Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Das bessere Rattengift

with 4 comments

Maliziös grinsend betrete ich das Krankenzimmer und reiche der Patientin die Hand.
„Guten Tag, Frau Huber, wir haben einen neuen Anschlag auf Sie vor!“
Frau Huber kann das vertragen. Sie hat Humor. Und so wird sie auch den folgenden Satz mit Fassung nehmen.
„Wir möchten Ihnen nämlich Rattengift verabreichen!“
Die Patientin lächelt.
„Okay, wann?“
„Heute Abend. Und von da an jeden Tag… das heißt, nur wenn Sie einverstanden sind, natürlich!“
Frau Huber wird einverstanden sein. Denn das Rattengift hat natürlich einen therapeutischen Zweck. Frau Hubers Lebenserwartung soll sich also durch die regelmäßige Einnahme von Rattengit verlängern. Bei den Retten ist das bekanntlich anders. Wie kann das funktionieren?
Bei Rattengift handelt es sich oft um sogenannte Cumarine. Das sind Stoffe, welche die Blutgerinnung herabsetzen. Die arme Ratte verblutet also innerlich.
Frau Huber leidet an einer Herzrhythmusstörung. Diese bewirkt, dass sich im Herzen (und anderswo) kleine Blutgerinnsel bilden können und die können dann ins Gehirn geschwemmt werden und dort einen kleine Blutgefäße verstopfen und so einen Schlaganfall auslösen.
Und damit dies nicht geschiet, soll – Bingo! – die Blutgerinnung herabgesetzt werden, mit Hilfe eines Cumarins.
In Deutschland verwendet man gerne den Wirkstoff Phenprocoumon, besser bekannt unter den Handeslnahmen Marcumar oder Falithrom, in anderen Ländern ist der Wirkstof Warfarin gebräuchlicher.
Beide Medikamente haben nun zwei unangenehme Eigenschaften: Sie werden von jedem Menschen unterschiedlich schnell und unterschiedlich stark verstoffwechselt. Während Frau Huber zum Beispiel jeden Tag eine halbe Tablette benötigt, braucht Herr Meier eine ganze und Frau Schulze nur eine Viertel Tablette. Welcher Mensch wieviel braucht, kann man vorher nicht abschlätzen, es gibt nur eine Möglichkeit: Try and Error.
Und damit sind wir auch bei der zweiten unangenehmen Eigenschaft: die geringe therapeutische Breite. Wenn man zu wenig Rattengift einnimmt, hilft es nichts. Nimmt man zuviel ein… nunja, dann läuft man halt Gefahr, das Schicksal einer Ratte zu teilen. Und die Bandbreite dazwischen ist ziemlich eng.
Aus diesem Grund sind regelmäßige Blutkontrollen notwendig, anfangs alle paar Tage, später reicht meist ein Bluttest pro Monat. Aber nicht alle Patienten sind fit genug, um einmal im Monat zum Doktor gehen zu können. Dann muss der Doktor halt zu ihnen kommen, und das ist natürlich aufwändig. Zudem haben viele Menschen natürlich schlechte Venen, was die Piekserei nicht unbedingt angenehmer macht.
Kurz und gut: als dann ein neues Medikament auf den Markt kam, welches bei gleicher Wirkung keine Piekserei mehr brauchte, war die Fachwelt begeistert.
Da störte es auch nicht, dass das neue Mittel achtzehn mal so teuer war.
Ist Dabigatran also wirklich das bessere Rattengift?

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Written by medizynicus

21. November 2011 um 09:25

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

4 Antworten

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  1. Als Nicht-Medizinerin würde ich es mir nicht anmassen, beurteilen zu wollen, welches Rattengift das bessere ist.
    Ich habe allerdings eine Frage dazu, die vielleicht dämlich klingt – dann bitte ich um Verzeihung! Mein Vater hat, solange er noch einigermaßen mobil war, Marcumar genommen. Natürlich fand er es ab und an lästig, so und so oft zu unserem Hausarzt trotten zu müssen, aber er hat’s hingenommen (und traf dort ganz oft den Ehemann meiner besten Freundin, der 53jährig wegen schlimmer Herzrhythmus-Störungen Marcumar nehmen muss). Dann brach er sich mit 90 den zweiten Oberschenkel (den ersten hatte er mit 88 gebrochen, war aber, nachdem er eine künstliche Hüfte bekommen hatte, wieder auf die Beine gekommen) und landete im Rollstuhl. Von da an kam der Doc zum Blutabnehmen zu uns (wohl dem, der einen so tollen Hausarzt wie den unseren hat). Zu der Zeit ließ dann aber beim Vater auch das Gedächtnis nach, so dass meine Mutter (18 Jahre jünger als der alte Herr) die Einnahme kontrollierte. Im Januar ist sie gestorben, mein Vater hat danach entschieden, dass er ins Heim will – und da hat ihn der Doc von Marcumar auf Clexane umgestellt. Er bekommt jetzt täglich (? würde ich nicht drauf schwören, ich bin ja nicht mehr täglich vor Ort) eine Spritze.
    So viel ich weiß, wird Clexane subkutan gespritzt – und offensichtlich ist die Dosierung nicht so ein großes Problem, denn jetzt höre ich von meinem Vater ab und zu Klagen darüber, dass der Doc sich nicht mehr so um ihn kümmere (unser Hausarzt betreut das Heim, in dem mein Vater ist).
    Ich bin Diabetikerin und spritze jeden Tag zweimal Insulin. Und daraus ergibt sich jetzt (endlich) meine Frage: Könnte ein Patient, der geistig einigermaßen fit ist – wie zum Beispiel der Ehemann meiner Freundin – Clexane nicht selbst spritzen und sich damit den Jazz mit den dauernden Messungen bei Marcumar oder den Einsatz des neuen, teuren Rattengifts ersparen?

    Moppelmax

    21. November 2011 at 12:54

  2. 18mal teurer, aber fallen dafür Arztkosten (1x im Monat zum Arzt ist nicht gratis) weg? Evtl. würde sich das ja dann doch lohnen?

    martin

    21. November 2011 at 20:10

  3. @Moppelmax: leider ist es unmöglich, eine Ferndiagnose zu stellen ohne die betreffende Person zu kennen. Prinzipiell wird Clexane eigentlich von Hausärzten nur selten als Dauertherapie verwendet – einmal wegen des Aufwandes, dann wegen der Kosten. Natürlich können pflegende Angehörige lernen, dis subcutanen Spritzen selbst zu setzen – im Prinzip kann ein fitter Patient das auch selbst, es ist aber nicht ganz so einfach wie beim Insulin

    medizynicus

    21. November 2011 at 22:44

  4. Danke, lieber Medizynicus. Du hast gerade ein Gefühl bestätigt, dass ich schon eine Weile habe: Mein von mir sehr geschätzter Hausarzt (übrigens Mitglied bei MEZIS und Facharzt für Innere Medizin mit viel Krankenhauserfahrung) lässt sich von Budgetzwängen offenkundig nicht zu sehr beeinflussen. Der Gute ist sehr engagiert und, wie ich glaube, auch recht „streitbar“, wenn es um das Wohl seiner Patienten geht.

    Moppelmax

    21. November 2011 at 22:53


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