Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Ärzte und Alkohol: ein Tabu?

with 6 comments

Ein Bundestagsabgeordneter bekennt sich öffentlich zu seiner Alkoholkrankheit und löst damit eine spannende Diskussion aus.
Wird er zurücktreten?
Vielleicht.
Muss er das überhaupt?
Tja… warum eigentlich?
Jedenfalls ist er mutig – und bricht mit einem Tabu. Viele Politiker trinken mehr als ihnen gut täte. Nicht wenige sind – nach streng medizinischen Krierien – abhängig. Alkoholkrank. Das ist allgemein bekannt, aber man redet nicht darüber.
Genauso wie allgemein bekannt ist, dass es zahlreiche Ärzte gibt, die alkoholkrank sind. Und auch darüber spricht man nicht. Höchstens dann, wenn wieder mal jemand seinen Job verliert, dann gibt es vielleicht eine kleine Notiz in der örtlichen Zeitung oder auch einen ausgewachsenen Skandal, falls ein Patient zu Schaden gekommen ist, was immer wieder mal vorkommt.
Aber nicht jeder alkoholkranke Arzt bringt seine Patienten um.
Viele Alkoholiker schaffen es, ihr Suchtverhalten soweit unter Kontrolle zu halten, dass sie im Alltag halbwegs „funktionieren“ – und auch in der Lage sind, den ärztlichen Beruf auszuüben, vielleicht nicht gerade als große Leuchten, aber als kleine B-Player in der zweiten Reihe.
Wie heißt es so schön? Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Und Letzteres ist Privatsache. Oder etwa nicht?

Written by medizynicus

8. Juli 2011 um 23:56

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

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6 Antworten

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  1. Das ist ein absolut schweres und ja auch heiß diskutiertes Thema…

    Ich persönlich finde dass Alkohol an keinen Arbeitsplatz gehört, zumindest nicht zum trinken.
    Problematisch an der Sache find ich einfach dass Suchtverhalten recht unkontrolliert ist.

    Mag sein dass der Alkoholabhängige Arzt 1 oder soger mehrere Jahre unbemerkt trinken kann aber irgendwann wird er Fehler machen und Patientenleben riskieren die nicht riskiert werden hätten müssen.

    Insofern ist der trinkende Arzt eine Gefährdung seiner Schützlinge und gehört zumindest nicht mehr ans Patientenbett.
    Wenn er sich noch einigermaßen unter Kontrolle haben kann, könnte man evtl. über eine Umschulung in einen anderen Bereich nachdenken aber prinzipiell gehört er einfach behandelt.

    Aber es ist und bleibt einfach ein schwieriges Thema, denn nicht aus jedem Alkohol-abusus entwickelt sich zwangsläufig ein Korsakow.
    In einigen handwerklichen Berufen gehört das Feierabend Bier einfach dazu und auch die können nach Jahrzehnten noch ihren Beruf ausüben.

    Grundsätzliche gilt es sowiso den Einzelfall abzuwägen und in zweifelhaften Situationen die Person einfach unter strenge Beobachtung zu setzen um eine Patientengefährdung zu vermeiden.

    Tobi

    9. Juli 2011 at 01:10

  2. Alkoholmissbrauch geht quer durch alle Gesellschaftsschichten. We unter starkem Stress steht, ist vermutlich anfälliger dafür als entspanntere Menschen. Das betrifft nicht nur Ärzte und Politiker. Ein stark alkoholisierter Mensch stellt eine potentielle Gefahrenquelle für seine Mitmenschen dar. Wer dabei privat über einen Gehweg torkelt, sicher weniger als jemand, der gerade seinen Beruf ausübt.

    Mir fallen Beispiele ein, wie es nicht aussehen sollte:
    Spätabends an einer Tankstelle, irgendwo in Berlin. Der Wagen eines Bereitschaftsarztes rollt an. Der Arzt steigt aus und kauft sich am Nachtschalter einige Bierdosen. Er hatte vermutlich eine lange Nacht im Dienst vor sich…
    Vor ein paar Jahren wurde eine Berliner U-Bahnfahrerin aus dem Verkehr gezogen. Sie hatte ihren Dienst mit über 3,0 Promille im Blut angetreten (wieso ist das nicht aufgefallen?) und brachte die U-Bahn an den Stationen nicht rechtzeitig zum Stehen. Die ersten Wagen standen im Tunnel. Die verdutzten Fahrgäste riefen – Handyzeitalter sei Dank – Hilfe herbei. Nach einer (Irr-)Fahrt von ca. 15 min. konnte man sie an einer Station in der Fahrerkabine überwältigen und mitnehmen.

    Ich würde es mir sehr gut überlegen, eine Alkoholkrankheit öffentlich zu machen. Derjenige kann davon ausgehen, dass seine Karriere damit beendet ist. Es wäre für den betreffenden besser, den Mund zu halten, diskret vorzugehen und sich in einer vertrauenswürdigen Klinik behandeln zu lassen.

    konniebritz

    9. Juli 2011 at 11:04

  3. Ich denke, dass ein betrunkener Arzt genau so gefährlich wie ein betrunkener Autofahrer sein kann. Es mag simpel klingen, aber der Arzt kann vielleicht noch (wenn er „im Training“ ist) die Arbeit zufrieden leisten, genau so wie der Trinker mit dem Auto noch nach Hause findet. Wenn’s dann aber knallt, knallt es richtig.

    Ob der Beamte jetzt betrunken vom Bürostuhl fällt, betrifft ja an sich primär keine andere Person.
    Wenn der Arzt aber bspw. im OP an einer Arterie operiert oder der Trinker im Porsche rumfährt, betrifft und gefährdet ja schon wieder andere.

    DD

    9. Juli 2011 at 19:22

  4. Ich kenne wesentlich mehr nicht alkoholabhängige Ärzte, die eine Gefährdung für Patienten sind…
    und habe schon mit alkoholsüchtigen Kollegen zusammengearbeitet, die selbst „im Stoff stehend“ noch überlegter / besser gehandelt haben, als andere (nüchterne und eigentlich ebenso erfahrene) Kollegen. Wohl auch deshalb wurde es von offizieller Seite „ignoriert“… Was ich wiederrum nicht gut fand, da Hilfe auch in Hinblick auf die Spätfolgen wohl angebrachter wäre.

    Antje

    9. Juli 2011 at 19:39

  5. „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Und Letzteres ist Privatsache. Oder etwa nicht?“
    So sehe ich das auch. Ob jemand Alkoholiker ist oder nicht, ist in Bezug auf seine ärztliche Tätigkeit wenig erheblich, wenn durch diese Sucht den Patienten keine Nachteile entstehen.
    Hatten wir nicht schonmal an anderer Stelle festgestellt, dass Ärzte eben keine „Götter in weiß“ sind, sondern eben Menschen aus Fleisch und Blut, mit menschlichen Problemen (zu denen der Alkoholismus nunmal leider dazu gehört)?

    stef

    9. Juli 2011 at 22:25

  6. Schnaps ist dann nicht mehr Schnaps, wenn dadurch der Dienst beeinträchtigt wird. Flugkapitäne dürfen 24 Stunden vor dem Flug keinen Alkohol mehr trinken, nicht mal mehr Mundwasser (äh, ja…). Sollte für Ärzte vielleicht auch gelten…

    Und ich weiß, in meinem Beruf ist Alkohol ebenso ein Thema wie bei Lehrern, obwohl kirchliche Versammlungen allermeist alkoholfrei abgehalten werden. Aber Margot Käßmann war kein absoluter Einzelfall.

    Wolfram

    11. Juli 2011 at 12:15


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