Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Ayurveda und das Gift

with 7 comments

„Was haben Sie angestelltt?“ frage ich.
Der Patient schüttelt den Kopf.
„…Ich weiß es nicht!“ sagt er.
Er ist gertenschlank, Ende fünfzig, hat schütteres, graues, schulterlanges Haar und trägt einen gepflegten Vollbart. Dazu Nickelbrille, dunkler Rollkragenpullover und Cordsakko – ich frage ihn nicht nach seinem Beruf, bin mir aber fast sicher dass es sich nur um einen Studienrat für Deutsch und Geschichte handeln kann. Oder vielleicht auch Sozialkunde. Aber auf jeden Fall Studienrat. Und gehört damit nicht unbedingt zu unserer typische Klientel, die nachts zu vorgerückter Stunde in unserer Notaufnahme ihre Aufwartung macht.
Jedenfalls ist er knallrot im Gesicht und sein ganzer Körper ist mit einem juckenden Ausschlag bedeckt.
„Sind Sie gegen irgendwas allergisch?“ frage ich.
Er schüttelt abermals den Kopf.
Na offenbar doch, denke ich, lege ihm einen venösen Zugang und spritze erst einmal eine ordentliche Dosis Cortison und Fenistil.
„Heute Nachmittag hat es schon angefangen,“ berichtet er, „da war es aber noch nicht so schlimm, also bin ich erstmal nicht zum Doktor gegangen… aber dann wurde es nicht besser… und jetzt ist es fast nicht mehr auszuhalten…“
„Haben Sie irgend etwas genommen? Medikamente? Antibiotika oder so?“
Er schüttelt den Kopf.
„Ich halte nicht viel von Pillen…“ sagt er.
„Wirklich nicht?“
„…naja, nur ab und zu halt etwas Pflanzliches!“
Also doch!
„Was denn genau?“
„…heute früh hatte ich Kopfschmerzen. Ich wollte ja nichts nehmen, aber meine Frau hatte noch diese Ayurveda-Tabletten…“
Aha.
Ich glaube, damit hätten wir unsere Diagnose gefunden.
Merke: Ayurveda-Medikamente sind nicht immer so harmlos wie sie ausschauen. Und längst nicht immer handelt es sich um pflanzliche Präparate. Bei aus Indien importierten Präparaten weiß man oft nicht, was drin ist und Verunreinigungen mit Schwermetallen – Arsen oder Quecksilber – sind nicht selten.

Weitere Infos:

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Written by medizynicus

31. Januar 2011 um 05:01

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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7 Antworten

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  1. Da lobe ich mir die gute Chemiekeule aus der Schulmedizin.

    Der Maskierte

    31. Januar 2011 at 09:19

  2. Lieber Medizynicus,

    als Kräuterhexe bin ich ja wohl auch nicht unbedingt ein großer Fan der Schulmedizin, ja sicherlich auch ein unbequemerer Patient als andere.

    Nichtsdestotrotz sollte der Ärztestand auch seine Wurzeln nicht vergessen. Mit den Vitaminen B, A, S und F allein kann man Menschen nicht helfen, Heilkräuter sind nach wie vor unabdingbar.

    Ich gebe dir natürlich Recht, dass nicht alles, was Chlorophyll erzeugt harmlos ist und das man bei der Kräuterbehandlung seine Grenzen kennen sollte.

    Bei „diese Ayurveda-Tabletten“ hätte ich auch aufgehorcht. Und ich finde es auch gut und richtig, auf dubiose Quellen und Verunreinigungen dieser Mittel hinzuweisen.

    Eine Information nach allen Seiten und die Zusammenarbeit von Schul- und Alternativmedizin finde ich wichtig.

    Aber, Medizynicus, das du Esoquatsch als Quelle angibst…

    Sicher, als studierter Mediziner werden dir sicherlich öfter negative Auswüchse der Alternativmedizin unterkommen, Scharlatane, leichtsinnige Anwendungen… aber einen Heiligenschein hat auch die Schulmedizin nicht.

    Letztendlich sollte man sich vielleicht auch Fragen, warum so viele Alternativen suchen und sich nicht mehr vertrauensvoll an ihren Arzt wenden? Vielleicht wird es für manch einen wieder Zeit, ein bisschen an der Basis zu schnuppern…

    Auch wenn ich selbst mich mit Heilkräutern bestens auskenne, begebe auch ich mich, wenn nötig, in ärztliche Hand. Diese Ärzte lassen aber auch meine Meinung und meine Ängste gelten. Sie behandeln vieles noch mit Hausmitteln. Sie kommen auf mich zu, wenn ich ein Mittel rebellisch verweigern möchte und wir kommen immer zu einem Konsenz.

    Letztendlich gebe ich wirklich den Ärzten die Schuld an die Patientenflucht in ungeprüfte Therapien und Mittel, die sich ein wenig aufs hohe Ross setzen und sich ob ihres Studiums für unfehlbar halten.

    Dabei haltet ihr Ärzte doch die Volksgesundheit in der Hand! Offenheit und Zuhören wären besser, als Tadel. Ihr habt tiefste Kenntnisse von Anatomie, Wirkstoffen, Krankheiten. Jetzt fehlt nur noch das Ohr am Volk, ja auch das Anerkennen von Hausmitteln. Die Offenheit neuen Therapien gegenüber, die nicht unbedingt im Labor nachgewiesen werden können. Gerade in der Medizin sollte man das Staunen doch noch nicht verlernt haben.

    Ich wünsche mir, dass die Ärzte ihre Patienten nicht unbedingt für unwissend halten. Ihren Körper kennen sie wahrscheinlich sogar besser. Sprecht den Patienten nicht jede Kompetenz ab und nehmt sie ernst. Wenn sich dann mal einer verläuft, kommt er auch ohne Scham zurück in die Praxis und lässt sich eines Besseren belehren…

    earthwitch

    31. Januar 2011 at 12:45

  3. ohauahauaha…. hat er ja gerade nochmal Glück gehabt, der Gute.
    Man kann ja nicht oft genug warnen vor solchen Experimenten mit den Harmlosigkeiten.
    Ich hatte so ein unschönes Allergie-Erlebnis nach dem Genuß einer Hawai-Pizza vom Pizza-Blitz, war wahrscheinlich auch irgendwas Ayurvedisches drin.

    Medizynikus, gehe ich Recht in der Annahme, dass sie heimlich raten welcher Berufsgruppe Ihr Patient angehört? Nicht dass da noch vorurteile ins Spiel kommen… 😉

    sweetkoffie

    31. Januar 2011 at 13:20

  4. Sosehr ich nachvollziehen kann, wie du vom Outfit usw. auf den Beruf geschlossen hast, traue ich solchen Leuten meist noch genug Verstand zu, zu wissen, dass aus dubiosen Import“apotheken“ im Internet lieber nichts wahllos genommen werden sollte, auch ohne bekannte Allergien…^^

    docadenz

    31. Januar 2011 at 18:35

  5. @docadenz
    Lehrern ist alles zuzutrauen, aber Verstand?! Da hat wohl jeder Arzt schon Dinge erlebt, bei denen man sich nur an den Kopf greifen kann. Mb. Pestalozzi ist eine der schlimmsten Krankheiten… 😉

    Antje

    31. Januar 2011 at 21:29

  6. Vor langer Zeit bei einem Naturheilkundekurs (als Allgemeinmediziner ist man ja immer auf der Suche nach dem Stein der Weisen und findet ihn doch nicht), leitete der indische Ayurvedadozent sein mehrstündiges Referat mit süffisantem Lächeln und der spitzen Bemerkung ein, das grösste Vorurteil über Ayurveda im Westen sei die Annahme, es handele sich um sanfte Medizin. Im Gegenteil man bediene sich ähnlich wie die sogenannte Schulmedizin stark wirksamer Substanzen. Der idyllische Stirnguss mit Öl, den man auf vielen Wellnessprospekten finde, lasse sich zwar gut vermarkten, sei aber eher ein unwichtiger Randbereich des Ayurveda …

    Klabauterdoc

    1. Februar 2011 at 17:59

  7. earthwitch: Dass jemand die Bezeichnung „Schulmedizin“ in einer ernst gemeinten Diskussion verwendet, entlarvt ihn eigentlich schon als parteiisch, wertend usw. – Es gibt keine „Schulmedizin“, sondern nur eine Medizin. Sie schließt alle Dinge ein, die erwiesener Maßen wirken, und alle aus, bei denen es sich um Unsinn handelt. Niemand spricht Pflanzen ab, dass sie gegen viele Krankheiten helfen können usw, ein großer Teil der verwendeten Medikamente leitet sich von Pflanzlichen Wirksubstanzen ab, die lediglich synthetisch hergestellt, modifiziert und in eindeutig festgelegten Mengen(!) und in entsprechende Präparate gebannt werden.
    Dass so viele Leute die „alternativen“ Suchen hat sehr viele Gründe, größtenteils gesellschaftliche und psychologische (es ist „hipp“, man fühlt sich elitär und überlegen weil man sich ja nicht hinters Licht führen lässt, man weiß es nicht besser und wird von falschen Behauptungen (keine Nebenwirkungen!) geworben u.ä.) – aber bestimmt nicht, weil die „Schulmedizin“ so schlecht funktioniere. Dass man zu wenig Zeit für die Patienten hat, da sind wir uns einig. Da sind aber nicht die Ärzte dran schuld.
    Und, etwas das mir auf der Zunge lag: Krankheiten, die sich mit „Hausmitteln“ behandeln lassen, sind in aller Regel sowieso so harmlos, dass sich deswegen zum Arzt zu gehen und 10€ zu zahlen lohnen würde.
    Jetzt bin ich extrem abgeschweift, das lies sich aufgrund der Fülle von angeschnittenen Themen aber auch gar nicht vermeiden.

    docadenz

    1. Februar 2011 at 22:43


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