Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for Januar 2011

Klinkkonzern, Juristenkeule und Streisand-Effekt

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Eine große Uniklinik wird privatisiert und an einen börsennotierten Konzern verkauft. Anschließend wird rationalisiert und optimiert. Politiker jubeln, die Presse auch. Alles läuft rund, alles in schönster Ordnung.
Wirklch?
Nicht ganz.
Es dauert nicht lange, da tauchen kritische Berichte auf: Patienten seien zu Schaden gekommen, da insbesondere am Pflegepersonal gespart worden sei. Im April wurde ein langer Fernsehbericht gesendet, in welchem sich Mitarbeiter und Patienten kritisch zu den Zuständen in der Klinik geäußert hatten. Und dann war da noch die Sache mit der falschen Bluttransfusion, an deren Folge ein Patient verstorben war…
Jetzt schlägt das Imperium zurück.
Es sei gar nicht so gewesen, sagt der Pressesprecher des Klinkums. Das ist sein gutes Recht. Dann aber bekommen zwei Ärzte Post vom Rechtsanwalt: Sie sollen eine Unterlassungserklärung unterschreiben. Wenn sie sich weiterhin negativ über das Klinikum äußern, ist eine Konventionalstrafe von 15000 Euro fällig.
Keiner der Beiden hat unterschrieben.
Stattdessen sorgt die Sache für weitere Schlagzeilen… nicht unbedingt positiv fürs Klinkum.
„Klassisches Beispiel für Streisand-Effekt sagt Klabauterdoc.
Klinikprivatisierungen sind kontrovers. Nicht alles daran muss schlecht sein. Aber wer, anstatt zu diskutieren, seine Gegner mit der Jura-Keule bedroht, der diskreditiert sich. Hier ist mal wieder ein Schuss nach hinten losgegangen.

Written by medizynicus

11. Januar 2011 at 05:12

Whistleblowing – oder: wer bläst die Pfeife?

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Petzen ist böse, das lernt man schon im Kindergarten: Wenn der Kevin dem Justin im Sandkasten die Schaufel über den Kopf haut, und der Marvin sieht das, dann soll der Marvin am besten ganz feste die Augen zumachen und das Maul halten. Nicht, weil er sonst selbst vielleicht vom Kevin vermöbelt werden könnte, sondern weil sich das einfach so gehört.
Und wenn sie dann alle etwas älter sind, dann schubst der Kevin den Justin vielleicht vor die S-Bahn oder schiebt ihm ein Messer zwischen die Rippen und der Marvin schaut zu und sagt nichts, weil man seine Kumpels nicht verpfeift.
So ist das halt, das hat man schließlich so gelernt.
Wenn der Marvin doch das Maul aufreißt, dann nennt sich as Zivilcourage. Und ist Zivilcourage erwünscht?
Anders gefragt: Wenn Opa Schimbulski ständig die Polizei holt weil die Jugendlichen auf seiner Straße mal wieder zwei Dezibel zu laut sind, ist das auch Zivilcourage? Wo ist die Grenze?
Auch im Gesundheitswesen gibt’s eine Menge Kevins und Justins. Es gibt Justins, welche übermüdet nach einem Vierundzwanzigstundendienst weiterarbeiten obwohl sie hundemüde und eigentlich nicht mehr zurechnungsfähig sind und natürlich ist die ganze Sache illegal, aber man will ja seinen Job nicht verlieren. Es gibt Kevins, welche in ihrer Eigenschaft als Chef- oder Oberärzte eine Menge Mist verzapfen, Behandlungsfehler noch und nöcher und dann auch noch ihr Personal schikanieren… aber von ihren Vorgesetzten gedeckt werden, weil…. Es gibt Krankenhausverwaltungen, die im Sparwahn die hirnrissigsten Vorgaben machen und trotzdem Jahrzehntelang damit durchkommen.
Ob eine gezielte Indiskretion hier und dort vielelicht Wunder wirken könnte?
Nee, sowas macht man einfach nicht!

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10. Januar 2011 at 05:20

Sankt Bürokratius und das Rattengift (Teil 2)

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Frau Wirges hat saumäßig schlechte Venen. Eigentlich fast gar keine Venen mehr. Das ist nicht ihre Schuld, aber es macht sie im Krankenhaus leider ziemlich unbeliebt. Denn wer ins Krankenhaus geht, der muss sich pieksen lassen, und wer das Pech hat, an einer Tachyarrhythmia Absoluta mit Vorhofflimmern zu leiden und deswegen mit Marcumar behandelt wird, muss sich besonders oft pieksen lassen. Normalerweise machen das zwar die Schwestern, aber wenn die es nicht schaffen, muss der Herr Doktor ran. Blut und Wasser habe ich geschwitzt, jedes Mal, wenn Frau Wirges wieder fällig war.
Letztendlich habe ich es meistens geschafft, manchmal schon nach drei, ab und zu aber erst nach sieben Versuchen. Manchmal hatte ich Glück und habe an einem ihrer Arme ein kleines Äderchen gefunden, manchmal auch am Fuß und ein paarmal habe ich das Blut aus der Leistenvene abgenommen, was für die Patientin extrem unangenehm und auf Dauer auch nicht ungefährlich ist.
Einmal habe ich nach dem fünften Mal aufgegeben und Kalle um Hilfe gebeten, aber selbst der hat drei Versuche gebraucht.
„Ist das wirklich notwendig?“ fragt Frau Wirges.
Ich senke den Blick.
„Leider…“
„Wie lange noch?“
„Im Grunde… also…“
Eigentlich lebenslang. Wobei es später reicht, alle drei oder vier Wochen einmal Blut abzunehmen. Aber immerhin…
„Ich hätte da eine Idee!“ sagt Kalle.

Written by medizynicus

9. Januar 2011 at 05:31

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Güntäär ist tot

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Also, hier spricht die Putzfrau vom Güntäär, die Mandy.
Der eine oder andere von Euch kennt mich ja vielleicht schon, weil ich tu ja nicht nur putzen beim Güntär. Eigentlich tu ich gar nicht putzen, zumindest nicht so, wie man denkt (es gibt Leute, die behaupten, ich könne gar nicht putzen), aber darum geht es ja nicht.
Ich wollte Euch nämlich sagen, dass der Güntär nicht mehr da ist.
Und das kam so.
Vor ein paar Tagen war da son Typ der war mir schon von Anfang an nicht geheuer. Ich konnte gar nicht sagen warum: Der Mann war höflich, sauber, trug einen schicken Nadelstreifenanzug und drückte sich sehr gepflegt aus, allerdings hatte er einen deutlichen Akzent, klant so ein wenig, als käme er aus Italien oder so.
Ja, und der Typ hat sich zunächst einen ganz normalen Termin für eine Kristallaurahokuspokus-Behandlung geben lassen, ich habe seine Kreditkarte genommen und ihm eine Tasse Yogi-Vishi-Vashi-Tee gegeben und er hat im Wartezimmer Platz genommen, ja und dann, als er beim Chef drinnen war… da wurde es plötzlich laut da drinnen. Ich habe mal an der Tür gelauscht, was ich natürlich sonst nie tu. Ich konnte nur ein paar Wortfetzen hören, „…halbe Million“ zum Beispiel und dann „…sofort..“ und „…nein, nicht morgen…“.
Und dann hab es einen lauten Knall und kurz darauf wäre ich fast umgefallen, so schnell ging die Tür auf und der Nadelstreifentyp kam raus.
„Kein falsches Wort und keine Polizei!“ zischte er mir zu, dann war er weg.
Der Güntär lag unter seinem Schreibtisch. In seinem Sessel war ein Loch.
„Zum Glück habe ich mich schnell genug geduckt!“ hat Güntär zu mir gesagt, aber jetzt muss ich verschwinden!“
Und dann war er auch schon weg.
Ja, und ein paar Wochen später hat hier in den Räumen dann eine Pizzeria aufgemacht. „Chez Angelo“ heißt der Laden. Und im Obergeschoss ist ein Massagestudio.

Written by medizynicus

8. Januar 2011 at 05:04

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Jahreszeitliche Kostümparaden

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„Kann mir mal einer sagen, was das hier bedeutet?“
Kopfschüttelnd blicke ich in Richtung Treppenhaus. Da stehen drei Kinder, vielleicht zwölf, dreizehn Jahre alt, mit Bettüchern und anderen Requisiten so ein wenig auf Ölscheichs zurechtgemacht und vorweg ein zehnjähriger mit einer Art Paddel in der Hand, dessen Ende aus einem sternförmigen gelbem Pappobjekt besteht.
„Erzählen Sie mir nicht, Sie hätten noch nie von Sternsingern gehört!“ sagt Schwester Paula.
„Was wollen die von uns?“
„Jetzt tu doch nicht so, als ob Du keine Ahnung hättest!“ sagt Jenny und stößt mich in die Seite.
„Ich habe aber keine Süßigkeiten dabei!“
„Aber vielleicht ein wenig Geld?“
„Werden die Patienten auch angeschnorrt?“
„Normalerweise kommen die Sternsinger zunächst zum Pflegestützpunkt und gehen dann von Zimmer zu Zimmer…“
Da setzt sich die Ölscheich-Truppe auch schon in unsere Richtung in Bewegung, gefolgt von einem Pfarrer oder Kaplan oder sowas. Ich muss jetzt erstmal dringend aufs Klo. Und wehe, irgendwer klopft an, bevor ich fertiggeschissen habe!
Ich drücke die Spülung, wasche meine Hände, sprühe mich mit Sterilium ein und… was sehe ich da an der Wand? Da sind diese Warnschilder, die wir bei Infektionsgefahr an die Zimmertüren hängen, wenn ein Patient wegen eines besonders bösen Keimes isoliert werden muß.
Und da kommt mir doch eine ganz böse Idee, wie man meinen Patienten eine Belästigung ersparen und die Kirche um einen Teil ihrer Spendeneinkünfte prellen könnte…

Written by medizynicus

7. Januar 2011 at 05:17

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Sankt Bürokratius und das Rattengift (Teil 1)

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Telefon geht, Gespräch von draußen.
„Hier ist die Frau Wirges…. kennen Sie mich noch?“
Frau Wirges? Ich erinnere mich dumpf. Da war doch etwas… aber was?
„Ja, ich bin die Frau, die wo diese Tabletten nehmen muss…“
Aha?
„Also die Tabletten, die wo das Blut dünner machen. Das Rattengift!“
„Äh… Sie meinen, Marcumar!“
„Genau, das Marcumar. Sie erinnern sich?“
Komm, hilf mir auf die Sprünge! Marcumar-Patienten sind auf internistischen Krankenhausstationen ungefähr so häufig wie Schnauzbartträger am Ballermann.
„Sie haben mir beide Arme grün und blau gepiekst!“
Jetzt weiß ich Bescheid! Marcumar ist ein Medikament, welches die Blutgerinnung hemmt. Das gibt man Patienten, die eine Thrombose oder eine Lungenembolie hinter sich haben oder Leuten mit gewissen Herzrhythmusstörungen. Das Gefährliche an dem Zeug ist, dass man es weder unter- noch überdosieren darf. Die Wirkung muss regelmäßig durch Blutentnahmen überprüft werden, und zwar in der Anfangsphase alle drei oder vier Tage.
„Sie sind die Frau Wirges…“
„…die Frau Wirges mit den schlechten Venen, genau die!“
„Richtig! Was kann ich für Sie tun, Frau Wirges?“
„Ich würde Ihnen gerne eine Geschichte erzählen, wenn Sie einen Moment Zeit haben!“
Habe ich Zeit?
Es ist früher Nachmittag und ich habe gerade mein übliches Leistungstief. Der Stapel der zu diktierenden Entlassungsbriefe wird nicht kleiner, wenn ich mir jetzt von Frau Wirges eine Geschichte erzählen lasse. Er wird aber auch dann nicht kleiner, wenn ich ihr nicht zuhöre… also gut.
„Worum geht es denn in Ihrer Geschichte?“
Die Patientin am anderen Ende der Leitung lacht.
„Um Ihren Entlassungsbrief,“ sagt sie, „und um meinen Kampf mit der Krankenkasse. Ein Kampf, der noch immer nicht entschieden ist!“
Na, dann schießen Sie mal los!

Written by medizynicus

6. Januar 2011 at 05:45

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Sind Ärzte Physiker oder Philosophen?

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Oder gar nichts von beiden? Sind Ärzte einfach Ärzte, wobei nicht alle Mediziner zu Ärzten werden und… lassen wir das. Tatsache ist: Jeder Medizinstudent muss nach Vollendung des zweiten Studienjahres das Physikum ablegen, sonst kann er nicht weiterstudieren. Offiziell heißt das Ganze inzwischen „Erster Abschnitt der Ärztlichen Prüfung“ (früher: „ärztliche Vorprüfung“), aber der alte Name hat sich tapfer gehalten und das, was dahintersteht auch: in den ersten zwei Studienjahren geht es hauptsächlich um die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Medizin, angefangen von Physik, Biologie und Chemie bis hin zu Biochemie, Physiologie und Anatomie. Und dass die moderne Medizin auf naturwissenschaftlichen Grundlagen beruht, will heute niemand mehr ernsthaft bezweifeln, abgesehen vielleicht von ein paar Hardlinern aus der Hokuspokustherapie-Ecke.
Und das ist schon ziemlich lange so, nämlich seit ziemlich genau hundertfünfzig Jahren.
Damals, 1861 wurde das Philosophicum abgeschafft.
Das Philosophicum war… wohl so eine Art Rundumschlag durch das, was man damals als „humanistische Bildung“ bezeichnete, also Dinge, die aus heutiger Sicht in der modernen Medizin nicht mehr ganz so wichtig sind.
Wirklich nicht?
An der Uni Würzburg hat man jetzt das <a href="„>Philosophicum wieder ausgegraben, und zwar offenbar auf Wunsch der Studierenden, als freiwillige Veranstaltung.
In der Medizin kommt es eben nicht nur auf naturwissenschaftlicher Erkenntnis und Faktenwissen und Technik sondern auch auf Ethik und Menschlichkeit an, und das kommt im Studium bislang leider kaum vor.

Written by medizynicus

5. Januar 2011 at 05:55

Frau Höbelmann – oder: die Jagd nach einem Phantom

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Als ich von der Besprechung zurückkomme, begebe ich mich schnurstracks auf Zimmer sechzehn. Dort liegen zwei etwas fragil aussehende ältere Damen.
„Guten Tag, wer von Ihnen ist Frau Höbelmann?“
Keine fühlt sich angesprochen.
Ich wende mich an die Dame in dem mir am nächsten stehenden Bett.
„Frau Höbelmann?“
Keine Antwort. Die Gestalt vor mir starrt ausdruckslos ins Leere.
Dann muss es die Andere sein.
„Frau Höbelmann?“
„Nee, die is nich mehr hier!“
„Warum?“
Die Patientin deutet auf das leere Bett nebenan. Das Bett ist benutzt, aber auf dem Nachttischchen fehlen die üblichen Krimskramssachen.
„Die ist soeben gegangen!“
„Wohin?“
„Nach Hause, nehme ich an…“
„Und wann?“
„Jetzt gerade… vor vielleicht zwei Minuten…“
Ohne ein weiteres Wort stürme ich in Richtung Pflegestützpunkt. Vielleicht erwische ich die Patientin ja noch irgendwo. Aber am Stützpunkt ist nur noch Schwester Paula. Und die Krankenakte von Frau Höbelmann.
„Sie sollen den Brief gleich zum Hausarzt faxen!“ sagt Schwester Paula, „die Angehörigen werden so gegen neun Uhr dort sein!“
Tief einatmen, nicht aufregen, wortlos nehme ich die Akte und einen Becher Kaffeeplörre und verziehe mich ins Arztzimmer. Höbelmann, Alwina, Jahrgang fünfundzwanzig.
Zwar habe ich die Dame nie gesezen, aber in der Besprechung habe ich immerhin den Aufnahmegrund erfahren: Synkopenabklärung.
Aus der Akte erfahre ich, dass ihr angablich schwindelig und schwarz vor Augen geworden war. Oberarzt Heimbach hat dann übers Wochenende ein paar Untersuchungen gemacht und entschieden, dass sie nach Hause darf, unter der Voraussetzung, dass das Langzeit-EKG in Ordnung ist. Das Langzeit-EKG-Gerät wurde gestern, am Sonntag abgenommen und die Daten sind mit Sicherheit noch nicht im Computer.
„…die Befunde stehen noch aus.“ diktiere ich. Jetzt noch die ellenlange Medikamentenliste hinzufügen und dann im Schreibbüro ganz lieb Bitte-Bitte machen auf dass mein zusammenfabuliertes Machwerk heute vormittag noch beim Hausarzt landet.

Written by medizynicus

4. Januar 2011 at 05:13

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Frau Höbelmann und der Brief

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Über Bad Dingenskirchen dämmert soeben der dritte Morgen des neuen Jahres herauf und mit dem Morgengrauen beginnt mal wieder der Ernst des Lebens: der erste reguläre Arbeitstag nach den Feiertagen.
Fit und ausgeschlafen mache ich mich auf den Weg zu meiner Arbeitsstätte.
Der Pförtner blickt kurz von seiner Zeitung auf und tut wie immer so als hätte er meinen Gruß nicht bemerkt.
Tapptapptapp, die Treppe rauf. Schlurfschlurfschlurf, ins Schwesternzimmer.
„Ein wunderschönes Frohes Neues Jahr, allerseits!“
Meine gute Laune will ich mir nicht nehmen lassen. Noch halten meine Neujahrsvorsätze.
Schwester Paula schaut mich emotionslos an.
„Frau Höbelmann geht heute heim!“ sagt sie.
Wer ist Frau Höbelmann? Warum geht sie heute heim? Warum auch nicht? Geht mich das etwas an?
„Ist Okay…“ Ich bemühe mich um einen professionell-neutralen Ton.
„Um acht Uhr wird sie abgeholt!“
Ja? Na und?
„Ist der Arztbrief schon fertig?“
Ach daher weht der Wind! Ich ahne Schlimmes…
„Keine Ahnung. Wer sollte den Brief geschrieben haben?“
„Frau Höbelmann liegt in Ihrem Bereich!“
Hab ich’s mir doch gedacht. Die Krankenakte liegt praktischerweise griffbereit auf dem Schreibtisch bereit; ich nehme sie die Hand und schlage sie auf.
Höbelmann, Alwina liegt auf Zimmer sechzehn. Damit befindet sie sich formell auf dem Territorium, für das ich verantwortlich bin.
Frau Höbelmann wurde am Tag vor Silvester aufgenommen, um halb fünf Uhr nachmittags, will sagen: kurz nachdem ich das Haus verlassen habe. Silvester war ich nicht da. Am Neujahrstag war keine Routine-Visite möglich, ich war mit Notfällen und den üblichen Stationskleinigkeiten mehr als ausgelastet. Dann kamein Sonntag, den ich zu Hause und weitgehend im Bett verbracht habe und heute…
Ich schaue auf die Uhr.
„Ich muss runter zur Besprechung!“
„Und was ist mit dem Brief?“ ruft Schwester Paula mir nach.
„Wenn ich den schreiben soll, dann verlässt die Patientin das Haus nicht, bevor ich sie gesehen habe!“
Die Antwort höre ich nicht mehr.

Written by medizynicus

3. Januar 2011 at 05:21

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Erstes Ausschlafen im Neuen Jahr…

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In den frühen Morgenstunden schläft man am tiefsten. Zumindest ich tu das so und dieser frühmorgendliche Tiefschlaf ist das Gesündeste und Erholsamste an der ganzen Nacht, was insbesondere dann gilt, wenn man die Nacht im Wesentlichen auf den Beinen verbracht hat.
Nichts Dramatisches, nur der übliche Kleinkram hier und dort. Bei der Übergabe werde ich meinen Mund verziehen und durch die Augenringe hindurch zu lächeln versuchen und ein „halb so wild!“ antworten auf die Frage wie es denn so war.
Sarah wird die Nächste sein in der endlosen Piepserstaffette und wenn ich ihr das Ding übergebe will ich zuvor möglichst alles geregelt haben, denn noch halten meine guten Vorsätze, zumindest was Sarah betrifft.
Um halb fünf habe ich es endlich geschafft, mich ein wenig aufs Ohr zu hauen und… siehe Oben…. gerade den tiefsten Punkt meiner Tiefschlafphase erreicht als…
ja, das war’s dann!
Frühmorgendliche Zugänge bringen mich immer aus dem Konzept: eigentlich brauche ich die letzte Stunde vor der Übergabe um wach zu werden, aufzustehen, mir die Zähne zu putzen und dann in aller Ruhe noch einmal über alle Stationen zu gehen, aber daraus wird wohl heute nichts.
Schwester Anna träufelt ein halbes Kilo medizinischer Informationen in mein Ohr, aber ich muss den Telefonhörer weghalten, bin noch nicht wach genug um das alles zu verarbeiten, belle ein „Ich komm schon!“ hinein, greife nach Kittel und Stethoskop und mache mich gähnend auf den Weg.
Ist nichts Schlimmes. Eine Omi, die auf der glatten Straße beim Zeitungreinholen gestürzt ist.
Und kurz darauf geht erneut mein Piepser. Sarah ist dran.
„Geh heim, ich mach das schon!“
Ich könnte sie umarmen! Würde ich sowieso gerne, aber das ist eine andere Geschichte, und jetzt freue ich mich auf einen vierfachen Espresso und mein Bett.
Und über Bad Dingenskirchen graut gerade der zweite Morgen des Jahres.

Written by medizynicus

2. Januar 2011 at 05:44

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn