Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Operieren oder… lieber doch nicht?

with 7 comments

„Wieso ist Frau Höbelmann dann doch noch unter’s Messer gekommen, obwohl sie gar nicht wollte?“ frage ich.
Martin wischt sich mit einer Serviette den Mund ab.
„Eines Morgens war sie völlig durch den Wind!“ sagt er, „Bis dahin war sie ja bekanntlich zwar ein wenig störrisch, aber so drauf, dass man im Prinzip ganz normal mit ihr hatte reden können. Jetzt aber hat sie plötzlich nur noch herumgeschrien, gebrüllt und getobt und dummes Zeug gesprochen.“
„Kam das vielleicht durch den Infekt?“
Martin nickt heftig.
„Klarer Fall. Durchgangssyndrom. Sepsis. Vierzig Fieber und Entzündungswerte bis zum Gehtnichtmehr. Oberarzt Biestig hat die Angehörigen angerufen und gesagt: der Fuß muss ab.“
„Und die waren jetzt einverstanden?“
„Sie haben unterschrieben. Das war die Hauptsache. Dann haben wir die Oma in den OP gerollt. Und was soll ich sagen: Der Fuß war nur noch Matsch. Biestig wollte jetzt den gesamten Oberschenkel amputieren, zur Sicherheit, erstens geht das einfacher und zweitens heilt das besser, wenn die Infektion soweit fortgschritten ist. Dann aber ist ihm eingefallen, dass die Angehörigen ja nur für die Vorfußamputation unterschrieben hatten, und jetzt war von denen niemand mehr greifbar. Also haben wir es beim Vorfuß belassen.“
„Und dann?“
„Die Operation hat sie überlebt. Aber damit war der Infektfokus ja noch nicht beseitigt…. das Fieber ist geblieben und irgendwann war dann Ende im Gelände.“
Martin steht auf und schiebt sein Essenstablett in den dafür vorgesehenen Wagen.
„So ist es halt!“ sagt er mit gespieltem Mitleid, „Manchmal kannst Du halt nicht gewinnen!“
„Und wenn ihr den Oberschenkel amputiert hättet?“
„Dann wäre sie noch am Leben!“ die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen, vielleicht etwas zu schnell.
Dann zuckt er mit den Schultern.
„Oder auch nicht!“ sagt er und verschwindet in Richtung Aufzug, „Ist ja eigentlich auch egal…“

Written by medizynicus

7. April 2011 um 05:50

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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7 Antworten

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  1. Die Geschichte ist gut für eine spannende Diskussion. Auf welcher rechtlichen Basis haben die Angehörigen denn unterschrieben? Und warum glaubte Bückling, dass es der Wille der Patientin sei, dass er sie operiert, obwohl sie sich doch vorher nachdrücklich anders geäussert hat?

    Klabauterdoc

    7. April 2011 at 12:55

  2. Der Wille des Patienten fängt nur sehr sehr langsam an eine Rolle im Krankenhaus zu spielen.
    Im Vordergrund steht die Heilung und man geht eben davon aus dass jeder Mensch diesen Überlebenswillen besitzt sich zur Not auch alle Extremitäten amputieren zu lassen nur um am Leben zu bleiben.

    Lass noch ein paar Jahre oder besser ein Jahrzehnt verstreichen und das ganze wird anders aussehen.
    Ob Positiv der Negativ lässt sich leider nicht sagen :\

    Tobi

    7. April 2011 at 14:36

  3. Gibt’s da nicht so ne Klausel, dass, wenn es (Lebens-) notwendig ist so OPs auch ausgeweitet werden können…? Kommt doch bestimmt immer wieder (und auch bei willigen Patienten) vor, dass man nicht mit dem, für was unterschrieben wurde, auskommt…

    Alessa

    7. April 2011 at 15:23

  4. Aus meiner laienhaften Sicht als Nichtjurist frage ich mich, ob es sich nicht um Körperverletzung mit Todesfolge handelt. So wie ich die Geschichte verstanden habe, hat sich die Patientin relativ kurz vor der OP, vor dem Delir, mehrmals gegen eine OP entschieden. Dem Chirurg war das bekannt. Er hat also letztlich ohne Einwilligung operiert.

    Das ist sein eigentliches Problem. Die Unterschrift der Angehörigen gilt nichts, insbesondere, wenn deren Entscheidung nicht dem mutmasslichen Willen der Patientin entspricht.

    Darüber hinaus muss man sich fragen, wie es zu bewerten ist, dass er in dem Moment, als die Patientin sich nicht mehr selbst äusseren konnte, ihren Willen, den er ja aus den Diskussionen vorher kannte, mit Hilfe der Angehörigen umging.

    Ich könnte mir vorstellen, wenn ihn jemand aus der Pflege oder ein Enkel der Patientin, anzeigt, und sich die Äusserungen der Patientin vor dem Delir belegen lassen, dass es dann sehr eng für Bückling würde.

    Klabauterdoc

    7. April 2011 at 21:43

  5. Ich war der festen Ansicht, dass wenn während einer OP ein anderes/weiteres Problem auftaucht als das bisher angenommene, dann wird das eben auch behandelt?!

    Bei meiner Bauspiegelung zur Blinddarmentfernung wurden schließlich auch Verwachsungen entfernt obwohl ich für die „nicht unterschrieben“ habe und das fand ich durchaus richtig so.

    Blogolade

    10. April 2011 at 20:28

  6. Der Gesetzgeber meint ja auch zu wissen, dass Suizid(versuch)e immer mit dem Psychiater zu behandeln sind, und dem Menschen dort sein Recht auf Selbstbestimmung entzogen gehört… Da wundert mich sowas hier nicht.

    docadenz

    11. April 2011 at 07:48

  7. @blogolade
    Wenns bei mir richtig war, ist es auch für den Rest der Welt in Ordung. Sollte sich in einer Demokratie nicht durchsetzen, solcher Bockmist.

    Hier gleich doppelt verkehrt gelaufen: Zuerst wird der ausdrücklich geäußerte Wille der Patientin missachtet, was mich überhaupt nicht mehr wundert, aber dann wird die Rettungsaktion auch noch feige auf halbem Weg abgebrochen. Die Amputation des Oberschenkels wäre natürlich richtig gewesen unter diesen Umständen, da lebensrettend, das ist IMMER rechtlich gedeckt, wenn die Einwilligung grundsätzlich in Ordnung ist.
    Hier muss man nicht nur an der Moral des Betreffenden zweifeln, sondern auch an dessen Verstand.

    dasentlein

    13. April 2011 at 09:52


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