Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for März 2011

Skorpione leben länger als Stiere: Bestimmt das Horoskop doch unsere Lebenserwartung?

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Von wegen esoterischer Quatsch: Das Sternzeichen bestimmt die Dauer unseres irdischen Daseins. Skorpione leben länger als Stiere. Nee, echt jetzt, wirklich. Das haben ganz seriöse Wissenschaftler herausgefunden.
Eine Arbeitsgruppe von Kardiologen an der Uni Greifswald hat sich mit der Epedemiologie von kardiovaskulären Todesfällen beschäftigt. Dabei fanden sie heraus, dass Menschen, die im November geboren sind, im Durchschnitt eine um mehrere Monate höhere Lebenserwartung haben als Menschen mit Geburtstag im Mai. Und zwar traf das auf alle untersuchten Ungergruppen zu. Über die Gründe dafür können sie nur spekulieren, die Damen und Herren Wissenschaftler.
Da staunen sie also! Horoskopleser haben es ja immer schon gewusst: Dort in den Sternen, da ist unser Schicksal seit jeher festgeschrieben und wenn die Venus im Aszendenten mit Merkur die Quadratur der Plejaden durchläuft, dann… ja, was eigentlich?
Ich glaube, ich muss morgen mal wieder dringend zum Frisör. Nur wegen dieser bunten Heftchen, Ihr wisst schon…

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19. März 2011 at 12:57

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

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Wichtig mit drei Ausrufezeichen

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„Naaa?“
Kalle schaut mich mit breitgrinsender Verschwörermine an.
„Was Naa?“
Worauf will er denn jetzt schon wieder hinaus?
„Hast Du Post gekriegt?“
„Post? Von wem?“
„Von wem schon? Von der Verwaltung natürlich!“
Ach so! Meine Stimmung fällt auf annähernde Gefrierpunkttemperatur.
„Du meinst den Blauen Brief!“
Kalle nickt und grinst noch breiter. Seit einiger Zeit hat der Herr Verwaltungsdirektor jedem von uns ein hochoffizielles Schreiben zukommen lassen. Darin steht geschrieben, dass man sich im Rahmen des Qualitätsmanagements dazu entschlossen habe, dafür zu sorgen dass alle Arztbriefe zeitnahestens fergiggestellt werden müssen. Von daher wolle man alle Ärzte doch noch einmal darauf hinweisen, dass diese Angelegenheit von höchster Wichtigkeit sei. Der Verwaltungsdirektor habe gemeinsam mit allen wichtigen Bürokraten eine entsprechende Zielvereinbarung getroffen undsoweiter blablabla. Jedenfalls kriegen wir Ärzte seither in regelmässigen Abständen eine Liste, in welcher die noch ausstehenden Briefe angemahnt werden.
„Welcher ist länger? Deiner oder meiner?“ grinst Kalle.
Ich zucke mit den Schultern. Das einzige was ich weiß ist, dass Sarahs Liste mit Abstand die Kürzeste ist, die macht nämlich seither täglich unbezahlte Überstunden. Kalle hingegen greift zielsicher ins Postfach, zieht meine Mahnliste heraus und steckt sie gemeinsam mit seinem eigenen Zettel ungesehen in den Schredder.
„War doch okay so, oder?“ fragt er hinterher.
Ich nicke. Gemeinsam gehen wir nach oben auf die Station. Auf meinem Schreibtisch im Arztzimmer liegt eine Patientenakte. Darauf klebt ein gelber Post-It-Zettel:
„Wichtig!!!“ steht da in der Handschrift unserer Sekretärin, „Sofort diktieren!“
Kalle seufzt. Er knibbelt den Zettel herunter, zerknüllt ihn und schmeißt ihn in den Papierkorb. Dann nimmt er die Akte und wirft sie auf den beindruckend hohen Stapel in der Ecke.

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18. März 2011 at 20:05

Explodierende Atomkraftwerke und Raucherhusten

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„Das sind doch alles Verbrecher!“ schimpft Herr Krause und schnappt nach Luft, „Verbrecher sind das, hören Sie?“
Er ist blitzblau im Gesicht und sein Atem rasselt und pfeift. Ich stehe am Rand seines Krankenbettes und beuge mich über seinen linken Arm. Hinter mir ist ein Fernseher und die dramatische Stimme des Nachrichtensprechers verkündet die neuesten Horrormeldungen aus Japan.
Ich habe eine Staubinde um Herrn Krauses Arm gelegt und suche verzweifelt nach einer Vene. Zweimal habe ich schon daneben gestochen.
„…denen gehts doch nur ums Geld, gehts denen, nur ums Geld!“ keucht Herr Krause.
„Jaja,“ sage ich und traktiere seinen Unterarm mit leichten Schlägen er läßt es geschehen.
„…aber europäische Atomkraftwerke sind sicher, behaupten die, die explodieren nicht, höchstens in Tschernobyl, aber das ist ja auch schon fünfundzwanzig Jahre her…“
„Jetzt gibt’s mal einen Pieks!“ sage ich und steche zum dritten Mal zu. Er läßt es kommentarlos geschehen. Endlich! In meinem Röhrchen sprudelt Blut!
„…Ich hab das mitgekriegt, Junger Mann, wissen Sie, und ich war damals schon gegen diesen Mist…“
„Bitte Mal eine Minute feste draufdrücken!“ sage ich, ziehe die Nadel wieder heraus, presse einen Tupfer auf die Wunde und klebe einen Pflasterstreifen darüber. Herr Krause nickt und schaut weiter in Richtung Bildschirm. Schnell verlasse ich das Zimmer.

Written by medizynicus

17. März 2011 at 05:16

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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Blitzmerker Paul

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„…Sehr geehrter Herr Kollege, hiermit berichten wir über den Patienten Wunsiedel Willibald, geboren wannauchimmer, welcher sich irgendwann letztens in unserer stationären Behandlung befand. Diagnosen:…“
Seufzend durchblättere ich die Krankenakte und versuche herauszufinden, warum Herr Wunsiedel, an den ich mich kaum mehr erinnern kann die Gastlichkeit unseres Hauses in Anspruch genommen hat.
Der Becher Krankenhauskaffeeplörre neben mir ist längst kalt geworden.
Paul sitzt mit einem EKG Lineal in der Hand neben mir und hat einen Stapel rötlichkariertes Millimeterpapier vor sich. Paul müht sich sichtlich ab und der Stapel wird nur langsam kleiner, was mir fast ein wenig…. klammheimliche… diebische Freude bereitet.
Okay, okay, mein Stapel an zu diktierenden Akten ist ja auch nicht ohne!
Endlich weiß ich, was mit Herrn Wunsiedel los war.
„…und verbleiben mit kollegialen Grüßen, Unterschriften und das übliche blabla, danke.“
Paul stupst mich von der Seite an.
„Du sag mal….“
Er hält mir ein EKG unter die Nase.
„Die Frau Schartner hier…“
„Was ist mit der?“
„Die hat doch Rechtsherzbelastungszeichen, nicht?“
Momentmal! Zeig mal her.
Paul zückt sein EKG-Lineal.
„Ist doch eindeutig Rechtstyp, außerdem hat sie einen Rechtsschenkelblock, oder was meinst Du?“
Ich kratze mich am Kopf. Rein theoretisch hätte mir das ja eigentlich auch schon aufgefallen sein müssen, als man mir dieses EKG gestern unter die Nase gerieben hat. Die Patientin wird doch nicht etwa eine Lungenembolie haben? Aber man darf ja nicht immer den Teufel an die Wand malen!
„Nun ja,“ sage ich, „das muss nicht unbedingt etwas heißen, es sei den….“
„Sie kam doch mit akut plötzlich neu aufgetretener Atemnot, nicht wahr?“
Donnerwetter, bist ja echt ein kluger Junge!
„Dann schau doch mal nach, bei den Laborwerten…“
„D-Dimere sind grenzwertig positiv!“
Peinlich, peinlich. Könnte es sein, dass mir das gestern durch die Lappen gegangen ist?
„Also gut,“ sage ich, „dann machen wir mal ein Thorax CT und schauen, ob Du Recht hast!“
Und wenn das der Fall sein sollte, dann hast Du Dir einen Drink oder zumindest ein dickes Lob verdient!

Written by medizynicus

16. März 2011 at 05:22

Was haben explodierende Atomkraftwerke mit Gesundheit zu tun?

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Hey, das hier ist ein Arzt-Blog und kein Politik-Blog. Warum also sollte man hier über Dinge schreiben, die man in diesen Tagen in jedem beliebigen anderem Medium pausenlos um die Ohren gehauen kriegt?
Warum?

„Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist nichts weiter als Medizin im Großen.“

Das soll Rudolf Virchow einmal gesagt haben, man erinnert sich, einer der ganz tollen Ärzte aus dem vorletzten Jahrhundert die man heute noch gelegentlich auf irgendwelchen Denkmälern sieht oder nach denen hier und dort ein Krankenhaus benannt ist.
Interessante Sichtweise.
Politik ist also nichts anderes als so etwas wie Medizin für eine große Menge von Menschen, also ein ganzes Land, oder einen Landkreis oder eine Stadt oder die Anzahl der Menschen, die im Einzugsbereich eines Krankenhauses leben.
Und wir Ärzte sind nichts anderes als Politiker, wenn es um die Menschen geht, die gerade unser Krankenhaus bevölkern?
Natürlich geht uns das, was da gerade in Japan oder sonstwo abgeht etwas an. Immerhin ist es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Leute mit echten oder eingebildeten Strahlenkrankheiten bei uns auf der Matte stehen, und denen müssen wir ja schließlich irgendwas erzählen. Zum Beispiel, dass die plötzliche Müdigkeit und der Schwindel von Karl-Heinz Krampfbichler wirklich in keinem Fall auf den Atomunfall zurückzuführen sind, denn Herr Krampfbichler war noch nie in Japan, um genau zu sein hat er sich in seinem Leben noch nie mehr als fünfzig Kilometer von Bad Dingenskirchen entfernt. Und abgesehen davon, was Atomkraftwerke angeht, da soll er sich mal keine Sorgen machen, denn unsere deutschen Atommeiler, die sind schließlich sicher, totsicher, die können ruhig noch ein paar Jahre weiterlaufen.
Oder etwa doch nicht?

Written by medizynicus

15. März 2011 at 07:04

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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Was hat WikiLeaks mit der ärztlichen Schweigepflicht zu tun?

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Nichts? Gar nichts? Wirklich nichts? Oder doch?
Also gut, begeben wir uns wieder einmal nach Spelunkistan. Doktor Pfeiffemann ist dort Hausarzt. Und heute ist der Herr Kommerzienrat Grunznickel zu ihm in die Sprechstunde gekommen. Was fehlt ihm?
„Es geht mir gar nicht gut, Herr Doktor!“ seufzt er.
Doktor Pfeiffemann seufzt zurück. Allerdings nur heimlich in Gedanken. In Wirklichkeit schaut er seinen Patienten an, nickt ihm zu und bemüht sich um einen freundlich-interessierten Gesichtsausdruck.
„Meine Nerven, Herr Doktor,“ jammert der Herr Kommerzienrat, „Meine Nerven sind angeschlagen. Können Sie mir dafür etwas verschreiben?“
„Was schlägt Ihnen denn so auf die Nerven?“ fragt der Herr Doktor.
Der Patient schaut sich vorsichtig um. Dann fängt er an, zu berichten, mit gesenkter Stimme.
„Sie wissen doch, Herr Doktor, ich arbeite im Ministerium. Und da habe ich ein paar Sachen erfahren…“
Lassen wir die Details. Nur soviel: was da passiert, das ist schon eine ausgemachte Sauerei. Eine Korruptionsaffäre erster Güte! Nur gut, dass davon noch nichts an die Presse gedrungen ist.
„…und Sie, Herr Doktor, Sie behalten doch auch für sich, ja?“ versichert sich der Patient und legt verschwörerisch den Zeigefinger auf den Mund.
Der Herr Doktor nickt geistesabwesend, dann unterschreibt er das Rezept.
„Eine Tablette zweimal täglich!“ sagt er, drückt seinem Patienten die Hand und geleitet ihn zur Tür.
Sobald selbige ins Schloß gefallen ist, greift der Herr Doktor zum Telefon und ruft – selbstverständlich anonym und mit Anrufernummerunterdrückung den Whistleblowerjournalisten seines Vertrauens an.
„Du ich hätte da etwas für Euch….“

Written by medizynicus

14. März 2011 at 05:15

Versorgungslücke in der Palliativmedizin: Poltik lenkt möglicherweise ein

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Vor knapp einem Monat machte mich eine Leserin auf eine Versorgungslücke in der Palliativmedizin aufmerksam.
Wir erinnern uns:

  • Ärzte dürfen in Deutschland grundsätzlich keine Medikamente dispensieren. Das heißt: Sie dürfen zwar Spritzen geben und einem Patienten eine einzelne Tablette in die Hand drücken, die dann aber unverzüglich unter Aufsicht genommen werden muss. Verboten ist es hingegen, einem Patienten mehrere Tabletten zum späteren Gebrauch mitzugeben.
  • In allen anderen Fällen dürfen Medikamente grundsätzlich nur vom Apotheker abgegeben werden. Deshalb gibt es in Deutschland rund um die Uhr einen flächendeckenden Apotheken-Notdienst. Allerdings kann es in ländlichen Gegenden schon einmal sein, dass die diensthabende Apotheke 20 KM weit weg liegt. Einen Lieferservice bieten die Apotheken nachts in der Regel nicht.
  • Tatsache ist: fast jeder Arzt hat einem Patienten schon einmal ein paar Tabletten mitgegeben, sei es in der Notaufnahme oder in der Hausarzt-Sprechstunde oder beim Notfall-Hausbesuch. Korrekt ist das nicht. Trotzdem kräht in der Regel kein Hahn danach.
  • Nur bei Medikamenten, welche dem Betäubungsmittelgesetz (BTM) unterliegen, sollte man alle Gesetze und Regeln wirklich genau nehmen.
  • Schwerstkranke Tumorpatienten und Sterbende benötigen oft starke BTM-pflichtige Schmerzmittel, zwar auch nachts und am Wochenende. Aus gutem Grund will man hier oft eine Krankenhauseinweisung vermeiden. Ein Hausarzt, der einen Sterbenden besucht, kann diesem zwar ein BTM-Rezept ausstellen, faktisch ist es jedoch nachts oft nicht möglich, dass dieses Rezept auch zeitnah zur Dienstapotheke gebracht und eingelöst wird.
  • Ein Arzt, der einem Sterbenden unbürokratisch zwei oder drei Tabletten Morphium überlässt, steht aber quasi mit einem Bein im Knast…

Es gibt eine Initiative, diesen Zustand zu beenden, unter Anderem durch eine Petition beim Bundestag. Offenbar möglicherweise mit Erfolg. Das Gesundheitsministerium will diese Vorschläge immerhin „prüfen“, wie die Ärztezeitung jetzt meldete.

Written by medizynicus

13. März 2011 at 10:07

Frau Freitag hat ein Buch geschrieben… ich fass es nicht!

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Nee, ächt jetzt, hat sie wirklich. Gelesen hab ich’s noch nicht, aber sobald ich in die Nähe einer funkionsfähigen Buchhandlung komme werd‘ ich’s mir organisieren. Ist aber wahrscheinlich nicht so ganz einfach.
Hab’s schon lange nicht mehr geschafft, zu den Betriebszeiten der Bad Dingenskirchener Buchhandlung in die Stadt zu kommen. Und Versandbestellung ist leider auch keine Option: Auf Zettel im Briefkasten mit nachfolgender Schnitzeljagd zu irgendwelchen Abholstationen hab ich nämlich gar keine Lust und ans Krankenhaus liefern lassen geht auch nicht mehr, seitdem die Verwaltung ein Rundschreiben losteschickt hat, dass so etwas unerwünscht sei (Nein, und eine Packstation haben wir in unserem Städtchen leider auch nicht).
Aber wir kommen vom Thema ab. Es geht ja um Frau Freitag, und wenn das Buch so gut ist wie ihr Blog, dann herzlichen Glückwunsch!

Written by medizynicus

12. März 2011 at 21:07

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

Paul, Jenny und das EKG

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„…wir verbleiben mit kollegialen Grüßen, Unterschriften undsoweiterdasüblicheblabla Stop.“
Ich klappe die Krankenakte zu und schlage eine andere auf.
„Nächster Brief…“
Nee. Nix nächster Brief. Erstmal ein Kaffee.
Ich stehe auf und gehe in die Küche.
Da sitzt Jenny und lacht. Aber halt, sie lacht nicht alleine, denn neben ihr sitzt Paul.
Was macht Paul hier in der Küche? Und vor allem: sitzen die beiden nicht verdächtig nah nebeneinander?
Wortlos gehe ich zur Kaffeemaschine und schenke mir eine Tasse ein. Dann setze ich mich an den Tisch, den beiden gegenüber.
„Was gibt’s?“ frage ich und bemühe mich, nicht allzu böse zu klingen.
„Och, wir reden nur so…“ sagt Jenny.
„Über irgendwas Bestimmtes?“
„Nöö, eigentlich nicht…“ meint Paul und wird ein wenig rot.
„Hmmm.“ sage ich.
Paul schaut mich fragend an.
„Was machst Du gerade?“
„Briefe Diktieren!“ sage ich und ziehe eine Grimasse.
„Strafarbeit!“ füge ich hinzu und schaue von einem zum Anderen, „da würde ich auch lieber hier sitzen und mit schönen Frauen flirten…“
Jetzt werden beide rot.
Dabei sollte es doch gar nicht vorwurfsvoll klingen… oder zumindst nur ein ganz kleines bisschen.
„Kann ich Dir irgendwie helfen?“ fragt Paul schnell.
„Natürlich kannst Du das!“ gebe ich ebenso schnell zurück, „drüben im Arztzimmer liegt ein ganzer Stapel EKG’s die alle noch befundet werden müssen!“
„Das ist aber auch Strafarbeit…“
„Och, ich glaube, Deine Freundin würde das anders sehen!“ sage ich, stehe auf, nehme meine Tasse und gehe laut pfeifend zurück zu meinem Diktiergerät.

Written by medizynicus

11. März 2011 at 05:49

Kasperles Großmutter und die Synkopen-Abklärung

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Ich trinke noch einen Schluck Kaffee.
„Also, jetzt stellen wir uns mal vor, Kasperles Großmutter säße jetzt vor uns. Was würde passieren?“
Paul zuckt mit den Schultern.
„Fangen wir von vorn an: Wir haben eine Dame, Alter schätzungsweise irgendwas zwischen fünfundsechzig und achtzig, noch rüstig, lebt alleine, besorgt den Haushalt ohne Hilfe und sorgt sogar noch für ihren minderjährigen Enkel. Sie wird vom Enkel in unsere Notaufnahme gebracht, weil sie nach seinen Angaben wiederholt ohnmächtig geworden ist. Und jetzt bist Du am Start, Paul. Was machst Du?“
„Das Übliche natürlich…“
„Als da wäre?“
„Anamnese… Untersuchung… EKG… Labor… und dann halt Diagnostik…“
„Was für Diagnostik?“
„Naja… Langzeit-EKG vielleicht…“
„Und was finden wir?“
Paul zuckt abermals mit den Schultern.
„Okay. Vielleicht Vorhofflimmern. Vielleicht Pausen. Höchstwahrscheinlich aber nichts. Also weiter im Text.“
„Carotisdoppler vielleicht?“
„Gute Idee. Und da wir gerade einen fitten PJ’ler an Bord haben würde ich selbstverständlich auch einen Schellong-Test anordnen!“
Paul grinst.
„Und dann können wir noch ein neurologisches Konsil veranlassen, ein Schädel-CT, vielleicht auch ein EEG…“
„…und finden dennoch keine Diagnose!“ vervollständigt Paul den Satz.
Ich schüttele den Kopf.
„Irrtum! Spätestens nach dem neurologischen Konsil haben wir eine Diagnose. Eine ganz tolle sogar. Wahrscheinlich so toll, dass ich sie nicht aussprechen kann, geschweige denn verstehe. Aber es nutzt uns nichts!“
„Warum?“
„Weil es keine adäquate Therapie gibt. Es bleibt dabei: Ältere Leutchen leiden ab und zu an Schwindel. Und manchmal werden sie auch ohnmächtig. Die Ursachen sind vielfältig: ein bißchen Arterienverkalkung hier, ein bißchen Hirnsubstanz-Abbau dort undsoweiter. Es gibt ein paar gefährliche Dinge, die sollten wir ausschließen. Herzrhythmusstörungen zum Beispiel. Und es gibt ein paar wenige Krankheiten, die lassen sich gut behandeln. Das ist aber eher die Ausnahme.“
„Und was heißt das jetzt?“
„Es bleibt dabei: Großmutter wird ab und zu ohnmächtig. Und wenn man ihr eine rohe Zwiebel unter die Nase hält, dann muss sie niessen und wacht wieder auf.“

Written by medizynicus

10. März 2011 at 05:41