Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Herzkasperle

with 7 comments

Ich starre wie hypnotisiert auf das EKG, welches mir Schwester Anna soeben wortlos in die Hand gedrückt hat.
„Alles in Ordnung, Doc?“
Nee, eigentlich nicht. Gar nichts ist in Ordnung. Und schon gar nicht das EKG.
„Wie geht’s Ihnen denn?“ frage ich.
„Geht so…“
Er sieht krank aus und versucht, sein Leiden hinter einem hilflos wirkendem Lächeln zu verbergen.
„Jetzt erzählen Sie nochmal von vorn…“
„Also, Doktor, heute früh bin ich also zu meinem Hausarzt. Wissen Sie, ich bin ja normalerweise nicht krank, wegen ’nem Husten oder so gehe ich normalerweise nicht zum Arzt, aber jetzt war mir die ganze Nacht schon speiübel…“
„Und der Hausarzt?“
„Der hat mich gleich hierher geschickt!“
Und das war eine verdammt gute Idee von ihm.
„Was hat er Ihnen gesagt?“
„Dass da vielleicht etwas am Herzen…?“
Der Patient schaut mich fragend an. Ich nicke. Das EKG zeigt einen massiven frischen Vorderwandinfarkt. Schwester Anna drückt mir wortlos die aufgezogenen Spritzen mit den notwendigen Medikamenten in die Hand, ich erkläre mit knappen Worten was los ist und spritze dann schnell das Morphium. Zwei Minuten später ist der Oberarzt informiert und keine Viertelstunde später ist der Patient mit Blaulicht auf dem Weg zum Herzkatheterlabor.
„Das war ja mal ein fitter Hausarzt!“ sagt Schwester Anna.
Ich nicke geistesabwesend und starre immer noch auf das Krankenblatt.
Das Geburtsdatum!
Der Patient war zwei Jahre jünger als ich.

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Written by medizynicus

30. März 2011 um 05:25

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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7 Antworten

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  1. Wenn die Einschläge näher kommen, dann nicht immer von der erwarteten Seite.

    Doktor Peh

    30. März 2011 at 10:06

  2. Daran merkt man, dass man alt wird. Unaufhaltsam. Jeden Tag ein wenig mehr.

    Und man sieht, dass man das Leben leben sollte. Irgendwann ist es zu Ende. Manchmal sehr viel eher als gedacht oder gewünscht. Leider.

    ednong

    30. März 2011 at 11:42

  3. Genau so ist es. Carpe diem!

    Abbo T.Karin

    30. März 2011 at 12:02

  4. Genau der satz mit dem die einschläge kommen näher fiel mir auch als erstes ein … Geht uns allen so…den jüngsten AMI hatte n 27 jähriger patient..ok ok,er hatte sicher noch irgendne risikofördernde sache , weiss nicht was draus geworden ist…trotzdem manchmal krass..

    4lph4

    30. März 2011 at 16:33

  5. Ja, carpe diem, aber wir tuns einfach nicht :-), selbst wenn uns die Endlichkeit so wie im Post veröffentlicht, ins Gesicht springt.
    Danke Medizynicus für den Blog, gibt viel zu Denken

    landkrauter

    31. März 2011 at 13:41

  6. Es funktioniert, das mit dem Zeit genießen. Aber allzu oft braucht es erstmal einen Schlag vor den Bug, ehe man dazu die Kurve kriegt. Wie schön wäre doch, wenn das vorher schon funtionieren würde …

    Carpe tempus

    1. April 2011 at 12:47

  7. Oha – das ist aber schon heftig.

    rosenyland1984

    11. April 2011 at 22:07


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