Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Tot und offiziell tot – oder: ein gesegnetes Alter (Teil 2)

with 12 comments

Der Schwiegersohn von Frau Mayer schaut mich mit eisgrauen Augen an.
„Also, Doktor, wann ist der Totenschein fertig?“ fragt er.
„Den können Sie im Laufe des Tages im Sekretariat abholen.“ sage ich.
Der Schwiegersohn bleibt unerbittlich.
„Wann ist denn im Laufe des Tages?“ hakt er nach.
Ich muss mich räuspern.
„Äh… also, es dauert noch ein Weilchen…“ stammele ich dann.
„Warum?“
„Weil… weil es da noch ein paar Kleinigkeiten gibt, die ich mit unserem Oberarzt klären müsste…“
„Was für Kleinigkeiten?“
„Also… zum Beispiel die Todesursache…“
„Wie bitte?“
„Wir… wir wissen ja noch nicht, woran Ihre Schwiegermutter gestorben ist!“
Der Schwiegersohn schüttelt den Kopf und schnaubt verächtlich.
„Wie bitte, Herr Doktor?“
„Die Todesursache ist streng genommen unklar. Und bei unklarer Todesursache müssen wir eigentlich…“
Der Schwiegersohn unterbricht mich.
„Herr Doktor! Meine Schwiegermutter wäre nächste Woche neunzig Jahre alt geworden. Wenn eine fast neunzigjährige Dame von uns geht, dann ist das… immer noch ein Verlust für die Familie, aber nun wirklich nicht ganz unerwartet. Mit neunzig Jahren darf man gehen. Das sollten doch gerade Sie wissen, Herr Doktor, oder?“
Recht hat er. Trotzdem muss ich auf dem Formular eine Todesursache angeben. Und zwar eine glasklare Diagnose: Einfach so etwas wie „Herzversagen“ oder gar „Altersschwäche“ hinzuschreiben, das war vielleicht irgendwann in der Vergangenheit mal möglich gewesen, aber wer das heute tut, der riskiert einen Anruf vom Staatsanwalt. Oder sogar Schlimmeres.
Anders ausgedrückt: Houston, wir haben ein Problem!

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Written by medizynicus

30. Oktober 2011 um 21:20

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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12 Antworten

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  1. Also bei uns war es so, dass der Arzt kam, um die Todesursache meines Vaters festzustellen und mich dabei fragte, wobei er die Todesursache dann nach den Beschreibungen von mir, meiner Mutter als direkte Zeugin und den zwei Nothelfern danach ausstellte. Ich hab mich da als besonders exakte Person auch gefragt, ob er da nicht noch hätte mehr machen müssen. Hätte er?

    LG Enia

    Enia

    30. Oktober 2011 at 21:36

  2. Kann man in Deutschland nicht einfach ganz unspektakulär sterben? Einfach so … weil die Lebensuhr abgelaufen ist …

    sweetkoffie

    30. Oktober 2011 at 22:02

  3. @sweekoffie

    Sterben kann man schon einfach so, aber etwas Nachilfe durch die Verwandschaft ist , glaube ich, unzulässig.

    michael

    30. Oktober 2011 at 23:27

  4. Also in der Schweiz reicht Stufe 1, wenn es nicht außergewöhnlich ist. War also bei meinem Vater alles korrekt abgelaufen. Ist in Deutschland wohl anders.

    http://www.irmsg.ch/downloads/20100714_Skript_ReMed_Teil1.pdf

    Enia

    31. Oktober 2011 at 02:28

  5. ich frage mich auch, ob man nicht mehr einfach nur an Altersschwäche sterben „darf“

    Blogolade

    31. Oktober 2011 at 09:53

  6. Natürlich darf man einfach nur an Altersschwäche sterben, da sagt ja auch niemand was, oder geht es jetzt hier darum dass die Frau wiederbelebt werden soll bis klar ist warum sie eigentlich gerade stirbt?
    Es geht nur darum, dass eben klar sein muss was der Grund genau war. Uns zwar nicht so umgangssprachlich mit Altersschwäche. Auf einer internistischen Station, wo „sowas“ ja wahrscheinlich häufiger passiert, ist das vielleicht nervig, aber wenn dann eben doch mal einer alte Dame vom Erben geholfen wurde an „Altersschwäche“ zu sterben, oder wenn auch nur irgendwer den Verdacht äußert, dann sollte man schon genau sagen können was passiert ist.

    sechstelgott

    31. Oktober 2011 at 11:06

  7. Oh je, wie es mir immer vor dem Ausfüllen dieser hübschen Bescheinigungen graust. Es ist ja nicht nur so, dass man sich da eine Todesursache überlegen muss, sondern auch noch die Kausalkette beantworten soll. Und wehe, am Ende steht: „Herz-Kreislauf-Versagen“. Die Kreativität, die das Ausfüllen einer Todesbescheinigung verlangt, bindet bei uns manchmal zweitgleich drei Ärzte.

    anna

    31. Oktober 2011 at 14:43

  8. Kreativ – ein guter Satz! LOL

    Aber ist natürlich schon gut, wenn nicht irgendwelche pösen Anverwandten nachhelfen. Mein kriminalistisches Gespür dafür neigt schon auch zur vollständigen Abklärung, hab das sogar beim Tod meines Vaters gedacht, dass die doch jetzt eigentlich überprüfen müssen, ob meine Mutter da irgendetwas angestellt hat oder wir ihn meuchlings loswerden wollten. – Ich kenne sehr wohl jemanden, der solchen Gedankengängen nachgeht, da wird mir immer sehr morbild zumute. Aber sind zum Glück in dem Fall nur affektive Spinnereien und „laute Gedanken“ einer Frau mit gewaltbereitem Ehemann, die sich tagtäglich gegenseitig umbringen wollen und dann wieder in den Himmel lieben. LG Enia

    Enia

    31. Oktober 2011 at 18:38

  9. > Oh je, wie es mir immer vor dem Ausfüllen dieser hübschen Bescheinigungen graust

    Hmm, wer muss denn im Zweifelsfall die Obduktion bezahlen?

    michael

    31. Oktober 2011 at 23:28

  10. @michael
    … die Hinterbliebenen, wenn sie die genaue Todesursache durch den Pathologen ermitteln lassen wollen.

    Die Staatsanwaltschaft hat anscheinend leere Kassen – die wollen auch in Zweifelsfällen (Tod mit oder ohne Nachhilfe) praktisch nie eine Obduktion.

    Antje

    1. November 2011 at 20:43

  11. Sehr gut! Ist doch die Leichenschau der letzte ärztliche Dienst am Patienten und dient eben nicht den Angehörigen.
    Btw bin ich nicht der Meinung, dass man ab einem festen Alter gehen darf. Die „richtige“ Zeit kann je nach Mensch sehr unterschiedlich sein.

    Stefan

    1. November 2011 at 23:33

  12. Na ja, dann gibt´s natürlich auch solche, die ruhig früher gehen dürfen, zumindest wenn es nach der heutigen Leistungsgesellschaft geht, wo Kranke und Alte eh nicht viel wert sind, sobald sie kein Geld mehr haben und auf Kosten des Staats leben … Es kommt also immer auf die Sicht an.

    Meine Mutter darf noch lange nicht gehen. Sie ist 76 und ich denke, es ist schon auch wesentlich, ob man noch gebraucht und erwünscht ist. Das hat sicher auch Einfluss darauf, wie lange jemand am Leben festhält. Als meine Großmutter 96 war, fragte ich sie, ob sie noch die Hundert erreichen wolle. Nein, meinte sie und blickte zu ihrer gehäßigen Tochter im Raum, die sie nur allzugern loswerden wollte und sogar vor uns und ihr darüber sprach, sie anderweitig unterzubringen. Mit 98 starb dann meine Großmutter..

    LG Enia

    Enia

    1. November 2011 at 23:47


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