Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

mal eben schnell diktieren

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Zwölf Uhr und vierzehn Minuten. Heute gibts Bandnudeln mit Ökomampf, der Hunger treibt’s runter.
Piepsidüdel, meldet sich der kleine Plagegeist in der Kitteltasche.
„Ja?“
„Herr Schmierdödel von Zimmer zwölf…“
Schwester Paulas unangenehme Stimme lässt meinen Blutdruck um zwanzig Punkte steigen.
„Ja?“
„Herr Schmierdödel!“
„Schon verstanden. Was ist los?“
„Der geht doch heute heim!“
„Richtig.“
„Wo ist denn der Entlassungsbrief?“
„Der existiert noch nicht!“
„Warum nicht?“
„Weil ich ihn noch nicht diktiert habe!“
„Äh… und wann ist der fertig?“
„Nachdem ich ihn diktiert habe!“
Nachdem ich ihn diktiert haben werde, wäre die korrekte Aussage, aber das Futur Zwei ist, glaube ich ein wenig aus der Mode gekommen. Ist aber egal. Die Nudeln mit Ökopamps sind sowieso ungenießbar, also bringe ich mein Tablett weg, gehe rauf auf Station, schnappe mir wortlos die Akte von Herrn Schmierdödel und ziehe mich ins Arztzimmer zurück. Akte aufklappen, Diktiergerät einschalten.
„…wir berichten über den Aufenhalt von…“
Routinemäßig leiere ich die üblichen Phrasen runter.
„…aktuelle Medikation…“
Was ist soll denn das heißen, verdammt nochmal?
„…Sonographiebefund…“
Dieses saumäßige Gekritzel kann doch beim besten Willen niemand entziffern!
„…Echokardiographie…“
Mannomannomann, die Klaue vom Oberarzt ist noch schlimmer!
Piepsidüdel-pieps. Schwester Paula wieder.
„Und, ist der Brief jetzt endlich fertig!“
Jetzt die Augen schließen, an eine Gänseblümchenwiese denken und ganz langsam bis drei zählen!
Ein Kaffee wäre gut. Ist aber nicht.

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Written by medizynicus

9. November 2011 um 19:15

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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5 Antworten

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  1. Schöner Blog. Lese seit einiger Zeit schwarz mit ^^ Allerdings stellt sich hin und wieder die Frage ob die Klinik der richtige Arbeitsplatz ist.

    Paya243

    9. November 2011 at 21:22

  2. Hallo medizynicus,
    was ich nie verstanden habe am Krankenhaus: Wieso ist es so wichtig, dass der Patient (der meistens um 8h morgens entlassen werden will) seinen Entlassbrief selbst mitnimmt? Was wäre so schlimm, wenn der Patient um z.B. 8h geht, und der Brief um z.B. 16h bei seinem Hausarzt per Fax eintrifft?!
    Oder hab ich da irgendwas nicht verstanden?!
    Wäre um Aufklärung dankbar, „weil ich das dann verstanden haben werde“ 😉
    Evelynicus

    Evelyn

    10. November 2011 at 13:02

  3. @Paya: danke fürs Mitlesen – aber warum „schwarz“? Und meinst Du mit der Bemerkung über den Arbeitsplatz?
    @Evelyn: „Die Arztbriefe sind die Visitenkarte unserer Klinik!“ sagte mal ein Oberarzt. Ist ein Thema für sich. Tatsache ist aber, dass die Patienten oft direkt am selben Tag noch zum Hausarzt gehen und es dann wirklich nervig ist, wenn der nicht weiss, was wir in der Klinik mit dem Patienten angestellt haben, ob wir wichtige Medikamente umgestellt haben usw. – Dafür reicht aber allerdings auch ein kurzer, knapper „vorläufiger“ Brief mit stichpunktartigen Diagnosen und Medikation aus. Die eigentlichen Adressaten der Briefe sind aber gar nicht die Hausärzte, sondern die Krankenkassen – es ist quasi unser „Rechnungsnachweis“ und gleichzeitig eine Zusammenfassung der gesamten Krankenakte.

    medizynicus

    10. November 2011 at 15:24

  4. @Evelyn: Zudem ist ein Bisschen Druck auch gar nicht so schlecht. Schon so muss man (wie Medizynicus eindrücklich schildert) manchmal Briefe schreiben über Patienten, an die man sich knapp noch erinnert, die man gar nicht gesehen hat oder die Untersuchungen laufen hatten von denen man nix weiss. Wie willst du da „im Nachhinein“ noch nachvollziehen, warum da wo was gelaufen ist, welche Medis sie denn nun tatsächlich bekommen hat und wenn dann plötzlich Dinge auftauchen, die eigentlich noch wichtig gewesen wären aber der Patient sitzt schon zu Hause…
    Und ist ja nicht so dass man am nächsten Tag mehr Zeit hätte zum Briefeschreiben, also wieso nicht gleich. Just my 2 cents

    Dr. in grün

    10. November 2011 at 21:51

  5. Vielleicht sollte man sich auch überlegen, dass ja irgendwer diesen Brief -neben vielen anderen Briefen – auch noch „mal eben schnell“ abtippen und wegschicken muss – meisten besser gestern als heute. Es ist ja nicht mit dem Diktieren getan, das wird oft vergessen.

    Erika Mustermann

    11. November 2011 at 11:15


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