Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Schlechte Nachrichten sind nichts für Frauen

with 18 comments

„Herr Doktor…?“
Wieder einmal bin ich zu spät dran. Wieder einmal rasse ich im Tiefflug über die Station und habe noch tausend unerledigte Aufgaben auf meinem Zettel.
Ich drehe mich um.
„Ja?“
Hinter mir steht ein Einmeterneunzigmann, Mitte Fünfzig, Graues Haar, Schnauzbart. Und Migrationshintergrund. Südöstlicher Mittelmeerraum.
„Können wir reden…“
Tief durchatmen und jetzt bloß zusammenreißen! Jetzt bloß nicht die Augen verdrehen und schon gar nicht auf die Uhr schauen. Zeitraubende Angehörigengespräche sind das Letzte, was ich jetzt brauchen kann!
„Worum geht’s denn?“
„Es geht um meine Frau.“
Der Frau geht es schlecht. Verdammt schlecht. Blaß sieht sie aus unter ihrem Kopftuch und abgemagert und vor ein paar Tagen haben wir als Ursache einen Tumor in der Lunge feststellen können.
„…äh… Ihre Frau, die wird ja eigentlich hauptsächlich von meiner Kollegin betreut…“
Ich weiß, dass Sarah gefühlte Stunden in diesem Krankenzimmer verbracht und mehrfach lange und ausführlich mit der armen Frau gesprochen hat.
„Genau darum geht es ja! Wir müssen reden. Unter Männern!“
Aha?
Seufzend bitte ich mein Gegenüber, in der Sitzecke am Ende des Flures Platz zu nehmen.
„Sie hat es ihr gesagt!“ platzt es aus ihm heraus.
„Was?“
„Ihre Kollegin hat meiner Frau gesagt, dass sie Krebs hat!“
Ich schaue ihn fragend an.
„Hat sie auch mit Ihnen gesprochen?“
Er nickt.
„Hat sie. Mit uns beiden, und mit ihr. Aber sie hat es ihr gesagt!“
Hmm. Hmmm. Aha?
„Sowas sagt man doch einer Frau nicht!“

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Written by medizynicus

7. Juni 2011 um 18:00

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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18 Antworten

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  1. Ich hol schon mal das Popcorn. Es kőnnte lustig werden mit den Diskussionen.

    Mr. Gaunt

    7. Juni 2011 at 18:08

  2. Naja, es könnte ja auch eher so besorgt beschützend gemeint sein…

    docadenz

    7. Juni 2011 at 18:34

  3. Auf die Diskussion bin ich mal gespannt. 😀

    aga80

    7. Juni 2011 at 20:07

  4. „Sowas sagt man doch einer Frau nicht!“
    natürlich nicht – geht die doch gar nix an! *pff*

    MavoDaMi

    7. Juni 2011 at 20:14

  5. Stockt da nicht der Atem ! ? Auch wenn es nicht das erste mal war?

    ohnevorwaesche

    7. Juni 2011 at 21:47

  6. …aber sie konnten deutsch sprechen. Ist doch mal gut und keine Selbstverständlichkeit.

    Klabund

    7. Juni 2011 at 22:18

  7. was mich noch mehr aufregt ist die tatsache, dass in vielen fällen die frau erst gar nicht deutsch kann und der mann als dolmetscher mitkommt. und dann kann der arzt nicht kontrollieren was der mann versteht, und auch nicht was der mann übersetzt, und auch nicht was die frau versteht, und auch nicht welche angaben zu ihren beschwerde die frau wirklich macht.

    dazwischen sitzt nämlich immer der mann und zensiert nach seinem gutdünken aufgrund welcher gründe auch immer.

    oder der sohn geht als dometscher mit der mutter zum gynäkologen mit, weil der sohn hat in deutsch gute noten in der schule. und dann sind wir uns alle ganz sicher, dass der sohn die genauen regelbeschwerden der mutter der gnäkologin schildert, und auch die probleme beim gv mit dem ehemann, und ebenso wird der sohn der mutter dann genau übersetzen was der arzt fragt, zum beispiel nach schmerzen in der brust, dauer und intensität der monatsblutungen, etc. ja ne, is klar.

    die putzfrau des krankenhauses, die ich einmal als dolmetscherin erlebte, fand ich auch keine gute idee, fällt mir gerade wieder ein.

    kelef

    8. Juni 2011 at 00:28

  8. @kelef: Dann soll sie halt lernen ihre Regelbeschwerden auf Deutsch zu beschreiben. So einfach ist das.
    Und klar kann das schützend gemeint gewesen sein. Die Frage ob man ihr das als Arzt und oder später als Angehöriger sagen sollte kann man diskutieren, was mich viel mehr stört ist, dass man dann zum männlichen Kollegen der Ärztin geht, der damit nix zu tun hat, weil man ja auch mit einer Frau mit Approbation nicht richtig reden kann -.-.

    achtelgott

    8. Juni 2011 at 07:36

  9. Ich denke das Thema ist komplexer und schwieriger und mit den klassischen Stammtisch Parolen wird man keiner Seite gerecht. Ob im konkreten Fall der Ehemann besorgt war und der kulturelle Hintergrund, Religion oder einfach sein Alter eine Rolle spielen können wir von hier nicht beurteilen.

    Das Problem Sprache ist aber ein reales Problem gerade für viele Frauen. Und leider nicht nur beim Arzt. Ich bin auch der Meinung wenn man hier auf Dauer lebt sollte man die Sprache beherschen. ABER wenn jemand in Not ist und es nicht kann, weil er vielleicht nie die Möglichkeit hatte, die Familie es verboten hat oder warum auch immer, hat man dennoch ein Recht auf gute Behandlung.

    Das Dolmetschen durch Angehörige ist sicher gerade in heiklen Situationen nicht optimal. Die Frage ob es Dolmetscher geben sollte finde ich schwierig. Eine Lösung wäre es aber gerade in sensiblen Bereichen (Arzt, Behörde, Schule) bewußt darauf zu achten auch Mitarbeiter aus allen Teilen der Gesellschaft einzustellen. Denn es kann sehr hilfreich sein, wenn ein Kollege (nicht die Putzfrau, sondern der Arzt) auch die Muttersprache der Patienten spricht. und in schweren Fällen in beiden Sprachen vermitteln kann. Und es gibt viele russische und türkische Ärzte. Die können gerade in Krankenhäusern in solchen Fällen sehr hilfreich sein. Und bei Patienten die Englisch sprechen kommt ja meist auch keiner auf die Idee aus Prinzip nur Deutsch mit ihnen zu sprechen.

    Wenn ich im Ausland krank würde, fände ich es ja auch sehr beruhigend wenn mein Arzt auch meine Muttersprache könnte. Denn egal wie gut ich die Fremdsprache beherrsche bestimmte Gefühle oder Feinheiten kann man oft nur in der Muttersprache wirklich ausdrücken. Und viele Deutsche wollen im Ausland auch am liebsten einen deutschen Arzt. Das ist wohl einfach der Wunsch im Krankheitsfall möglichst viel bekannte Sicherheit zu haben.

    Der Wunsch einen kranken Angehörigen vor der harten Wahrheit zu schützen ist sicher auch kein typisch türkisches Phänomen, sondern häufiger verbreitet. Vielleicht hilft es ja dem Mann einfach schon, wenn der Arzt/Ärztin ihm versichert, dass seine Frau das schon packen wird. Ihm jetzt einen Vortrag über Gleichberechtigung zu halten wäre sicher falsch. Es der Frau aber nicht zu sagen auch. Da hat die Ärztin richtig gehandelt.
    Vielleicht was der Mann nicht wie er damit umgehen soll oder ob er alles richtig verstanden hat. Als Patient ist so eine Situation neu und unbekannt und man möchte vielleicht am liebsten alles 3x hören. Ich kann aber auch den Arzt verstehen ,der kurz vor Feierabend nicht nochmal alles erklären möchte.

    aupairfamilienrw

    8. Juni 2011 at 12:28

  10. Huhu,

    ich finde solches Verhalten dämlich, egal aus welchem Land die Familie ursprünglich kommt.
    Sowas macht man einfach nicht, der eigenen Frau die Krankheit verschweigen!

    Die Räubertochter

    8. Juni 2011 at 15:29

  11. In anderen Kulturkreisen hält man Frauen vielelicht relevante Informationen einfach vor? Möglich wärs!
    Vielleicht wollte er sie beschützen.

    querdenker

    8. Juni 2011 at 15:30

  12. genau so eine geschichte hat mir letztens eine freundin erzählt.
    sie kommt gebürtig aus einem südlichen land welches sie in der ferienzeit häufig besucht.
    sie zeigte mir die fotos ihrer verwandten und deutete auf eine frau.
    ’sie wird bald sterben und sie weiß es nicht.‘
    natürlich habe ich nicht gepeilt was genau sie damit meinte und fragte nach.
    ’sie hat krebs und ihr mann hat allen anderen verboten es ihr zu sagen, damit sie keine angst hat.‘

    ich.bin.ines

    8. Juni 2011 at 15:39

  13. Vielleicht hat er das auch nur gut gemeint oder sich falsch ausgedrückt. Man muss ja nicht jedes Mal an den bösen, integrationsunwilligen, konservativen Ausländer von Nebenan denken.

    DD

    8. Juni 2011 at 17:46

  14. Ich arbeite selbst auf einer Krebsstation, und der Wunsch, einem Patienten nicht die Wahrheit über seine Erkrankung zu sagen, wird ungefähr jeden Tag von irgendwelchen Angehörigen an uns herangetragen. Und zwar völlig unabhängig von Kulturkreis, Geschlecht oder Bildungsniveau. Die (irrige) Ansicht, man müsse den Kranken vor dem „Schock“ einer Krebsdiagnose schützen, indem man es ihm verheimlicht, ist extrem weit verbreitet!

    jay_vee

    8. Juni 2011 at 22:22

  15. Obiges erinnert an eine Episode von Scrubs: In dem amerikanischen Krankenhaus gibt ein Deutscher (!) seinem Bruder (!) die extrem irreführende Übersetzung „Es wird alles gut.“ (o.ä.)—denn er hat seinen Bruder eben nicht beunruhigen wollen.

    michaeleriksson

    9. Juni 2011 at 12:32

  16. Das eigentlich Lustige an dieser Scrubs-Folge ist allerdings, dass die Ärztin Elliot Reid, gespielt von Sarah Chalke, nahezu perfekt Deutsch spricht, während die vermeintlich „deutschen“ Brüder kaum einen richtigen Satz zusammen bekommen.
    Vermutlich dürfte das daran liegen, dass die beiden Schauspieler, welche die Brüder spielen, eigentlich gar nicht Deutsch sprechen, während Sarah Chalke bilingual aufgewachsen ist.
    Ich frage mich jedes mal, wenn ich die Folge sehe, ob die Produzenten nicht daran gedacht haben, Schauspieler zu engagieren, die auch tatsächlich Deutsch sprechen, oder ob sie das absichtlich gemacht haben, damit die Zuschauer, die Deutsch können, mehr zu lachen haben.

    majortermi

    9. Juni 2011 at 21:25

  17. Nun, da die Amerikaner für ihre mangelhafte bis nicht-existente Sprachkenntnisse berüchtigt sind, denke ich, dass man einfach andere Faktoren priorisiert. Die internationelle Stereotype von deutschem Aussehen haben die beiden Brüder ja gut getroffen.

    Es scheint mir aber im Grunde drei Arten von „Deutschen“ zu geben, nämlich:

    1. Eine kleine Minderheit von Muttersprachlern/Bilingualen/o.ä.

    2. Eine Menge Pfutscher, wie die Brüder, die nur mangelhafte Kenntnisse haben, oder gar nur das Manuskript lesen. Als Extrembeispiel (allerdings auf Schwedisch, meine Muttersprache) kann ich den „Buffy“-Abschnitt „Selfless“ nennen, wo so verstümmeltes Schwedisch gesprochen wird, dass ich erst bei dem dritten Schauen erkannt habe, das es Schwedisch sein sollte…

    3. Relativ viele Fälle von „Höchstdeutsch“: So spricht zwar kein Deutscher, aber es kommt mir dennoch deutscher vor als richtiges Deutsch. (Viele WWII-Filme u.a.) Vielleicht geht dies auf Sprachcoaches zurück, die das Bühnendeutsch oder das Film-Deutsch der Schwarz-Weiß-Era weiterentwickelt haben.

    michaeleriksson

    9. Juni 2011 at 23:23

  18. Über 50 Jahre hat das französische Kino Weltkriegsfilme produziert, in denen die deutschen Soldaten nicht nur strunzdumm waren, sondern auch noch ein Deutsch sprachen, das einem die Socken aus den Schuhen holt. Wie diese strunzdummen Soldaten allerdings die glorreiche Armee in vier Wochen überrennen sollten, hat niemand erklärt.

    Zum Thema: Südöstlicher Mittelmeerraum ist Ägypten. Aber nicht nur im muslimisch geprägten Kulturraum hat man es mit diesem Phänomen zu tun, dem begegne ich in meiner Arbeit mitten in Europa auch. Und evangelisch sind Mittelmeeranwohner selten…
    Aber dafür unheimlich fürsorglich für ihre Frauen, die ihrerseits, man denke an die berühmte italienische Mamma, letztlich die Hosen anhaben.
    Also schützen die Männer die Frauen vor Unangenehmem, und die Frauen ihre Männer. Und mehr als einmal haben Mann und Frau mich unabhängig voneinander beschworen, dem anderen nichts von der Schwere der Krankheit zu sagen – egal, ob nun Mann oder Frau krank war. Die Fürsorglichkeit, die der Ägypter noch da hineinlegt, kommt lediglich oben drauf; die meisten Menschen wollen einfach nicht, daß die anderen von der Krankheit wissen: sei es, daß sie selbst krank sind und die anderen nicht belasten wollen, sei es, daß sie den Kranken nicht deprimieren wollen (und in beiden Fällen mag dazukommen, daß man die Krankheit einfach nicht wahrhaben will).

    Wolfram

    24. Juni 2011 at 19:38


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