Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Wie kommt Frau Schröder ins Krankenhaus?

with 3 comments

„Da sind Angehörige für Dich!“ flötet Jenny.
Klar! Immer dasselbe. Angehörige kommen grundsätzlich um fünf Uhr nachmittags, wenn die Gedanken sich allmählich um den möglicherweise in Reichweite befindlichen Feierabend zu kreisen beginnen. Aber der Feierabend hat sich jetzt um mindestens eine weitere Viertelstunde nach hinten verschoben.
„Angehörige? Von wem?“ blaffe ich ins Telefon.
„Von Frau Schröder. Zimmer fünfzehn. Das ist eine von den dementen…“
„Alles klar. Ich komme.“
Mindestens zwanzig Minuten.
Ich schlurfe zum Schwesterndienstzimmer und nehme hole die Akte. Auf dem Flur steht ein älteres Ehepaar, beide mindestens in den Sechzigern.
„Können wir irgendwo ungestört reden?“
„Kanst doch ins Patientenzimmer gehen. Die Omas kriegen doch sowieso nix mit!“
Ich überhöre die Bermerkung, klemme mir die Akte unter den Arm um mit gestrafften Schultern auf den Flur hinauszutreten.
Ich drücke den beiden die Hand und geleite sie in die kleine Sitzecke im Aufenthaltsraum.
„Also, was ist mit Mutter?“ fragt die weibliche Angehörige, die sich hiermit als Tochter geoutet hat.
„Genau dieselbe Frage möchte ich Ihnen stellen!“ sage ich mit betont sanfter Stimme und füge angesichts des etwas fragenden Blickes der beiden hinzu: „erzählen Sie mir doch bitte, wie Ihre Mutter ins Krankenhaus gekommen ist!“
„Na, mitm Krankenwagen natürlich!“ sagt der offenbare Schwiegersohn.
Ich nicke betont verständnisvoll.

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Written by medizynicus

30. November 2011 um 11:59

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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3 Antworten

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  1. Richtige Anwort auf die Frage. Du hättest wohl eher nach „warum“ gefragt und nicht wie. Ich hätte die Frage auch so verstanden 🙂

    delfinstern

    30. November 2011 at 14:46

  2. … eigentlich will ich die Antwort gar nicht wissen, es ist doch immer eine mehr oder weniger ähnliche Story, die da erzählt wird und ich kann all die Ausflüchte und Ausreden, die über die Verzweiflung der Angehörigen angesichts der häuslichen Situation hinwegtäuschen sollen, nicht mehr hören. Wer gibt schon zu, dass die Oma nur sterben will und es für alle Beteiligten das Beste wäre… nein, das geht doch nicht, das darf man doch nicht denken, da ruft man doch lieber den Krankenwagen, denn ertragen kann man es auch nicht mehr…

    Antje

    30. November 2011 at 20:51

  3. Welch hinterlistige und spitzfindige Frage… – hast du wirklich eine „richtige“, respektive ehrliche Antwort erwartet?!?

    Letztendlich spiegelt sich hier doch nur wieder die Überforderung und Hilflosigkeit pflegender Angehöriger wider. Keiner traut sich, Oma/Opa in ein Pflegeheim zu geben (kein geeigneter Platz zu finden / zu teuer / schlechtes Gewissen wegen „Abschiebens“ usw.).
    Vermutlich erwarten Angehörige die „ärztliche Anordnung“, daß Oma/Opa besser in einem Heim aufgehoben wäre – das nimmt nämlich ihnen diese unpopuläre Entscheidung ab.

    Sanna

    1. Dezember 2011 at 08:04


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