Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Osterhasen und Christkinder

with 11 comments

Es gibt Christkinder und es gibt Osterhasen.
Was ist ein Osterhase?
So einer wie Opa Müller zum Beispiel.
„Darf ich heim, Herr Doktor?“ fragt er heute bei der Visite.
Warum eigentlich nicht? Kurzer Blick ins Krankenblatt: Eigentlich ist es sogar schleunigst Zeit, dass Opa Müller endlich nach Hause geht, wenn er noch viel länger bleibt, steigt uns die Verwaltung aufs Dach, so von wegen Die-Arr-Tschie, aber das ist wieder ein anderes Thema und gehört eigentlich nicht hierher, Tatsache ist jedenfalls dass nichts dagegen spricht, dass Opa Müller nach Hause darf, und zwar tunlichst gleich heute, damit er rechtzeitig vor den Feiertagen noch zum Hausarzt kann von wegen der Rezepte für all seine Pillen.
Opa Müller strahlt.
„Ostern wird bei uns in der Familie nämlich immer ganz groß gefeiert!“ sagt er und schwärmt vom gemeinsamen Kirchgang und Ostereier suchen mit den Enkeln… oder waren es die Urenkel? Ich höre nur mit halbem Ohr zu.
Gleich nach der Visite mache ich den Entlassbrief fertig.
Eine Stunde später bellt mich eine Stimme aus dem Telefon an.
Was mir den einfallen würde, brüllt Schwiegertochter Müller-Junior, den alten Herrn einfach so auf die Straße zu setzten, kurz vor den Feiertagen!
Äh… wie bitte?
Ja, Opa Müller lebt doch schließlich ganz allein in seinem Häuschen, ob ich das denn nicht wüsste?
Äh…. ja, und was war mit den Enkeln und den Ostereiern?
Die Ostereier werden dieses Jahr auf Gran Canaria versteckt und da ist für Opa leider kein Platz.

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Written by medizynicus

20. April 2011 um 22:02

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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11 Antworten

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  1. Das ist doch leider immer so vor Feiertagen, egal ob Ostern, Weihnachten, Pfingsten, …
    Alles, was sich nicht wehren kann, wird zwischen Krankenhäusern, Pflegeheimen und Angehörigen hin und her geschoben, weil jeder die Feiertage „genießen“ und möglichst wenig zu tun haben will.

    Der Krangewarefahrer

    20. April 2011 at 22:21

  2. Ich bin gerade leicht entsetzt!!! Für mich hört es sich nämlich so an als wär´ Opa Müller ein Lieber alter Herr! Schrecklich wenn ihn die Familie abschiebt, gibts leider immer wieder!

    Und ich bin schon gespannt welche „OsterEier“ noch bei uns landen!

    Schwester A.

    20. April 2011 at 23:46

  3. Was für eine traurige Geschichte! 😦
    (Gut, umgekehrt den magensondierten, dementen Apoplex-Opa nach Sylt ins Pflegeheim mitzukarren, finde ich auch wieder nicht gut, aber das sind wahrscheinlich die Extreme.)

    arzt4empfaenger

    21. April 2011 at 01:37

  4. Schon zu meiner Zeit, in der chirurgischen Facharztausbildung, kam mit großer Pünktlichkeit ein alte Dame zu uns in die Chirurgie. Irgendwann stellte sich heraus, dass sie über Weihnachten ins Krankenhaus musste, weil an der Stelle, an welcher ihr Sessel stand, der Weihnachtsbaum seinen Platz hatte. Nach Weihnachten war sie zu hause wieder willkommen! 😦

    Dr. med. Regina Breul

    21. April 2011 at 10:48

  5. Was sind das eigentlich für Idioten?
    Zu faul oder zu geizig, einen anständigen, netten Pflegeplatz für Opa während der Ferien zu suchen? Es gibt doch wirklich genug Einrichtungen die eben diese Kurzzeitpflege anbieten und bei denen es sicher netter ist als in einem Krankenhaus.

    Sowas will dann noch erben *pfft*

    Hätte ich Platz dafür, dürfte ein lieber Opa Müller gerne über Ostern zu uns kommen und mit unseren Kindern Ostereier suchen. Auch wenn er nicht blutsverwand ist.

    Blogolade

    21. April 2011 at 11:25

  6. Das alte Leid – und doch kann man nur immer wieder mit dem Kopf schütteln über solche „liebenden“ Angehörigen.

    @ Blogolade: Sehr löblich – deine Einstellung.

    anima

    21. April 2011 at 21:56

  7. anima: vielleicht, weil wir unsere Oma zuhause gepflegt haben. Obwohl sie nicht mehr viel mitbekam, haben wir jedes Jahr auch ihr Wohnzimmer weihnachtlich dekoriert und wir haben, wie alle Jahre davor auch, auch bei ihr unten Weihnachten gefeiert. Sie saß im Rollstuhl, hatte Pflegestufe 3 und sprach davon dass sie ihre Kinder (alle Rentner) vom Kindergarten abholen muss.
    Einmal im Jahr fuhren wir in den billigen Campingurlaub, da haben wir für sie ein nettes Pflegeheim gesucht was sie 3 Wochen lang gut versorgte. Und das alles, obwohl sie nicht die Lieblingsoma war sondern sehr anstrengend und nervig. Aber es gehört sich einfach nicht, seine Verwandten so abzuschieben, dann noch in ein krankenhaus wo keine richtige Gesellschaft ist und die Schwestern und Pfleger nur Zeit für das nötigste haben. Wir hatten nie viel Geld und die Pflege der Oma hat viel Geld und Zeit gefressen aber wenn ich sehe dass andere Geld für Gran Canaria haben aber die gescheite Unterbringung vom Opa ihnen nix Wert ist, dann wünsche ich ihnen, dass der Opa begreift was da abgeht.
    Ich wünsche mir respektvoll und lieb behandelt zu werden und ich will nicht abgeschoben werden wenn ich mal alt und gaga bin. Deswegen mache ich es ganz genau so.

    Blogolade

    22. April 2011 at 08:37

  8. @ Blogolade: Kenne ich in ähnlicher Variante – auch wenn eine sehr nahe Verwandte bei meiner Schwester und nicht bei mir gepflegt wird. Es würde uns allen im Traum nicht einfallen jemanden ins KH abzuschieben, nur damit man sich ’nen schönen Lenz über die Feiertage machen könnte. Stimme dir da völlig zu – einfach unmoralisch, restpektlos und gefühlskalt, wenn Angehörige so eine Nummer abziehen.

    Löblich primär deshalb, weil du auch Fremde aufnehmen würdest, wenn du die Möglichkeit hättest.

    anima

    22. April 2011 at 13:39

  9. Leider habe ich die Möglichkeit nicht. Unser Schlafsofa mit Frühaufsteherkindern ist nicht Rentnergeeignet. Aber vielleicht irgendwann, wenn wir ein Haus mit Gästezimmer hätten und ich einen lieben alten Menschen wüsste, der keine (nette) Familie hat und schön mit uns so ein Fest begehen würde, dann kann ich mir gut vorstellen so einen Leihopa oder eine Leihoma für einige Tage ins Haus zu holen um ihm oder ihr dieses abgeschoben werden zu ersparen.

    Sich gut um die Verwandten kümmern muss in meinen Augen nicht zwingend heißen, dass man sie daheim pflegen muss bis nix mehr geht. Ich weiß nicht ob ich das schaffen würde, meinen Schwiegervater oder meine Eltern jahrelang zu pflegen, ich weiß ja noch nicht was kommen wird. Aber dann gehört für mich dazu, dass ich meine Grenzen erkenne und stattdessen einen guten Pflegedienst oder ein liebevolles Heim aussuche in dem ich meine Verwandten in guten Händen weiß. Nicht irgendein „Hauptsache der Alte ist weg“-Heim sondern ein Heim in dem ich selbst auch leben könnte.

    Getreu dem Motto:
    „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu“

    Blogolade

    22. April 2011 at 21:37

  10. „Den Charakter einer Gesellschaft erkennt man an ihrem Umgang mit den Alten“ (Gustav Heineman).

    Jakob.Kr

    23. April 2011 at 10:27

  11. Sachen gibt’s, es ist unglaublich. Mir fehlen die Worte.

    rosenyland1984

    25. April 2011 at 15:20


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