Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Pillen oder Pariser? Oder: Wie soll man sich vor AIDS schützen?

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Okay Leute: Kondome schützen, das ist allgemein bekannt. Und wer erkrankt, der kann Tabletten nehmen. Und wenn man diese Tabletten regelmäßig nimmt und sich auch sonst verantwortungsvoll verhält, dann hat man noch eine beachtliche Lebenserwartung vor sich. Da hat sich schon eine Menge getan seit den Achtziger Jahren.
Trotzdem gibt es immer noch keine Heilung. Und so erkranken und sterben auch heute noch tagtäglich viel zu viele Menschen an der übertragenen Immunschwächekrankheit.
Und so besteht nach wie vor unsere wichtigste Aufgabe darin, die Übertragung zu vermeiden… durch konsequente Aufklärung… siehe oben.
Vor ein paar Tagen eine interessante Nachricht die Runde: Studien haben ergeben, dass man das Ansteckungsrisiko erheblich senken kann, wenn man täglich konsequent eine Tablette einnimmt – eine Tablette mit den Wirkstoffen, die man auch im Erkrankungs- oder Expositionsfall nehmen kann. Ungefähr so ähnlich wie die prophylaktische Einnnahme von Antibiotika… die ab und zu sinnvoll ist.
Natürlich ist klar: Wenn das ganz viele Menschen regelmäßig tun, dann werden die Erreger irgendwann resistenz und die Prophylaxe wird wirkungslos. So wie das schon jetzt bei vielen Antibiotka – und auch bei antiviralen HIV-Medikamenten oft der Fall ist. Aber was soll’s, dann muss man neue Medikamente entwicklen… oder nicht?
Was meint Ihr?
Sollten man Leute mit „erhöhtem Risiko“ die Einnahme der Tablette empfehlen?
Würdet Ihr die Tablette nehmen, wenn Ihr…?

.

Written by medizynicus

15. Juli 2011 um 07:39

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

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18 Antworten

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  1. Könnte sinnvoll sein, wenn der Partner HIV-positiv ist.

    Mia

    15. Juli 2011 at 10:14

  2. Die prophylaktische Einnahme macht ja gerade in Ländern mit hoher Durchseuchungsrate Sinn, da sich die dortige Bevölkerung die Medikamente ja auch zwanglos leisten kann.
    Der in der Presse angeführte Nutzen dürfte sich also eher im theoretischen Bereich bewegen.
    Wenn hier in Europa ein Partner infiziert ist, und der andere nicht, macht es m.E. Sinn, das Medikament zu nehmen. Nur, wer trägt die Kosten? Ich stelle mir gerade vor, wie erfreut die gesetzlichen und privaten Kassen auf den Vorschlag reagieren.
    Gruß Landkrauter

    Landkrauter

    15. Juli 2011 at 10:43

  3. Nein, nicht einmal Leute aus Gruppen mit erhöhtem Infizierungsrisiko solltem diese Tabletten nehmen.
    Es geht mir garnicht mal um den zusätzlichen Chemiecocktail, sondern darum, das jeder von uns lernen muss, mit seinem Leben verantwortlich umzugehen.

    Wenn ich Sex haben „muss“ und keinen festen Partner habe, dann nehme ich halt ein Kondom.
    Wenn ich jemanden neu kennengelernt habe und mit ihm schlafen will, dann frage ich nach einem Gesundheitszeugnis, gibt ja schliesslich nicht nur HIV/Aids, sondern noch viele andere anstecknede Geschlechtskrankheiten.

    Wir können nicht für alles Pillen entwickeln, irgendwo muss man auch Grenzen setzen. Und nur weil ich Sex haben kann, heisst das noch lange nicht, das ich Sex haben muss. Bissl Mitdenken und Eigenverantworung darf schon noch sein.

    TickleMeNot

    15. Juli 2011 at 11:00

  4. @Ticklemenot: Nach der Argumentation darf es auch keine Antibabypille geben, muss ja keiner Sex haben, wenn er kein Kind will… Außerdem kann man auch mit einem festen Partner ein erhöhtes Risiko haben, wenn der bereits HIV hat (und nein, nicht nur Junkies und Stricher können HIV kriegen. Menschen, die aufgrund irgendwelcher Krankheiten häufig Bluttransfusionen benötigen würden wahrscheinlich trotz extrem geringen Einzelrisikos auch in die Gruppe gerechnet, nur als Beispiel.) Außerdem wäre eine Tablette schlucken um sich eben nicht anzustecken auch „verantwortlich mit seinem Leben umgehen“…
    Was ich eher als kritisch sehe sind die Kosten, die sich in Deutschland aber noch in Genzen halten dürften, so groß ist die wirklich gefährdete Gruppe denke ich nicht (wie viel kostet das denn so pro Person?) und die Frage der Resistenzen. Woraus genau besteht eigentlich die Behandlung, also wie wahrscheinlich entwickeln sich dabei schnell resistente Erreger?

    achtelgott

    15. Juli 2011 at 11:11

  5. Ich denke, die Einnahme einer solchen Pille würde nur die Sorglosigkeit im Umgang mit HIV verstärken.
    Ganz abgesehen davon, dass Kondome ja nicht nur vor HIV und Schwangerschaften schützen sollen…

    Nadine

    15. Juli 2011 at 13:11

  6. @Nadine: Wieso würde sie die Sorglosigkeit verstärken? Man muss doch trotzdem noch regelmäßig diese Pille nehmen. Wen nicht die Antibabypille nehme verhalte ich mich ja auch nicht sorglos gegenüber ungewollten Schwangerschaften, ich tue gerade das Gegenteil.
    Gefahr ist höchstens, dass andere Krankheiten sich mehr verbreiten.

    achtelgott

    15. Juli 2011 at 13:26

  7. Wenn man es irgendwann mal schafft, das Ansteckungsrisiko mit HIV mit Pillen auf dieselbe Wahrscheinlichkeit wie bei der Antibabypille zu bringen, kann man die Medikamente gerne so zulassen. Solange aber das Ansteckungsrisiko immer noch hoch ist, gaukelt das Medikament eine Sicherheit vor, die nicht vorhanden ist.
    Leider fehlen dem SPIEGEL-Artikel mal wieder sämtliche Angaben, wie groß die beiden Verumgruppen waren und wie groß die Placebogruppe war, so dass man mit den absoluten Angaben von HIV-Infizierten überhaupt nichts anfangen kann.

    Nebenbei: Ich bin auch mit klinischen Studien vertraut. Aber bin ich der einzige, den es ethisch stört, dass diese Studie in drei Dritte-Welt-Staaten gelaufen ist? Im Endeffekt werden die Personen, die sich während dieser Studie mit HIV angesteckt haben, in den nächsten Jahren sterben. Und irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass die Ethikkommissionen in Botswana, Uganda und Kenia mit den deutschen Ethikkommissionen vergleichbar sind, sofern es überhaupt dort sowas gibt. Hierzulande wird bei einer Krebsstudie beispielsweise auch der Placebogruppe die normale Medikation nicht vorenthalten. War das dort genauso?

    MannimMond

    15. Juli 2011 at 15:47

  8. @Achtelgott: Der angebliche Schutz vor HIV soll bei 70% liegen…also kein absolut sicherer Schutz. Evtl. ist die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung geringer, aber noch durchaus möglich.
    Ich denke, dass sowas dann schnell mal in Vergessenheit gerät und man sich denkt: „Mensch, 70% sind schon verdammt viel…geht schon gut.“

    Nadine

    15. Juli 2011 at 23:00

  9. Wie wärs mit nichts tun?

    Dann löst sich das Problem früher oder später von selbst, solange HIV nicht plötzlich durch die Luft oder durch anhusten übertragen wird.

    Ich verstehs nicht. Abgesehen von seltenen Ausnahmefällen wie verseuchte Organe / Blutkonserven sind die meisten Leute doch schlichtweg selbst Schuld….

    FH

    16. Juli 2011 at 00:02

  10. @FH: Ja sie sind selbst schuld. So wie bei fast allen Erkrankungen. Alles, was nicht genetisch bedingt ist, ist von eigenen wenigen Krebserkrankungen selbst verschuldet. Herzinfarkt: Nee machen wert nix hätte ja nicht rauchen, fressen und faul rumsitzen müssen. Lungenkrebs: Nee rauchen muss keiner. Syphyllis: Hätte ja ein Kondom nehmen können. Polytrauma nach Motoradunfall: Nee, einfach die Organe rausnehmen, aber wofür eigentlich? Leber: Nee geht an Alkis, Niere: Hätte halt keine Sprossen essen sollen, Herz: s.o., Lunge: s.o..
    Klingt doch super, wir könenn uns alle entspannen die Krankenkassen abspecken und nr noch erblich bedingte Sachen behandeln!
    Nee ernsthaft zu dem Kommentar kann man keine ernst Antwort geben….

    achtelgott

    16. Juli 2011 at 10:49

  11. @achtelgott

    Vielen oder sagen wir mal den meistens Menschen die sich so anstecken fehlen 2 Dinge: Brain.exe und genug Vorwissen, was man in den meisten Ländern und Fällen hätte erwerben können.

    Aber schön neue Pillen entwickeln -.-

    gr3if

    17. Juli 2011 at 18:00

  12. @gr3if: Ja, viele die sich in Deutschland mit HIV anstecken sind zumindest teilweise selber schuld. Sie haben einen Fehler gemacht. Einer reicht. Ein einziger. Einmal ohne Kondom mit dem falschen im Bett reicht. Einmal abgerutscht und mit einer benutzten Nadel Drogen gespritzt reicht.
    Aber das ist egal. Ich kann auch sagen wer raucht, wer frisst, wer Motorrad fährt macht Fehler. Beim Fressen und Rauchen reicht einer nicht aus diabetes Typ 2 und COPD kriegt man von Jahren der Fehler, während denen man nie zugehört hat, wenn der Arzt sagt, dass man sei nVerhalten ändern sollte.
    Ich kann auch sagen, wer arbeitslos ist dem fehlt es nur an „Brain.exe und genug Vorwissen“ für die angebotenen Berufe.
    Ich kann auch sagen, wer einmal eine Bank ausraubt ist selber schuld.
    Das stimmt in gewisser Weise alles so. Trotzdem haben wir Krankenkassen in die auch Raucher und fette Menschen aufgenommen werden, zahlen mit unseren Steuern HartzIV und haben (zumindest in der Theorie) ein Justizsystem, das auf Resozialisierung aufbaut.
    Nie sagen wir: „Pech gehabt, das war ein Fehler, hätteste nicht machen sollen, ätsch!“
    Jedenfalls sage ich das nicht. jeder hat eine zweite Chance verdient und solche Kommentare wie Ihrer sind unendlich arrogant. Ich bin froh, dass Sie in unserem Sozialsystem nicht das Sagen haben.
    Ganz abgesehen davon soll diese „Pille“ ja gerade die Ansteckung verhindern, aber Ihnen wäre es wohl lieber alle HIV infizierten auszugrenzen, sodass niemand mehr potenziell „infektiösen“ Kontakt mit „denen“ haben kann.

    achtelgott

    17. Juli 2011 at 18:23

  13. Was viele hier vergessen: Was ist mit den Langzeitpartnern von HIV+en? Die vielleicht Kinder wollen? Oder das Restrisiko vermindern? Vollkommen egal, stimmt ja. HIV haben ja schließlich nur Schwule und Fixer, die müssen und sollen ja keine Beziehungen führen. (nur um es zu verdeutlichen: Das war Ironie.)
    Von dem bereits angesprochenen Punkt „Afrika“ ganz zu schweigen. Die Pillen sind nämlich deutlich einfacher zu verbreiten und zu benutzen als Kondome. Solange die Kosten stimmen, ist das eine deutlich bessere alternative, als die nichtbenutzten Kondome. Gegen die auch noch die Kirche mobil macht…

    docadenz

    17. Juli 2011 at 18:39

  14. Wozu regelmäßig Tabletten schlucken, wenn ein Kondom sinnvollen und wirksamsten Schutz bietet?!
    Und was hab ich von vorsorglich eingenommenen Tabletten, wenn ich die 30% treffe?

    knoetchen

    17. Juli 2011 at 22:34

  15. @Achtelgott

    Thats Life get used to it…

    Fressen und gefressen werden oder?

    Woher nehmen wir Menschen eigentlich die unendliche Arroganz uns entgegen jeder Natur aufzuspielen?
    Sterben gehört dazu, das müssen wir alle. Wie es passiert ist sehr verschieden!

    Btw: Nett aus einem einzigen Beitrag auf Arroganz zu schließen, schön zeugt von guter Diskussionskultur.

    Aber lassen wir das mal: Letzendlich ist es eine freie Entscheidung jedes Menschen. Man muss nicht rauchen, trinken, Sex haben, feiern, Motorrad fahren usw. Letzendlich ist es bei den meisten Menschen eine Entscheidung aus „Spaß“ herraus und da darf jeder alleine entscheiden was er tut.

    Wobei wir sowieso zu viele sind, 7 Milliarden sind letzendlich nicht mehr wirklich zu verkraften. Probleme tauchen überall auf, aber eine Diskussion in diese Richtung würde zu weit gehen für diesen Rahmen.

    gr3if

    18. Juli 2011 at 13:46

  16. @gr3if: Ok ich hab‘ schon den ersten Vorschlag bei wem wir anfangen können das Problem der Überbevölkerung anzugehen!
    Aber Spaß beiseite gegen welche „Natur“ lehnt sich der Mensch denn auf? Ist der Mensch etwa kein Säugetier? Kein Teil der Natur? Die gesamte Evolution gab es nur um länger, besser überleben zu können. Unsere moderne Medizin und unser Sozialsystem sind nur einzelne Resultate davon und genauso „natürlich“ oder „unnatürlich“ (wer definiert hier eigentlich was das sein soll?!) wie der Panzer einer Schildkröte oder das Muster eines Zebras. Dadrüber regt sich aber keiner auf…
    Wenn Sie einfach jeden fallen lassen wollen, der in Not gerät egal welcher Art, bitte tun Sie das, Sie werden wahrscheinlich in ihrem Freundeskreis schnell merken wie gut das ankommt und zum Glück haben Sie hier ja nicht das Sagen.

    achtelgott

    18. Juli 2011 at 14:49

  17. Gr3if: Ha-Ha! Er hat Natur gesagt! Damit disqualifizieren sie sich selbst als Diskussionspartner.

    Ansonsten: Was viele hier vergessen oder ignorieren ist, dass nicht nur Fixer und Schwule, die ja natürlich alle selbst schuld sind und gefälligst keinen Sex haben sollen HIV+ sind, sondern auch jede Menge anderer Leute. Diese Leute haben Familien, bestehenden Kinderwunsch, oder wollen einfach nur das Restrisiko, ihre Partner anzustecken, minimieren. Für genau diese Menschen sind diese Tabletten.
    Und wo schon das Thema Afrika angesprochen wurde: Genau da wäre eine hervorragende Anwendungsmöglichkeit. Kondome sind (gerade da!) unbeliebt, bei den Männern, umständlich, schwierig in der Handhabung (!), die Verantwortung wird auf diese übertragen (wo hingegen in aller Regel sich die Frauen, die da kaum was gegen machen können, anstecken! jetzt könnten sie selbst was gegen die Ansteckung unternehmen!) usw. – Wenn man diese Tabletten dort billig unterbringen könnte, würden sich viel weniger leute mit HIV infizieren.

    docadenz

    18. Juli 2011 at 14:58

  18. @docadenz: Da teile ich deine Auffassung uneingeschränkt. Gerade die Schutzlosen könnten von solch einer Tablette profitieren.
    Schade, dass es sich immer noch nicht bei allen herumgesprochen hat, dass auch ganz „normale“ Menschen HIV positiv sein können. Da muss man noch nicht einmal ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt oder eine Nadel geteilt haben. Wenn es wirklich dumm läuft kann es auch den Arzt oder Ersthelfer am Unfallort treffen. Gerade in solchen Fällen würde ich es begrüßen, wenn diese Berufsgruppe nicht darauf verzichtet zu handeln. Wer möchte schon, dass erst ein HIV-Test durchgeführt wird bevor erste Hilfe geleistet wird.
    Es gibt ja auch Kinder, die bereits mit dieser Erkrankung zur Welt kommen. Wo trifft die denn Schuld?

    Kritisch sehe ich eher die Resistenzen. Als Laie bin ich da überfragt. Was ist im Zweifel schneller, wenn man flächendeckend in Risikogebieten solche Medikamente ausgibt, die Entwicklung von Resistenzen oder das massive Zurückdrängen der Krankheit?

    fishly

    19. Juli 2011 at 15:26


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