Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Multitasking

with 9 comments

„Ja, Frau Hiebelmann-Rippelstein?“
Mit der linken Hand befestige ich den Stauschlauch um Herrn Fieselfrings Oberarm und mit der Rechten taste ich nach Venen.
„….ja, selbstverständlich tu ich alles für Ihren Mann, Frau Hiebelmann-Rippelstein!“
Das Diensthandy habe ich zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt, was meinen Kopf zu einer unnatürlichen Schieflage zwingt.
„…wissen Sie, Frau Hiebelmann-Rippelstein, wir haben ja schon gestern eine knappe Stunde lang telefoniert und seitdem haben sich bei Ihrem Mann leider noch keine nennenswerten Fortschritte ergeben…“
Keine tastbaren Venen an Herrn Fieselfrings Handrücken. Auch nichts in der Ellenbeuge. Und am Unterarm schon gar nichts.
„…ja, selbstverständlich bekommt Ihr Mann Infusionen und Aufbauspritzen, Frau Hiebelmann-Rippelstein…“
Oh, sieh mal an! Da! auf dem Handgelenk! Eine Vene! Nicht groß, aber müßte klappen. Mit der linken Hand pfriemele stecke ich das Blutabnahmeröhrchen auf die Kanüle und ziehe die Schutzkappe von der Nadel ab.
„…aber der Schwindel, den Ihr Mann seit drei Jahren hat, der ist auch heute leider noch nicht besser, Frau Hiebelmann-Rippelstein….“
Einmal mit Desinfektionsspray drübersprühen.
„Gibt jetzt mal einen kurzen Pieks, Herr Hiebelmann… ich meine, Herr Fieselfring…“
Glück gehabt. Ein feiner roter Strahl ergießt sich ins Innere des Röhrchens.
„Nein, Frau Hiebelmann-Fieselfring, ich meine, Frau Rippelstein-Dingsda, ist ja egal, also Sie waren nicht gemeint, ja, Entschuldigung, ich weiß schon… nein, verdammte Scheiße….“
Herr Fieselfring hat seine Hand reflexartig zurückgezogen, die Nadel ist aus der Vene gerutscht und das Blut rinnt jetzt ungebremst über das Bettlaken und tropft auf den Boden.
„…nein, Frau Hiebelmann-Rippelstein, Sie waren auch diesmal nicht gemeint… können Sie nicht aufpassen, verdammt nochmal? …äh, wissen Sie was, rufen Sie doch einfach morgen nochmal an, dann können wir alles in Ruhe besprechen!“
So, jetzt schnell Pflaster auf die Stichwunde geklebt und dann nichts wie raus hier!

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Written by medizynicus

4. Mai 2011 um 22:50

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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9 Antworten

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  1. So viel zum Multitasking…

    docadenz

    4. Mai 2011 at 23:08

  2. Nimm doch ein headset.Das sieht cooler aus, als so eine Zwangshaltung mit hochgezogener Schulter oder lass Dir eine Warteschleife vorschalten:
    Haben Sie eine Frage an den Pförtner, dann drücken Sie die 3,…,…, haben Sie den Eindruck, daß Ihre Angehörigen nicht die optimale Aufmerksamkeit bekommen, dann drücken Sie die 7…., im Moment sind leider alle Mitarbeiter im Beratungsgespräch,… wir verbinden Sie gleich weiter,.. bitte legen Sie nicht auf,…
    Das schont die Nerven. DEINE.

    Abbo T.Karin

    5. Mai 2011 at 09:09

  3. Wie soll ich ihrem Mann auch entsprechend notwendige Aufmerksamkeit zukommen lassen, wenn Menschen wie sie mich nie in Ruhe meine Arbeit machen lassen, Frau Doppelnamen? Und ja, sie kennen den Gesundheitsminister und golfen mit dem Chefarzt und verlangen eine sehr sehr gute Behandlung. ….Blabla

    🙂

    rettungsdienstblog

    5. Mai 2011 at 09:13

  4. Ihr nehmt immer noch selbst Blut ab … ???? (habe wohl die Fähigkeiten der besonders kompetenten deutschen Pflege seit der Republikflucht erfolgreich verdrängt)

    dienstarzt

    5. Mai 2011 at 10:26

  5. @dienstarzt: Bei uns in der Klinik ist es so:

    – Die Pflegenden wären überwiegend bereit Blut abzunehmen, Braunülen zu legen usw., z.B. um ewige Wartezeiten zu vermeiden, bis im Nachtdienst ne neue Braunüle liegt für die 24-Uhr-Antibiose o.ä.
    Die Routine-BE am morgen machen bei uns ohnehin die PJler.

    – Der Betriebsrat schreit „Nein, das ist alles böse, die arme Pflege soll nicht mit so vielen ärztlichen Aufgaben belastet werden“

    – Die Krankenpflegeschule sagt: „Die Pflege muss professioneller werden, Braunülen legen finden wir aber auch böse.“ Genauso übrigens wie kristalloide Infusionen (!!!) anhängen, von Antibiotika ganz zu schweigen (interessiert in der Praxis natürlich keine Sau)

    – Die Geschäftsführung sagt: „Die Pflege lehnt (via Betriebsrat) alle Versuche ab, ihnen mehr Kompetenzen/Aufgaben zu übertragen. Ergo haben die noch ganz viel Zeit in der sie nicht BRaunülen legen und können stattdessen dieses neue 20-seitige Doku-Formular drei mal am Tag ausfüllen. Und eine Putzfrau sparen wir auch noch ein, die Pflege will ja keine qualifizierten Aufgaben…

    Und ganz unten steht dann wieder die arme Krankenschwester, die jetzt auch noch den Boden putzen muss, weil die Putzfrau nur noch von 8-10 arbeitet, jeden Tag 2-3 von 8 Stunden damit verbringt dummes Zeug in FOrmulare einzutragen und darauf wartet, dass ein Arzt vorbei kommt, der Oma Müller eine Braunüle legt, damit sie vielleicht um 20 uhr die Antibiotika kriegt, die um 8 angeordnet wurden…

    ParaNurse

    5. Mai 2011 at 12:06

  6. @ParaNurse
    Das ist der Grund weshalb ich ein Training im Braunülen legen gemacht habe.
    Denn sollte ich mal in ein KH kommen, mache ich es gleich selber und sehe mir den Disput zwischen den Kompetenzträgern an.

    REALM

    5. Mai 2011 at 14:06

  7. Im Krankenhaus hat mir tatsächlich ein Oberarzt persönlich Blut abgenommen. Ich war erstaunt.

    Und auch froh. Ich hatte Angst wieder an den Pflegeschüler zu geraten. Ich spiele ja gerne Versuchskaninchen für die Schüler(innen) aber was der mir angetan hat, war böse und wochenlang blau. Ich habe tolle Venen wo bisher jeder begeistert war aber er hat nicht geschafft, mir anständig Blut abzunehmen. Und dann erzählte er mir noch, dass er regelmäßig bei einem befreundeten Kinderarzt beim Blutabnehmen aushilft. Die armen Kinder, dachte ich da nur.

    Blogolade

    5. Mai 2011 at 19:56

  8. @paranurse:

    Verstehe gut, was Du meinst, da ich das Ganze als AIP und Assistenzarzt aktiv erleben durfte. Was ich allerdings nie verstanden habe ist, warum Blutabnehmen, Braunülenlegen, Infusionanhängen, EKGschreiben, Untersuchungenanmelden u.v.a.m. ärztliche Aufgaben sein sollen.

    Jetzt in der Schweiz mache ich von alldem nichts mehr. Für die Pflege ist es hier (so sie nicht aus Deutschland stammt) ein Ausweis der Professionalität, all das zu beherrschen. Aber auch die auf manchen Notfallstationen zu findenden MPA (Arzthelferinnen) machen all das einschl. Triage der Notfallpatienten sehr professionell. Darüber hinaus verabreichen sie auch iv-Medikation, vorzugsweise als Kurzinfusion. Schweizer Ärzte holen sogar den den Anästhesisten, wenn Pflege und MPA keine Venen gefunden haben. Weil sie selbst dazu nicht in der Lage sind.

    Direkte Nutzniesser sind die Patienten, die von ihrem Arzt medizinische Betreuung bekommen und nicht irgendetwas, das zwischen all dem Herumgehetze noch übrig war.

    dienstarzt

    5. Mai 2011 at 23:46

  9. Wie wahr, wie wahr! *G*

    Kollegin

    6. Mai 2011 at 22:58


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