Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Unvermeidbares Schicksal oder… hätte sie gerettet werden können?

with 16 comments

Vor ein paar Tagen erreichte mich folgende Mail einer Leserin, die ich zunächst einmal unkommentiert hier weitergeben möchte:

Zugetragen hat sich das alles im Jahre 2009. Zum Ende des Sommers sollte meine Mutter ein neues Hüftgelenk erhalten. Sie war leider übergewichtig und nicht zuletzt deshalb hatte sich die OP schon mehrere Jahre nach hinten verschoben. Ein weiterer Grund für die Verzögerung war, dass sie erst 50 Jahre alt war und dementsprechend „kleine“ Kinder hatte. Ganz zu schweigen von drohenden Ersatz-OPs der Gelenkprothese (gemeint sind: Wechsel der Prothese nach 15-20 Jahren – d.Red.). Die OP sollte wegen der jahrelangen Arthrose durch die angeborene Fehlstellung schwierig werden, weshalb sich auch eine Privatklinik mit fadenscheinigen Argumenten davor drückte (Hautveränderung als Petechien bezeichnet, hat später ein anderer Arzt als nicht wahr bezeichnet). Also nahm sich schlussendlich 2009 die Uniklinik ihres Hüftgelenks an.
Die OP verlief gut, neben einem größeren Hämatom, lief die Heilung super. Nach knapp 2 Wochen sollte es zur Reha gehen, aber im ganzen Bundesland gab es keinen Platz. Also erstmal eine Woche nach Hause und warten auf bis der Platz in einer der vielen Reha-Einrichtungen nahe der Ostseeküste frei war. Dabei zeigte sie mir noch ganz stolz, wie gut sie schon die Thrombose-Spritzen sich selbst setzen konnte. Dann ging es in die Reha-Einrichtung, 3 Wochen. Auch dort bekam sie die Thrombose-Prophylaxe. Lediglich an den letzten 2 Abenden vor der Entlassung war sie zum Zeitpunkt der „Spritzengabe“ nicht im Zimmer. Das hat sie uns Kindern noch berichtet. Nach Haus ging es einen Abend früher als geplant, das Bett wurde gebraucht. Nach der Verabschiedung am Morgen vor der Arbeit, fand man sie mittags, schon einige Zeit verstorben. Der Notarzt diagnostizierte eine Lungenarterienembolie.
Die Frage ist, ob das Pflegepersonal nicht vielleicht hätte nachkommen sollen mit dem Spritzen?
Oder ob so zwei Tage nichts ausmachen. Jedoch hab ich gelesen, dass gerade adipöse Patienten besonders lange so eine Prophylaxe benötigen. Fast 6 Wochen waren ja schon rum seit der OP.

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Written by medizynicus

21. Februar 2011 um 20:19

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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16 Antworten

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  1. Bei aller Tragik (und ich lasse mal dahingestellt, ob der Ausloser die vergessenen Spritzen waren) würde ich sagen:
    1. Sie wusste, dass sie die Thromboseprophylaxe wenigstens noch bis zum Ende der Reha bekommt.
    2. Sie wusste, dass die Schwestern mit Ihrer Runde durch waren.

    Mein Fazit:
    Sie ist mobil gewesen und hätte nur bei den Schwestern Bescheid sagen müssen.

    Nadine

    21. Februar 2011 at 21:06

  2. weiss keiner, wird nie jemand wissen…

    Da jetzt im Nachhinein zu klugscheissen, noch dazu wenn man nur diese Email als Quelle hat ist doch völlig sinnlos.

    Patrick

    21. Februar 2011 at 22:28

  3. @Patrick
    sehe ich auch so

    Es gibt auch sogenannte „schicksalhafte Verläufe“, wo die Schuld bei niemandem festgemacht werden kann.

    docangel

    22. Februar 2011 at 07:47

  4. Beschuldigen ist pathologische Trauerverarbeitung

    Kreativarzt

    22. Februar 2011 at 12:54

  5. Wieso eigentlich soll der Arzt ein größeres Interesse an der Gesundheit des Patienten haben, als dieser selbst?

    Thomas

    22. Februar 2011 at 12:59

  6. Als ich das letzte Mal im Krankenhaus war, gab es die Thrombosespritze lecker zum Aufwachen noch vor dem Frühstück. Ist aber auch das eine oder andere Jahrzehnt her ….

    Was hier geschah, war wohl vermeidbar. Aber man weiss so wenig. Gab es eine Vereinbarung, dass rumlaufende Patienten, die die Prophylaxe verpassen, sich diese selbst abholen sollen? Wenn die Prophylaxe wichtig ist (das war sie wohl), dann ist es sehr wohl die Aufgabe des medizinischen Personals, diese auch zu verabreichen. Allein aus Gründen der Dokumentation und Qualitätskontrolle musste da doch sicherlich ein Häkchen in ein Kästchen, mit Uhrzeit dahinter?
    Also hat das Personal geschlampt.
    Warum? Weil übergewichtige Patienten ohnehin unbeliebt sind im Krankenhaus und deshalb in genau diesem Fall nicht so genau geguckt wurde? Weil der Personalschlüssel unter aller Sau ist?
    Jedenfalls ist jetzt eine Frau tot, und müsste es nicht sein. Schöne Scheisse.

    vermeidbar

    22. Februar 2011 at 20:33

  7. Tragisch. Aber es bürgert sich in unserem Land zunehmend ein, dass nicht der Mensch (oder seine Angehörigen) für sich selbst, sondern die Ärzte verantwortlich sind. Denen kann man so schön – ohne schlimme Folgen zu provozieren (die Ärzte werden den Büttel schon nicht hinschmeißen!) – kräftig an’s Bein pinkeln. Hach, tut das gut!

    Ja hat denn die Politik heimlich das Grundgesetz geändert und der neue § 1 lautet: „Die Ärzte sind für alles verantwortlich und an allem schuld“?

    der Landarsch

    23. Februar 2011 at 09:38

  8. @Landarsch
    Ja, das medizinische Personal ist für einen stationär aufgenommenen Patienten verantwortlich.
    Ich glaube, das gehört zur Stellenbeschreibung. Wer das nicht möchte oder generell nicht zur Verantwortungsübernahme neigt, kann ja unter vielen anderen Berufen auswählen, wo Schlamperei nicht gleich ein Menschenleben kostet.

    vermeidbar

    23. Februar 2011 at 11:21

  9. Na, super.

    Und statt dass man sich mal fragt „hätten WIR (nämlich die mit dem Fachwissen und damit der besseren Übersicht) das vermeiden können“ schiebt man die Schuld flugs dem Patienten in die Schuhe.
    Tolle Wurst.

    Wie sieht es denn aus, wenn der Arzt mit der Aussage „nein, DAS kann auf keinen Fall eine Thrombose sein“ Diagnostik verweigert und der Patient keine Woche später genau daran stirbt? Ist dann auch der Patient schuld – weil es so doof war, dem Arzt zu vertrauen?

    Benedicta

    23. Februar 2011 at 14:15

  10. Es ist einfach nur traurig, dass es hier, wie immer in der deutschen Medizin, nur um Schuld einzelner Personen oder Personengruppen geht. Ich wünschte es wäre ein dummes Vorurteil meinerseits, aber es ist so, „der Deutsche“ braucht, wenn etwas schiefgegangen ist, jemanden den er an die Wand nageln kann, irgendwer muss schuld sein und der muss gefunden werden. Peinlich, sonst garnichts. Nach einem solcher Ereigniss gilt es den Fehler im System aufzudecken der das ganze verursacht hat. Fehlerhafte Strukturen zu überarbeiten und aus dem ganzen zu lernen um eine Wiederholung zu vermeiden. Das kostet Zeit und Geld und natürlich ist es viel einfacher igendeine arme Sau zu feuern und so weiterzumachen wie bisher.

    Patrick

    23. Februar 2011 at 18:39

  11. Für die, die sich so sicher sind, dass es einen Schuldigen gibt:
    Die Behandlung mit den angesprochenen Spritzen ist eine stochastische. D.h. durch die darin enthaltenen Heparine wird die Wahrscheinlichkeit für eine Thrombose oder Lungenembolie im statistischen Durchschnitt in einen Bereich gesenkt, in dem Risiken (Nebenwirkungen) und Nutzen (gesenktes Thromboserisiko) in einem für den Patienten vorteilhaften Verhältnis stehen. Das heisst aber nicht, dass man so keine Thrombose oder Lungenembolie bekommen kann, nur das Risiko ist geringer. Es ist also gar nicht gesagt, dass die Geschichte auch mit den zwei fehlenden Behandlungstagen nicht genauso ausgegangen wäre. Darüber hinaus gibt es Kollegen, die diskutieren, ob es nicht besser sei, die Thromboseprophylaxe ein paar Tage vor der Entlassung zu stoppen und nicht erst am Austrittstag. Der Grund dafür ist die Annahme, dass in den ersten Tagen nach dem Absetzen das Thromboserisiko etwas höher ist als normal und man so im Falle eines Ereignisses in der Klinik reagieren kann und der Pat. nicht alleine damit zu Hause ist.
    So tragisch die Geschichte ist, sie zeigt einmal mehr, dass Medizin keine Ingenieurswissenschaft und der Pat. kein technisches Gerät ist, bei dem alles steuerbar ist, wenn man es denn nur richtig macht.

    Klabauterdoc

    23. Februar 2011 at 23:44

  12. @ vermeidbar und @ Benedicta: genau das ist der grundlegende Irrtum: das medizinische Personal ist n i c h t für das Fehlverhalten von Patienten oder für deren Desinteresse und Gedankenlosigkeit (schon gar nicht nach der Entlassung) verantwortlich. Das medizinische Personal ist ausschließlich für die eigenen Handlungen verantwortlich und für die notwendige Aufklärung und Unterweisung der Patienten (bezüglich der vorgenommenen Handlungen) entsprechend deren Wissen- und Bildungsstand!

    Wo kämern wir denn hin, wenn die Ärzte jetzt auch noch strafrechtlich verantwortlich gemacht würden, wenn die Patienten die verordneten Medikamente nicht einnehem und deshalb kränker werden!

    @benedikta: eine verweigerte Untersuchung, die dann zu einem Schaden führt, ist immer ein strafbarer Kunstfehler, allenfalls dann nicht, wenn vorher nichts darauf hingedeutet hat, dass diese Untersuchung notwendig ist. Wir sind nämlich so nebenbei auch zur Sparsamkeit verpflichtet und können Untersuchungen, deren Bezahlung ja nicht vom Himmel fällt, nicht just for fun machen. Andersrum wär’s nämlich auch – juristisch gesehen – Körperverletzung, wenn ich eine überflüssige Untersuchung erzwinge!

    der Landarsch

    24. Februar 2011 at 09:04

  13. Auffallend ist, dass alle Ärzte auf dieser Seite jedenfalls sicher wissen, dass auf keinen Fall ein Arzt oder das Personal für den Tod der Frau verantwortlich sein können. Landarsch glaubt sogar zu wissen, dass bei der Patientin Desinteresse und Gedankenlosigkeit vorgelegen haben müssen. Diese besteht laut Text darin, ihr Zimmer verlassen zu haben, vielleicht zum Zweck, dass Spazierengehen eine Thrombose verhindern hilft, Verehrtester??? Hat das Personal sie vielleicht dazu angehalten? War Zimmerarrest vereinbart? Muss man jetzt vielleicht 10 Semester Medizin studieren, um in einer Klinik sicher zu sein?
    Die Frage der Schuld ist zugleich die Frage der Vermeidbarkeit künftiger Fehler, also aktiver Schutz aller Patienten in spe, ergo alles andere als überflüssig, Patrick.

    dasentlein

    26. Februar 2011 at 12:12

  14. @ Entlein: Ich habe nicht geschrieben, dass die Suche nach einem Schuldigen überflüssig ist. Ich denke aber sie ist nicht zielführend. Genau das ist nämlich der grosse Trugschluss, zu glauben mit einem Schuldigen hätte man das Problem gelöst. So ist es aber in der grossen Mehrheit der Fälle eben nicht. Was sich in der Fliegerei seit Jahrzehnten durchgesetzt hat funktioniert in der Medizin leider immernoch nicht. Wenn etwas schief geht, liegt in der Regel ein Systemfehler vor. Systemfehler deckt man auf indem man offen über Fehler spricht, ohne in der ständigen Angst leben zu müssen an den Pranger oder vor Gericht gestellt werden zu müssen. Im obigen Fall ist wahrscheinlich etwas schiefgegangen, ja, aber wenn man rausfindet wer das verbockt hat und die betreffende Person rauswirft hat man nichts gewonnen, schon garkeine Sicherheit für zukünftige Patienten. Es gibt massenhaft Studien, die beweisen, dass es so nicht funktioniert. Eine detailierte Analyse der Abläufe hilft den Fehler aufzudecken und ein System zu entwickeln um diesen in der Zukunft zu vermeiden. DAS nennt man aus Fehlern lernen. Nur einen Schuldigen zu finden und zu bestrafen bedeutet so weiter zu machen wie bisher…

    Patrick

    27. Februar 2011 at 19:36

  15. @Patrick
    O.K., aber die Frage wird erlaubt sein, warum die Frau die Spritze nicht bekommen hat, nur weil sie gerade nicht im Zimmer war. Es gab ja diesen Selber-schuld-Kommentar eben auf dieser Seite!
    In der Süddeutschen Zeitung findet sich ein Artikel, in dem zu lesen steht, dass Ärzte auch anonym nur sehr ungern Fehler zugeben. Ich würde Dir also recht geben, dass es an der Fehlerkultur mangelt, wie ja immer wieder festgestellt wird.
    Es ist übrigens ziemlich schwierig, jemanden strafrechtlich dranzukriegen, ich befürworte die übertriebene Keule auch nicht und dass es tragische Verstrickung gibt, wird ja auch gesehen.
    Ich finde allerdings auch, dass die Frau hier als Angehörige jedes Recht hat, erstmal negative Gefühle zuzulassen und auszudrücken und auch nach der Schuld zu fragen.

    dasentlein

    28. Februar 2011 at 09:38

  16. Mal ne andere Perspektive:

    „Der Notarzt diagnostizierte eine Lungenarterienembolie.“

    Wie denn? Mobiles CT? Notfallautopsie im RTW? Natürlich ist die LE eine beliebte Diagnose für einen verstorbenen Patienten nach einer Operation, aber der Beweis ist mit den Möglichkeiten, die man präklinisch so hat, doch eher schwierig bis unmöglich zu erbringen… Bei Zweifeln mache ich das Kreuzchen bei „ungeklärt“ und lasse die Staatsmacht anrollen, hat sich sehr bewährt im Kampf gegen potentielle Phantasiediagnosen!

    Andi

    4. März 2011 at 17:12


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