Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Wegen Unterzuckerung ins Krankenhaus?

with 11 comments

Soeben lese ich im Rettungsdienstblog eine Geschichte, die ich gerne weiterspinnen möchte.
Vor allem deshalb, weil der Andere Hausarzt vor etwa einem halben Jahr eine ganz ähnliche Geschichte aus einer anderen Perspektive erzählt hat.
Die beiden Geschichten unterscheiden sich, aber sie haben eines gemeinsam:
ein älterer Mann ist kollabiert und jetzt liegt er da und ist zwar bei Bewusstsein, ansprechbar aber ein wenig benommen.
Der Rettungsdienst wird gerufen, und bald hat man die Ursache erkannt: Niedrige Blutzuckerwerte. Das kommt bei Diabetikern immer wieder mal vor, wenn versehentlich zuviel Insulin gespritzt oder eine zu hohe Medikamentendosis eingenommen oder anschließend zu wenig gegessen wurde oder wenn der Patient sich außergewöhnlich stark körperlich belastet hat oder Alkohol getrunken hat oder gerade mit irgendeinem Infekt herummacht oder, oder oder…
Die Therapie ist denkbar einfach: Man führt dem Patienten Zucker zu. Und zwar intravenös. Eine kleine Spritze oder Infusion (natürlich mit Zucker drin) kann hier Wunder wirken.
Patient geheilt, alle glücklich und zufrieden.
Wirklich?
Nee, nicht ganz.
Anstatt sich freundlich mit Handschlag zu verabschieden schleppen die wackeren Rettungsleute den Patienten ins Krankenhaus und laden ihn bei uns in der Notaufnahme ab.
Und da an nimmt das Unglück seinen Lauf.
Nein, den tapferen Rettungsdienstlern mache ich keinen Vorwurf, die müssen so, die können nicht anders.
Aber es ist einfach… einfach eine dieser Irrsinnsgeschichten, die unser Gesundheitssystem so teuer und so hundsmiserabel machen.
Warum?
Wie es bei uns in der Notaufnahme weitergeht, das erzähle ich Euch morgen.

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Written by medizynicus

30. Juni 2011 um 22:57

11 Antworten

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  1. Das stimmt so nicht. Auch das RD Personal kann was dafür. Wo steht denn, dass ich so einen Patient mit nehmen muss!? Hab ich Ahnung von dem was ich da tue, dann kann ich auch so einen Patient auch zuhause lassen. Das gilt auch für andere „Krankheiten“ unserer Kundschaft. Natürlich nehm ich sowas auf meine Kappe, aber ich tue damit meinem Patient, dem Krankenhaus und auch der Leitstelle was Gutes, wenn ich nicht jeden mitnehme.

    alltagimrettung

    30. Juni 2011 at 23:07

  2. Ich meine, mal etwas darüber gehört zu haben, dass ein Patient nach einer Hypoglykämie zunächst einmal nicht geschäftsfähig ist, daher im Prinzip auch nicht gegenüber dem RD verweigern kann… Weiss da jemand etwas genaueres?

    Shlomo

    30. Juni 2011 at 23:50

  3. Also Krankenhaus ist doch das mindeste! Bei Grey’s Anatomy wurde mal jemand notoperiert, weil er tief war ;).

    achtelgott

    1. Juli 2011 at 07:38

  4. @Shlomo; Ich kann bestätigen, dass diese Version zumindest ebenfalls umgeht. Allerdings kann ich leider nicht sagen, ob sie so stimmt oder nicht.

    @alltagimrettungsdienst: Und wenn es schief geht, bist du der Blöde, weil du es auf deine Kappe genommen hast. Was meinst du, wie schnell sich dann dein Arbeitgeber und noch alles anders von dir abwenden und dir die Verantwortung in die Schuhe schieben?!? Klar, das wäre ein Extremfall und wird so nur selten vorkommen (also das es schief geht), aber es kann immer passieren.

    Bin gespannt, wie die Geschichte hier weitergeht….

    rettungsdienstblog

    1. Juli 2011 at 10:49

  5. Die Hypoglykämie ist ja letztlich auch eine Notarzt-Indikation. Und so kommt es auch recht häufig vor, dass der NA beschließt, den Patienten zuhause zu lassen. Dann sind wir armen RettAss auch aus dem Schneider 😉

    Der Krangewarefahrer

    1. Juli 2011 at 12:21

  6. @Krangewarefahrer Das ist ja bei mir im Blog die Diskussion gewesen: Braucht man bei einer BZ-Entgleisung den NA?!
    Wenn AlltagimRettungsdienst argumentiert, dass man a) keinen NA braucht und b)den Pat. anschliessend zuhause lassen kann, ist das etwas das er auf seine Kappe nimmt. Wenn ein NA da ist und dieser sagt, der Pat bleibt zuhause, dann ist das ja vollkommen ok. Der Arzt hat studiert und ist der Chef im Ring hier…also seine Verantwortung.

    rettungsdienstblog

    1. Juli 2011 at 12:31

  7. Ich hab mal gehört, dass die RD Leute wenn sie geholt worden sind, die Leute auch mitnehmen müssen? (Eben wg. Gefahr, dass im Nachhinein noch was passiert?)

    Kira

    1. Juli 2011 at 14:06

  8. @Krangewarefahrer @RDBlog

    Ich habe nicht gesagt, dass man gar keinen NA für eine Hypoglycämie braucht, und auch nicht jeden Pat. deswegen zuhause lässt. Ich finde aber, man darf und muss diesen Punkt diskutieren dürfen. Sind wir wirklich alle so unselbständig!? Und das wir wirklich aus dem Schneider sind, wenn der Doc da ist, wage ich mal zu bezweifeln. Denn jeder von uns hat eine Garantenstellung. Und wenn der NA draußen Murks macht, dann bist du auch mit dran, wenn du dies nicht unterbunden hast.

    alltagimrettungsdienst

    1. Juli 2011 at 20:43

  9. @alltagimrettungsdienst: Ich habe Dir ja gar nicht unterstellt, dass du jeden Patienten zuhause lässt und keinen Schriftgelehrten brauchst 😉 Auf den Doktor haben wir ja oft eh keinen Einfluss, da er direkt mit geschickt wird. Und diskutieren darf man das sicherlich. Ich muss den Patienten jetzt auch nicht auf Biegen und Brechen mit ins Krankenhaus nehmen. Den ein oder anderen Patienten kennt man ja eh, da es bei ihm öfter mal Probleme mit dem Zucker gibt. Da wird der BZ wieder geregelt und gut ists. Aber wenn ich den Patienten nicht kenne und mir vielleicht auch nicht sicher bin, ob es wirklich nur eine Hypoglykämie oder was auch immer ist nehme ich ihn eben mit. Das hat finde ich nichts mit Unselbstständigkeit zu tun, sondern einfach mit den (gesetzlichen) Regelungen, Notkompetenz,… Wenn er bei klarem Verstand ist und nicht mit will, ich das aber gerne hätte, unterschreibt er mir das zumindest unter Zeugen. Wir müssen eh oft genug aufpassen, was wir da so machen, da wir immer mit einem Bein im Knast stehen.
    Und ich sage auch sicherlich nicht, dass ich dem NA alles durchgehen lasse. Wenn er wirklich Mist baut sage und dokumentiere ich das auch.

    Der Krangewarefahrer

    2. Juli 2011 at 17:17

  10. […] Medizynikus vor kurzem Irrsinnsgeschichten angesprochen hat, die das deutsche Gesundheitssystem so teuer machen, […]

  11. @alltagimrettungsdienst, Krangewarefahrer, rettungsdienstblog:
    Man merkt es schon an den Kommentaren, die Vorgehensweise ist regional stark unterschiedlich. Ich kenne beides, in meinem ehemaligen Rettungsdienstbereich wurde quasi für jede Viggo ein NEF nachgefordert – das war schon immer so und man kennt es gar nicht anders. Da wo ich jetzt arbeite wird bei der Verdachtsdiagnose Hypoglykämie im Regelfall primär gar kein NEF von der Leitstelle rausgeschickt. Es wird erwartet, dass solche „Standard-Notfälle“ auch vom Rettungsdienstpersonal lege artis versorgt werden können. Und es klappt. Und wenn so ein Patient dann partout zu Hause bleiben möchte soll er das tun. Wenn er geschäftsfähig ist habe ich sowieso keine andere Handhabe als seinen Willen zu akzeptieren. Zumal die Klinikvorstellung beim bekannten Diabetiker, der ab und an unterzuckert, ja wie Medizynicus bereits ausführte, nur sehr bedingt sinnvoll ist. Rechtliche Probleme könnte es im übrigen nur geben, wenn das Heilpraktikergesetz auf Rettungsassistenten anwendbar wäre. Ob das so ist oder nicht, darüber streitet sich die Fachwelt. Mal was zu lesen: http://www.rechtsanwalt-keipke.de/download/Arztvorbehalt.pdf

    Zoidberg

    3. Juli 2011 at 15:41


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