Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Krampf und dünnes Blut

with 6 comments

„Darf ich heim, Doktor?“ fragt Herr Kümmelkorn und schaut mich bettelnd an.
Ob das so eine gute Idee ist, weiß ich nicht. Herr Kümmelkorn ist gestern von der Polizei in der Nähe des Bahnhofs aufgefunden worden, in seiner eigenen Scheiße liegend. Passanten hatten zuvor so etwas wie einen Krampfanfall beobachett, aber nichts dabei gedacht weil Herr Kümmelkorn sowieso immer ein bißchen komisch ist und sich oft zusammen mit Fusel-Franze am Kiosk gegenüber vom Bahnhof ein paar Bier oder auch mal eine Flasche Wodka hinter die Binde kippt.
Die Polizei hat den Notarzt gerufen und der hat Herrn Kümmelkorn dann zunächst in die Chirurgie gebracht, wegen einer Platzwunde und überhaupt weil er ziemlich blutverklebt war.
„Nix für uns!“ sagt Kollege Martin Bückling, näht die Wunde schnell mit ein paar Stichen zusammen und übergibt den Patienten an uns Internisten, „seid doch noch ein bißchen lieb zu ihm, lasst ihn ausschlafen und dann wieder ab mit ihm auf den Bahnhofsvorplatz…“
Und weil wir Internisten schließlich irgendwas tun müssen, schreiben wir erstmal ein EKG. Und das ist nicht normal: Tachyarrhythmia Absoluta bei Vorhofflimmern.
„Sie haben Herzrhythmusstörugen!“ sage ich.
„Hab ich doch öfters!“ grummelt Herr Kümmelkorn.
„Gerade deshalb sollten die untersucht werden….“
Herr Kümmelkorn macht eine wegwerfende Handbewegung.
„Darf ich jetzt endlich heim?“
„Wenn Sie das wirklich öfters haben, dann sollten Sie vielleicht ein Medikament zur Blutverdünnung einnehmen…“
„Ich will keine Pillen, Herr Doktor!“
„Aber ohne Blutverdünnung könnten Sie einen Schlaganfall bekommen…“
„Ach was, Doktor, lassen Sie mich jetzt heim!“
Ist vielleicht auch besser so, denke ich. Ich male mir aus, wie wohl der nächste Krampfanfall unter Blutverdünnung ablaufen könnte und unterschreibe schnell den Entlassungsschein.

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Written by medizynicus

31. März 2011 um 22:57

6 Antworten

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  1. klingt mutig…

    retterweblog

    31. März 2011 at 23:07

  2. Was unterscheidet denn eine gefährliche von einer ungefährlichen Herzrhythmussstörung?

    Chaoskatze

    1. April 2011 at 10:55

  3. Der Hauptunterschied ist, dass die eine gefährlich ist, die andere nicht so sehr 😀

    Sorry, aber formulieren Sie Ihre Frage anders, dann kann man auch eine ordentliche Antwort darauf geben!

    Dr Mang

    3. April 2011 at 18:38

  4. Ach,ka, mich hat es nur mal interessiert, weil ich eine hab und der Arzt mir sagte, dass es eben kein Problem wäre, wenn das gute Ding ab und an hin- und herhüpft oder mal kurz hängen bleibt. Kenne es ja gar nicht anders, deshalb bin ich immer recht erstaunt, wenn Leute das haben und nie bemerkt haben, das spürt man ja. Am stärksten ist es, wenn der Kreislauf kaputt, ich dabei zu viel Kaffee getrunken hab und Puls zu hoch ist ^^
    Aber ich hab schon gegoogelt, trotzdem danke!

    Chaoskatze

    3. April 2011 at 21:10

  5. Mutig fände ich, das internistische Korinthenzählen Richtung Vorhofflimmern weiterzumachen, mit der Folge Alkohol in grossen Mengen und Marcoumar bei jemandem, der vermutlich wenig Compliance zeigen wird, zu kombinieren.

    Medizynicus macht das, was ein guter Arzt machen muss, eine Entscheidung fällen. Eine Entscheidung, die von der Situation des Patienten getragen wird und nicht vom Bestreben ja keine Verantwortung übernehmen zu müssen.

    Klabauterdoc

    7. April 2011 at 21:53

  6. Unverantwortlicher Patient ist ein Fluch für den Arzt…

    *Spammer*

    14. Oktober 2011 at 22:16


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