Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

in den Knast, weil der Arzt zu teuer ist

with 6 comments

Wir befinden uns in einem Gerichtssaal in einer Kleinstadt in West-Spelunkistan. West-Spelunkistan gehört bekanntlich zu den reichsten Gegenden des Landes, es gibt dort eigentlich alles, was ein Mensch so braucht, unter anderem auch exzellente Kliniken mit allen Schikanen.
Allerdings ist West-Spelunkistan nur deshalb so reich, weil dort gnadenlos freie Marktwirtschaft herrscht und das heißt auch: wer zum Arzt geht, der zahlt. Käsch in die Tässch. Das heißt, alle gängigen Kreditkarten werden natürlich auch genommen, aber wer weder über Bargeld noch über Kreditkarten verfügt, der hat schlechte Karten. So wie dieser etwas angegraute Herr, der hier und heute vor dem Richter steht.
„Ihnen wird vorgeworfen, eine Bank überfallen zu haben,“ sagt der Richter mit strenger Stimme, „und ich frage Sie jetzt: Sind Sie schuldig oder nicht schuldig?“
„Schuldig!“ sagt der Angeklagte, „komme ich jetzt endlich ins Gefängnis?“
Der Richter schaut ihn erstaunt an. Die Sache scheint ja unerwartet schnell zu gehen. Ob man den Fall vielleicht noch vor der Mittagspause abschließen kann? Aber zunächst sollte man den Angeklagten ja noch nach seinen Tatmotiven fragen, das gehört schließlich zum guten Ton!
„Ich bin krank, Herr Richter!“ sagt der, „und ich habe keine Versicherung und kein Geld, um mir die Behandlung leisten zu können!“
„Aha, und Sie dachten also, dass Sie mit der Beute…“
„Nein, nicht mit der Beute, Herr Richter. Die gebe ich ja gerne sofort wieder zurück. Aber im Gefängnis gibt es doch eine Krankenstation, nicht wahr, Herr Richter? Wenn Sie mich nur schnell dahin schicken würden…“
„Sie wollen also das System manipulieren!“
„Nein, Herr Richter… ich bitte Sie nur darum, mich schnell zu verurteilen, Weil, Sie wissen schon, ich muss dringend zum Arzt….“
Alles erstunken und erlogen?
Keineswegs! Echt passiert. Und zwar nicht in Spelunkistan.

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Written by medizynicus

22. Juni 2011 um 23:03

6 Antworten

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  1. Falls von Interesse:

    Es ist nicht nur so, dass dejenige, der keine Krankenversicherung hat, zahlen muss – auch wer eine gute Krankenversicherung hat, muss IMMER zuzahlen, bei JEDEM Arztbesuch – es sei denn, er hat einen Tarif, der nur auf spezielle Vertragsaerzte beschraenkt ist. Die Zuzahlung schwankt je nach Krankenversicherungstarif von 15 bis 40 Dollar beim Hausarzt, bis 25 bis ca. 50 Dollar beim Spezialisten (praktisch alle anderen Aerzte). Auch fuer diverse Behandlungen muss oft eine Zuzahlung von mindestens 10% geleistet werden (Roentgenbilder [falls nicht Teil einer Vorsorgeuntersuchung], Ultraschall [dito], Gips anlegen, Laborkosten etc.) Diese 10% werden erst nach dem Ueberschreiten eines bestimmten Betrages im Jahr von der Krankenkasse zur Gaenze uebernommen. (Dafuer gibts aber wieder Zusatzversicherungen.) Diese Grenze sind im Schnitt 300 bis 500 Dollar im Jahr, aber auch wesentlich mehr, je nach Tarif – es gibt Krankenversicherungstarife, die greifen erst ab Gesundheitskosten von Dollar 5000,-. Die meisten deckeln die Zuzahlungen bei ca. Dollar 7500,- pro Familie. Oft sind psychische Krankheiten gar nicht in einem normalen Krankenversicherungstarif enthalten. In die Notaufnahme darf man nur gehen, wenn man ansonsten binnen 24 Stunden sterben wuerde. Ansonsten werden die kosten NICHT uebernommen. Dabei gibt es keine geregelten aerztlichen Wochenend-Bereitschaftsdienste wie in Deutschland. Da haben wir persoenlich viel Lehrgeld bezahlt. Das Kleingedruckte im Versicherungsvertrag sollte man sehr genau lesen. Obama-Care hat zumindest die Deckelung auf eine Lebensobergrenze (life time maximum) abgeschafft. Bei unserer Versicherung waren das z.B.1,5 Mio Dollar – waeren die aufgebraucht, haette die Versicherung gar nichts mehr bezahlt (und jede Wette, dass eine andere Versicherung einen so Kranken niemals angenommen haette). Das alles gilt selbstverstaendlich nur, wenn der Arzt die Krankenversicherung akzeptiert, was er nicht muss. Es muss z.B. kein Arzt die staatlichen Medicare und Medicaid akzeptieren. Dann wechselt man den Arzt oder zahlt die gleichen Mondpreise wie ein Nicht-Versicherter, der nicht die Fallpauschalen-Verhandlungsmacht hat wie eine Krankenversicherung.

    Wenn man dann keine Medikamenten-Versicherung hat (die geht extra und ist NICHT in der Krankenversicherung enthalten), weiss man zwar, was fuer eine Krankheit man hat, kann sie aber nicht behandeln lassen, wenn man sich das Medikament nicht leisten kann. Einfache antibiotische Augentropfen gegen eine hartnaeckige Bindehautentzuendung kosten z.B. Dollar 125,- Ach ja – fuer Augen- und Zahnarzt-Besuche braucht man ebenfalls eine eigene Versicherung.

    Fuer viele Buerger West-Spelunkistans leben die Deutschen im Sozialismus, was die Krankenversicherung angeht. Sie empfinden das Solidarprinzip bei einer Krankenversicherung als solchen. Manche wollen nicht gezwungen werden, sich krankenzuversichern oder wollen keine Beitraege zahlen, die anderen zu gute kommen. Das sie das laengst tun – denn die von den Nicht-Versicherten verursachten Kosten werden von den Krankenhaeusern natuerlich auf die Versicherungen umgelegt, die dann die Praemien erhoehen – begreifen sie nicht. Und das das bei jeder anderen Versicherung (Auto, Lebens- etc.) im Prinzip haargenau so ist, ist vielen nicht bewusst. Was man da tun kann – keine Ahnung.

    Fazit: 99% der Deutschen leben quasi im Paradies. Einige (Viele?) davon wissen es nicht einmal oder finden das voellig selbstverstaendlich und haben trotzdem zu meckern.

    Anja

    23. Juni 2011 at 18:03

  2. Ja hatte ich auch schon gelesen. Eigendlich garnicht so dumm die Idee wenn einem andere Optionen nicht zur Verfügung stehen.

    Avarion

    23. Juni 2011 at 19:06

  3. Hoi Anja. Vielen Dank für deinen ausführlichen und vertiefenden Kommentar :-). Das System der Krankenkassen, das du beschreibst, gibt es grosso Modo auch in der Schweiz, speziell das mit dem Zuzahlen ist hier genau gleich, ausgenommen das „Life Time Maximum“. Okay, bei uns darf eine Krankenkasse die Aufnahme in die Grundversicherung nie verweigern und es gibt keine Notfall-nur-bei-Tod-innerhalb-24h-Klausel. Dennoch, vieles ist gleich. Man geht hier einfach nicht davon aus, dass die KKs dazu da sind, einem finanziell total aufzufangen.
    Speziell möchte ich noch auf die psychiatrische Versorgung eingehen. Du schreibst: „Oft sind psychische Krankheiten gar nicht in einem normalen Krankenversicherungstarif enthalten.“ In der Schweiz wird einem der Zugang zu psychiatrischer Versorgung fast ebenso schwer gemacht.
    Erklärung: Man kann man ohne Zusatzversicherung nur aus Spitälern des Wohnkantons wählen. Was nun, wenn man ein seelisches Problem hat, für das die Fachkräfte in den Kantonalen Psych-Kliniken weder Ausbildung noch Erfahrung haben? Was, wenn man zwar ein „passendes“ Krankheitsbild hat, aber zu jung oder zu alt ist oder mit Kleinkind ist, für was diese Kliniken überhaupt nicht ausgerichtet sind? Kürzlich druckte eine grosse Tageszeitung ein Interview, in dem die Leiterin einer psychiatrischen Einrichtung für Jugendliche sagte, dass 13 Jahre nach deren Eröffnung immer noch Jugendliche in psychiatrischen Akut-Erwachsenenstationen untergebracht würden, da für den Kanton Zürich (1,2 Mio. Einw.) gerade mal ca. 80 Betten für Jugendliche zur Verfügung stünden (ständig belegt, natürlich). Man darf sich inmitten einer akuten Krisensituation dann auch noch mit der Krankenkasse herumschlagen, die einem die Zusatzversicherung verweigert und damit die Möglichkeit der ausserkantonalen Spitalwahl verbaut. Man ergibt sich also und wandert in besagter Klinik in die Hände von völlig ahnungs- und erfahrungslosen Assistenz-ÄrztInnen, die das Problem höchstens theoretisch kennen.
    Nicht nur in den USA ist alles schlecht und asozial, auch wird dies weitgehend geduldet. Dagegen kriegen 70 und 80-Jährigen am laufenden Band neue Gelenke eingesetzt, vollumfänglich bezahlt von der Grundversicherung. Krankheit und deren Gewichtung bzw. Beachtung ist längst eine politische und keine medizinisch-menschliche Sache mehr.

    KaraBug

    23. Juni 2011 at 21:25

  4. Hoffentlich wird ihm der kleine Schnitzer (Diebstahl statt Banküberfall) nicht zum Verhängnis, was seinen Plan angeht.

    Hesting

    24. Juni 2011 at 09:12

  5. Der beste Kommentar findet sich m.E. hier in der Diskussion.

    Kamhameha

    25. Juni 2011 at 12:55

  6. erinnert mich an ’sicko‘ …

    ich.bin.ines

    25. Juni 2011 at 22:54


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