Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Abi-Note, Auswahlgespräch oder Losverfahren: Wer wird ein guter Arzt?

with 20 comments

Mein kurzer Beitrag über Kapazitätsklagen zum Medizinstudium hat hohe Wogen geschlagen und wird immer noch heftig kommentiert.
Tatsache ist: die Anzahl der Plätze für Medizin-Studienanfänger ist begrenzt. Die Anzahl der Bewerber ist in aller Regel weit höher als die Anzahl fer Plätze. Irgendwie müssen die Plätze verteilt werden und es wird Bewerber geben, die leer ausgehen.
Was also ist der fairste Weg?
Welcher Bewerber soll denn einen Studienplatz bekommen?
Derjenige, bei dem vorauszusehen ist, dass er einmal ein guter Arzt werden wird. Schön. Wenn das mal so einfach vorauszusehen wäre… und wer weiß, ob die guten, intelligenten und gescheiten Kollegen denn dann auch wirklich viele, viele Jahre in der Patientenversorgung arbeiten oder sich nicht in lukrativere Geschäftsfelder – etwa Industrie oder Unternehmensberatung – zurückziehen werden? Also wählen wir lieber die sozial engagierten Kollegen aus? Auch wenn sie keine guten Noten haben und das Studium möglicherweise gar nicht packen werden?
Was also ist der fairste Weg?
Oder noch einmal noch viel grundsätzlicher gefragt: Was zeichnet denn überhaupt einen „guten“ Arzt aus?

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Written by medizynicus

3. April 2011 um 11:00

Veröffentlicht in Nachdenkereien

20 Antworten

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  1. > Was zeichnet denn überhaupt einen „guten“ Arzt aus?
    Resilienz, Empathie und ein tief verwurzeltes Interesse am MEnschen und der Wissenschaft.

    chammann

    3. April 2011 at 11:08

  2. …und vermutlich die Fähigkeit, Wörter wie Resilienz nicht nachschlagen zu müssen. Da muss ich wohl umschulen 😉

    Im Ernst: Christoph nennt da schon das Richtige. Die Frage ist jedoch: Kann man bei eine/m/r 20-jährigen wirklich beurteilen, wie es um seine Empathie in 10 Jahren bestellt sein wird?

    Bleibt also Interesse an der Wissenschaft und die entsprechenden Schulnoten. Und damit kann man ganz schön daneben liegen.

    Elmar

    3. April 2011 at 11:44

  3. Gut zuhören können, Offenheit, die Fähigkeit, Zusammenhänge zu entdecken und einiges mehr.

    Blogolade

    3. April 2011 at 12:45

  4. Geduld, Geduld und Geduld…

    Patrick

    3. April 2011 at 13:18

  5. Geduld, Respekt vor dem Patienten, Akzeptanz auch schwieriger Charakterzüge, Offenheit, keine Vorurteile, dem Patienten glauben, Interesse am Patienten, der ehrliche Wille (vielleicht auch Ehrgeiz) zu helfen, Empathie, eigene Schwächen/Grenzen kennen und zugeben (Kollegen um Rat fragen, Zweitmeinungen einholen, sich nicht wie ein Gott benehmen etc.), und nochmal: Geduld.

    Und dazu natürlich fachliche Kompetenz 😉

    silbertraeumerin

    3. April 2011 at 13:31

  6. Was einen guten Arzt ausmacht? Na, das er rausfindet was ich habe und weiß, wie ich wieder gesund werde.
    Der Rest ist doch eigentlich nur Bedingung fürs Rausfinden.

    Frollein Ronja

    3. April 2011 at 18:13

  7. Alle die Empathie und Gutmenschentum als wichtigste Eigenschaften eines Arztes fordern, vergessen, dass das Medizinstudium nicht zwangsläufig darauf hinausläuft, in der direkten Patientenversorung tätig zu sein. Es gibt auch Pathologen, Hygieniker, Pharmakologen, Physiologen, Leute in der Forschungusw. usw. usf. und für diese ist das keine zwingende Fähigkeit.
    Die Studienbefähigung hingegen zeigt sich sehr deutlich in der Abiturnote. Wer in der Schule schon gut war, wird vermutlich (weniger) Probleme im Medizinstudium haben, die Abinoten korrelieren sehr stark mit denen aus dem Physikum.

    Ich finde das System, so wie es jetzt ist, gut und richtig.

    docadenz

    3. April 2011 at 18:22

  8. Ich finde es amüsant, dass die USA seit 1928(!!) einen standardisierten Medizinertest haben, wohingegen Deutschland mit ach so hohen Ansprüchen an Studenten und der medizinischen Ausbildung an sich, das bis heute nicht gescheit hinkriegt.

    Und wenn man auf keinen gemeinsamen Nenner kommt, kann man sich auch die Auswahlquote von 60% klemmen und stattdessen 50/50 nach Note und Wartezeit vergeben.
    NC wäre anstatt 1,0 z.B. 1,8 und die Wartezeit wäre auch nicht so lang wie bald das ganze Studium.

    DD

    3. April 2011 at 18:28

  9. @docadenz:

    Man sollte aber zum Großteil wohl davon ausgehen, dass ein Medizinstudent auch irgendwann mal einen Menschen zu Gesicht bekommt und dann als Arzt auch behandeln soll/will.
    Und das wird ja wohl die Mehrheit sein im Gegensatz zu den beschriebenen „Theoretikern“..
    Wäre Medizin ein verkopftes, trockenes Studium wären dann wahrscheinlich nur die reinen Noten relevant.

    DD

    3. April 2011 at 18:33

  10. Das ist eine schwierige Frage… eigentlich fällt es mir persönlich sogar leichter, zu sagen, wer kein guter Arzt wird. So hatte ich mal eine Schulfreundin, die so ein typischer Ich-muss-die-Beste-sein – Kandidat war… Eigentlich hat sie den lieben langen Tag nichts anderes gemacht als gebüffelt, was auch meinen vollsten Respekt verdient, ich und viele andere haben es uns immer leicht gemacht – wird schon schiefgehen! Dafür hat sie immer angefangen, zu heulen, wenn es mal keine 1 mit Sternchen wurde, und ihr schönes Medizinstudium schon den Bach herunterlaufen gesehen. Schulisch waren die Leistungen trotzdem Top und sie hat ihr Abitur mit einem Schnitt von 1,3 geschafft, dafür auch noch mal meinen Respekt! Allerdings hatte sie – in meinen Augen – keine Ahnung, worauf es in der Medizin wirklich ankommt. Ich könnte darauf schwören, dass sie vermutlich alle Bücher gefressen und in Rekordzeit Studium und Doktor-Krempel hinter sich gelassen hätte… Dafür waren die sozialen Fähigkeiten schon fast verkümmert! Der Umgang mit Mitmenschen war so katastrophal, dass man sich manchmal sogar schon fremdgeschämt hat. Der überzogene Ehrgeiz war Auslöser dafür, dass sie immer ihren Kopf durchsetzen wollte, koste es, was es wolle. Kompromisbereitschaft nicht vorhanden. Wenn sie doch mal nicht weiterwusste, war sie nicht in der Lage, andere nach Meinungen oder Rat zu fragen. Sie wollte es halt immer am Besten machen, aber manchmal bringt das allein leider nichts, und es ist hinterher schlimmer als erwartet. Und ich glaube, für einen Arzt ist es noch so schön, wenn er ein riesiges Fachwissen vorweisen kann und quasi ein wandelndes Medizinlexikon ist… dazu noch ein Einserschüler, was will man mehr… Aber wenn man nicht auf andere Menschen eingehen kann, sich immer nur auf ein Problem sowie eine Lösung versteift, Rat immer nur abweist und und und… dann bringt es einfach nichts. Und das ist in meinen Augen definitiv kein guter Arzt. Und bei der Vorstellung, dass unsere Schulfreundin (die Arme, muss sie wohl doch nur als schlechtes Beispiel hier herhalten!) mal Ärztin wird, haben wir in unserem Freundeskreis die armen Patienten einfach nur bemitleidet… Jemand, der nur auf persönlichen Erfolg aus ist, und darauf, immer das höchstmöglich Erreichbare zu leisten, der macht vermutlich eben oftmals mehr für sein Ego als für den Patienten… Übrigens hat meine Schulfreundin dann irgendwann doch noch erkannt, dass die Medizin vielleicht nicht ganz ihre Liga ist, und ein Maschinenbau-Studium begonnen….

    souly

    3. April 2011 at 18:34

  11. Und dann kommt ja noch eines dazu: das Auswahlverfahren muss auch MACHBAR sein.

    Schön, wenn man weiß, wie ein idealer Arzt-Kandidat sein soll – wenn man den aber nur durch ein dreistündiges Einzelgespräch ermitteln kann, dann funktioniert das so trotzdem nicht (die Professoren sollen ja nicht nur Auswahlgespräche führen, sondern auch forschen – und idealerweise auch ein bisschen lehren…)

    Benedicta

    3. April 2011 at 20:11

  12. Kommt auf den Arzt und die Situation an. Als Hausarzt, der Husten, Fußpilz und die anderen alltäglichen Wehwehchen kurieren soll, stehen neben den Fachwissen natürlich Empathie und Menschlichkeit an erster Stelle. Der Neurochirurg darf dagegen auch sehr gern ein abgebrühter Fachidiot sein.

    Keinem Arzt wird es gelingen, es jedem Patienten recht zu machen. Das ist in den meisten anderen Berufsgruppen nicht anders, und gerade die Angehörigen medizinischer Berufe sollten auch auf ihre eigene Psychohygiene achten – also sich von Patienten nicht alles gefallen lassen.

    Ich selbst war vor langer Zeit auch einmal Medizinstudent, habe aber während der Praktika im Krankenhaus sehr bald eingesehen, dass ich für den Beruf des Arztes ungeeignet bin, weil mir viele praktische Fähigkeiten fehlen. Heute beschäftige ich mich hauptberuflich mit Medizinrecht und medizinischer Ethik und bin damit sehr glücklich.

    Über meinen Studienplatz hat sich dann ein Kommilitone gefreut, der zunächst einen auf die Vorklinik begrenzten Studienplatz hatte. Ich denke, dass das ein gangbarer Weg ist: in der Vorklinik sollten die Unis viele Bewerber akzeptieren, die sich die Medizin auch außerhalb der Lehrveranstaltungen näher anschauen. Gleichzeitig sollte der Wechsel in verwandte Berufsfelder (Naturwissenschaften, theoretische Medizin, Pflege, Krankenhausökonomie etc.) erleichtert und nicht stigmatisiert werden.

    Für meine Tätigkeit im Medizinrecht kann ich jedenfalls sagen, dass mir das Wissen und die Eindrücke aus drei Semestern Medizinstudium bis heute nützlich sind.

    Christian

    3. April 2011 at 20:48

  13. …also ich bin für ein öffentliches Casting. In DSDS-Manier- Deutschland sucht den Super-Medizin-Studenten. mit den Werbeeinnahmen könnte dann das studium auch teilfinanziert werden- 2 Fliegen mit einer Klappe!

    chilara

    4. April 2011 at 00:03

  14. Auch wenn hier jeder was von Empathie und Co. schreibt: In erster Linie braucht es doch fachliche Kompetenz!
    Einfühlungsvermögen, Offenheit, Vorurteilsfreiheit, etc. sind „Soft Skills“, die zwar ebenfalls wichtig sind, aber meiner Meinung nach nicht an erster Stelle stehen.

    Grund: Es gibt Ärzte, die empathisch sind, sich in den Menschen einfühlen können und total sympathisch sind. Aber fachlich haben sie nichts drauf. Damit sind sie für den Beruf ungeeignet.
    Da ist mir ein fachlich versierter Arzt, der zwischenmenschlich dann ruhig ein Depp sein darf, eigentlich lieber.
    Schön ist es natürlich, wenn „Hard Skills“ UND „Soft Skills“ in Ordnung sind.

    Mit fachlich meine ich übrigens nicht denjenigen Studenten, der sich seitenweise Bücher reindonnern kann. Ich meine einen Studenten, der den Inhalt dann auch versteht und abstrahieren kann.
    Ein Telefonbuch kann schließlich jeder auswendig lernen…

    Steven

    4. April 2011 at 13:37

  15. Kleiner Nachtrag:

    Was ich meine: Ich hätte lieber einen „Dr. House“ als Arzt als einen total sympathischen, freundlichen, netten Arzt, der aber meine Krankheit nicht diagnostizieren kann.

    Steven

    4. April 2011 at 13:40

  16. Nennt mich Masochist aber ich mag den „Dr. House“ auch als Arzt lieber als die meissten anderen die ich bislang hatte. Ehrlichkeit und Direktheit sind mir bei meinem Arzt sehr wichtig.

    Avarion

    4. April 2011 at 13:58

  17. kinderaerzte sollten freundlich, symphatisch, empathisch und den ganzen „mist“ sein, aber ansonsten ist es doch echt egal, wie der arzt als mensch drauf ist, der muss ja nicht mein neuer bff werden, sondern der soll mich heilen.

    Ich

    4. April 2011 at 14:16

  18. Ärzte sollten vor allem erst mal Ärzte werden, sprich ihr Studium schaffen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Examen bestehen, korreliert vor allem mit der Note des Abiturs. Im Sinne eines vernünftigen Einsatzes von knappen Ressourcen, die ja Studienplätze nun mal sind, wäre eine entsprechende Auswahl schon sinnvoll.
    Was ich mich frage: Gibt es eigentlich Auswertungen, ob Menschen, die über die Wartezeit zum Studium gekommen sind und dieses geschafft haben, eher zB Landarzt werden oder weniger ins Ausland oder in die Industrie gehen? Hat die Karriereentscheidung am Ende weniger mit der vorherigen Laufbahn als mit den vorgefundenen Arbeitsbedingungen zu tun? Gibt es belastbare Hinweise, dass Ärzte mit schlechterer schulischer Leistung empathischer sind?

    Malte Widenka

    5. April 2011 at 09:03

  19. Die am besten als Ärzte geeigneten Studenten würde man wohl am ehesten in einer Studieneingangsphase finden, in der prinzipiell jeder mit einem zumindest durchschnittlichen Notenschnitt reinkommen kann. Hat natürlich den Nachteil, dass man zuerst ein Semester brauchen würde, bis man tatsächlich weiß, ob man genommen wird …

    Andreas

    5. April 2011 at 10:31

  20. @Andreas: Und es hätte den Nachteil, dass man das Studium eigentlich erst nach dieser Phase anfangen könnte, weil vorher weder Räume noch Material noch Dozenten für alle Studierenden da wären…

    achtelgott

    5. April 2011 at 15:26


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