Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Kasperles Großmutter oder: Märchenstunde mit Medizynicus

with 11 comments

„Also,“ sage ich zu Paul, als wir in der Küche sitzen und beide einen Pott dampfenden Kaffee vor uns haben, „Was fällt Dir sonst noch zum Thema Synkopenabklärung ein?“
Paul zuckt die Schultern.
„Oder anders gefragt: Kennst Du den Räuber Hotzenplotz?“
„Äh… was hat das jetzt damit zu tun?“
„Eine ganze Menge. Also, Räuber Hotzenplotz. Du erinnerst Dich? Wer kommt da in der Geschichte vor?“
„Hmm. Der Räuber Hotzenplotz natürlich, der Wachtmeister Dimpfelmoser… und Kasperl und Seppel…“
„Donnerwetter. Du kennst Dich ja richtig aus. Hast Du etwa auch einen kleinen Neffen, der sich das Buch ständig vorlesen läßt?“
Paul wird ein wenig rot.
„Oder einfach nur ein gutes Gedächtnis? Gut. Ist ja bei Dir auch noch nicht ganz so lange her wie bei mir. Also. Hotzenplotz, der Kasperl und seine Großmutter. Du erinnerst Dich an Kaspers Großmutter?“
„Ja, da war was…“
„Kasperls Großmutter,“ doziere ich weiter, „die wird ja im Laufe der Geschichte mehrmals von Hotzenplotz überfallen. Und was passiert dann?“
Paul zuckt mit den Schultern. So gut hat er offenbar doch nicht aufgepasst.
„Kasperls Großmutter wird ohnmächtig. Immer wieder. Vor Schreck. Jedes Mal, wenn der Bösewicht wieder da war.“
Ich lehne mich zurück, grinse und trinke einen Schluck Kaffee.
„Womit wir beim Thema wären. Jetzt betrachten wir das Ganze mal von der medizinischen Seite. Was ist also mit Kasperls Großmutter los?“
„Eine Synkope?“ sagt Paul vorsichtig.
„Bingo! Eine Synkope. Oder mehrere. Anders ansgedrückt, Kasperls Großmutter hat mehrfach redidivierende Synkopen. Was würdest Du mit ihr machen?“
Paul schaut mich wortlos an.
„Also ich kann Dir sagen, was der Kasperl macht: Der hält ihr nämlich eine aufgeschnittene Zwiebel unter die Nase, davon muss sie dann niessen und wird wieder wach.“

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Written by medizynicus

9. März 2011 um 05:23

11 Antworten

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  1. ;-))

    Ist doch sehr praktisch, von wegen Scotty, beam me up – Syncope knock me down! Und schon ist jede unangenehme Situation äh.. gelöst. Bei nächster Gelegenheit probier ich das mal aus ;-P

    Muckeltiger

    9. März 2011 at 07:01

  2. da gab es früher mal Riechampullen mit Ammoniak drinnen…;)

    Sylvia

    9. März 2011 at 12:20

  3. damals vor langer, langer Zeit da wussten sich die Leute noch zu helfen…
    heute gibts ja Telefon und die Leitstelle schickt ganz schnell einen Rettungswagen, der bringt die alte Dame dann in die Notaufnahme… und wieder werden einige Hundert Euro für nichts ausgegeben…

    Antje

    9. März 2011 at 15:31

  4. Genau. Riechsalz wieder einführen 🙂

    Avarion

    9. März 2011 at 17:04

  5. Es gibt auch heute noch Riechampullen mit Ammoniak drin, fragen Sie mal in der Apotheke 😉

    Liebe Grüße,

    Silberaugen

    Silberaugen

    9. März 2011 at 18:41

  6. Riechsalz hat stets auch Onkel Dagobert geholfen, nachdem sein Vermögen wieder mal geschwunden war und er daraufhin umkippte 😉
    Wäre auch ein gutes Lernbeispiel- die entsprechende Seite aus dem Lustigen Taschenbuch referenzieren, zugleich ist die Anwendung auch bildlich dargestellt….

    Vollspasti

    9. März 2011 at 20:10

  7. Aehm, Mag mich an das ein oder andere Fussballspiel erinnern, wo einem Star, der benommen vom Platz musste ein Fläschchen unter die Nase gehalten wurde, worauf dieser wieder munter wurde… Wird also immer noch eingesetzt 🙂

    TV-gucker

    9. März 2011 at 22:50

  8. Hm, wäre das nicht allgemein interessant? gibt es noch mehr Märchen-/Comicfiguren, die irgendwelche „Krankheiten“ haben? Damit wäre doch das ganze Medizinzeugs für uns Laien gleich viel anschaulicher! Obelix hat Adipositas per magna (wobei er ja nix dafür
    kann, weil er ist ja als Kind…)
    Die 7 Zwerge sind kleinwüchsig und Schneewittchen hat vermutlich (blasse Haut) ne Blut/Eisenanämie oder so was.
    Klopfer (der Hase aus Bambi) hat ein Restless-Legs-Syndrom.
    Hmmm, grad fallen mir keine weiteren mehr ein… Gibts aber doch bestimmt noch!

    nadineswelt

    9. März 2011 at 23:19

  9. @nadineswelt:
    Es gibt in der Literatur auch viele orthopädische Probleme:
    – Käpt’n Hook: Handprothese
    – Glöckner von Notre Dame: Buckel

    Vollspasti

    10. März 2011 at 07:24

  10. Antje: und wenn wir das den Leuten sagen „ist alles ned so schlimm, wenn jemand umkippt erstmal was unter die Nase halten“ sinkt unsere Überlebensquote bei plötzlichem Herztod u.ä. die aufgrund von Ersthelfern gerettet worden wären auf null. Prima. Ich hab ja lieber 100 Omas die nach’m Aufstehen ohnmächtig werden und fälschlich in der NA landen als eine bei der *nicht* angerufen wird, und die dann stirbt.

    Vollspasti & Nadine: Das ist ja noch recht langweilig und trivial, interessanter ist ja das herausfinden der wirklichen krankheiten bei denen, ink. Differentialdiagnose. Der Disney-Glöckner hat ja bsp. eindeutig eine Skoliose. Was die Zwerge hatten, ist schon schwerer zu sagen.

    docadenz

    10. März 2011 at 23:18

  11. Rückfrage:
    Bis zu Kaiser Willis Zeiten kippten die Weibsen bei jeder kleinen Erregung um. Jede anständige Frau hatte damals ein Riechfläschen ständig bei.
    War das eine jahrhundertlang gepflegte Mode (literarisch ist das „dramatisch in Ohnmacht Fallen“ schon lange vor Moliere belegt) oder ein jetzt ausgestorbenes Gebrechen/Krankheit?
    Medizinisch wurde dort damals „Fallsucht“ diagnostiziert, die Assoziation mit Epilepsie erfolgte IMHO erst später.

    Zero the Hero

    25. März 2011 at 21:59


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