Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Drei Eier

with 14 comments

„Und was haben wir hier?“
Voller Schwung reiße ich nach kurzem Anklopfen die Tür zu Zimmer fünfzehn auf.
„Guten Morgen, die Damen!“
Keine Antwort.
„Da kannst Du lange warten!“ sagt Jenny leise und schiebt grinsend den Wagen mit den Patientenakten herein.
„Wen haben wir denn hier?“ frage ich und schlage die erste Akte auf.
„Frau Schröder,“ sagt Jenny und verdreht theatralisch die Augen, „ein faules Ei. Ganz klassisch, so wie es im Buche steht!“
Ich lege mahnend den Zeigefinger auf den Mund.
„Ist doch egal,“ seufzt Jenny kopfschüttelnd, „hört doch eh keiner!“
Ich schaue auf die Diagnosenliste: Demenz, Zustand nach mehreren Schlaganfällen, Vollpflegefall, bettlägerig, seit Jahren keine verbale Kommunikation mehr möglich. Dann trete ich ans Krankenbett.
„Guten Morgen, Frau Schröder!“ sage ich betont laut und deutlich und greife nach der Hand der Patientin. Die Hand ist schlaff, die Haut dünn wie Papier. Stehende Hautfalten, trockene Zunge. Flüssigkeitsmangel.
„Gib Dir keine Mühe!“ zischt Jenny hinter mir.
„Guten Morgen, Frau Schröder, hören Sie mich?“
Keine Reaktion.
„Was können wir für sie tun?“ frage ich leise, eher an mich selbst gewandt. Jenny zuckt mit den Schultern. Okay, sie könnte ein paar Infusionen gebrauchen. Kriegt sie schon. Ich schaue aufs Laborblatt. Kreatinin hoch. Wundert mich nicht. Kalium niedrig. Müssen wir substituieren. Aber wie?
„Kann sie trinken?“
Jenny sagt nichts. Ich trage Kalium-Brausetabletten in den Medikamentenplan ein und klappe die Krankenakte zu.
„Weiter im Text. Was ist mit den anderen beiden Damen?“
„Genau dasselbe!“ sagt Jenny und bemüht sich gar nicht mal, sonderlich leise zu sprechen, „Drei faule Eier auf einmal. Bingo. Volltreffer. Hauptgewinn!“

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Written by medizynicus

23. November 2011 um 10:46

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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14 Antworten

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  1. Da kann einem ja Angst und Bange werden, wenn man als faules Ei bei Euch landet. Ich sollte mich doch mal mit der „Gunther-Sachs-Methode“ befassen 😉

    sweetkoffie

    23. November 2011 at 14:10

  2. freundlichkeit schadet im umgang mit patienten nie. demenzen und ähnliches hin und her – man weiß nie, wieviel doch noch beim patienten ankommt. vielleicht nicht mehr der sinn von worten, aber ein vages gefühl von ablehnung…

    silberträumerin

    23. November 2011 at 16:15

  3. Und so liegen sie Monat für Monat, Jahr um Jahr – wenn sie im Heim nicht trinken (wollen! – als einzige Chance, ihrem trostlosen Zustand ein Ende zu bereiten…), trocknen sie aus und bekommen eine Freifahrt ins Krankenhaus. Dort warten Infusionen und tolle Medikamente auf sie, bis die Laborwerte hübsch aussehen und die Reise zurück ins Heim angetreten werden kann. Bis zum nächsten Mal!

    Der ganze „Spaß“ kostet für ein Ei pro Krankenhausaufenthalt über 2000 Euro (bei Hauptdiagnose Exsikkose = Austrocknung). Die müssen wir dann bei Otto-Normalkranker in der ambulanten Versorgung wieder einsparen… sieht auch jeder ein, dass er deswegen kaum Physiotherapie bekommt, die Salbe bei Prellungen und fast die gesamte Summe für seinen Zahnersatz selbst bezahlen muss – zusätzlich zu Beitragssteigerungen, Zusatzbeiträgen und Zuzahlungen…

    Antje

    23. November 2011 at 20:28

  4. Da kann man nur hoffen, dass man sich noch rechtzeitig die Kugel geben kann.

    Ich

    23. November 2011 at 21:14

  5. @ Antje – wobei die Freifahrt ins KH bei reiner Exsikkose aber auch gar nicht nötig wäre, weil auch in Heimen durchaus sc-Infusionen angelegt werden könnten…
    Da sind die Hausärzte mehr gefordert, so etwas dann aufzuschreiben, und auch grade bei dementen Patienten abzuwägen, ob man denen den Stress eines KH-Aufenthaltes wirklich antuen will.

    Dark_Lady

    24. November 2011 at 09:53

  6. Ich bin ganz bei „Ich“

    Mein Opa hatte Demenz. Er starb kurz nach einer Grippeimpfung, an einer Lungenentzündung.
    Wenn ich mir vorstelle, das er in der Klinik, und das auch noch laut, als faules Ei bezeichnet worden wäre, ich glaube ich hätte mich verbal ebenso vergessen!!

    Vielleicht bin ich beim Demenzthema auch einfach nur sehr emotional, und es zieht schon ein wenig in der Herzgegend, wenn so frech über die Kranken hergezogen wird 😦

    Frau Muschel

    24. November 2011 at 10:26

  7. Mich schockiert dieses Verhalten nicht. Ich würde nicht einmal der Pflegekraft einen Vorwurf machen aber man kann der Gesellschaft einen Vorwurf machen warum man diese Menschen nicht einfach sterben lässt. Nein stattdessen schwemmt man diese Pat. mit Infusionen auf und tut alles dafür das dieses gott verdammte Herz weiter schlägt.
    Der Geist dieser Menschen und dessen Wahrnehmung ist schon längst Tod. Das ist nicht mehr die Person die Angehörige liebten, schätzten und kannten. Sondern nur noch dessen sterbende Hülle und wenn diese Person auch nur noch einen klaren Gedanken rausbringen könnte so würde sie sagen: “ Lasst mich doch endlich sterben und beendet mein Leid“.
    Ärzte und Pflegekräfte mögen solche Hüllen überhaupt nicht. Für den Arzt bedeutet es nur sinnlosen Papierkrieg und vertane Zeit. Während die Schwestern die Tage zählen bis diese wieder von Station verschwinden, bis zum nächsten mal…und viel Glück beim Sterben.

    HoG

    24. November 2011 at 18:19

  8. Oh man furchtbar,wie zynisch man mit der Zeit werden kann.

    aga80

    24. November 2011 at 20:22

  9. Da kommt die bedeutung von Medi“zynikus“ mal wieder durch.

    Zynisch, traurig, aber wahrscheinlich wahr, zumindest vom Ansatz.

    sprinterfreund

    25. November 2011 at 11:16

  10. Genau desshalb sollte man rechtzeitig eine Patientenverfügung verfassen.

    So kann einem das alles erspart bleiben.

    Allerdings muss die Verfügung dann schon sehr genau ausformuliert sein. Ich möchte ja schließlich reanimiert werden und ich möchte auch das komplette intensivmedizinische Programm (bin schließlich erst 26), aber wenn irgendwann vom Verstand nichts rettenswertes mehr über ist will ich nicht als Kartoffel herumvegetieren.

    stachel

    25. November 2011 at 14:29

  11. @stachel
    Für den Fall der (mutwilligen) „Austrocknung“ hilft eine Patientenverfügung leider gar nicht. Denn da schreibt keiner rein „lasst mich bitte bei Demenz Verhungern und Verdursten“.

    Antje

    25. November 2011 at 20:54

  12. Ich finde so eine Art von Umgang mit dementiell veränderten Patienten einfach nur roh – auch wenn ich die Belastung, die für das Pflegepersonal im Krankenhaus dadurch gegeben ist, verstehen kann. Auch wenn die Patientinnen verbal nicht mehr verstehen, was da abgeht, emotional, atmosphärisch und stimmungsmässig kommt es sehr wohl rüber.

    Noga

    26. November 2011 at 02:25

  13. @Antje
    Aber man kann z.B. eine Magensonde ablehnen.

    Passiert doch immer wieder dass die Angehörigen nach langen streiten endlich durchsetzen konnten dass die künstliche Ernährung eingestellt wird.

    stachel

    27. November 2011 at 12:02

  14. Da sehen wir mal, was dabei herauskommt, wenn immer weniger Zeit für die Patienten da ist. Mir wurde erst letzte Woche erzählt, dass genauso ein Patient eine Heilerziehungspflegerin angestellt hat, die nur für ihn da war – der lebt heute allein und fährt wie wild Rollator. Wir könnten das Ganze menschlich gestalten wenn wir könnten…
    Danke fürs Teilen der Geschichte.

    Shivani Allgaier

    28. November 2011 at 22:47


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