Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for November 2011

Wie kommt Frau Schröder ins Krankenhaus?

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„Da sind Angehörige für Dich!“ flötet Jenny.
Klar! Immer dasselbe. Angehörige kommen grundsätzlich um fünf Uhr nachmittags, wenn die Gedanken sich allmählich um den möglicherweise in Reichweite befindlichen Feierabend zu kreisen beginnen. Aber der Feierabend hat sich jetzt um mindestens eine weitere Viertelstunde nach hinten verschoben.
„Angehörige? Von wem?“ blaffe ich ins Telefon.
„Von Frau Schröder. Zimmer fünfzehn. Das ist eine von den dementen…“
„Alles klar. Ich komme.“
Mindestens zwanzig Minuten.
Ich schlurfe zum Schwesterndienstzimmer und nehme hole die Akte. Auf dem Flur steht ein älteres Ehepaar, beide mindestens in den Sechzigern.
„Können wir irgendwo ungestört reden?“
„Kanst doch ins Patientenzimmer gehen. Die Omas kriegen doch sowieso nix mit!“
Ich überhöre die Bermerkung, klemme mir die Akte unter den Arm um mit gestrafften Schultern auf den Flur hinauszutreten.
Ich drücke den beiden die Hand und geleite sie in die kleine Sitzecke im Aufenthaltsraum.
„Also, was ist mit Mutter?“ fragt die weibliche Angehörige, die sich hiermit als Tochter geoutet hat.
„Genau dieselbe Frage möchte ich Ihnen stellen!“ sage ich mit betont sanfter Stimme und füge angesichts des etwas fragenden Blickes der beiden hinzu: „erzählen Sie mir doch bitte, wie Ihre Mutter ins Krankenhaus gekommen ist!“
„Na, mitm Krankenwagen natürlich!“ sagt der offenbare Schwiegersohn.
Ich nicke betont verständnisvoll.

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Written by medizynicus

30. November 2011 at 11:59

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Game Over für die Schweinegrippe

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Das war’s also. Game over.
Der Schweinegrippe-Impfstoff ist abgelaufen, und was noch übrig geblieben ist, wird jetzt vernichtet.
Was die Sache kostet? Egal. Wir haben’s ja.
Was man mit dem Geld sonst noch hätte anstellen können? Lieber nicht dran denken.
Kriegt man bestimmt ne Menge Globuli und Kristallaurahokuspokustherapeutika für, für diese Kohle! Tja, die Freunde von sowas werden sich eins ins Fäustchen lachen.
Und wer in der Medizin einen Weg beschreiten will, der weder über Hokuspokus noch über Industriepanikmache führt, der hat’s nicht leicht….

Written by medizynicus

29. November 2011 at 19:30

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Advent, Advent…. geht das schon wieder los?

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Jenny strahlt mich an.
Normalerweise freue ich mich immer, wenn Jenny mich anstrahlt, aber warum sie das am Sonntag vormittag tut, mitten in der Stationsküche und dann auch noch in Zivilklamotten, das verstehe ich derzeit nicht. Aber es braucht mich ja auch nicht zu interessieren. Bei akutem Zustand nach Dienst braucht mich eigentlich gar nichts mehr zu interessieren. Mit beiden Händen umklammere ich meine Tasse Krankenhauskaffeeplörre und freue mich darauf, dass der Feierabend nicht weit und mein Bett maximal noch eine halbe Stunde entfernt ist.
„Wie gefällt’s Ihnen, Herr Doktor?“ fragt Schwester Paula und strahlt ebenfalls.
Wenn Schwester Paula strahlt, dann ist eigentlich Alarmstufe rot angesagt.
„Was sol mir gefallen?“
„Na, die Weihnachtsdekoration!“ strahlt Jenny und deutet auf eine rotgoldenglänzende Sternengirlande, die von der Deckenlampe aus quer durch den Raum flattert.
„Richtig, jetzt wo Du’s sagst!“
Ich nehme noch einen weiteren Schluck bittere Krankenhauskaffeeplörre.
„Und?“
Beide Damen strahlen um die Wette.
„…frag ich mich doch den ganzen Tag schon, wo dieses Glitzerzeug herkommt!“
Paula fasst das offenbar als Kompliment auf, Jennys Miene verdüstert sich hingegen.
„Passt schon, fein gemacht, Mädels!“ sage ich betont gönnerhaft.
„Schließlich ist heute der erste Advent!“ sagt Paula und deutet auf ein bänderverziertes kreisrundes Koniferengesteck in der Mitte des Tisches.
„Richtig. Aber keine Kerzen anzünden ja?“
„Hä?“
„Ist aus brandschutzrechtlichen Gründen streng verboten!“ sage ich und deute auf einen an der Pinwand anfgehängten Schrieb unseres Brandschutzbeauftragten. Der hat uns alle nämlich letzte Woche zur Brandschutzbelehrung zitiert. Hat zwei Stunden gedauert. Aber das ist ein anderes Thema.
„In diesem Sinne, schönen Tag noch, Mädels!“
Ich stehe auf, schütte den Rest aus meiner Tasse in den Ausguss und mache mich vom Acker. Jetzt ist mein Bett nur noch zehn Minuten entfernt. Maximal.

Written by medizynicus

27. November 2011 at 13:10

Schnauzbart und Ärztepfusch

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Düdeldüdel.
„Gespräch von draußen,“ sagt die tonlose Stimme unseres Pförtners, „ich verbinde!“
Dann knackt es in der Leitung.
„Hall0?“
Erneutes Knacken und Rauschen.
„Hallo?“
„Wer is’n da?“
„Guten Abend, hier ist das Kreiskrankenhaus Bad Diongenskirchen, Sie sprechen mit dem Dienst habenden Arzt, mein Name ist…“
„Sind Sie das Arschloch, das wo meine Frau versaut hat?“
Äh, wie jetzt? Am besten tief durchatmen!
„Könnten Sie mir vielleicht netterweise Ihren Namen verraten?“
„Mein Name tut nichts zur Sache. Meine – ähem – Frau heißt Natascha!“
„Hat Ihre – ähem – Frau auch einen Nachnamen?“
„Wir waren letzten Freitag da. Sie hatte eine Platzwunde auf der Stirn. Die ist jetzt total vereitert. Das geht so nicht weiter! Sie kann so unmöglich arbeiten. Wissen Sie, was das heißt?“
Ich muss schlucken.
„Daß sie für ein paar Tage krankgeschrieben ist?“
Hohles Lachen am anderen Ende der Leitung. Und ich glaube, ich weiß jetzt, wer das ist: Da war was am letzten Freitag, Sarah hat mir von der Sache erzählt. Nicht mehr ganz so junger Typ mit Schnauzbart in Begleitung einer sehr jungen, sehr schönen Frau. Der Typ hat Sarah ziemlich blöde angemacht und Kalle ist dann in die Bresche gesprungen und hat die chirurgische Wundversorgung fertig gemacht.
„In unserem Metier gibt’s keinen Krankenschein!“ bellt er ins Telefon.
„Und was möchten Sie jetzt?“
„Sagte ich doch!“
„Was möchten Sie meinem Kollegen…“
„Dem Arschloch!“
„Was möchten sie meinem Kollegen denn sagen?“
„Dass er meine Frau versaut hat!“
„Und?“
„Dass ich ihn anzeigen werde! Und die Presse auf den Hals hetzen tu ich Euch, das geht ja nich, jeden Tag stirbt jemand wegen Ärztepfusch und…“
Ich atme tief durch.
„Herr Schnauzbart, ich werde Ihre Anregung an unsere Beschwerdeabteilung weiterleiten. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch!“
Rote Taste drücken und jetzt erstmal ’nen Kaffee trinken.

Written by medizynicus

24. November 2011 at 21:49

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Drei Eier

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„Und was haben wir hier?“
Voller Schwung reiße ich nach kurzem Anklopfen die Tür zu Zimmer fünfzehn auf.
„Guten Morgen, die Damen!“
Keine Antwort.
„Da kannst Du lange warten!“ sagt Jenny leise und schiebt grinsend den Wagen mit den Patientenakten herein.
„Wen haben wir denn hier?“ frage ich und schlage die erste Akte auf.
„Frau Schröder,“ sagt Jenny und verdreht theatralisch die Augen, „ein faules Ei. Ganz klassisch, so wie es im Buche steht!“
Ich lege mahnend den Zeigefinger auf den Mund.
„Ist doch egal,“ seufzt Jenny kopfschüttelnd, „hört doch eh keiner!“
Ich schaue auf die Diagnosenliste: Demenz, Zustand nach mehreren Schlaganfällen, Vollpflegefall, bettlägerig, seit Jahren keine verbale Kommunikation mehr möglich. Dann trete ich ans Krankenbett.
„Guten Morgen, Frau Schröder!“ sage ich betont laut und deutlich und greife nach der Hand der Patientin. Die Hand ist schlaff, die Haut dünn wie Papier. Stehende Hautfalten, trockene Zunge. Flüssigkeitsmangel.
„Gib Dir keine Mühe!“ zischt Jenny hinter mir.
„Guten Morgen, Frau Schröder, hören Sie mich?“
Keine Reaktion.
„Was können wir für sie tun?“ frage ich leise, eher an mich selbst gewandt. Jenny zuckt mit den Schultern. Okay, sie könnte ein paar Infusionen gebrauchen. Kriegt sie schon. Ich schaue aufs Laborblatt. Kreatinin hoch. Wundert mich nicht. Kalium niedrig. Müssen wir substituieren. Aber wie?
„Kann sie trinken?“
Jenny sagt nichts. Ich trage Kalium-Brausetabletten in den Medikamentenplan ein und klappe die Krankenakte zu.
„Weiter im Text. Was ist mit den anderen beiden Damen?“
„Genau dasselbe!“ sagt Jenny und bemüht sich gar nicht mal, sonderlich leise zu sprechen, „Drei faule Eier auf einmal. Bingo. Volltreffer. Hauptgewinn!“

Written by medizynicus

23. November 2011 at 10:46

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Zu viele Pillen? Zu wenig Pillen?

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Nur jedes fünfte neue Medikament ist wirklich neu. Ein Großteil der Präparate, die von der Industrie auf den Markt geworfen werden sind nur Scheininnovationen. Man redet hier auch vom „Me-Too“-Phänomen: Die Konkurrenzfirma modifiziert das Molekül eines neuen Medikamentes und macht es damit irgendwie ein bißchen besser. Und das wirkt dann auch… irgendwie.
Dieses wohlbekannte Thema hat Spiegel Online heute wieder einmnal aufgegriffen.
PharMama weist auf ein anderes Problem hin: Medikamente nämlich, die es eigentlich geben sollte, aber nicht mehr gibt. Medikamente, die früher einmal gebräuchlich waren, sich heutzutage für die großen Firmen aber „einfach nicht mehr lohnen“ obwohl auch heute noch ein Bedarf besteht. Ja, sowas gibt’s…. und es scheint immer häufiger zu passieren.
Ist die Pharmaindustrie also wirklich von Grund auf böse?

Written by medizynicus

22. November 2011 at 12:06

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Das bessere Rattengift

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Maliziös grinsend betrete ich das Krankenzimmer und reiche der Patientin die Hand.
„Guten Tag, Frau Huber, wir haben einen neuen Anschlag auf Sie vor!“
Frau Huber kann das vertragen. Sie hat Humor. Und so wird sie auch den folgenden Satz mit Fassung nehmen.
„Wir möchten Ihnen nämlich Rattengift verabreichen!“
Die Patientin lächelt.
„Okay, wann?“
„Heute Abend. Und von da an jeden Tag… das heißt, nur wenn Sie einverstanden sind, natürlich!“
Frau Huber wird einverstanden sein. Denn das Rattengift hat natürlich einen therapeutischen Zweck. Frau Hubers Lebenserwartung soll sich also durch die regelmäßige Einnahme von Rattengit verlängern. Bei den Retten ist das bekanntlich anders. Wie kann das funktionieren?
Bei Rattengift handelt es sich oft um sogenannte Cumarine. Das sind Stoffe, welche die Blutgerinnung herabsetzen. Die arme Ratte verblutet also innerlich.
Frau Huber leidet an einer Herzrhythmusstörung. Diese bewirkt, dass sich im Herzen (und anderswo) kleine Blutgerinnsel bilden können und die können dann ins Gehirn geschwemmt werden und dort einen kleine Blutgefäße verstopfen und so einen Schlaganfall auslösen.
Und damit dies nicht geschiet, soll – Bingo! – die Blutgerinnung herabgesetzt werden, mit Hilfe eines Cumarins.
In Deutschland verwendet man gerne den Wirkstoff Phenprocoumon, besser bekannt unter den Handeslnahmen Marcumar oder Falithrom, in anderen Ländern ist der Wirkstof Warfarin gebräuchlicher.
Beide Medikamente haben nun zwei unangenehme Eigenschaften: Sie werden von jedem Menschen unterschiedlich schnell und unterschiedlich stark verstoffwechselt. Während Frau Huber zum Beispiel jeden Tag eine halbe Tablette benötigt, braucht Herr Meier eine ganze und Frau Schulze nur eine Viertel Tablette. Welcher Mensch wieviel braucht, kann man vorher nicht abschlätzen, es gibt nur eine Möglichkeit: Try and Error.
Und damit sind wir auch bei der zweiten unangenehmen Eigenschaft: die geringe therapeutische Breite. Wenn man zu wenig Rattengift einnimmt, hilft es nichts. Nimmt man zuviel ein… nunja, dann läuft man halt Gefahr, das Schicksal einer Ratte zu teilen. Und die Bandbreite dazwischen ist ziemlich eng.
Aus diesem Grund sind regelmäßige Blutkontrollen notwendig, anfangs alle paar Tage, später reicht meist ein Bluttest pro Monat. Aber nicht alle Patienten sind fit genug, um einmal im Monat zum Doktor gehen zu können. Dann muss der Doktor halt zu ihnen kommen, und das ist natürlich aufwändig. Zudem haben viele Menschen natürlich schlechte Venen, was die Piekserei nicht unbedingt angenehmer macht.
Kurz und gut: als dann ein neues Medikament auf den Markt kam, welches bei gleicher Wirkung keine Piekserei mehr brauchte, war die Fachwelt begeistert.
Da störte es auch nicht, dass das neue Mittel achtzehn mal so teuer war.
Ist Dabigatran also wirklich das bessere Rattengift?

Written by medizynicus

21. November 2011 at 09:25

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

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