzt plötzlich und unerwartet als Thema entdeckt haben. Gibt wohl gerade in der Welt der F-Z Promis nicht genug zu schreiben oder was?

    die kleine Frau

    14. Januar 2011 at 12:28

  12. „Blaumacher“ sind Kriminelle. Uns gehen jedes Jahr Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung verloren, weil zu viele „blau“ machen, obwohl sie kerngesund sind. Vielleicht sollte man Ärzten, die Gefälligkeits-Krankenscheine ausstellen, einfach mal 3.000,- Euro Geldstrafe anbieten. Danach bräuchten wir vermutlich keine Erhöhungen der Krankenkassenbeiträge mehr. Das ganze Gesundheitssystem ist krank. Krank gemacht, von Lobbyisten und Egoisten, die nur an ihren Vorteil denken. So, habe fertig! 😉

    Renate

    15. Januar 2011 at 19:53

  13. @ Silke: Ist schon klar, dass „Gesunde nicht krank geschrieben werden dürfen“ . Das wäre ja eine Falschbeurkundung!. Aber wer ist „gesund“? Die WHO tat sich bisher bekanntlich sehr schwer „Gesundheit“ zu definieren.

    Aber eigentlich geht es hier nicht um „Gesundheit“ und „Krankheit“, sondern um „Arbeitfähigkeit“! Da liegt der Hase im Pfeffer!

    Das mit der Mischkalkulation ist wohl schon irgendwie richtig. In Wirklichkeit interessierts gar keinen, damit jeder auf „die Ärzte“ und die „faulen Kranken“ ablästern kann.

    Ich glaube, unser Gesundheitssystem ist wirklich zu perfekt. Die Menschen wissen gar nicht mehr, was sie daran haben!!!! Sonst gingen sie pfleglicher damit um.

    der Landarsch

    17. Januar 2011 at 15:05

  14. Vorsicht mit dem Hausarztbashing, sonst gibts auf die Finger …
    Auch die Hypothese, dass nur der Arbeitsmediziner krank schreiben könnte ist natürlich etwas abgehoben, (so wie die Pneumonie, die nur vom Pulmologen behandelt werden soll), die meisten Hausärzte wissen sehr gut, wer wann wie krankgeschrieben gehört.
    Das Problem liegt woanders:
    Leider tun sich zu viele zu schwer, nein zu sagen, wenn es angebracht ist. Und zuviele glauben, helfen bedeutet, zu geben, was der Patient fordert. Gerade bei der AUF ist aber das Verweigern, wenn unsinnig, unsere Aufgabe. Bei mir gibts deshalb, von Ausnahmen abgesehen, nie mehr als 3 Tage am Stück, verlängert wird nur nach erneuter Konsultation und Untersuchung, d.h. mit objektivierbaren Argumenten.
    Das kann ich aber nur, weil ich in der Schweiz tätig bin und mir dieser Aufwand auch vergütet wird. Was die Blödzeitung unterschlägt, und die meisten Klinikärzte vermutlich nicht wissen, ist, dass die deutschen Hausärzte für ihre Dienste ein „RLV“ bekommen. Eine Flatrate pro Patient und Quartal, in der alles inklusive ist. Die liegt je nach Bundesland um die 45 Euro (in Bayern mehr, anderswo auch mal weniger). Dafür hat niemand mehr Lust Diskussionen zu führen, und Kontrollen sind sowieso nicht drin, sondern schreibt krank. Nicht korrekt aber logisch.

    klabauterdoc

    19. Januar 2011 at 16:09


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