Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Ambulant? Stationär? Fehlbelegung!

with 2 comments

„Schon wieder eine Fehlbelegung!“
Oberarzt Heimbach seufzt.
„Sie meinen Frau Klusenschröter? Sie meinen, weil bei deren Koloskopie nichts rausgekommen ist?“
Heimbach schüttelt den Kopf.
„Es ist egal, was bei der Koloskopie herausgekommen ist. Es geht darum, dass die Untersuchung überhaupt durchgeführt worden ist. Also darum, dass sie hier gemacht worden ist…“
Ich blättere in der Krankenakte.
„Der Hausarzt hat sie engewiesen zur Abklärung einer seit mehreren Monaten bestehenden Anämie…“ berichte ich, „…wir haben die üblichen Laboruntersuchungen gemacht und dann eine Magen- und eine Darmspiegelung und morgen früh geht sie wieder heim…“
„…und das Krankenhaus bekommt keinen einzigen Cent dafür!“ fällt der Oberarzt mir ins Wort. Das ist normalerweise nicht seine Art. Aber gestern war da wohl ein Meeting mit der Geschäftsführung und seither scheint unserem sonst so sachlich-ruhig-kompetentem Oberarzt eine Laus über die Leber gelaufen zu sein.
„Die Krankenkasse wird uns fragen, warum die Untersuchungen nicht ambulant durchgeführt werden konnten…“
„…weil Frau Klusenschröter nun einmal ziemlich wackelig auf den Beinen ist und außerdem ein wenig tüdelig. Diese Koloskopie-Vorbereitung, also literweise diese Darmreinigungs-Lösung zu trinken und alle Nase lang aufs Klo zu rennen, das hätte die zu Hause doch niemals geschafft. Und außerdem ist es doch viel bequemer, das ganze Programm innerhalb von zwei Tagen schnell durchzuziehen als wochenlang auf einen Termin zu warten…“
„Natürlich ist es bequemer. Aber Bequemlichkeit zählt nun einmal nicht bei den Krankenkassen. Das einzige, was zählt ist, dass zwei Tage Krankenhausaufenthalt ein bisschen teurer sind als die ambulante Prozedur. Und deshalb hätten wir die Sache schlicht und einfach nicht machen dürfen und schauen durch die Röhre.“
„Aber das ist doch…“
„Sagen Sie jetzt nichts!“ fährt Oberarzt Heimbach mir über den Mund, klappt die Krankenakte zu und rollt den Visitenwagen zum nächsten Zimmer.

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Written by medizynicus

12. Dezember 2011 um 21:35

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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2 Antworten

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  1. Ich missbrauche dieses Kommentarfeld mal, um meinem Ärger ein wenig Luft zu machen. Für einige Leute mögen 500€ ja nicht viel Geld sein, für mich ist es ziemlich genau das, was ich in einem Monat netto auf dem Konto habe… vor Miete, Strom, Internet und solchen Luxusgütern wie Nahrung, etc. 500€ ist auch der Betrag, den ich als stark kurzsichtiger Mensch mindestens auf den Tisch legen darf, wenn ich zwei neue Gläser für meine Brille brauche. Und die müssen aus der eigenen Tasche kommen, denn die GKV zahlt sowas nicht mehr. Keinen Cent. Der Krankenkasse ist vollkommen egal, dass ich ohne Brille ein Buch 10 Zentimeter for meine Nase halten muss, um Buchstaben richtig lesen zu können. Der Krankenkasse ist egal, dass ich ohne Brille weder in der Lage bin, meinen kargen Lohn auf der Arbeit zu verdienen, noch einigermaßen gefahrlos über die Straße zu gehen. Wenn mir also bei strömendem Regen die Brille von der Nase rutscht und sich die Gläser auf dem Gehsteig in ein Puzzle verwandeln, dann hab ich halt einfach Pech gehabt. Muss ich halt einfach ein wenig Geld an die Seite legen. Denn der Optiker ist nicht viel besser als die Krankenkasse… ohne Barzahlung brauch ich die Sehhilfe garnicht abholen kommen. Oh natürlich gäbe es da die Möglichkeit einer Ratenzahlung, oh, halt, warten Sie… bei Ihrem Monatseinkommen leider nicht…
    Dies ist nur die aktuellste Episode aus meinen teils abstrusen Erlebnissen mit Versicherung, Ärzten, etc. Es ist zum Kotzen. Ich werde verwaltet, katalogisiert, vermittelt, evaluiert, archiviert, mit „Infopost“ zugemüllt und ständig väterlich auf das Gesundheitsthema der Saison hingewiesen. Nur geholfen wird mir nicht.
    Mit einer Ausnahme, die ich nicht nennen darf, weil das diesen guten Menschen seinen Job kosten würde… das System ist doch einfach (Achtung Wortwitz) krank.

    Johannes

    12. Dezember 2011 at 22:29

  2. „…und schauen durch die Röhre“- schöne Metapher für eine Darmspiegelung.

    Thomas

    20. Dezember 2011 at 15:12


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