Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Atze unterwegs

with 2 comments

„Wo ist mein Geldbeutel?“
Jenny kommt aufgeregt in die Küche.
„Mein Geldbeutel! Ich habe ihn…“
„Irgendwo liegen gelassen?“
Jenny schüttelt den Kopf.
„Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass ich ihn im Spind eingeschlossen habe!“
„Hast Du schon überall nachgeschaut?“
„Überall! Es ist zum…“
Sie unterdrückt einen Fluch und atmet hörbar aus.
„Ist das hier vielleicht Deins?“
Eine der Reinigungsdamen streckt ihr ein knallrotes Lederetui entgegen.
Jenny errötet.
„Danke! Vielen Dank! Wo haben Sie denn das gefunden?“
„Lag im Papierkorb. Vorn vorm Raucherbalkon!“
Kalle stutzt.
„Schau mal nach, ob etwas fehlt!“
Natürlich fehlt etwas. Das Bargeld.
„Aber zumindest Ausweis, Führerschein und Bankkarten sind noch da!“ sagt Jenny.
„Die Karten würde ich trotzdem sperren lassen…“ meint Schwester Paula.
„Habt Ihr einen Verdacht?“ fragt Kalle.
Schwester Paula räuspert sich.
„Wenn Sie mich fragen: Der Sohn von der Frau Wiebelstein war heute früh hier!“
„Der Atze?“
„Beweisen können wir natürlich nichts…“
Aber jetzt fällt mir ein: Vorhin, bei der Visite, da war Frau Wiebelstein schon so komisch gewesen. Sie hat mir unbedingt erzählen wollen, dass sie nicht eine Tablette Oxazepam zur Nacht braucht, sondern drei. Und zwei weitere jeweils morgens und abends.
„Ich hab mal drauf geachtet,“ sagt Schwester Paula, „sobald der Sohn da ist, ist ihr Tablettenschächtelchen leer!“
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, aber dass ein Junkie für eine handvoll Benzos immer eine Verwendung hat ist ja allgemein bekannt.
„Zum Frühstück hat sie sich übrigens heute fünf Brötchen bestellt,“ sagt Jenny, „und dabei hat sie kein einziges gegessen!“

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Written by medizynicus

24. Januar 2011 um 05:34

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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2 Antworten

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  1. Und im nächsten Teil bitte auf frischer Tat erwischen und den Herren in Blau sagen, sie mögen ihre schicken Armbänder für ihn mitbringen.

    Mensch, mir tut die Frau so Leid.

    Blogolade

    24. Januar 2011 at 12:57

  2. Es ist traurig, aber diese Mutter wird alles tun um ihren Sohn zu
    „HELFEN“

    ohnevorwaesche

    24. Januar 2011 at 22:46


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