Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Zu viele Pillen? Zu wenig Pillen?

with 10 comments

Nur jedes fünfte neue Medikament ist wirklich neu. Ein Großteil der Präparate, die von der Industrie auf den Markt geworfen werden sind nur Scheininnovationen. Man redet hier auch vom „Me-Too“-Phänomen: Die Konkurrenzfirma modifiziert das Molekül eines neuen Medikamentes und macht es damit irgendwie ein bißchen besser. Und das wirkt dann auch… irgendwie.
Dieses wohlbekannte Thema hat Spiegel Online heute wieder einmnal aufgegriffen.
PharMama weist auf ein anderes Problem hin: Medikamente nämlich, die es eigentlich geben sollte, aber nicht mehr gibt. Medikamente, die früher einmal gebräuchlich waren, sich heutzutage für die großen Firmen aber „einfach nicht mehr lohnen“ obwohl auch heute noch ein Bedarf besteht. Ja, sowas gibt’s…. und es scheint immer häufiger zu passieren.
Ist die Pharmaindustrie also wirklich von Grund auf böse?

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Written by medizynicus

22. November 2011 um 12:06

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

10 Antworten

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  1. Dann ist es grundsätzlich böse, wenn man mit der Gesundheit Geld verdienen will.

    Su-Mu

    22. November 2011 at 12:24

  2. @Su-Mu: …und damit wäre auch ich per Definition böse, denn ich will ja auch mit Medizin Geld verdienen. Ich sehe schon, ziemlich zweischneidige Sache das alles!

    medizynicus

    22. November 2011 at 12:51

  3. „Böse“ ist meines Erachtens das falsche Wort. Die Pharmaindustrie ist profitorientiert und darin wahrscheinlich auf eine Art „pragmatisch“, die nicht immer (vorsichtig ausgedrückt) das Wohl der Patienten im Sinn hat. Ich vermute, dass die Manager diverser Pharmaunternehmen mehr an Shareholder-Value denken als daran, was für Medikamente wirklich gebraucht werden.

    Moppelmax

    22. November 2011 at 13:55

  4. Komisch – der SpOn Artikel beginnt mit „Nur jedes fünfte Medikament“ ist wirklich neu. Deiner mit „Nur jedes zehnte“. Entweder ich habe das Bruchrechnen verlernt, oder ihr liegt um den Faktor zwei auseinander. Gibt es dafür einen Grund (Rechenweise, Quellen) ?

    Davon abgesehen würde ich nicht jeden „Me-Too“-Wirkstoff gleich verteufeln. Erstens müssen auch immer wieder Wirkstoffe vom Markt genommen werden und möglicherweise bleibt dann eine Parallelentwicklung, weil die z.B. von anderen Cytochrom P450 Enzymen umgesetzt wird und die Schwere der Nebenwirkungen damit unterschiedlich ist. Siehe die Cerivastatin-Geschichte, die Bayer Millionen gekostet hat, während sich zeitgleich andere Hersteller mit anderen Statinen dumm und dusselig verdient haben. Auch ein verbesserte therapeutische Breite kann durchaus eine Verbesserung sein – dass der Preis zur größe des Fortschritts nicht unbedingt in Relation steht, hat die Politik ja schon in Angriff genommen.

    Eddi

    22. November 2011 at 14:47

  5. Jedem steht es frei zu forschen. Man gründet ein Unternehmen und schon kann es losgehen. Ich sehe da kein Problem. Ich bin sicher, dass die gesamelte Spiegelredaktion auch könnte — wenn sie wollte. Aber sie wollen nicht. So sind se. Auf andere mit dem Finger zeigen aber selbst kein dringend benötigtes Madikament auf den Markt bringen. Nicht mal gegen Malaria.

    Kristof

    22. November 2011 at 18:31

  6. @Eddi – danke für den Hinweis, schon korrigiert!

    medizynicus

    22. November 2011 at 19:56

  7. Kleine Korrektur (vielleicht) – ich glaube die meisten dieser „modifizierten Moleküle“ werden von der Ursprungsfirma entworfen – unter anderem mit dem Ziel, das Patent zu verlängern. So kommt es auch zu den vielen XR und anderen Retard-Formen. Und dann natürlich die mit den chiralen Substanzen, wo man die eine Form einfach rausnimmt – in der Hoffnung, dass das dann weniger Nebenwirkungen und eine bessere Wirkung hat … und natürlich (wieder) Geld in die Kassen der Konzerne bringt, auch wenn es nichts wirklich Neues ist.

    Pharmama

    22. November 2011 at 21:17

  8. Der Ärzteschaft steht es ja frei, sich gut zu informieren, und aus deren Sicht unsinnige Präparate nicht zu verschreiben. Neben der persönlichen Verantwortung des Arztes gibt es ja auch (ausbaufähige?) Strukturen in der Ärzteschaft, die bei der Entscheidungsfindung helfen können. Und das IQWiG.
    Komischerweise ist es immer die Pharmaindustrie, der vorgeworfen wird, dass sie Geld verdienen will. Niemand erwartet von Lindt, seine Schokolade zu verschenken, und Arbeitnehmer zahlen auch nicht dafür, dass sie arbeiten gehen. Aber von der Pharmaindustrie wird erwartet, dass nicht profitable Medikamente zur Verfügung stehen.
    Für wirklich notwendige Medikamente, die nur von einer geringen Patientenpopulation benötigt werden, gibt es die Möglichkeit des „Orphan Drug“ Status. Alles darüber hinaus wird nicht wirklich gebraucht oder wurde besonders bei alten Medikamenten durch restriktive Zulassungsregularien vom Markt geweht.

    Mr. Gaunt

    22. November 2011 at 22:25

  9. Weitestgehend hat man es hier eben wie Pharmama richtig sagt mit der „Patentfrage“ zu tun. Mit den alten Mitteln, wo es Generika gibt, verdient man nicht mehr so viel…Man muss nicht grundsätzlich Sozialist sein, um gegen bestimmte Auswüchse des Kapitalismus etwas zu haben. Aber hier müsste man eben entsprechende Gesetze entwickeln, die solchen Pseudo Innovationen einen Riegel vorschiebt…Wobei es natürlich schon auch stimmt, dass man manchmal andere Nebenwirkungsprofile hat etc…Dennoch wurden neue Medikamente teilweise auch für Krankheitsbilder beworben, für die es weder Studien gab, noch Zulassungen. Z.B. Gabapentin für „mood disorders“ oder Fibromyalgie. In Amerika wurde das Medikament zu 90% anußerhalb der empfohlenen Indikation abgegeben…In Deutschland ist es aber auch nicht viel besser(Es gab/gibt auch Klagen dagegen) Nach dem das Patent abgelaufen war, entwickelte man Lyrica…

    Ein ähnliches Phänomen ist Tramal/Palexia…Ich habe mich da wirklich gefragt, ob ich da darauf gesetzt werde, weil es gerade so ‚In‘ ist. und mein Anästhesist irgendeinen Vertrag mit der Firma hat, da er wirklich alle „schwierigen“ Patienten darauf umgestellt hat..Hilft gegen neuropathische Schmerzen -bei mir- überhaupt nicht…

    http://blogwesen.wordpress.com/2011/08/04/schmerztherapie-teil-iii-palexia-oder-nur-ein-vermarktungstrick-der-pharmaindustrie/

    blogwesen

    23. November 2011 at 00:18

  10. Nein nein, die sind nicht böse, die sind halt profitorientiert und die eigene Wahrnehmung lässt sich phänomenal manipulieren. Die Pharma tut ja gutes und entwickelt laufend neue sinnvolle Cash-Cows … äh Medikamente 😉

    Cooles Blog, sehr amüsant, ich freue mich immer wieder auf die Artikel und Comments!

    steimi

    24. November 2011 at 12:16


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