Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Krebs-Spontanheilung?

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Okay, es ist Wochenende und beim Schlendern durch die Stadt leuchtet mir am Zeitungskiosk das Titelbild der „Zeit“ entgegen. Und da gerade Wochenende ist und außerdem Regenwetter investiere ich die vier Euro und ziehe mich mit einem halben Kilo großflächigem Lesestoff ins nächstgelegene Cafe zurück.
Die Lektüre der Titelgeschichte macht mich nachdenklich.
Es geht um Gesundheit, Selbstheilungskräfte und auch um Spontanheilung bei Tumorerkrankungen (Einer der Artikel ist auch online verfügbar).
Lasst mich den Inhalt mal kurz zusammenzufassen:

  • Auch wenn man nicht zum Arzt geht, hat man gute Chancen, wieder gesund zu werden. Bei harmlosen Bagatellerkrankungen ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies geschieht ziemlich groß. Auch bei schwerwiegenderen Krankheitsbildern kommt es vor. Und gelegentlich, ganz, ganz selten auch bei Krebserkrankungen
  • Spontanremissionen bei bösartigen Tumorerkrankungen kommen also vor. Auch dann, wenn man die Fehldiagnosen abzieht (also wenn ein Doktor einen Krebs diagnostiziert hat wo gar keiner war und ein anderer Doktor das dann richtiggestellt hat) läßt sich das Phänomen nicht wegdiskutieren
  • Dieses Phänomen ist wissenschaftlich kaum erforscht und es lässt sich auch nur sehr schwer erforschen
  • Tatsache ist: optimistische, positiv und „kämpferisch“ denkende und auch gläubige (sic!) Menschen haben eine größere Chance

Daraus folgern wir: Glaube kann nicht nur Berge versetzen, sondern auch heilen. Und ob man einen Gott, den Heiligen Sowienoch oder die heilige Kristallaurahokuspokustherapie glaubt, spielt gar keine große Rolle… Oder sehe ich das falsch?

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Written by medizynicus

24. Juli 2011 um 00:11

12 Antworten

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  1. Zumindest aus dem verlinkten Artikel scheint mir nicht hervorzugehen, dass der Befund eines Vorteils von kämpferischen … und gläubigen Menschen auf einer irgendwie statistisch abgesicherten Untersuchung beruht. Nichtsdestotrotz mag das eine Rolle spielen.

    Natürlich hat die Psyche einen großen Einfluss auf das Allgemeinbefinden und vermutlich auch auf den Status des Immunsystems, nicht umsonst wird der Stellenwert der psychoonkologischen Betreuung besonders auch von seiten der Patientenorganisationen betont, wenngleich sie von manchen Medizinern besonders aus der skalpellführenden Zunft bisweilen auch belächelt und eben nicht ernst genommen oder als nicht notwendig betrachtet wird. Es ist eben nicht (zumindest nicht immer) so, dass, wenn Stahl, Strahl und ggf. Chemie ihre Arbeit getan haben, alles im Lot ist. Krankheitsverarbeitung ist ebenso notwendig, und die beschränkt sich nicht auf das Klischee vom „heldenhaften Kampf“ gegen den Tumor, wie man ihn gern in der Yellowpress beschrieben findet, wenn mal wieder ein A-D Promi an irgendeiner Krebserkrankung leidet. Im verlinkten Artikel ist übrigens bei den Gemeinsamkeiten der Patienten mit Spontanheilung von *Auseinandersetzung mit der Krankheit* die Rede und von kämpferisch, positiven Denken und Religiösität nur bei der einen Beispielpatientin. Auseinandersetzung mit der Krankheit heißt aber auch, sich bestmöglich zu informieren, zum Experten in eigener Sache, zum aufgeklärten, mündigen Patienten zu werden, und solche Patienten sind nicht unbedingt bei allen Ärzten beliebt, denn sie wollen gelegentlich auch mitreden und mitentscheiden über das, was mit ihnen passieren soll und nicht immer angenehm zu ertragen ist.

    Im Zweifel jedoch würde ich mich auf meinen Glauben, meinen Kampfesmut und auch die psychoonkologische Unterstützung doch nicht allein verlassen und der Schulmedizin mit allen ihren Schwächen zunächst mal oberste Priorität einräumen. Damit bin ich bisher ganz gut gefahren.

    drkall

    24. Juli 2011 at 01:05

  2. Die Freunde der Kristallaurahokuspokustherapie und Co. haben dieses Phänomen entgegen der Schulmedizin schon ausführlich erforscht und die Ergebnisse gelten auch für alle anderen Krankheiten (sehr praktisch!) – z. B. zum Hören bei youtube: Evolve Your Brain – Verändern Sie Ihr Bewusstsein

    in der Zusammenfassung – „Heilung“ bekommt wer
    – an eine höhtere Macht / Gott / … glaubt
    – Verantwortung für die Situtation bzw. das Problem übernimmt
    – sich jeden Tag im Geist „neu erschafft / „neu erfindet“; „was wäre wenn….“ – Situation durchspielt; –
    dankbar dafür ist, dass der Wunsch praktisch schon erfült ist – bei diesen geistigen Übungen über
    mindestens 21 Tage das Raum-Zeit-Gefühl irgendwie verliert (z. B. beim Meditieren)
    –> d.h. beständige, wiederholte, absichtsvolle Aufmerksamkeit auf das Ziel

    Sagen wir mal so, schaden kann die Übung nicht… (und es schließt eine schulmedizinische Behandlung nicht aus)… aber wer bekommt das wirklich auf die Reihe??? Kein Wunder, dass Spontanheilungen so selten sind…

    Antje

    24. Juli 2011 at 10:53

  3. Also an sich ist es ja gut, den Leuten mal zu sagen, dass nicht jede Erkältung einen Arzt braucht und manchmal abwarten und gucken, ob’s nicht von selber besser wird auch hilft. Aber dann dieser Sprung zu „auf Krebs kann einfach so weggehen“ ist finde ich ziemlich verantwortungslos. Es kann passieren, ja. Aber es passiert extrem selten. Wenn es eine Therapieoption gibt dann ist die besser als daran glauben, dass es ohne weggeht und es weckt sonst denke ich nur falsche Hoffnungen.
    Ansonsten zu Glauben bei Krankheit immer schön: http://xkcd.com/836/

    sechstelgott

    24. Juli 2011 at 11:30

  4. in der ny times war anfang des jahres ein artikel (finde ihn leider nicht mehr), der mitteilte, dass eine studie festgestellt hat, dass es fuer den verlauf und das ergebnis einer Krankheit keinen untschied macht, ob jemand „kaempft“ (z.b. gegen krebs), oder die dinge „geschehen“ laesst.
    „verantwortung“ fuer eine krankheit zu uebernehmen, finde ich in vielen faellen ohnhin ein seltsames konzept.
    „aetsch, jetzt hast du krebs, selbst schuld“ wtf.
    gruss landkrauter

    landkrauter

    24. Juli 2011 at 20:57

  5. Naja, also so ganz wie Du das beschreibst, habe ich die Artikel nicht gelesen.

    Punkt 1: Der Hausarzt, der dort beschrieben wird, meint doch eigentlich nur, dass man nicht bei jeder Erkrankung gleich mit der komplette Palette medizinischen Könnens aufwarten muss. Bei ner Erkältung werden nicht immer gleich Antibiotika verschrieben (was ja so durchaus korrekt ist) und der Mann mit erhöhtem Bluthochdruck solle mehr Sport treiben (was ja auch nicht verkehrt ist, solange sich der erhöhte Blutdruck noch im Rahmen hält). Ich hab den Artikel eher als ein Plädoyer dafür gelesen, dass man nicht unbedingt bei jedem Wehwechen gleich ne Tablette braucht. Gerade nachdem im homöopathischen Sektor immer gleich Kügelchen eingeworfen werden, wenn das Kleinkind sich mal am Tisch angestossen hat, halte ich das jetzt nicht für unbedingt verkehrt.
    Punkt 2: In dem Artikel über Krebs wird eher beschrieben, dass es Spontanremissionen gibt, diese oftmals aber auf vorherigen Fehldiagnosen beruhen. Beispielsweise wird ja erwähnt, dass 10% der diagnostizierten Mammakarzinome realiter kein Brustkrebs sind. Ob es Spontanremissionen gibt, wird ja als umstritten dargestellt.
    Punkt 3: Jopp… Stimmt ja, oder?
    Punkt 4: Ob jetzt positives Denken und Religiösität zu Heilungen führen, weiß ich nicht. Aber das kann man wissenschaftlich doch als Placeboeffekt durchgehen lassen und der ist ja nachgewiesen. „Ich glaube, dass Gott mir hilft.“ ist ja eine Art Placebo. Da wäre ich jetzt vorsichtig mit der Aussage, dass ausgerechnet bei Krebs der Placeboeffekt nicht vorhanden sein soll (ich kann mir nebenbei schon irgendwie vorstellen, dass ein religiöser Mensch einen etwas ausgeglicheneren Charakter hat und berufliche/private Prioritäten etwas anders setzt; und so Dinge wie Rosenkranz haben ja auch einen gewissen meditativen Charakter, auch wenn ich da selbst nicht viel damit anfangen kann). Schaden wird positives Denken und Religiösität aber auf keinen Fall.

    In dem Artikel „Viele gute Ratschläge“ wird ja gebracht, dass die richtige Ernährung zur Gesunderhaltung beiträgt, man aber durch „richtige Ernährung“ bei einer Krankheit nicht wieder automatisch gesund wird. Es wird gebracht, dass die Wirksamkeit vieler Hausmittel auf die Täuschung zurückzuführen ist, dass man jetzt was genommen habe und das die Gesundung darauf zurückzuführen wäre. Der Wert von Sport und Impfungen wird doch auch korrekt dargestellt.

    Die einzige Sache mit der ich ein Problem habe, ist die Zitierung dieses emeritierten antroposophischen Profs. (ein kurzer Absatz), der das dann so interpretiert, dass die normale Selbstheilung des Körpers praktisch immer ausreichen würde. Dem stimme ich nicht bei. Der Satz wird aber in der ZEIT auch gleich darauf wieder relativiert.

    MannimMond

    25. Juli 2011 at 00:18

  6. Es scheint solche Wunder zu geben. Nur sollte man sich darauf nicht verlassen. Ich kündige ja auch nicht meinen Job, nur weil ich einen Lottoschein abgegeben habe … Es ist schade, dass durch solche Artikel die Leute animiert werden, darauf zu hoffen und dann vielleicht die Schulmedizin außen vor lassen. Und das ist kein guter Ansatz, mit einer Krebserkrankung fertig zu werden.
    Mir hat damals niemand auch nur vorgeschlagen, einen Psychoonkologen aufzusuchen, selbst bei der Anschlussheilbehandlung ging’s nur um den Körper. Ich hoffe, das hat sich mittlerweile geändert. Denn die Einstellung zur Krankheit macht eine Menge aus. Sie kann zwar den Krebs nicht heilen, doch deutlich die Lebensqualität erhöhen.

    Carpe tempus!

    25. Juli 2011 at 09:39

  7. Das Bekanntwerden von „plötzlichen Wunderheilungen“ ist gerade für Krebspatienten sehr wichtig. Sie sind der Strohhalm an den man sich klammert. Die bekannten Fakten aus der Schulmedizin sind so gnadenlos nüchtern, daß sie dem Durchhaltewillen nicht unbedingt förderlich sind.
    Ich erinnere mich an den Vortrag eines anerkannten Onkologen über die (damals) neuesten Erfolge mit Cetuximab: die Überlebenserwartung hatte sich für eine Handvoll Patienten aus der Studie im Durchschnitt um 7 (?) Wochen erhöht. Für die Medizin ist das sicher ein beachtlicher Erfolg- für uns Betroffene war es ein Schlag. Sieben Wochen waren nicht der Erfolg, den wir wollten. An diese Erkenntnis konnte man keine Hoffnungen knüpfen. Aber Hoffnung ist wichtig! Woran soll man sie knüpfen, während man mit den Nebenwirkungen der Chemotherapie und dem Tumorschmerz kämpfen muß?

    Thomas

    25. Juli 2011 at 11:04

  8. Den Artikel in der Zeit hatte ich auch gelesen. Ich deutete ihn als: „Die Hoffnung sollte zu allerletzt sterben.“

    buchstaeblich

    25. Juli 2011 at 16:54

  9. Es ist ja wissenschaftlich Erwiesen, dass die psychische Situation einen großen Einfluss aufs Immunsystem hat. Wer Depressionen hat, bekommt eine Immunschwäche.
    Es ist auch gezeigt, dass viele Krebsarten bei Immungeschwächten Patienten häufiger oder überhaupt erst auftreten, und das Immunsystem in einigen Fällen aktiv gegen die Tumorzellen vorgeht, gibt sogar Therapieansätze mit Antikörpern usw.
    Dass bei „Spontanremissionen“ einfach das Immunsystem den Tumor komplett abgebaut hat, ist eine der Theorien.
    Jetzt nochmal zum Anfang zurück: der Psychische AZ beeinflusst das Immunsystem. Wer ist jetzt hoffnungsvoller und daher vermutlich auch Immunkompetenter: Derjenige, der seine Chancen exakt kennt und auch weiß was diese Zahlen bedeuten, oder derjenige, der glaubt, Gott werde ihm schon helfen?
    Ja, das finde ich auch Unfair.

    docadenz

    26. Juli 2011 at 00:09

  10. @docadenz

    „Jetzt nochmal zum Anfang zurück: der Psychische AZ beeinflusst das Immunsystem. Wer ist jetzt hoffnungsvoller und daher vermutlich auch Immunkompetenter: Derjenige, der seine Chancen exakt kennt und auch weiß was diese Zahlen bedeuten, oder derjenige, der glaubt, Gott werde ihm schon helfen?
    Ja, das finde ich auch Unfair.“

    Was ist daran unfair???

    REALM

    26. Juli 2011 at 08:41

  11. @REALM: Ich denke, was mit „unfair“ gemeint ist, ist dass man in der Regel keinen Einfluss mehr darauf nehmen kann, ob man religiös ist oder knallharter Realist. Wenn ich mich jetzt entscheiden würde religiös zu werden, würde da nix bei rauskommen. Kann ja niemand was dafür aber doof isset trotzdem…

    sechstelgott

    26. Juli 2011 at 16:50

  12. @sechstelgott&docadenz:
    Wobei sich Religiösität und Realismus meiner Meinung nach nicht unbedingt ausschließen. Man kann durchaus religiös sein und gleichzeitig seriöser Arzt oder Naturwissenschaftler sein. Der eine glaubt daran, dass es sowas wie ein göttliches Wesen gibt und der andere glaubt, dass es da nichts gibt. Das ist beides Glaubenssache.
    Man kann durchaus als Patient seine reellen Chancen kennen. Wenn da jemand gleichzeit noch Trost im Gebet findet, ist das doch trotzdem besser als wenn man in Kenntnis seiner Restlebenszeit daran verzweifelt. Und ob ein kausaler Zusammenhang zwischen einer positiven Grundeinstellung und einem positiven Krankheitsverlauf besteht, muss wirklich noch genauer untersucht werden. Für ausgeschlossen halte ich den Zusammenhang jetzt nicht unbedingt.

    MannimMond

    26. Juli 2011 at 19:26


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