Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for Februar 2011

Richtig fiese Bazillen

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Kurzer Blick in die Akte, Klopfen an der Zimmertür, Griff zur Klinke und….
„Halt!“ schreit Schwester Anna.
Ich ziehe meine Hand zurück.
„Was ist los?“
„Der ist doch positiv!“
„Wie bitte?“
„Der Herr Schreiner auf Zimmer zwölf hat MRSA!“
Anna beginnt, sich umständlich mit Handschuhen, Mundschutz und Plastikschürze zu verkleiden und erwartet von mir Selbiges. Ich versuche zu protestieren.
„Und wenn ich nichts anfasse?“
„Trotzdem, Vorschrift ist Vorschrift!“
Also Verkleidung an, nochmal klopfen und dann eintreten. Einen guten Meter vom Patientenbett entfernt bleibe ich stehen.
„Guten Morgen, Herr Schreiner!“
Patient rührt sich nicht.
„Alles in Ordnung?“
Zustimmendes Grummeln.
„Dann machen wir einfach weiter so!“
Auf dem Absatz umdrehen, raus aus der Tür, Verkleidung ablegen und alles in die bereitstehenden Mülltonnen. Keine dreißig Sekunden haben wir im Zimmer verbracht.
„Und was kostet das jetzt?“ frage ich während ich einen halben Liter Desinfektionslösung über Hände und Unterarme verteile.
Schwester Anna runzelt die Stirn.
„Was jetzt?“
„Das Zeug, was wir da gerade in den Müll geschmissen haben?“
„Drei Euro… oder vier…“
„Vier Euro für dreißig Sekunden… soviel zum Thema Kostendämpfung im Gesundheitswesen…“
„Aber wenn wir uns nicht verkleiden und den Patienten im nächsten Zimmer anstecken, was glaubst Du, was das wohl kostet?“
Das mag wohl richtig sein. Jedenfalls ist mir klar, warum man dieses Zeug allgemein als Problemkeim bezeichnet.

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18. Februar 2011 at 07:01

Strafdiagnostik

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Sarah ist stinksauer.
„Der hat mich angekotzt!“
„Wer?“
„Dieser Patient in der Notaufnahme…“
„Oh ja, das kenne ich! Mich kotzen die Patienten auch manchmal an!“
„Nee, ich meine so richtig. Im Schwall.“
„Er hat im Schwall erbrochen?“
Sarah nickt.
„Ja, das kommt vor. Wir befinden uns ja schließlich in einem Krankenhaus!“
„Aber ich sage Dir, der hat das mit Absicht gemacht! Der hat sich noch extra zu mir hingedreht, und obwohl ich ihm eine Nierenschale angereicht habe…“
Ich glaube ihr. Sowas gibt’s wirklich. Man weiß zwar nicht warum, aber das gibt’s. Manche Dinge will man auch gar nicht verstehen.
„Und jetzt?“
„Also ich gehe da nicht mehr hin!“
Na gut, dann werde ich wohl den ritterlichen Retter spielen müssen. Wieder mal. Tu ich ja gerne. Zumindest für Sarah.
„Wie wär’s mit ein bißchen Diagnostik?“ frage ich.
Sarah runzelt die Stirn.
„Also… zuerst einmal muss er natürlich rektal untersucht werden…“
Das heißt auf gutdeutsch: Finger in den Hintern. Des Patienten natürlich.
„Ich nehme an, Du hast das noch nicht getan?“
Sarah schüttelt den Kopf.
Ich ziehe streife mir Gummihandschuhe über und lege vorsichtshalber eine Plastikschürze an.
„Und dann… wäre vielleicht ein disziplinarischer Einlauf fällig…“ fahre ich fort, „am besten ein ordentlicher hoher Senkeinlauf. Medizinisch ist das allemale gerechtfertigt!“
„…und dann verstrahlen wir ihn!“ wirft Kalle ein, „Ein Abdomen CT ist in jedem Fall indiziert. Und natürlich eine Darmspiegelung. Die mache ich. Höchstpersönlich!“
Er grinst.

Written by medizynicus

17. Februar 2011 at 05:24

Doktor hinter Gittern

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Neulich habe ich meinen Kollegen Dr. Gutmensch im Knast besucht.
Da brummt er gerade fünf Jahre ab, wegen Verstoß gegen das Betäubungsmitelgesetz.
Was hat er getan? Vielleicht heimlich zur Aufbesserung seiner Kasse nachts hinterm Bahnhof bunte Pillen verkauft? Oder einen notorischen Querulanten mit einer gehörigen Dosis Morphium um die Ecke gebracht? Nein, nichts dergleichen.
Bei meinem letzten Besuch hatte mein Kollege den Tathergang ungefähr so beschrieben:
„Es war in einer kalten, stürmischen Winternacht: Dreißig Zentimeter Neuschnee und Windstärke acht. Ungefähr gegen drei Uhr nachts klingelt mein Handy, der Sohn von Frau Leidemann ist dran. Seine Mutter hat metastasierenden Darmkrebs im Endstadium und leidet höllische Schmerzen. Also bin ich hingefahren, hinaus nach Einödshofen, fünfzehn Kilometer über ungeräumte Landstraßen. Ich habe angeboten, ihr eine Spritze zu geben, aber das wollte sie nicht, denn sie hat wahnsinnige Angst vor Nadeln. Also habe ich ihr eine Tablette Morphium gegeben. Die hat sie gleich genommen und sie hat gut geholfen. Da hat sie mich gefragt, ob ich ihr nicht zwei oder drei Tabletten dalassen könnte. Das habe ich dann auch getan.“
„Und?“ fragte ich, „Was kam dann?“
„Nichts!“ sagt mein Kollege, „das war es. Das war mein Vergehen. Der Sohn hat die Polizei gerufen und die haben mich noch in derselben Nacht verhaftet!“
Okay, das stimmt nicht.
Natürlich ist die Geschichte (wie so vieles hier in diesem Blog) erstunken und erlogen. Aber sie ist möglich. Es klingt verrückt, aber es ist wahr: ein Hausarzt, welcher einem schwerkranken Patienten in einer Notsituation ein paar Tabletten Morphium überlässt, handelt illegal und riskiert eine Haftstrafe und wäre vermutlich auch im Falle einer Bewährungsstrafe erstmal seine Approbation los.
Weil nun die meisten Ärzte keine Lust haben, im Knast zu landen erhalten viele schwerstkranke Patienten nicht die Behandlung, die sie brauchen.
Wer diesen Zustand ändern möchte, kann eine Petition an den Deuschen Bundestag unterschreiben. Hier ein Auszug aus der Begündung dieser Petition:

Aus gutem Grund dürfen in Deutschland Betäubungsmittel nur durch den Apotheker an Patienten abgegeben werden. Dieses gilt derzeit leider auch in besonderen Notfällen von vernichtenden Schmerzen oder schwerster Atemnot außerhalb der Öffnungszeiten von Apotheken, so dass es hier häufig zu einer Versorgungslücke kommt. Ärzte müssen Betäubungsmittel vorab schriftlich rezeptiert haben. Das Rezept muss vor Auslieferung in der Apotheke vorliegen.
Ärzte dürfen Betäubungsmittel nur unmittelbar persönlich am Patienten anwenden, dürfen sie dem Patienten aber auch im Notfall niemals zur dringend notwendigen weiteren Anwendung überlassen. Dies gilt auch, wenn die erreichbaren Apotheken diese Medikamente nicht vorrätig haben und die Medikamente damit auf dem gesetzlich vorgesehenen Wege nicht ausreichend zeitnah in der Häuslichkeit verfügbar sind. Die Überlassung von z. B. Opioiden – auch im Notfall gegen schwerstes Leiden – ist nach § 29 Abs. 1 Ziffer 1 Betäubungsmittelgesetz immer noch ein Straftatbestand, der mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft wird.

Dank an die Leserin „Tänzerin“ für den Tipp und den Link!

Written by medizynicus

16. Februar 2011 at 05:19

Böser, böser Hausarzt!

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Herr Klöbner schaut mich mit strafendem Blick an. Aber nicht ich bin es, den er strafen will.
„Mein Hausarzt!“ keucht er, „der hat versagt!“
„Warum denn?“ frage ich.
„Er hat meinen Herzinfarkt übersehen!“
„Hat er nicht…“ lenke ich ein.
„Doch! Das hätte er erkennen müssen! Wozu ist er schließlich Arzt?“
„Na, dann erzählen Sie mal die ganze Geschichte!“
Herr Klöbner seufzt. Dann setzt er sich kerzengerade auf in sein Bett und legt los.
„Also, damals, vor zwei Wochen, beim Schneeschaufeln…“
„Ja?“
„Da…. naja, man denkt sich ja nichts dabei. Halt ein bißchen Muskelkater. Man ist ja nicht mehr der Jüngste…“
Blick in die Akte: Herr Klöbner ist sechsundsiebzig. Okay.
„…aber man macht sich nichts draus. Will ja nicht jammern…“
„Wo war denn der Muskelkater?“
„Halt so in der Brust. Eher links. Und im Arm.“
„Aha? und dann?“
„Meine Frau sagt, ich soll zum Arzt gehen. Aber man will ja nicht so sein, wegen so’n bißchen Muskelkater. Wird aber nicht besser. Bin einfach so schlapp danach, wie… ja wie eine dicke Grippe…“
„Also?“
„Ja, nach einer Woche bin ich dann endlich zum Arzt gegangen…“
„…und der hat ein EKG geschrieben und Sie dann hierher geschickt. Also hat er genau das Richtige getan!“
Herr Klöbner schaut mich vorwurfsvoll an.
„Aber ohne Blaulicht! Stellen Sie sich mal vor: Ich habe einen Herzinfarkt und der schickt mich einfach so ohne Blaulicht los!“

Written by medizynicus

15. Februar 2011 at 07:55

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Sorry, kein Eintrag heute….

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…nee, wirklich nicht!
Los, haut ab hier, hier gibt’s nix zu lesen, nee heute nicht. Ach kommt schon, Leute… was glotzt Ihr denn so doof?
Oh, f…. warum dauert das bloß so lange, bis das Bett wieder vorbei kommt…. eigentlich…. rülps…. eigentlich kann das doch gar nicht so weit sein.
Also Leute, ich glaub die Cola an der Dönerbude am Bahnhof vorhin, der war schlecht. Oder der Döner. War bestimmt Gammelfleisch drin.
Weil… alles, wasich sonst noch getrunken habe heute Abend…. hicks…. das war nach dem Reinheitsgebot von vierzehnachtzehn gebraut! Jawoll!
Oh… f…. ich sollte jetzt Schluss machen. In sechs Stunden… Ohmannomannomann, wenn der Chef das hier liest….
Also Leute, sorry, kein Eintrag heute!

Written by medizynicus

13. Februar 2011 at 23:54

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Die Knolle – aber keine Probleme

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„Also, Herr Chromsky, jetzt erzählen Sie mal!“
Irgendwie werde ich aus der ganzen Sache nicht schlau. Der gute Mann hat einen bösartigen Lungentumor, und das nicht erst seit heute. Aber irgendwie scheint sich niemand darum gekümmert zu haben, weder Herr Chromsky selbst noch die behandelnden Ärzte.
Der Patient keucht und schaut mich verständnislos an. Ich versuche, ihm auf die Sprünge zu helfen.
„Letztes Jahr, in St. Andeswo: was war da?“
„Hatte ich Schmerzen in Hüfte. Beide Seiten. Wollte ich Operation. Haben die nicht gemacht!“
„Hat man Ihnen gesagt, warum die Operation zurückgestellt worden war?“
„Haben gesagt wegen die Knolle…“
Ich hole tief Luft. Es hilft alles nichts.
„Herr Chromsky,“ sage ich, „Sie wissen, dass es sich bei dem, was Sie da als Knolle bezeichnen um einen bösartigen Tumor handelt?“
Der Patient schaut mich an und sagt eine ganze Weile lang nichts.
„Is besartig?“ fragt er dann.
Es ist zum die Wand hoch laufen… wenn es nicht so traurig wäre! Habe ich ihm das nicht vorgestern in aller Ausführlichkeit erzählt? Und ich bin mehr als überzeugt davon, dass ich nicht der Erste war.
„Ja, es ist bösartig. Und wir müssen Sie behandeln!“
„Behandeln? Wann?“
„Jetzt!“
Der Patient schüttelt den Kopf.
„Hab ich nie Probleme gehabt…“
Keine Probleme? Luftnot? Blutiger Auswurf? Blitzeblau im Gesicht? das alles sind keine Probleme?
„Was ist denn mit Ihrem Hausarzt? Hat der Ihnen nichts gesagt?“
Herr Chromsky macht eine wegwerfende Handbewegung.
„Hat mich Überweisung gegeben. Bin ich nicht gegangen.“
Das gibt’s doch nicht!
„Herr Chromsky,“ sage ich vielleicht eine Spur zu laut, „morgen machen wir eine Lungenspiegelung, ja? Schlauch in die Lunge, Sie verstehen? Und Übermorgen eine Untersuchung für Ihre Knochen!“
Auf den Versuch, ihm zu erklären, was eine Szintigraphie ist will ich mich gar nicht einlassen.
„Und heute kommen Sie nochmal in die Röhre. Da untersuchen wir Ihren Kopf. Und dann machen wir eine Ultraschalluntersuchung. Verstanden?“
Er nickt. Ob er wirklich verstanden hat, wage ich zu bezweifeln.

Written by medizynicus

12. Februar 2011 at 05:29

Die Knolle (2)

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In meinem Postfach liegt ein Fax. Aha, ein Entlassbrief aus dem St. Ägidius-Stift in St. Anderswo. Stirnrunzelnd nehme ich das Blatt in die Hand.
Es geht um Herrn Chromsky. Das sind also die Informationen, auf die wir sehnsüchtig gewartet haben! Hastig überfliege ich das Dokument. Ich bin verwirrt.
In dem Arztbrief geht es nämlich zunächst einmal um etwas ganz Anderes. Herr Chromsky wollte sich nämlich ein künstliches Hüftgelenk einbauen lassen. Es gebe nämlich starke arthrotische Veränderungen – also deutliche Verschleißerscheinungen.
Bei seinen knapp hundertzwanzig Kilo Lebendgewicht wundert mich das ehrlich gesagt nicht. Jetzt fällt mir auch wieder ein, wie furchtbar langsam er da mit seinem Rollator die paar Schritte vom Bad ins Bett geschluft ist.
Bezüglich der Arthrose bestehe beidseits klare Operationsindikation, allerdings haben die Anästhesisten paar dumme Fragen gestellt. Sie waren sich nämlich nicht sicher, ob das mit der Narkose so einfach zu machen war. Deshalb haben sie ihn bei den Internisten vorgestellt und die fanden die Lungen-Röntgenaufgabe suspekt, haben ein CT gemacht und dort die Verdachtsdiagnose eines Bronchialkarzinoms gestellt. So wurde die Operation vorerst zurückgestellt.
Der Patient sollte zur weiteren diagnostischen Abklärung und gegebenenfalls Planung einer entsprechenden Therapie von der internistischen Abteilung übernommen werden, aber daraus wurde wohl nichts.
„…so entließen wir den Patienten auf ausdrücklichen eigenen Wunsch und gegen ärztlichen Rat. Wir empfehlen dringend….“ blablabla.
Ich falte den Brief zusammen und stecke ihn kopfschüttelnd in meine Kitteltasche. Dann mache ich mich auf den Weg zu Herrn Chromsky. Ich brauche gar nicht lange zu suchen, er kommt mir schon auf dem Flur entgegengeschlurft: blitzeblau im Gesicht, keuchend wie immer, millimeterweise seinen Rollator vorwärts schiebend. Er war nämlich gerade auf dem Balkon um… na, was wohl? Feuerzeug und Zigarettenpäckchen stecken in der Brusttasche.
„Was war denn da los, letztes Jahr?“ frage ich.
„Ach Sie meinen… mit…“ – keuch – „…die Knolle?“
Zum Beispiel.
Herr Chromsky macht eine wegwerfende Handbewegung.
„Die wollten mich nicht operieren. Bin ich gegangen!“
Und damit dreht er sich um und verschwindet im Zimmer.

Written by medizynicus

11. Februar 2011 at 05:58

Die Knolle

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Die Thorax-Röntgenaufnahme von Herrn Chromsky sieht wüst aus. Aber das wundert niemanden. Bei der langen Liste an Vorerkrankungen kann man nicht erwarten, dass auf dem Bild alles in schönster Ordnung ist.
Was ist mit seinem Bluthusten?
Er hat Bronchiektasen. Bronchiektasen können Hämoptysen auslösen. Seine Beschwerden lassen sich also erklären. Kein Grund zur Panik also?
Ich habe ein komisches Gefühl.
Was um alles in der Welt hatte Herr Chromsky gemeint, als er von „seiner Knolle“ sprach? Und weswegen war er seinerzeit in St. Andeswo in Behandlung?
Das alles klingt höchst verdächtig… aber leider ist die sprachliche Verständigung mit ihm nicht einfach.
Schwester Anna hängt sich ans Telefon um die Befunde und Berichte der vorherigen Untersuchungen zu organisieren.
Und wir fahren trotz allem noch einmal ein CT. Sicher ist sicher.
Um es kurz zu machen:
Unsere Befürchtungen treffen zu. Auf den Kernspin-Bildern finden sich Veränderungen, die unser Radiologe bei aller Zurückhaltung als „hochgradig verdächtig für ein ausgedehntes Bronchialkarzinom“ bezeichnet.
„Jetzt brauchen wir unbedingt eine Bronchoskopie!“ sagt Oberarzt Heimbach und fährt fort: „…natürlich auch die übliche Staging-Diagnostik: Oberbauchsono, Skeletszintigraphie und Schädel-CT. Wir müssen wissen, was es für ein Tumor ist und welches Stadium. Und wir brauchen eine Histologie! Warum haben die das denn damals eigentlich nicht gemacht?“
Darauf weiß ich auch keine Antwort.
Also mache ich mich seufzend auf den Weg zum Patienten.
Schlechte Nachrichten überbringen zu müssen ist keine angenehme Aufgabe.
Die eingeschränkten Kommunikationsbedingungen machen die Sache nicht einfacher.
Gibt’s denn hier im Haus niemanden, der russisch kann? Doch, Schwester Olga von der Chirurgie, aber die ist heute leider gerade nicht da.
Und dann sitze ich ihm gegenüber und sage ihm langsam und in einfachen Worten, was Sache ist.
Seine Reaktion verwirrt mich. Mit allem hätte ich gerechnet. Aber nicht mit einem simplem Kopfnicken.
„Ja, die Knolle!“ sagt er. Und dann, dreißig Sekunden später: „Ist immer noch da?“

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10. Februar 2011 at 05:07

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Blut im Schmodder

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Ich stehe mit meinem Visitenwagen auf dem Flur und blättere in der Krankenakte von Herrn Chromsky. So richtig schlau werde ich da nicht draus. Was sicherlich damit zu tun hat, dass die Kommunikation mit ihm nicht immer ganz einfach ist. Herr Chromsky spricht zwar fließend russisch, aber was seine Deutschkenntnisse betrifft… da versteht er grundsätzlich nur das, was er verstehen will.
So haben die Pflegekräfte ihn nur unter größter Mühe von den Vorzügen einer Ganzkörperwaschung in Form einer Dusche überzeugen können. Den Speiseplan hingegen hat er problemlos entziffern können und als er einmal morgens weniger als vier Scheiben Wurst zum Frühstück bekommen hat, da hat er sein Anliegen klar und mehr als deutlich artikulieren können.
Jetzt versuche ich, den Anamnesebogen zu entziffern.
Schaun wir mal, was er für Diagnosen mit sich herumschleppt: Schwerste COPD und Bronchiektasen. Okay, das erklärt sein Herumgerotze. Und dann steht da noch etwas von respiratorischer Globalinsuffizienz. Deshalb das Schnaufen und Keuchen. Und war er nicht blitzeblau im Gesicht?
Aber halt, was ist das?
Hämoptysen? Da könnte auch etwas Bösartiges dahinterstecken. Sollte man jedenfalls mal nachhaken.
Ich klopfe an und betrete das Zimmer. Der Patient sitzt im Bett, das Kopfende hochgestellt, fast senkrecht und telefoniert. Ich achte darauf, ihm diesmal nicht die Hand zu schütteln.
„Guten Tag, Herr Chromsky, haben Sie in der letzten Zeit mal Blut gespuckt?“
„Blut? Gespuckt? Nein, nicht gespuckt… nur Husten… im Schleim…“
Er holt tief Luft und macht eine verdächtige Handbewegung.
Ich mache unwillkürlich einen Schritt zurück.
Nein, geht schon, die blutigen Beimengungen im Schmodder, die glaube ich ihm gerne, das braucht er mir jetzt gar nicht zu demonstrieren.
„Herr Chromsky, ich glaube, wir müssen uns Ihre Lunge einmal genauer ansehen. Wir müssen ein CT machen. Sie wissen schon, einmal durch die Röhre schieben!“
„Röhre?“ Er runzelt die Stirn.
„Röhre? War ich schon letztes Jahr!“
Aha? Ich werde hellhörig.
„Wo war das denn?“
„Damals… in St. Anderswo… wegen die Knolle!“
Knolle? Was für eine Knolle? Viel genauer kriege ich das auch bei weiterem Nachfragen nicht raus, aber ich ahne Schlimmes….

Written by medizynicus

9. Februar 2011 at 05:23

Ekel! Pfui! Wegrenn!

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Anklopfen, Tür auf, und dann schiebe ich meinen Visitenwagen ins Zimmer.
Drinnen riecht es penetrant nach verbrauchter Luft und männlichem Schweiß.
Wen haben wir hier? Ach ja, den Herrn Chromsky. Was hat er?
Exazerbierte COPD natürlich, akut gewordener chronischer Raucherhusten, geschätzte siebzig Pack-Years.
Eigentlich braucht man nicht in die Akte zu schauen um die Diagnose zu erkennen. Herr Chromsky keucht und schnauft wie eine Dampflokomotive, die gerade einen schweren Güterzug bergauf schleppt. Millimeter für Millimeter schiebt er sich mit seinem Rollator aus dem Bad. Was hat er dort wohl getan? Von der Dusche hat er jedenfalls seit geraumer Zeit mit Sicherheit keinen Gebrauch gemacht.
Er erreicht das eigentliche Krankenzimmer und läßt sich dann schwerfällig aufs Bett plumpsen.
„Guten Morgen, wie geht’s Ihnen?“ frage ich und strecke ihm meine Hand entgegen. Er nimmt sie und drückt sie schwach. Seine Flosse ist feucht und von teigiger Konsistenz.
„Na, wie geht’s heute?“ wiederhole ich.
„Schlecht, Herr Doktor! Schlecht!“
„Schlecht? Meinen Sie Atemnot? Oder Husten?“
Er schüttelt den Kopf.
„Der Schleim!“
Er schaut mich an.
„Der Schleim, Herr Doktor, der Schleim!“
„Aha?“
„Schauen Sie mal, Herr Doktor!“
Sagt’s und rotzt in die Hand um mir selbige zur Begutachtung entgegenzustrecken.

Written by medizynicus

8. Februar 2011 at 15:07