Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for März 2011

Kasperles Großmutter oder: Märchenstunde mit Medizynicus

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„Also,“ sage ich zu Paul, als wir in der Küche sitzen und beide einen Pott dampfenden Kaffee vor uns haben, „Was fällt Dir sonst noch zum Thema Synkopenabklärung ein?“
Paul zuckt die Schultern.
„Oder anders gefragt: Kennst Du den Räuber Hotzenplotz?“
„Äh… was hat das jetzt damit zu tun?“
„Eine ganze Menge. Also, Räuber Hotzenplotz. Du erinnerst Dich? Wer kommt da in der Geschichte vor?“
„Hmm. Der Räuber Hotzenplotz natürlich, der Wachtmeister Dimpfelmoser… und Kasperl und Seppel…“
„Donnerwetter. Du kennst Dich ja richtig aus. Hast Du etwa auch einen kleinen Neffen, der sich das Buch ständig vorlesen läßt?“
Paul wird ein wenig rot.
„Oder einfach nur ein gutes Gedächtnis? Gut. Ist ja bei Dir auch noch nicht ganz so lange her wie bei mir. Also. Hotzenplotz, der Kasperl und seine Großmutter. Du erinnerst Dich an Kaspers Großmutter?“
„Ja, da war was…“
„Kasperls Großmutter,“ doziere ich weiter, „die wird ja im Laufe der Geschichte mehrmals von Hotzenplotz überfallen. Und was passiert dann?“
Paul zuckt mit den Schultern. So gut hat er offenbar doch nicht aufgepasst.
„Kasperls Großmutter wird ohnmächtig. Immer wieder. Vor Schreck. Jedes Mal, wenn der Bösewicht wieder da war.“
Ich lehne mich zurück, grinse und trinke einen Schluck Kaffee.
„Womit wir beim Thema wären. Jetzt betrachten wir das Ganze mal von der medizinischen Seite. Was ist also mit Kasperls Großmutter los?“
„Eine Synkope?“ sagt Paul vorsichtig.
„Bingo! Eine Synkope. Oder mehrere. Anders ansgedrückt, Kasperls Großmutter hat mehrfach redidivierende Synkopen. Was würdest Du mit ihr machen?“
Paul schaut mich wortlos an.
„Also ich kann Dir sagen, was der Kasperl macht: Der hält ihr nämlich eine aufgeschnittene Zwiebel unter die Nase, davon muss sie dann niessen und wird wieder wach.“

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9. März 2011 at 05:23

Paul und der Schellong-Test

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„Schön hast Du das gemacht!“
Gerade hat Paul ein Blatt Papier vor mich hingelegt. Wirklich, der Junge ist Gold wert!
PJler sind schon eine feine Sache, da sollte es mehr von geben.
Paul nimmt sich einen Stuhl und setzt sich neben mich.
„Und was bedeutet das jetzt?“ fragt er.
Also gut.
„Schau mal. Du hast also einen Schellong-Test gemacht. Frau Bensheim ist zu Hause kollabiert, und wir wollen wissen warum. Unsere Arbeitdiagnose ist Orthostase. Du weißt, was das ist?“
Fragender Blick zu Paul. Der nickt. Klar, ist ja ein kluger Student!
„Orthostase heißt, vereinfacht ausgedrückt, dass das Blut aus dem Kopf verschwindet und im Körper versackt, wenn man aus dem Sitzen oder Liegen aufsteht. Dann wird einem schwindelig und man kann kollabieren. So ungefähr erkläre ich es jedenfalls den Patienten. Den pathophysiologischen Mechanismus dahinter habe ich irgendwann mal gelernt und vergessen, aber Du wirst das sicher noch wissen!“
Paul nickt.
„So, jetzt hast Du also mehrfach Blutdruck und Puls gemessen. Zuerst im Liegen, dann im Stehen, dann wieder im Liegen. Und alles schön aufgeschrieben…“
Eine echte Fleißaufgabe. Und ziemlich zeitraubend. Deswegen schenke ich mir die Prozedur normalerweise, weil nämlich in der Regel eh nichts dabei herauskommt. Aber das weiß Paul ja noch nicht. Und weil der Oberarzt es angeordnet hat, ist das eine schöne Beschäftigungstherapie.
„Und was ist jetzt herausgekommen?“
„Also, wenn es wirklich Orthostase ist, dann fällt der Blutdruck charakteristischerweise im Stehen ab und steigt dann später wieder an…“
Paul schaut stirnrunzelnd auf seine gemessenen Werte.
„Scheint aber hier nicht der Fall zu sein. Was hat die Patientin dann?“
„Sie ist zu Hause kollabiert.“
„Und wir wissen noch immer nicht, weshalb?“
„Nein.“
„Und wie kriegen wir das heraus?“
„Meistens gar nicht!“
„Dann war der Krankenhausaufenthalt also im Grunde völlig für die Katz…?“
„Nun, so einfach ist das auch wieder nicht… ich glaube, es ist Zeit für eine kleine Märchenstunde?“
„Märchenstunde?!“
„Genau. Lass uns in die Küche gehen auf einen Kaffee, dann erzähle ich Dir eine kleine Geschichte…“

Written by medizynicus

8. März 2011 at 05:48

Will keiner mehr Hausarzt werden?

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Es war einmal, vor langer, langer Zeit… da war die Welt noch in Ordnung.
Draußen auf dem Lande waren die Leute glücklich und zufrieden und wenn man sich bei der schweren, harten Arbeit auf dem Feld einmal verhoben oder den Fuß verstaucht hat, dann ging man zum Doktor.
Der Herr Doktor war immer da, wenn man ihn brauchte und wusste eine Lösung für jedes Problem. Hatte man Schmerzen, gab’s eine Spritze, litt man Seelenqualen, dann fand er ein tröstendes Wort. Und den Simulanten und Hypochondern, den sagte der Herr Doktor auch schonmal mit klaren und deutlichen Worten, dass sie sich einfach mal ein wenig zusammenreißen sollten.
Ach ja, das waren noch Zeiten…
Der Herr Doktor bewohnte das größte Haus im Dorf und jeden Freitag Abend traf er sich zum Stammtisch mit dem Herrn Pfarrer, dem Lehrer und dem Bürgermeister und da wurden dann die Geschicke des Dorfes bestimmt.
So war das halt, damals. Aber die Zeiten sind vorbei. Niemand will mehr Hausarzt werden. Ärzteverbände und Funktionäre schlagen Alarm. In den einschlägigen Gazetten ist von tatsächlichem oder drohendem Ärztemangel die Rede.
Was ist los?
Natürlich ist es viel cooler, Neurochirurg zu sein oder Kardiologe. Dann kann man abends in der Szene-Bar spannende Stories aus OP oder Herzkatheter vom Stapel lassen. Und ein dickeres Auto als der Landarzt-Dackel kann man sich allemale leisten…
Aber liegt es wirklich daran?
Oder gibt es vielleicht ganz andere Gründe?

Written by medizynicus

7. März 2011 at 05:08

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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Träume schön!

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Dream Pharma – so nennt sich eine kleine Hinterhoffirma, die irgendwo am Westrand von London neben einer Fahrschule residiert.
Dream Pharma verkauft pharmazeutische Produkte. Sie fühlt sich den Anbietern von Gesundheitsdienstleistungen verpflichtet, heißt es auf der Webseite gleich ganz oben. Gesundheitsdienstleister… das sind doch Leute, die sich damit beschäftigen, andere Leute gesund zu machen, oder?
Dream Pharma verkauft ganz besondere Pharmazeutika. Nämlich solche, die schöen Träume machen. Das Narkosemittel Thiopental zum Beispiel. Wenn man zuviel davon spritzt, kann man jemanden damit umbringen. Ab und zu tut man das auch absichtlich, zum Beispiel in amerikanischen Gefängnissen.
Und genau solche Gefängnisse geben öfters mal Bestellungen bei Dream Pharma auf. Wozu sie das Zeug wohl brauchen? Weiß ich doch nicht, behauptet der Pharma-Dealer, oder zumindest geht es mich nichts an.
Geschäft ist halt Geschäft.

Written by medizynicus

6. März 2011 at 09:30

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

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Willkommen in der Medizynischen Fakultät…

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Wo gibt es das erste bislang einzige Institut für Institut für Dokumentations- und Verwaltungsmedizin?
Wo kann man Verbalballistik, Scherztherapie, Spekologie oder Bommelkunde studieren?
Im Uni-Klinikum Charcuterie der Francesco-Parisi Universität Styrum laufen so einige Dinge ab, die wohl weltweit einmalig sein dürften. Eingefleischte Tierschützer zumindest dürften von den Forschungsmethoden zur Erschaffung der Herrenratte wenig begeistert sein. Aber womöglich haben die Kollegen vom Institut für Logorrhoe und angewandte Koprolalie da ein paar gute Worte eingelegt…
Was ist das für ein Laden? Medizynicus war erstmal sprachlos.
Dann wollte er es genauer wissen. Sobald er seine Sprache wiedergefunden und sich ein paar kluge Fragen ausgedacht hat, wird er Rektor Prof. Dr. cervisiae Urs Gnudnoff um ein Interview bitten.

Written by medizynicus

5. März 2011 at 21:42

Heute war ich Lehrer… fast…

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Ja, also wenigstens so’n bisschen. Ihr wollt’s ja wissen, darum erzähl ich’s Euch auch.
Hatte etwas vorbereitet. Ein paar EKG’s eingescannt und dazu die entsprechenden Lehrbuchkapitel durchgeackert und die key points schön in PowerPoint-Slides verpackt, dazu zur Auflockerung ein paar nette Cartoons und fertig war die Sache. Hat mich auch bloß geschätzte sieben Stunden gekostet und nachher hatte ich ordentliche Ringe unter den Augen.
Pünktlich um vierzehn Uhr versammele ich also meine Eleven um mich herum… also zumindest versuche ich es. Wen haben wir da? Paul und die beiden Chirurgen-Mädels. Nur drei Leute? Okay, dann brauche ich zumindest keinen Beamer. Der große Monitor im Arztzimmer sollte ausreichen. Gut, dann starte ich mal einen Probelauf… och nöö, die haben die USB-Eingänge des Rechners gesperrt. So von wegen Viren und so. Aber Paul ist schlauer als ich und schafft es, die von unserer IT-Abteilung eingebauten Sperren zu überlisten.
Dann ruft er die beiden Mädels an… die maulen, haben keinen Bock auf internistische Fortbildung, behaupten, in den OP zu müssen aber Paul äußert den Verdacht, dass sie sich in Wirklichkeit ins Wochenende vertschüssen wollen… und Paul vertschüsst sich auch, und zwar in Richtung Endoskopie, dem Chef über die Schulter schauen. Er verspricht aber hoch und heilig, wiederzukommen, und vielleicht hat er das auch getan, aber da war ich dann schon im Wochenende…

Written by medizynicus

4. März 2011 at 23:43

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Mach mal eben den Unterricht…

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Die Kaffeemaschine pröttelt vor sich hin, schon drei Kannen habe ich im Laufe des Abends leergetrunken. Auf dem Schreibtisch liegt meine komplette Lehrbuchsammlung aufgeschlagen herum und auf dem Rechner glotzt mich eine leere Powerpointpräsentation an. Keine sieben Stunden Galgenfrist mehr. Wenn der Wecker klingelt muss ich auf meinem USB-Stick irgendwas gespeichert haben, was ich dann am Nachmittag im Seminarraum unseres Klinikums zum Besten geben kann.
Angefangen hat das Unglück heute Nachmittag um siebzehn Uhr dreißig. Da hatte ich meinen Kittel gerade in den Schrank gehängt und war drauf und dran, den Heimweg anzutreten, als ich Kalles Hand auf meiner Schulter spürte.
„Du… hast Du noch einen Moment?“
„Äh…?“
„Kannst Du morgen den Unterricht machen?“
„Den… was?“
„Den Unterricht für die PJler!“
„Öh…“
„Das Thema ist egal. Nimm halt irgendwas, was einen Bezug zum Alltag auf Station hat. Bloß keine Kolibris. Irgendein häufiges Krankheitsbild…“
„Und wie…“
„Eine kurze Präsentation, maximal eine halbe Stunde, und dann stellst Du einfach Fragen. Das schaffst Du schon!“
Und damit war er aus der Tür. Ich hätte ihn erwürgen können!
Maximal sechseinhalb Stunden noch. Und ich habe noch nicht einmal ein Thema. Ich fürchte, es wird noch eine lange Nacht…

Written by medizynicus

3. März 2011 at 23:33

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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Vorschau Wikio-Ranking „Gesundheit“

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Written by medizynicus

3. März 2011 at 21:22

Veröffentlicht in Ein Herz für Blogs

Studenten zu verteilen (Teil 2)

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Die Besprechung ist zu Ende.
Kalle nickt dem baumlangen Kerl kurz zu. Der Typ reißt die Augen auf, nickt zurück und kommt langsam in unsere Richtung geschlurft.
Ich stelle mich vor und strecke ihm meine Hand entgegen. Er drückt sie so fest, dass er sie fast zerquetscht. Und dann nickt er und grinst mich wortlos an.
„Äh… wie heißt Du denn?“ frage ich.
„Paul,“ sagt er, „Ich bin PJler!“
Kalle klopft mir auf die Schulter.
„Und Du zeigst ihm dann mal die Station und alles andere, was sonst noch dazu gehört!“ sagt er.
Ich atme tief ein und aus.
„Also gut, Paul…“
Kalle dreht sich um.
„Ich bin dann mal in der Endoskopie. Ruf mich an, wenn’s Probleme gibt!“
Ich nicke kurz, dann ist er auch schon fort. Paul schaut mich fragend an. Ich mache eine Handbewegung in Richtung Treppenhaus.
„Was hast Du denn so langfristig mal vor?“ frage ich.
„Chirurgie!“ kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen.
Einmal tief einatmen, ausatmen. Nein, wir haben keine Vorurteile, wirklich nicht. Abgesehen davon ist er ja noch gar kein Chirurg und wer weiß, ob er es jemals wird. Noch besteht vielleicht Hoffnung….
„Kannst Du Blut abnehmen? Venöse Zugänge legen?“
„Machen das bei Euch nicht die Schwestern?“
„Naja… vielleicht könntest Du ihnen ja ein wenig helfen… wenn Du magst!“
Jetzt atmet Paul hörbar ein und aus.
Oben auf Station zeige ich ihm dann zunächst mal den Standort der Kaffeemaschine. Im Grunde meines Herzens bin ich ja ein netter und liebenswürdiger Mensch. Ich schenke uns beiden eine Tasse ein.
„Mit EKG’s kennst Du Dich aus?“
Er wird ein wenig rot.
„Geht so.“
Die Tür geht auf und Jenny kommt rein. Paul springt auf und streckt ihr seine Vorderflosse entgegen.
„Hi! Ich bin der neue PJler! Wenn Du mal Hilfe brauchst, sag‘ einfach Bescheid!“
Jenny lächelt ihn an.
„Oh, das ist aber lieb!“ sagt sie.
Schnell schiebe ich Paul durch die Tür ins Arztzimmer.
„So, und jetzt erkläre ich Dir mal, wie man EKG’s befundet!“

Written by medizynicus

2. März 2011 at 05:01

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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Studenten zu verteilen

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„Du kriegst auch einen!“ sagt Kalle.
„Einen… was?“
„Einen Pjler!“
„Ach,,,, echt?“
„Ja, Bad Dingenskirchen wird akademisches Lehrkrankenhaus. Zunächst versuchsweise…“
Richtig, Ich erinnere mich. Die Sache hatte in den vergangenen Wochen in unserer Kantine zu den heißesten Tratschthemen gehört. Der Chef und vor allem Oberarzt Heimbach waren ziemlich scharf darauf. Heimbach war geradezu enthusiastisch gewesen.
„Das ist unsere Chance!“ hatte er gesagt, „Wir rücken näher an die Universität. Zunächst im Bereich der Lehre, später dann vielleicht auch Forschung…“
Okay, okay. Den Chirurgen hat’s auch gefallen. Erstens macht’s prestigemäßig natürlich eine Menge her. Und zweitens ist ein Medizinstudent im praktischen Jahr ja fast schon ein fertiger Arzt und somit vielfältig einsetzbar. Zum Hakenhalten im OP zum Beispiel.
Die Verwaltung war auch angetan von den neuen billigen Arbeitskräfte. Und was die Innere Abteilung angeht: natürlich ist auch auf Station ein zusätzliches Paar Hände immer willkommen.
Insgesamt also eine feine Sache.
„Wann kommen denn die Ersten?“
„Nächsten Montag geht’s los!“
Der nächste Montag kam und mit ihm die Studenten. Drei Stück. Zwei Mädels, ein junger Mann. Die Mädels sehen echt schnuckelig aus. Oder bin ich inzwischen so alt geworden, dass für mich jede junge Frau schnuckelig ist?
„Kann ich mir aussuchen, wen ich haben will?“ zische ich Kalle in der Frühbesprechung zu.
„Die beiden Damen gehen in die Chirurgie!“ zischt Kalle zurück.
Och, nö!

Written by medizynicus

1. März 2011 at 05:59

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn