Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Wir basteln uns eine Krankheit

with 11 comments

Wer will nochmal, wer hat noch nicht?
Wer immer noch ohne Diagnose ist, dem kann geholfen werden. Eine neue Krankheit zu herzustellen, ist nämlich gar nicht so schwer. Oh… nein, keine Angst, hier wird nicht mit neuen Bazillen oder gentechnisch veränderten Killertomaten gearbeitet, nee, sowas ist natürlich viel zu gefährlich, also Finger weg. Ich habe mich auch vielleicht ein wenig falsch ausgedrückt: es geht ja eher darum, eine neue Krankheit zu erfinden… also ich meine natürlich, zu finden, also eine Krankheit, die es eh schon gibt, die sogar sehr verbreitet ist, die aber noch kein Mensch kennt, weil sie eben bislang unentdeckt ist… also unerforscht und so…
Wie bitte? Dazu braucht man ein Forschungslabor mit sündhaft teuren Geräten und vielen fleißigen und motivierten Mitarbeitern und dazu noch einen Haufen klinischer Erfahrung? Pustekuchen! Es geht auch ohne. Eigentlich braucht man noch nicht einmal ein abgeschlossenes Medizinstudium, nee, man braucht überhaupt nicht studiert zu haben um eine neue Krankheit zu bauen (auch Balthasar könnte das, aber der ist bekanntlich eher daran interessiert, neue Therapien zu entwickeln, was ja irgendwie zusammengehört, aber dazu kommen wir noch später).
Also gut. Gehen wir in Medias Res. Legen wir los.
Als erstes brauchen wir einen Namen. Der sollte vielleicht ein bißchen lateinisch klingen, oder, noch besser englisch. Und eine schicke Abkürzung muss es geben. MoDe zum Beispiel. Klingt doch gut, nicht? Oder lieber MoDS?
Dahinter verbirgt sich nämlich das Motivationsdefizitsyndrom, das gibts auch auf Englisch und war leider nur’n Aprilscherz, aber wir könnten es ja trotzdem mal neu erfinden.
Das ist nämlich die nächste Regel: auch das, was schonmal dagewesen ist, kann man ruhig neu erfinden, man muss ihm nur einen neuen Namen geben.
Und dann muss man dafür sorgen, dass möglichst viele Leute dran leiden, aber das ist dann schon der übernächste Schritt.

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Written by medizynicus

19. Juli 2011 um 22:49

11 Antworten

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  1. Ich bleibe bei den Killertomaten

    jaynesabbath

    19. Juli 2011 at 23:46

  2. beschissen, wenn man bedenkt, dass es leute gibt die eine krankheit haben, die nicht mal eine gesicherte diagnose hat, weil sie so selten ist und in keine schublade passt. so sehr ich ihren zynismus schätze, und so sehr es platt klingt: genießen sie ihre gesundheit. sorry, das musste raus!

    frau k.

    19. Juli 2011 at 23:52

  3. @frau k.
    Alle anerkannten Krankheiten haben eine Diagnosenummer.
    Es gibt Krankheiten, die sehr sehr selten sind und trotzdem haben sie eine Diagnosenummer.
    Es gibt Krankheiten, die keine sind und deshalb haben sie keine Diagnosenummer, denn der Körper kann Beschwerden signalisieren ohne dass er eine Krankheit hat.
    Es gibt Beschwerden, die in keine Krankheitsschublade passen und dann sind es meist die F- Diagnosen.

    docangel

    20. Juli 2011 at 11:56

  4. Ich möchte hinzufügen:
    Die Abkürzung muss möglichst verwirrend bzw. mehrdeutig sein.
    So wie die in letzter Zeit viel diskutierte Präimplantationsdiagnostik, die mich immer zuerst an Regelkreise denken lässt: http://de.wikipedia.org/wiki/Regler#PID-Regler 😉

    Oder die Royal Air Force und die Rote Armee Fraktion, die sich die gleiche Abkürzung teilen. Da passt auch noch ne Krankheit dazu. „Ach, Du Armer, was haste denn?“ „RAF“ “ … ???“

    Oder USB, PKW oder, oder … da gibt’s doch mannigfaltige Möglichkeiten!

    Panama Jack

    20. Juli 2011 at 13:25

  5. Also wir machen uns das einfach. Benimmt sich z. B. ein Mitglied der Familie „Müller“ (beliebig gewählter Name, sorry an alle Müllers) besonders doof, weil es vielleicht Popel frisst oder verschrobene Ansichten zu gewissen Themen hat, die den eigenen Kopf schlagartig Richtung Tischkante lenken, ooooder einem gern ungefragt die Welt erklärt, dann nennen wir das „Morbus Müller“ und alle wissen Bescheid. Wer braucht schon Diagnosenummern?

    Silke

    20. Juli 2011 at 14:30

  6. @doc – vielleicht ein bissl doof von mir formuliert, geb ich zu. vielleicht auch generelles problem, dass mich immer häufiger ereilt, wenn ich hier lese… dass der medizynikus, mir zu zynisch ist. zu einfach. zu platt – nicht bös gemeint und sicher kommt jetzt auch der ein oder andere spruch: „musst ja hier nicht lesen“. stimmt. muss ich nicht. will ich aber – auch wenn oft die andere – die patientenseite in mir sagt. meine fr******, du hast ahnung als arzt, aber nicht von der anderen seite. so genug assoziative grütze, ich mutiere lieber wieder zum stillen leser…

    frau k.

    20. Juli 2011 at 17:32

  7. @docangel: Es gibt einige Krankheiten, die nicht im ICD auftauchen. Frag nur mal die Humangenetiker!

    Manchmal gibt es halt seltene Krankheiten, die nicht erkannt werden. Und manchmal sucht sich ein Patient einen Exoten, der seine Beschwerden erklärt, obwohl er keine bzw. eine ICD-F-Gruppen-Krankheit hat. Nicht immer so einfach.

    lupo

    20. Juli 2011 at 23:19

  8. @lupo:
    Wer hat gesagt, dass es einfach ist? In einer Welt, wo sich das medizinische Wissen alle 5 Jahre verdoppelt. Der ICD wird nicht laufend aktualisiert, klar, aber man kann damit arbeiten. Ich habe ja auch geschrieben, dass alle ANERKANNTEN Krankheiten eine Diagnosenummer haben und damit meine ich die, die man kennt. Sicher gibt es Krankheiten, die man noch nicht kennt und es kann auch sein, dass jemand die hat. Ich habe auch geschrieben, dass Beschwerden, die in keine Krankheitsschublade passen MEIST die F- Diagnosen sind.
    Nicht immer so einfach.

    docangel

    21. Juli 2011 at 12:17

  9. Hab hier auch ein Zynismusproblem…ist mir auch zu platt und zu simpel gestrickt, nehme mal gerne ein Beispiel das ich auch erlebe…Spastik in den Extremitaeten mit den damit verbundenen Empfindungstoerungen..ist sehr lecker…und da brauch ich mir nix basteln da MS-Schub.
    Big nogo…ich glaub dieses Blog faellt mal laessig hinter die Zynismus-Blogroll-Grenze und dann ab in die Tonne.

    Voodooschaaf

    21. Juli 2011 at 17:45

  10. Ich versteh’s grad nicht so ganz: Medizynicus spielt hier – so hab‘ ich es jedenfalls verstanden – darauf an, dass immer mehr eigentlich „normale“ Polymorphismen quasi pathologisiert werden und dann auf einem behandelt werden müssen, weil sie ja jetzt einen tollen neuen Namen haben. Deswegen regen sich jetzt scheinbar einige über den Zynismus davon auf, weil sie selber irgendwelche scheinbar schwerer zu diagnostizierenden Krankheiten haben (MS als Beispiel).
    Also ich finde das sind doch zwei vollkommen verschiedene Sachen: Regt euch ab! Niemand unterstellt euch „nur“ somatoforme Krankheiten zu haben (allerdings sollten die auch ihr Stigma verlieren, wer die hat ist genauso krank wie jemand mit einem gebrochenem Bein, braucht nur eine andere Therapie), es geht doch viel mehr darum, dass nicht jede „Normabweichung“ eine Krankheit ist, besonders nicht, wenn sie keine Beschwerden bereitet und unabhängig davon, ob sie MoDS oder Syndromus motivationus deficitus heißt….

    sechstelgott

    21. Juli 2011 at 18:20

  11. Ich verstehe die Aufregung am 19. Juli über einen Aprilscherz nicht so ganz. Kommen jeden Tag 10 Patienten in die Praxis, die eine neue Krankheit erfunden haben? Nervt das derartig?

    erinnye

    22. Juli 2011 at 22:51


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