Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

lieber doch nicht käuflich

with 7 comments

„Kommste auch?“ fragt Martin Bückling.
„Äh… wohin?“
„Fortbildung. Heute Nachmittag um fünf!“
„Ach nee…“
Ich habe noch eine Menge zu tun heute und hatte mir eigentlich vorgenommen, halbwegs pünktlich nach Hause zu kommen. Das ist zumindest der Plan.
„Es lohnt sich aber!“ sagt Martin und grinst verschwörerisch.
„Ach ja?“
„Es gibt Essen. Kaffee und Kuchen. Und Schnittchen. Und vielleicht sogar Pizza!“
Hätte ich mir doch gleich denken können. Martin weiß immer als erster Bescheid, wenn es irgendwo irgendwas abzustauben gibt.
Um die Sache kurz zu machen: Da Frühstück und Mittagessen wieder einmal ausgefallen sind, treibt mich mein knurrender Magen dann doch kurz vor fünf in den Seminarraum. Und da sitzen Martin Bückling und Oberarzt Biestig und noch ein paar andere und mümmeln, was das Zeug hält.
Ich inspiziere das Buffet: Plastik-Kuchen vom Discounter, Brötchenhälften mit Billig-Wurst oder vertrocknetem Käse, dazu ein paar Flaschen Zuckerplörrelimonade.
„So, meien Damen und Herren, dann darf ich Sie alle recht herzlich zu meinem Vortrag willkommen heißen!“ sagt ein Typ in schlechtsitzendem Anzug, klatscht in die Hände und wirft den Beamer an.
„Ich habe mir zwei Stunden Zeit genommen für Sie und möchte Ihnen gerne etwas über unser neues Medikament erzählen, welches…“
O nein! Der Kuchen ist ungenießbar. Ich bugsiere meinen Pappteller in Richtung Papierkorb und bereue die vorübergehende Geistesschwäche, die mich bewog, diesen Raum zu betreten. Der Vortrag ist einfach nur grausam.
Warum piepst mich bloß keiner an?

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Written by medizynicus

3. November 2011 um 18:23

7 Antworten

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  1. Pieeepsss!

    Enia

    3. November 2011 at 22:30

  2. Ja auch die Pharmafirmen müssen sparen 🙂

    Sylvia

    3. November 2011 at 22:42

  3. Die Intention dieser „Fortbildungen“ dürfte von Seiten der Industrie primär darin liegen, Euch Ärzten ein Produkt (ein Arzneimittel) schmackhaft zu machen. Das ist also eher eine Art Kaffeefahrt, weniger eine Fortbildung.
    In meinem Bereich (Industrieapotheker) kostet eine vernünftige, unabhängige Fortbildung etwa ab 300-500 Euro/Tag aufwärts. Normalerweise gibt es da auch Kanapees und Kaffee gratis, allerdings würde mich mein Chef töten, wenn ich deswegen zu dieser Fortbildung gehen würde.
    Manchmal schaue ich mir auch eine Fortbildung an, die für lau ist, beispielsweise weil eine andere Firma ein Messgerät vorstellt, über dessen Anschaffung wir gerade nachdenken. Diese Gratis-Fortbildungen sind zu 50% akzeptabel, zu 50% einfach nur schlecht. Aber auch den guten Gratis-Fortbildungen merkt man immer an, dass Dir da die Firma jetzt ihr Produkt verkaufen will.
    Von nichts kommt halt nichts. Wenn man sich ernsthaft über Medikamente informieren möchte, sollte man das nicht über Pharmareferenten tun.

    Beagle

    4. November 2011 at 11:15

  4. Schon gemerkt, irgendwie ist „der andere Hausarzt“ verschwunden?

    Björn R.

    5. November 2011 at 11:22

  5. Schuld eigene 😀 Da bevorzuge ich doch das in den USA übliche Drug Dinner in einem schicken Restaurant.

    anna

    5. November 2011 at 18:07

  6. „Warum piepst mich bloß keiner an?“

    Soll ich? Ich kann gut piepsen! ;o)

    Was bitte hat denn Medikamentenwerbung mit Fortbildung zu tun?

    skriptum/skryptoria

    5. November 2011 at 20:12

  7. Also manchmal ist das Essen in gewissen 4-Sterne-Hotels gar nicht so übel…Vor dem (überlangen) Vortrag gibt es oft nichts oder nur Kleinigkeiten (Salat in Dessertgläsern, wer denkt sich denn so was aus!?), aber das Essen danach ist oft richtig gut! Wild und Geflügel, riesige Dessertauswahl, gute Weine, etc. Irgendwie kann ich fast nicht glauben, dass dafür komplett die Pharmafirma aufgekommen ist. Vielleicht hat der CA ja sein Privatbudget etwas mit einfließenlassen, weil er so stolz ist!? 😉

    Grüße, unbekannterweise 🙂

    D.M.

    6. November 2011 at 10:42


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