Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for Januar 2012

Postprandialer Besuch

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Es ist kurz vor zwei Uhr nachmittags, ich bin im postprandialen Leistungstief und beschäftige mich gerade damit, im Arztzimmer am PC… ach, tut ja nichts zur Sache, was ich da gerade mache.
Es klopft an der Tür.
„Wer stört?“
Die Tür geht einen Spalt weit auf..
„Hätten Sie einen Moment Zeit?“
Ein sorgfältig frisierter männlicher Kopf streckt sich vorsichtig ins Zimmerinnere. Der zugehörige Körper steckt in einem dunkelblauen Anzug.
„Schmidt mein Name, Firma Miraculopharm…“
„Was kann ich für Sie tun?“
„Ich würde mich gerne mit Ihnen über das neue Holladiol unterhalten…“
Ich unterdrücke ein Gähnen.
„Muss das sein?“
Ups, habe ich das jetzt wirklich gesagt?
Der Mund in dem Gesicht von Herrn Schmidt verzieht sich zu einem Lächeln.
„Im Übrigen gibt es da eine interessante Fortbildung….“
Momentmal… Fortbildung? Miraculopharm? Da war doch was! Florenz? Malediven?
„Kommenserein!“
Der Anzugträger kommt behende ins Zimmer geschwebt, streckt mir seine Hand entgegen und nimmt ungefragt auf dem einzig freien Stuhl Platz.
„Vielen Dank, dass Sie ein paar Minuten für mich übrig haben. Holladiol ist ein hoch wirksames, neuartiges Medikament…“
Karibik? Kalifornien? Mensch Junge, komm endlich zur Sache!
„…im Gegensatz zum Vorgängerprodukt bietet Holladiol erhebliche Vorteile…“
„Was lassen Sie denn springen?“
Herr Schmidt schaut mich verblüfft an.
„Machen wir uns doch nichts vor!“ sage ich und senke die Stimme, „Sie wollen das Zeug verkaufen und ich soll es verschreiben. Sparen wir uns das Drumherum und kommen wir gleich zur Sache. Ein Hunderter für jeden Patienten?“
Herr Schmidt schaut sich vorsichtig um. Dann öffnet er seinen Aktenkoffer.
„Sagen wir neunzig. Bar und ohne Quittung. Zehntausend als Vorschuss?“
Er schiebt mir ein Kuvert über den Tisch.
Dann räuspert er sich.
„Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!“
Er steht auf und geht. Gedankenverloren nehme ich den Holladiol-Hochglanzflyer in die Hand und befördere ihn in den Papierkorb. Zumindest ein paar Kugelschreiber hätte er ja dalassen können!

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Written by medizynicus

30. Januar 2012 at 17:04

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Ist Landflucht schlecht?

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Oh, das ist ja mal eine herrliche Diskussion über Landflucht und das Leben auf dem Lande!
Am gesten den Nagel auf den Kopf getroffen hat übrigens Thomas von der Abbotheke:

Die Landflucht ist nicht nur ein Problem der Mediziner. (…) Über andere infrastrukturelle Dinge wie Kultur und Bildung, Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel usw. wird schon garnicht mehr gesprochen.

Tja, Leute, so ist das also!
Landflucht ist eine Tatsache in diesem unserem Land. Aber ist das denn unbedingt schlecht?
Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ist rückläufig und wird – da sind sich die meisten Wissenschaftler einig – auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten rückläufig sein.
Der demographische Wandel macht sich auf dem Lande am meisten bemerkbar: Wirtschaftsbetriebe wandern ab, es gibt keine Arbeitsplätze mehr, wer es sich irgendwie leisten kann, wandert ab in die Stadt und übrig bleiben die Alten und Immobilen.
Aber ist das denn unbedingt schlecht?
Man klagt darüber, dass „gewachsene Kulturen“ verloren gehen.
Okay.
Von einem jungen Arzt, der eine Praxis eröffnen möchte, erwartet man, dass er „wirtschaftlich denkt“. Dazu gehört, den Standort seines Unternehmens sorgfältig zu planen. Wo also ist mit zahlungskräftiger Kundschaft zu rechnen?
Na?
Auf dem Lande bleiben die Alten und Chronisch Kranken. Die brauchen medizinische Versorgung. Und die machen Arbeit. Ist diese Klientel also für einen jungen, niederlassungswilligen Arzt, der ein hohes wirtschafliches Risiko eingeht, attraktiv?
Vielleicht.
Aber es ist mit einer hohen Einsatzbereitschaft verbunden.
Anderswo lassen sich mit geringerem Aufwand höhere Erträge erzielen.

Written by medizynicus

28. Januar 2012 at 23:21

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

Winterliche Hausarztromantik auf dem Lande

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Bad Dingenskirchen, an einem Abend im Januar. Leise rieselt der Schnee und Hausarzt Uwe sitzt mit Frau und zwei Kindern im heimischen Wohnzimmer und… verbringt den Abend halt so, wie ein Familienvater einen langen, dunklen Winterabend verbringt.
Kurz nach der Tagesschau geht das Telefon.
Uwe hat nämlich Dienst. Da er als Hausarzt noch ganz neu im Geschäft ist, hat er ziemlich oft Dienst. Schließlich sind Dienste ja die beste Gelegenheit, neue Patienten zu aquirieren. Wenn sich herumspricht, dass der junge neue Doktor sich nicht zu fein dazu ist, auch abends mal rauszukommen, auch im Winter, auch bei Neuschnee, dann muss das ja ein toller Doktor sein, der Neue.
Omma Kasuppke hat Rückenschmerzen.
„Könnense mir nicht eine Spritze geben?“
Uwe schüttelt den Kopf.
„Spritzen sind out. Neue wissenschaftliche Studien haben erwiesen…“
„Aber Doktor Grunznickel hat mir immer die Spritze gegeben!“
„Ja wissen sie, inzwischen hat sich einiges geändert in der Medizin!“
Uwe schreibt ein Rezept aus.
„Von den Tabletten dreimal täglich eine nehmen. Die wirken mindestens genauso gut wie die Spritzen!“
Omma Kasuppke schaut verstört auf das Rezept.
„Und wo krieg ich die her?“
„Na, aus der Apotheke natürlich!“
„Aber die hat doch schon zu!“
„Die Sankt-Nimmerleins-Apotheke in Jotwede hat heute Dienst und da kriegen Sie Ihre Tabletten…“
Omma Kasuppke schüttelt den Kopf.
„Und wie soll ich dahin kommen?“
„Können Sie nicht jemanden schicken? Einen Verwandten? Oder einen Nachbarn?“
Die Patientin seufzt.
„Ich hab doch niemanden… Können Sie mir nicht doch die Spritze geben?“
Uwe zuckt mit den Schultern.
„Aber die Tabletten…“
„Die nutzen mir gar nichts, wenn sie in de Apotheke liegen. Warum können Sie mir denn keine Tabletten geben?“
„Weil ich das nicht darf. Medikamente abgeben ist nun einmal Sache des Apothekers!“
„Aber der kommt doch abends nicht raus!“

Written by medizynicus

25. Januar 2012 at 23:49

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Kollegen, warum wollt Ihr denn nicht aufs Land?

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Frische klare Luft gibt’s da, viel Landschaft, Kegelbahnen, Schützenfeste und Feuerwehrbällt. Kinos zwar nicht, aber das ist eh out, holt Euch lieber eine Tüte Chips und ein paar DVD’s, dann stört sich auch niemand daran, wenn ihr zwischendurch mal weggerufen werdet, weil da aufm Land sollt Ihr ja richtige Landärzte werden, und die sind ja immer im Dienst, aber dafür gibt’s dann vom Bauern auch mal frische Wurst gratis, wenn gerade geschlachtet worden ist.
Und dann braucht ihr noch eine passende Frau, also ohne geht’s ja nicht. Also, natürlich nicht so eine Großstadttusse, die wo einen eigenen Beruf haben will, sondern so ein kerniges Mädel vom Land mit roten Wangen und… okay, weitere Details tun nichts zur Sache. Die hält Euch jedenfalls den Rücken frei und sorgt dafür, dass jeden Abend frische Hausmannskost auf den Tisch kommt, wenn Ihr um um halb acht aus der Praxis kommt und wenn dann Oma Kasuppke anruft, dann sagt Eure Frau der Omma dass es noch ein bisschen dauert bis der Doktor kommt, weil der muss jetzt erstmal zu Abend essen.
Ach ja, und Ihr, weibliche Leserinnen und Kolleginnen Ihr könnt ruhig mal weglesen – Ihr habt draußen auf dem Land nichts verloren. Werdet lieber Latte-Machiato-Mütter!
Werde ich zynisch?
Nee.
Nur wieder mal das alte Thema, diesmal aufgetischt von SpON.
p.p.s.:…und morgen erzähle ich Euch eine Story von Uwe und Marion – die sind ja bekanntlich Hausärzte hier bei uns in Bad Dingenskirchen, nicht unbedingt plattestes Land, aber immerhin Provinz!

Written by medizynicus

24. Januar 2012 at 17:28

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

Washabich.de am Ende?

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Vor ziemlich genau einem Jahr hat es begonnen: eine der besten und innovativsten medizinischen Internetprojekte seit langer Zeit.
Eine Gruppe von Medizinstudierenden bot unter www.washabich.de an, mediznische Befunde aus unverständlichem Fachchinesisch ins Normaldeutsche zu übersetzen.
In den folgenden Monaten konnten sich die Leute vor öffentlichem Interesse kaum retten: zahlreiche Beiträge erschienen in der überregionalen Presse, hinzu kamen mehrere Fernsehauftritte – zuletzt trat die Studentin Anja Kersten im Gespräch mit Hirschhausen im NDR auf.
Höhepunkt der Initiative war eine „lange Nacht des Übersetzens“ im Sommer 2011 – aber seitdem herrscht Funkstille.
Wer einen Befund zum Übersetzen „einreichen“ möchte, wird an das „Wartezimmer“ verwiesen.
Der letzte – übrigens sehr gute – Eintrag auf dem Blog stammt vom 28. Juli 2011.
Was ist seither passiert? Ist die gute Initiative Opfer ihres eigenen Erfolges geworden?
Es wäre schade.
Hoffen wir also auf einen erfolgreichen Reanimationsversuch!

Written by medizynicus

22. Januar 2012 at 07:22

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

Neues aus dem Berliner Selbstbedienungsladen

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…was bisher geschah:
Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) ist eine Truppe, welche dazu da ist, um Geld, welches die zweihundertsoundsoviel Krankenkassen von ihren Mitgliedern eingesammelt haben auf diejenigen zu verteilen, werlche für dieses Geld etwas getan haben: nämlich die ambulant tätigen (also im Wesentlichen die Niedergelassenen) Ärzte. Oder „Leistungserbringer“, wie es im entsprechenden Jargon so schön heißt.
Es geht also darum, Geld zu verwalten. Und weil verwalten so schwere Arbeit ist, und auch das Verwalten verwaltet werden muss, zwacken sich die Oberverwalter davon in der Regel einen schönen Batzen ab: ein Vorstandsposten in einer der 17 Landes-KVen (jedes Bundesland hat eine, nur NRW hat zwei) gehört zu den bestdotierten Jobs, die ein Arzt in Deutschland bekommen kann.
Das ist die eine Seite.
…und jetzt die andere Seite derselben Medaille:
Da war mal eine rechtschaffende Hausärztin, irgendwo in Berlin, die hat sich verrechnet.
Und zwar zu ihren Ungunsten. Genau gesagt: bei der Abrechnung der von ihr erbrachten Leistungen ist ihr ein Zahlendreher unterlaufen, sie hat eine falsche Abrechnungsziffer angegeben.
Das heißt, sie hat Geld für eine Abrechnungsziffer bekommen, die sie nicht erbracht und damit auch nicht verdient hat – auf der anderen Seite ist ihr viel mehr Geld durch die Lappen gegangen für die Abrechnungsziffer, die sie eigentlich hätte angeben wollen und was ihr eigentlich zugestanden wäre. Klingt kompliziert, ist es auch. Im Endeffekt hat sie weniger Honorar angefordert als ihr eigentlich zustand. War, wie gesagt kein böser Wille sondern Unaufmerksamkeit. Die ganze Abrechnerei ist nämlich ziemlich kompliziert, vor allem dann, wenn man auch noch etwas anderes zu tun hat als zu verwalten, zum Beispiel Patienten versorgen oder so.
Was macht die KV?
Die sind ja nicht blöd!
Sie wittern Böses.
Sie klagen an. Sie prüfen nach.
Und – oh je! – sie kommen sie tatsächlich auf die Schliche!
Man entdeckt einen dreisten Betrug – immerhin hat die gute Kollegin ja Geld eingesackt für eine „Ziffer“, welche sie abgerechnet hat ohne die entsprechende Leistung zu erbringen!
So etwas muss natürlich bestraft werden!
Zunächst einmal ist eine saftige Geldbuße fällig. Dann muss sie natürlich die Kohle, welches sie sich unrechtmäßig erschlichen hat, wieder zurückzahlen.
Und das Honorar, welches ihr eigentlich zugestanden hätte… ja, Pustekuchen, selbst schuld, wenn man so blöd ist!
Wie gesagt, dass ist die zweite Seite der Medaillie.
Aber zurück zur Vorderseite:
Jeder der drei Vorstandsmitglieder kassiert derweil eine Summe von über zweihunderttausend Euro, die ihm zwar eigentlich nicht zusteht – aber weil man ja Vorstand ist kann man die Regeln schnell mal ändern.
Ist halt so.

Written by medizynicus

21. Januar 2012 at 17:18

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

Paul und die Bürokraten

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Anna hat da vorhin eine Geschichte erzählt, die mir irgendwie bekannt vorkommt. Denn merkwürdigerweise hat Paul ganz etwas ähnliches erlebt.
Wir erinnern uns: Paul ist der fleißige PJ-Student, der nicht nur ein bißchen zu oft (für meinen Geschmack) mit Jenny schäkert, sondern, das muss man ihm lassen, ein ziemlicher Blitzmerker ist.
Und jetzt ist er groß und stark geworden, hat sein praktisches Jahr beendet und sich fürs Examen angemeldet.
Das heißt, er wollte sich anmelden.
Aber irgendwie gab es ein Problem.
Völlig zerknirscht tauchte er eines Tages bei uns auf.
„Die wollen mich nicht zulassen!“
„Was ist los?“
Ich stelle einen Becher dampfende Krankenhauskaffeeplörre vor seine Nase.
„Die Papiere stimmen nicht!“
„Wie bitte?“
„Ich habe zu wenig gearbeitet!“
Nun kann man Paul ja eine Menge vorwerfen – dass er sich ein bißchen zu intensiv um gewisse Schwesternschülerinnen kümmert zum Beispiel – aber dass er zu wenig gearbeitet hat, das trifft nun wirklich nicht zu. Ganz im Gegenteil. Was er mir an Arbeit abgenommen hat, das geht auf keine Kuhhaut. Wenn ich das alles hätte selbst machen müssen…. Jungejunge.
„Also, jetzt mal Butter bei die Fische, wo drückt der Schuh?“
„Es geht um die Bescheinigung von der chirurgischen Ambulanz!“
„Aha?“
„Das war zu wenig!“
„Wie? Du warst doch einen ganzen Monat lang da!“
„Genau. Das war im Februar.“
„Und was sagen eure Vorschriften? Einen Monat lang müsst Ihr in der Ambulanz verbracht haben…“
„Dreißig Tage! Dreißig Tage lang ausschließlich und ganztägig in einer ambulanten Einrichtung. So ist die Formulierung!“
„Ja, und?“
„Der Februar hat aber nur achtzundzwanzig Tage!“
Ich schüttele den Kopf.
„Gib mal her!“
Er reicht mir das vom Chef unterschriebene Zeugnis. Anfangsdatum: Erster Zwoter. Letzter Arbeitstag: Achtundzwanzigster Zwoter.
Kurzentschlossen nehme ich einen Kugelschreiber und mache aus der letzten Zwei eine Drei.
„So, jetzt warst Du sogar zwei Monate in der Ambulanz!“
„Aber das ist doch… Urkundenfälschung…“
„Nix da. Willkommen im Leben! Ich hab doch genau gesehen, dass Du dich im März oft genug in der Ambulanz herumgetrieben hast!“
Paul sagt nix.
Aber sein Examen hat er trotzdem rechtzeitig ablegen können. Und was soll ich sagen? Natürlich mit Bravour bestanden!

p.s.: natürlich ist das hier alles erstunken und erlogen und in Wirklichkeit war es ganz anders! Ich werde doch wohl nicht in aller Öffentlichkeit eine Urkundenfälschung eingestehen!

Written by medizynicus

20. Januar 2012 at 13:45

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