Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for März 2011

Krampf und dünnes Blut

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„Darf ich heim, Doktor?“ fragt Herr Kümmelkorn und schaut mich bettelnd an.
Ob das so eine gute Idee ist, weiß ich nicht. Herr Kümmelkorn ist gestern von der Polizei in der Nähe des Bahnhofs aufgefunden worden, in seiner eigenen Scheiße liegend. Passanten hatten zuvor so etwas wie einen Krampfanfall beobachett, aber nichts dabei gedacht weil Herr Kümmelkorn sowieso immer ein bißchen komisch ist und sich oft zusammen mit Fusel-Franze am Kiosk gegenüber vom Bahnhof ein paar Bier oder auch mal eine Flasche Wodka hinter die Binde kippt.
Die Polizei hat den Notarzt gerufen und der hat Herrn Kümmelkorn dann zunächst in die Chirurgie gebracht, wegen einer Platzwunde und überhaupt weil er ziemlich blutverklebt war.
„Nix für uns!“ sagt Kollege Martin Bückling, näht die Wunde schnell mit ein paar Stichen zusammen und übergibt den Patienten an uns Internisten, „seid doch noch ein bißchen lieb zu ihm, lasst ihn ausschlafen und dann wieder ab mit ihm auf den Bahnhofsvorplatz…“
Und weil wir Internisten schließlich irgendwas tun müssen, schreiben wir erstmal ein EKG. Und das ist nicht normal: Tachyarrhythmia Absoluta bei Vorhofflimmern.
„Sie haben Herzrhythmusstörugen!“ sage ich.
„Hab ich doch öfters!“ grummelt Herr Kümmelkorn.
„Gerade deshalb sollten die untersucht werden….“
Herr Kümmelkorn macht eine wegwerfende Handbewegung.
„Darf ich jetzt endlich heim?“
„Wenn Sie das wirklich öfters haben, dann sollten Sie vielleicht ein Medikament zur Blutverdünnung einnehmen…“
„Ich will keine Pillen, Herr Doktor!“
„Aber ohne Blutverdünnung könnten Sie einen Schlaganfall bekommen…“
„Ach was, Doktor, lassen Sie mich jetzt heim!“
Ist vielleicht auch besser so, denke ich. Ich male mir aus, wie wohl der nächste Krampfanfall unter Blutverdünnung ablaufen könnte und unterschreibe schnell den Entlassungsschein.

Written by medizynicus

31. März 2011 at 22:57

Herzkasperle

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Ich starre wie hypnotisiert auf das EKG, welches mir Schwester Anna soeben wortlos in die Hand gedrückt hat.
„Alles in Ordnung, Doc?“
Nee, eigentlich nicht. Gar nichts ist in Ordnung. Und schon gar nicht das EKG.
„Wie geht’s Ihnen denn?“ frage ich.
„Geht so…“
Er sieht krank aus und versucht, sein Leiden hinter einem hilflos wirkendem Lächeln zu verbergen.
„Jetzt erzählen Sie nochmal von vorn…“
„Also, Doktor, heute früh bin ich also zu meinem Hausarzt. Wissen Sie, ich bin ja normalerweise nicht krank, wegen ’nem Husten oder so gehe ich normalerweise nicht zum Arzt, aber jetzt war mir die ganze Nacht schon speiübel…“
„Und der Hausarzt?“
„Der hat mich gleich hierher geschickt!“
Und das war eine verdammt gute Idee von ihm.
„Was hat er Ihnen gesagt?“
„Dass da vielleicht etwas am Herzen…?“
Der Patient schaut mich fragend an. Ich nicke. Das EKG zeigt einen massiven frischen Vorderwandinfarkt. Schwester Anna drückt mir wortlos die aufgezogenen Spritzen mit den notwendigen Medikamenten in die Hand, ich erkläre mit knappen Worten was los ist und spritze dann schnell das Morphium. Zwei Minuten später ist der Oberarzt informiert und keine Viertelstunde später ist der Patient mit Blaulicht auf dem Weg zum Herzkatheterlabor.
„Das war ja mal ein fitter Hausarzt!“ sagt Schwester Anna.
Ich nicke geistesabwesend und starre immer noch auf das Krankenblatt.
Das Geburtsdatum!
Der Patient war zwei Jahre jünger als ich.

Written by medizynicus

30. März 2011 at 05:25

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Wer hat an der Uhr gedreht?

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Ist es wirklich schon so spät? Als der Wecker geht ist es tatsächlich noch stockdunkel und jetzt, nach der zweiten Tasse Hallowachkaffee dämmert da immerhin so ein nieselregennebligtrübes Tageslicht herauf.
Wie war das? Zeitumstellungsjetlag macht Herzinfarkt? Schneller Griff zur linken Thoraxseite. Nee, noch alles in Ordnung, auch ohne Taschen-EKG. Mal schaun, wie es den Patienten geht…
Also Kaffee austrinken und los….

Written by medizynicus

28. März 2011 at 07:33

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Per Klage zum Medizin-Studienplatz? Wird schwerer!

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Wer sich nach dem Abi dafür entscheidet, Medizin studieren zu wollen, braucht gute Noten und eine Portion Glück. Wer davon nicht ganz so viel hat, dem stehen ein paar längst wohlbekannte Hintertürchen offen. Eines davon ist die Kapazitätsklage. Das funktiniert so:
Nachdem man sich erfolglos um einen Studienplatz beworben hat, geht man zum Anwalt. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Anwälten, die sich auf genau diese Sache spezialisiert haben und auch entsprechend Werbung machen.
Der Anwalt schreibt der Uni einen bösen Brief und behauptet rotzfrech, dass es dort doch eigentlich noch Platz für viel mehr Studienanfänger geben müsse und man daher den Herrn Mandanten doch bitte tunlichst studieren lassen möge.
Die Uni behauptet vielleicht das Gegenteil, aber vor Gericht beweisen kann sie es oft nicht und so haben solche Klagen keine schlechten Erfolgschancen. Die Sache ist natürlich mit gewissen Kosten verbunden, was gelegentlich zu Spekulationen über das Elternhaus des Herrn Studiosus Anlass gibt und manchmal in der Mensa und sonstwo zu unschönen Tuscheleien führen kann.
Jetzt hat das Bundesverwaltungsgericht dieser Klagerei zwar noch keinen Riegel vorgeschoben, die Sache aber immerhin deutlich erschwert.
In einigen Uni-Sekretäriaten dürfte sich Erleichterung breit machen… und in der einen oder anderen Studi-WG klammheimliche Freude…

Written by medizynicus

27. März 2011 at 05:35

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Präsentatismus: oder Anti-Krankfeiern kommt auch teuer

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Vom Krankfeiern war auf diesem Blog schon des öfteren die Rede. Und wir alle wissen: Krank feiern ist böse. Wer krank macht ohne krank zu sein, schädigt seinen Arbeitgeber und die Wirtschaft und überhaupt, sowas macht man nicht, ist ja schließlich gegen das Gesetz und somit definitionsgemäß illegal.
Also Finger weg vom Krankenschein, Leute!
Was höre ich da, liebe Kolleginnen und Kollegen?
Ihr macht sowas sowieso nicht? Weil Ihr Eure Patienten nicht im Stich lassen wollt und Euren Arbeitgeber auch nicht weil die Krankenhausverwaltung ja immer so nett zu Euch ist und überhaupt, die Verwaltung und wir, wir sind ein Team, so wie das Kalb und der Schlachter ein Team sind und wir sitzen alle in einem Boot, die einen auf der Kommandobrücke und die Anderen unten, da wo die Galeerensklaven sitzen, aber bitteschön, ich will ja nicht polemisch sein, also den letzten Satz bitte streichen, hat eh keiner gelesen, alles klar.
Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, ihr tut das, was man so tut in unserer Branche, schleppt Euch mit neununddreißig Fieber noch auf die Station, weil unser Ehrenkodex verlangt das nunmmal so.
Was wir Ehrenkodex nennen, das ist bei Fachleuten als Präsentatismus bekannt, also das Gegenteil vom Absentismus, dem schon erwähnten Krankfeiern.
Und diese Fachleute wissen: auf Dauer ist der Präsentismus mindestens genauso gefährlich wie der Absentismus.
Aber das interessiert ja keinen….

Written by medizynicus

26. März 2011 at 10:34

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Haarige Probleme

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„Du solltest Dir mal wieder die Haare schneiden lassen!“ sagt Jenny.
Tja da da wird mir wohl nix übrig bleiben als nach Feierabend einen Figaro zu suchen… was tut man nicht alles für eine schöne Frau?
Gleich um die Ecke vom Krankenhaus befindet sich Uschi’s Frisierstübchen. Es ist so etwa halb sechs, als ich dort vorbeischaue. Uschi steht vor der Tür ihres Laden’s und raucht. Sie schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Äh… Haareschneiden?“ frage ich vorsichtig.
„Termin?“
Ich schüttele den Kopf.
Sie auch.
„Heute nicht mehr!“
„Aber…“
Sie wirft die Zigarettenkippe auf den Boden und tritt sie aus. Dann greift sie in die Tasche ihres Frisörkittel’s und holt eine Visitenkarte heraus.
„Telefonnummer steht drauf!“ sagt sie, dreht sich um, verschwindet im Inneren ihres Lokal’s und dreht das an der Türinnenseite befestigte Schild um auf „geschlossen“.
Einen Moment lang bin ich unschlüssig. Soll ich Uschi auf der Stelle anrufen und einen Termin für in drei Wochen vereinbaren? Oder mein Glück doch lieber bei Conny zu versuchen?
Conny’s Trendfrisuren residieren in einem winzigen Lokal am Rande des kopfsteingepflasterten Marktplatze’s. Drinnen im Laden steht eine dralle Wasserstoffblondine hinter einer dauergewellten Mittsechzigerin und föhnt. Der Blick, den sie mir zuwirft, könnte die Hölle zufrieren lassen und ich wage kaum, mein Anliegen vorzutragen.
„Hätten Sie Zeit….?“
„Nicht für Sie!“
„Äh?“
„Ich mache in fünf Minuten Feierabend!“
Okay, kann ich verstehen. Feierabend ist heilig. Mir auch.
Headhunter-Haardesign hat leicher auch schon zu.
Meine letzte Rettung heißt Olli. Olli werkelt in einer winzigen Bude hinterm Bahnhof und hätte eigentlich schon längst geschlossen.

Written by medizynicus

25. März 2011 at 05:25

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Dem Atze sein Dauerlutscher

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Atze auf Station, das bedeutet Daueralarm: alle Wertsachen gehören sicher weggeschlossen und Türen zu Räumen, in denen man Medikamente oder andere interessante Dinge abzustauben könnte werden abgesperrt.
Seitdem Atzes Zimmernachbar, Herr Cimbulski es mit entsprechendem Nachdruck geschafft hat, seine zwanzig Euro wieder zurück zu bekommen, meidet Atze zu Herrn Cimbulskis Freude das Zimmer und treibt sich überwiegend auf dem Flur, in der Cafeteria oder auf dem Raucherbalkon herum. Dort ist er die Freundlichkeit selbst. Ständig sieht man ihn freundlich lächelnd mit älteren Patienten plaudern.
„Ist doch nett, wenn sich jemand um diese älteren Herrschaften kümmert!“ sagt Schwester Paula.
„So ein netter und hilfsbereiter junger Mann!“ sagt Oma Wortmann und strahlt.
Schwester Paula ist gerade dabei, ihr ein neues Fentanyl-Pflaster aufzukleben. Oma Wortmann achtet immer darauf, dass das Pflaster mit dem Schmerzmittel direkt über dem Herzen klebt.
„Und das alte Pflaster, das können Sie mir ruhig dalassen!“
Jetzt werde ich hellhörig.
„Ja, der junge Mann, der wollte das haben!“ sagt Frau Wortmann ahnungslos.
Ach nee!
Jetzt weiß ich auch, warum sich Atze in der Nähe von Mülleimern herumtreibt. Zwei Minuten später stelle ich ihn zur Rede. Atze versucht erst gar nicht, seine Schuld abzustreiten.
„…knallt echt gut, das Zeug,“ sagt er mit völliger Unschuldsmiene, „…musst Du aber am besten in Wasser auskochen und dann ’nen Tee draus machen. Aber das geht hier ja leider nicht!“
„Und wie… äh… konsumiert man das hier?“
„Och, hier, da lutsche ich die einfach aus!“
Na denn, Prost!

Written by medizynicus

24. März 2011 at 06:40

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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