Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Schlaganfall und Rattengift

with 7 comments

Frau Wirges ist wieder da.
Am Morgen entdecke ich ihren Namen beim routinemäßigen Blick auf die Tafel mit den Patientennamen. Wenig später in der Frühbesprechung erfahre ich den Grund für ihre erneute Anwesenheit in unserem gastlichen Haus.
„Wirges, Anna, neunundsiebzig Jahre, akuter Apoplex mit Hemiparese links,“ betet Martin routiniert herunter, „Im CT rechtsseitiger Mediainfarkt nachgewiesen, aber da die Symptome schon mehr als zwölf Stunden bestanden hatten war es zu spät zur Lysebehandlung. Neurologisches Konsil ist gelaufen…“
„Weiter konservativ!“ sagt der Chef.
„Gibt’s Risikofaktoren und Vorerkrankungen?“ fragt Oberarzt Heimbach.
„Vorhofflimmern mit Tachyarrhythmia Absoluta!“ sage ich.
„Ich nehme an, sie ist antikoaguliert?“ Heimbachs Frage ist eher rhetorisch gemeint. Bei dieser Herzrhythmusstörung können sich im Herzen kleine Blutgerinsel bilden, deswegen sollten alle entsprechenden Patienten ein Mittel zur Blutverdünnung (korrekt ausgedrückt: zur Hemmung der Blutgerinnung) einnehmen. Das ist allgemein bekannt und eigentlich Routine.
Aber eben nicht bei Frau Wirges.
„Ich glaube… äh… eher nicht!“ sage ich.
Oberarzt Heimbach schaut mich scharf an.
„Warum nicht?“
„Es hab da… gewisse Probleme!“
Heimbachs Blick läßt vermuten, dass er später noch eine ausführliche Erklärung verlangen wird, aber nicht jetzt.
Und nach der Besprechung gehe ich erstmal zur Patientin. Ihr linker Arm und der linke Mundwinkel hängen herunter. Aber immerhin, sprechen kann sie noch.
„Das Gerät ist immer noch nicht genehmigt worden!“ sagt sie.
„Und die Spritzen?“
Die Patientin winkt ab.
„Das habe ich eine Woche lang gemacht… dann war mir das einfach zu kompliziert…“
Jeglichen Kommentar verkneife ich mir.

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Written by medizynicus

2. Februar 2011 um 05:35

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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7 Antworten

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  1. Scheiße 😦

    Squirrel

    2. Februar 2011 at 07:47

  2. Verdammt, da ist ja so ziemlich der worst case eingetreten!

    Aber siehst du, wir brauchen unbedingt mehr Bürokratie in Deutschland!!!11

    Schade dass man bei sowas, der Kasse gegenüber, eher keine Schadenersatzansprüche geltend machen kann…

    Und selbst wenn… Die paar Kröten brächten ihr jetzt mit ihren fast 80 Lentzen auch nichts mehr…

    traurig

    stachel

    2. Februar 2011 at 10:15

  3. Nächste Stufe: sozialvertägliches Ableben 😦
    Dann spart die Kasse das Gerät.

    Im Krankenhaus merkt ihr das ja nicht, aber der Bereich der „Hilfsmittel“ ist ein einziger Bürokratie-Sumpf.

    Nur um die Größenordnung klarzumachen:
    Anteil an den Ausgaben der Kassen: 21400 Apotheken 2,5%
    ca. 160 Krankenkassen Verwaltungskosten 5,2%

    – die Leuta da brauchen Arbeit (und bringen alle im Gesundheitswesen beschäftigten etwas näher an den Herzinfarkt -> siehe oben)

    Sorry – ich hab mich gerade wieder mal geärgert

    Murgs

    2. Februar 2011 at 15:22

  4. perfusor anhängen ?

    Igor

    2. Februar 2011 at 16:37

  5. Da isse wieder die alte Schuldfrage. Immer muss einer gehängt werden, wenn ein Mensch krank wird. Stichwort Schamkultur. Erstens hätte sie ASS schlucken können das erfüllt die Indikation der Prophylaxe, zweitens ist die Genehmigung dieser INR-Selbstmessgeräte nicht die Regel und bei Ende 70jährigen auch nicht so gut, wie die regelmäßige Blutentnahme in der Arztpraxis, weil damit auch immer ein kurzer aber professioneller Blick auf den Patienten verbunden ist.
    Letztlich steigt mit dem Lebensalter das Morbiditätsrisiko proportional und die Marcumarisierung ist kein Vollschutz gegen Embolien im Licht der auch vorhandenen NW, sonst müsste jeder ältere Hypertoniker prophylaktisch antikoaguliert werden. Aufklärung des Patienten über die Optionen reicht, Oberarzt-Augenbrauen-Hochziehen ist nicht hilfreich.
    Das Leben ist eine sexuell übertragbare Erkrankung mit 100% Mortalität! (British Sense of Humour.)

    Kreativarzt

    2. Februar 2011 at 17:36

  6. @Kreativarzt definitiv Nein….

    Ich sehe es sorum:

    Jeder Mensch bekommt einen Körper, einige einen besseren, andere einen schlechteren, Thats Life!

    ABER: Jeder geht mit diesem Körper um wie er kann. Einige gut andere schlecht. Einigen ist er egal anderen nicht.

    Problem an der Stelle: Alle zahlen dafür, dass einige wenige mit ihrem Körper schlecht umgehen.

    Weiviele der Probleme mit Herzkreislauf-Erkrankungen sind schlichtweg hausgemacht? Sehr viele!

    Problem an der Stelle: Es wäre unfair dem einem das, dem anderem das zu zahlen. Nur leider ist die Art und Weise wie im Moment das meiste nicht bezahlt wird auch ziemlich dämlich.

    Wenn man sich anguckt, dass viele Kassen mehr für Betriebseigene Kosten ausgibt, als für ihre Patienten?

    gr3if

    2. Februar 2011 at 19:08

  7. Sch… gelaufen. Aber wenn Frau Wirges schon die Spritzen zu kompliziert sind (was bitte ist daran kompliziert?!), dann wäre sie mit dem Gerät wahrscheinlich ebenso nicht zurecht gekommen.
    Und trotz Aufklärung (Ärzte, alle Medien) mit einer Halbseitenlähmung 12 Stunden abzuwarten spricht leider auch nicht für eine zuverlässige Patientin… Naja, nun kommt sie in die Reha und dann kümmert sich der Pflegedienst / das Pflegheim – die Kosten im Gesundheitswesen explodieren in diesem wie in vielen Fällen einfach aufgrund der Dummheit der Patienten. Und sagt jetzt nicht, die Kasse mit dem nicht genehmigten Gerät ist schuld! (Die verbocken andere Sachen, aber hier waren sie offensichtlich im Recht)

    Antje

    2. Februar 2011 at 19:27


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