Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Paul und der Schellong-Test

with 10 comments

„Schön hast Du das gemacht!“
Gerade hat Paul ein Blatt Papier vor mich hingelegt. Wirklich, der Junge ist Gold wert!
PJler sind schon eine feine Sache, da sollte es mehr von geben.
Paul nimmt sich einen Stuhl und setzt sich neben mich.
„Und was bedeutet das jetzt?“ fragt er.
Also gut.
„Schau mal. Du hast also einen Schellong-Test gemacht. Frau Bensheim ist zu Hause kollabiert, und wir wollen wissen warum. Unsere Arbeitdiagnose ist Orthostase. Du weißt, was das ist?“
Fragender Blick zu Paul. Der nickt. Klar, ist ja ein kluger Student!
„Orthostase heißt, vereinfacht ausgedrückt, dass das Blut aus dem Kopf verschwindet und im Körper versackt, wenn man aus dem Sitzen oder Liegen aufsteht. Dann wird einem schwindelig und man kann kollabieren. So ungefähr erkläre ich es jedenfalls den Patienten. Den pathophysiologischen Mechanismus dahinter habe ich irgendwann mal gelernt und vergessen, aber Du wirst das sicher noch wissen!“
Paul nickt.
„So, jetzt hast Du also mehrfach Blutdruck und Puls gemessen. Zuerst im Liegen, dann im Stehen, dann wieder im Liegen. Und alles schön aufgeschrieben…“
Eine echte Fleißaufgabe. Und ziemlich zeitraubend. Deswegen schenke ich mir die Prozedur normalerweise, weil nämlich in der Regel eh nichts dabei herauskommt. Aber das weiß Paul ja noch nicht. Und weil der Oberarzt es angeordnet hat, ist das eine schöne Beschäftigungstherapie.
„Und was ist jetzt herausgekommen?“
„Also, wenn es wirklich Orthostase ist, dann fällt der Blutdruck charakteristischerweise im Stehen ab und steigt dann später wieder an…“
Paul schaut stirnrunzelnd auf seine gemessenen Werte.
„Scheint aber hier nicht der Fall zu sein. Was hat die Patientin dann?“
„Sie ist zu Hause kollabiert.“
„Und wir wissen noch immer nicht, weshalb?“
„Nein.“
„Und wie kriegen wir das heraus?“
„Meistens gar nicht!“
„Dann war der Krankenhausaufenthalt also im Grunde völlig für die Katz…?“
„Nun, so einfach ist das auch wieder nicht… ich glaube, es ist Zeit für eine kleine Märchenstunde?“
„Märchenstunde?!“
„Genau. Lass uns in die Küche gehen auf einen Kaffee, dann erzähle ich Dir eine kleine Geschichte…“

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Written by medizynicus

8. März 2011 um 05:48

10 Antworten

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  1. Das erinnert mich ein wenig an meinen eigenen Beruf, ich bin Polizistin. Man nimmt einen Tatverdächtigen fest, steckt ihn ins Gewahrsam und bemüht sich um die richterliche Vorführung. Falls es dazu kommt, besteht eine hohe, nein eine höchste Wahrscheinlichkeit, dass der Beschuldigte noch am selben Tag entlassen wird.
    Oder wie es Paul so schön formuliert: „Dann war der Gewahrsamsaufenthalt also im Grunde völlig für die Katz…?“

    Svenja-and-the-City

    8. März 2011 at 06:41

  2. Ja, wie, Du hörst einfach an der spannenden Stelle auf?!?

    Hesting

    8. März 2011 at 07:42

  3. hat er wohl beim 8er-Tubus abgekuckt, grummel

    Hightower

    8. März 2011 at 09:16

  4. Ja was is denn nu mit der Geschichte 😀

    DayLight

    8. März 2011 at 10:06

  5. Ich glaube, ich sollte aufhören deine Krankenhauswahrheiten zu lesen. Ich weiß nicht, ob ich so ein Dasein als Internist fristen möchte.
    Welche alternative Fachrichtung bleibt? Bin offen für Vorschläge!

    Sebastian

    8. März 2011 at 16:57

  6. Und wie gehts weiter?

    Sport Reto

    8. März 2011 at 19:00

  7. Und wie gehts weiter??? einfach so aufhören, also das ist ja wohl, also wirklich!
    Aber schade, dass man der Frau vermutlich nicht helfen kann!

    nadineswelt

    8. März 2011 at 20:02

  8. Haha, ich weiß, wie es weiter geht. Bin selbst Leid geprüfter Schellongteststudent 🙂

    Stefan

    8. März 2011 at 21:16

  9. Ich glaube, jetzt gehts ums Geld … es geht immer ums Geld!

    Hella

    8. März 2011 at 22:11

  10. Um ein wenig Klugzuscheißern :p

    Die Arbeitsdiagnose muss „Orthostatische Dysregulation“ lauten und nicht Orthostase, denn Orthostase bzw Orthostase-Reaktion bezeichnet die Fähigkeit des Körpers, das Kreislaufsystem an das Stehen anzupassen.

    Gruß

    Michael (Arzt z.Zt. leider ohne PJ)

    Michael

    11. März 2011 at 16:32


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