Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Sankt Bürokratius und das Rattengift – Teil 4 und Schluss

with 6 comments

„So, dann erzählen Sie mal, Frau Wirges!“ sage ich.
Dann lehne ich mich zurück, trinke einen Schluck Krankenhauskaffeeplörre und klemme mir den Telefonhörer mit der Schulter ans Ohr, während ich am Stationscomputer irgendeine halbwegs interessante und nicht unbedingt medizinische Webseite aufschlage. Frau Wirges hat eine gewisse Ausdauer, was das Erzählen angeht.
„Also Herr Doktor, die Sache war ja gut gemeint…“
„Aber?“
„Ja, Sie hatten ja noch vom Krankenhaus aus den Antrag gestellt, Sie wissen schon, für dieses Gerät zur Messung der Blutgerinnung…“
„Richtig. Weil Sie so schlechte Venen haben. Und, haben Sie das Gerät inzwischen bekommen?“
Aus dem Telefon klingt ein hohles Lachen.
„Eine Woche nach meiner Entlassung bekam ich Post. Von der Krankenkasse.“
„Sie meinen den Bescheid, dass das Ding genehmigt wird?“
„Moment. Das Schreiben war lediglich eine Mitteilung darüber, dass der Antrag bei ihnen eingegangen ist. Zur Genehmigung brauchen Sie noch…“
„Was denn?“
„Den Nachweis einer Schulung!“
„Wie bitte?“
„Sie können das Gerät erst genehmigen, wenn ich schriftlich nachweise, dass ich das Ding auch bedienen kann. Dazu muss man eine Schulung mitmachen. Die dauert drei Tage…“
„Und? Haben Sie das gemacht?“
„Hier im Ort wird sie erst im Sommer wieder angeboten. Ich habe also ein wenig herumtelefoniert. In Sankt Andeswo wird nächste Woche ein Kurs angeboten!“
„Na prima!“
„Nix prima. Der Kurs kostet zweihundert Euro.“
„Das zahlt doch bestimmt die Kasse!“
„Vielleicht. Zuerst mal muss ich es selbst auslegen, dann kann ich vielleicht einen Antrag auf Kostenerstattung stellen. Aber ich bin ja froh, dass ich den Kurs überhaupt mitmachen darf!“
„Und dann kriegen Sie Ihr Gerät?“
„Dann kann ich einen Antrag stellen. Die Genehmigung ist noch lange nicht sicher…“
„Und bis dahin?“
„Bis dahin muss ich weiter spritzen!“
Fassen wir zusammen: Frau Wirges hat eine Herzrhythmsstörung und braucht daher ein Medikament, um das Blut zu verdünnen. Die Marcumar-Tabletten kann sie erst einnehmen, wenn sie das Messgerät für die Blutgerinnung hat. Bis dahin muss sie weiter jeden Tag Heparin spritzen. Das ist natürlich unangenehm für die Patientin. Aber nicht nur das.
„Weißt Du, was die Spritzen kosten?“ fragt Kalle.
Ich verneine.
Kalle nimmt das backsteingroße Medikamentenverzeichnis zur Hand und schlägt nach.
„Viel Geld wird sich die Kasse mit ihrer Taktik jedenfalls nicht einsparen!“ sagt er.

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Written by medizynicus

14. Januar 2011 um 05:17

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

6 Antworten

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  1. sowas ist doch laecherlich. der arzt verordnet das und damit wirds gebraucht. und wenn die spritzen auf dauer viel teuerer sind, ist die sache doch geklaert. aber hauptsache man kann nochmal die beitraege erhoehen.

    Ich

    14. Januar 2011 at 07:36

  2. So ist das in Deutschland: Bürokratie an jeder Ecke!

    rettungsdienstblog

    14. Januar 2011 at 12:18

  3. Soweit ich mich erinnere sind diese Spritzen sehr sehr sehr teuer.

    Braucht es wirklich eine Schulung für so ein Gerät? Was sagen die, die die Geräte kennen?

    Blogolade

    14. Januar 2011 at 12:41

  4. Eine Schulung ist auf jeden Fall sinnvoll, aber ich dachte bisher, es wäre Pflicht des Lieferanten zwische Genehmigung und Gebrauch das durchzuführen.

    Ähnlich ist es ja auch mit Spacern also Inhalierhilfen für Asthmasprays – Kinder können ohne das nicht vernünftig inhalieren. Die Teile sind aber genehmigungspflichtig (kosten nur um die 30€). Also kann man als Apotheke nur die Variante Risiko (Abgabe ohne Genehmigung) oder mit Vorkasse und Rückerstattung, wenn es genehmigt wird, vorgehen.

    Vroni

    14. Januar 2011 at 13:27

  5. Mein Testgerät wurde seinerzeit vom Krankenhaus direkt beantragt.
    Der Antrag wurde genehmigt. Allerdings war es für die Aushändigung des Testgeräts Bedingung, den Schulungsbesuch nachzuweisen.

    Meiner Meinung nach wäre es doch totaler Humbug, eine Schulung für ein nicht genehmigtes Hilfsmittel zu verlangen und die Genehmigung dann eventuell zu versagen! Hier wäre ein Anruf bei der Krankenkasse sicher sinnvoll, um das Missverständnis aufzuklären.

    Pu der Zucker

    14. Januar 2011 at 16:53

  6. Vroni: ist die Vortexröhre ein Spacer?
    http://www.pari.de/produkte/inhalierhilfe_vortexr/produkt/detail/info/vortex_mit_kindermaske_frosch.html
    Die haben wir ohne Schulung bekommen.

    Blogolade

    14. Januar 2011 at 19:53


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