Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Rationierung? Prio… dingsda? oder: wo anfangen mit dem Sparen im Gesundheitswesen?

with 10 comments

„So geht das nicht mehr weiter, meine Damen und Herren!“
In einem Konferenzraum im obersten Stock des spelunkistanischen Gesundheitsministeriums hat sich die Elite der Geundheitsexperten des Landes versammelt, nur die Elite, also die besten der allerbesten. Und die starren jetzt mit dummen Gesichtern auf die Leinwand, wo nur eine einzige Zahl zu sehen ist: eine ziemlich hohe Zahl.
„Mehr Geld gibt es nicht, meine Damen und Herren. Die Versicherungsbeiträge sind so hoch wie nie zuvor. Wenn wir sie noch weiter erhöhen, dann meutern unsere Bürger. Ich darf daher um Ihre Vorschläge bitten, meine Damen und Herren!“
Eine Sekunde lang ist es totenstill im Saal.
„Wir könnten… wir könnten die Ärzten die Honorare kürzen…“ sagt schließlich ein Beamter aus dem Publikum.
Leichtes Raunen, Kopfschütteln hier, Zustimmung dort. Der Minister nickt.
„Weitere Vorschläge, bitte!“
„Wie wäre es, wenn wir den ganzen Sch… also Kristallaurahokuspokustherapie, Wellness-Kuren und so, also wenn wir das alles einfach nicht mehr bezahlen würden?“
„Und auch die ganze Luxusmedizin! Schönheitschirurgie und so…“
„Zahlen wir doch schon längst nicht mehr!“ kommt es aus der hintersten Reihe.
„Wir sollten uns auf die Grundsicherung konzentrieren… und nur die Leistungen finfanzieren, die wirklich etwas bringen…“
„Genau, und teure Therapien, die nachweislich keinen signifikanten Nutzen haben, die werden gnadenlos abgelehnt!“
Der Minister schüttelt den Kopf.
„Das wissen wir doch schon alles, meine Damen und Herren. Die Frage ist: wo sollen wir anfangen mit dem Sparen?“

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Written by medizynicus

21. Juni 2011 um 18:06

10 Antworten

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  1. Man könnte damit anfangen, die oberarroganten Weißkittel und deren leeres Blablabla zu entfernen. Bin im Moment nicht gut auf diese zu sprechen, denn mein Stiefvater hat Dickdarmkrebs und lange, lange wurde durch einen WaldundWiesenDoktor nur an ihm herumgedoktert und meine leisen Hinweise als BlaBla von einer zu engagierten Altenpflegerin abgetan. Sorry, geht nicht gegen dich und ich hoffe, du kannst mich und meinen Frust verstehn – auch wenn ich es nicht erfahren werde, da du ja auch nie auf einen Kommentar reagierst.

    Ach, ich bin einfach nur sauer, wütend und restlos enttäuscht. Sorry Medizynicus.

    Synapse

    21. Juni 2011 at 18:29

  2. Ich finde ja, man könnte die Leute, die nur dafür angestellt werden, heiße Luft zu reden und Powerpointpräsentationen zu zu hohen Kosten zu erstellen, rauswerfen.

    Wie verträgt sich der Sparzwang eigentlich mit dem Ärztemangel? Ich hab da heute morgen was im Radio gehört…: http://blogolade.wordpress.com/2011/06/22/eben-im-radio/

    Blogolade

    22. Juni 2011 at 11:06

  3. Es gibt noch ein paar bisher nicht eingeführte Stellschrauben im Bereich der Arzneimittelpreise, denn die meisten Patienten dürften die gerade noch so eben vertretbare Qualität von Tabletten „made in India“ kaum bemerken. Arbeitsplätze in der pharmazeutischen Industrie werden sowieso seit Jahren abgebaut, da kommt es auf ein paar zehntausende Arbeitnehmer, die noch in Deutschland produzieren, auch nicht mehr an.

    Weiterhin könnte man die bereits stark gesunkene Zahl von Krankenkassen weiter reduzieren. Manche Staatssekretäre im Gesundheitsministerium träumen von einer Einheitskasse mit nur einer schmalen Verwaltungsspitze. Wenn die so misswirtschaftet wie manche AOK oder gerade pleite gegangene BKK, ist zwar keine Struktur mehr da, die die Versicherten auffangen kann. Aber Risiko kennt nun mal keine Garantie, und sparen müssen wir um jeden Preis. Und schließlich muss auch nicht jede Oma vor Ort eine Filiale der Krankenkasse in der Stadt haben, die kann ja auch eine Email schreiben oder im Callcenter anrufen, das aus Deutschland natürlich ausgelagert wird.

    Gleiches gilt für die vielen Apotheken. Das Substitutionsverbot für Ärzte ist längst überholt, die können neben den schönen Mustern der Pharmaindustrie doch auch gleich noch Arzneimittel abgeben. Und falls das nicht behagt, können die Standardarzneimittel auch im Direktversand von Großhändlern abgegeben werden, die liefert dann die Post aus. Hinweise zum Einnehmen gibt es auf dem Beipackzettel, und mit Temperatur und Licht wird meistens schon nicht schiefgehen. Das ganze nicht verschreibungspflichtige Zeug könnten auch Aldi und Lidl abgeben, die stellen dann für jedes Zentrallager einen Konzernapotheker ein.

    Man könnte auch viele Fachabteilungen in Krankenhäusern sparen. Im ländlichen Bereich reichen Chirurgie und Innere, den ganzen Rest machen nur noch die Unikliniken. Geburtshilfe erledigen die Hebammen zuhause. Auch der ganze technische Kram ist nicht nötig. Es braucht doch diese ganzen Röntgenapparate, CTs, MRTs und EKGs nicht, wenn der Arzt sich mal ein paar Minuten Zeit für ein Gespräch nimmt und ein paar ASS verschreibt. Was man da sparen kann! Man braucht bloß eine generelle Haftungsfreistellung für Ärzte im Gesetz, dann hat man auch das Problem des Ärztemangels gelöst, weil jeder Heilpraktiker und jede Ernährungsberaterin flott umschulen kann. Zwölf Wochen Fortbildung bei der Kammer statt zwölf Semester Medizynikerparties in der Universitätsstadt, das muss für Dorfärzte in Meckpomm und der Oberpfalz doch wohl genügen. Die meisten Patienten kommen doch sowieso nur in die Hausarztpraxis, weil ihnen langweliig ist und zuhause keiner mit ihnen redet.

    Dann streichen wir noch das Krankengeld, da kann der Kranke auch ruhig mal ALG I oder II beantragen. Für den ganzen überflüssigen Quatsch wie Vorsorgeuntersuchungen sollen doch die Patienten zahlen. Wer mit 65 sozialverträglich an Darmkrebs stirbt, kostet die Krankenkasse mit 85 keine monatelange Intensivpflege nach dem Apoplex mehr.

    Das bringt schon mal ein paar Milliarden, und den Rest sparen wir uns auch noch…

    Christian

    23. Juni 2011 at 15:56

  4. Schade Christian. Ein paar Punkte wären ja diskussionsfähig. Aber zwischen zynischer Abwertung und querdenkender Alternative ist hier nicht zu unterscheiden. Kritik an Kaputtsparen wird mit Abwertung der oberpfälzer Landarztsituation gewürzt. Ein solcher Arzt rettet Leben. Was macht der Jurist?
    Und alles was Du weinlaunig plapperst bleibt im Ungefähren. Dieses Thema aber ist eine rollende Lawine. Die Wenigsten haben gemerkt dass sie nicht mehr zu stoppen ist.

    Deutschland macht den immer gleichen Fehler. Man will nicht vom Ausland lernen. Die Satistik wird ignoriert, bis der letzte Landarzt abschließt aber das liebgewordene Klischee vom reichen Arzt wird so lange missbraucht bis das Organisationsverschulden in der Verwaltungsetage anklopft.
    Das näselnd überhebliche Gerede über die so treffend analysierten „Fehler“ der anderen Länder erspart den klaren Blick auf das eigene Jammerbild.

    Zieht Euch warm an und lernt serbisch, kroatisch, russisch und tschechisch, sonst versteht Ihr Euren neuen „Hausarzt“ nicht mehr, wenn er Euch als Hotlinemediziner virtuell behandeln muss.

    Kreativarzt

    24. Juni 2011 at 00:10

  5. @KreativArzt

    Dein Satire Detektor funktioniert nicht, geh mal zum Arzt!

    michael

    24. Juni 2011 at 04:46

  6. @ Kreativarzt

    Noch einmal in ganz einfachen Worten, damit Du mich verstehst:

    Im Gesundheitssystem wollen alle alles, und das möglichst umsonst oder für einen geringen Kassenbeitrag. Das funktioniert aber nicht, weil die Leistungserbringer Geld verdienen müssen – sonst gibt es sie irgendwann nicht mehr. Statt dieses Dilemma zu benennen und Alternativen zu entwickeln (sei es mehr Staatsmedizin, sei es mehr Eigenverantwortung), schafft die Politik immer neue Gremien und Regelungen, um zu verschleiern, dass High-Tech-Medizin, immer aufwendiger produzierte Arzneimittel und eine flächendeckende qualitativ hochwertige Versorgung nicht von allen bezahlt werden können. Auch gelingt es immer noch, die verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen (Ärzte, Pflegekräfte, Krankenhäuser, Apotheken, Pharmaindustrie etc.) gegeneinander auszuspielen.

    Was der Jurist macht? Der hält dem Arzt den Rücken frei, während der damit beschäftigt ist, Leben zu retten.

    Ich hoffe, das war jetzt das Abstraktionsniveau, das auch Du verstanden hast. „Weinlaunig“ und „plappern“ kommentiere ich jetzt mal lieber nicht weiter.

    Christian

    24. Juni 2011 at 09:14

  7. > Wer mit 65 sozialverträglich an Darmkrebs stirbt,

    Ups, ich hatte den Vorschlag, die Rentner sozialverträglich in die Tonne zu kloppen, für Satire gehalten.

    michael

    24. Juni 2011 at 19:45

  8. @ michael

    Leider gibt es solche Ansichten wirklich. Ein Ärztefunktionär sprach mal vom „sozialverträglichen Frühableben“. Das ist natürlich KEINE Lösung.

    Christian

    24. Juni 2011 at 19:48

  9. Die falsche Annahme dieses Beitrages besteht darin, dass sich irgend jemand im Ministerium ernsthaft Gedanken darüber macht wie man im Gesundheitswesen einsparen könnte. In der wirklichen Welt sitzen die jeweils an der Macht stehenden Lobbyisten zusammen und überlegen, wie sie noch mehr Profite im Gesundheitswesen machen können. Das geht nicht immer ohne Umverteilung zu Lasten anderer und das ist es dann, was dem schlichten Wähler unter notwendigen Einsparungen verkauft wird. Wirklich einsparen und effektiver gestalten will keine.

    Uhu

    27. Juni 2011 at 10:05

  10. […] Rationierung? Prio… dingsda? oder: wo anfangen mit dem Sparen … […]


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