Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Willkommen in der Freien Wirtschaft (Teil 3)

with 13 comments

Es ist kurz vor elf Uhr vormittags und ich habe die Visite soeben beendet.
„Guten Morgen Herr Doktor Armschlag,“ sagt die freundliche Stimme am Telefon, „hätten Sie kurz Zeit für mich?“
„Äh ja… worum geht’s denn?“
„Also, hier ist Medical Controlling. Wir möchten nur kurz…“
Wer bitte sind Sie?“
Medical Controlling. Wir kümmern uns um die Einnahmen und Ausgaben, also wir kontrollieren sozusagen die wirtschaftlichen Abläufe hier im Haus!“
„Äh ja… und was wollen Sie von mir?“
„Nur kurz unsere Daten abgleichen. Hätten Sie einen Moment Zeit?“
Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Also gut…
„Dann fangen wir mal an. Schmidt, Eduard, Zimmer Zwohundertdrei. Wann entlassen Sie den?“
„Herrn Schmidt von Zimmer drei? Keine Ahnung, wann der heimgeht…“
„Keine Ahnung? Warum?“
„Weil… äh… die häusliche Versorgung ist doch noch gar nicht geklärt. Der hat bislang immer alleine gelebt. Das wird aber so nicht mehr gehen!“
„Gut. Ich nehme an, der Sozialdienst ist involviert? Bis übermorgen sollten die einen Kurzzeitpflegeplatz gefunden haben. Also Entlassung Übermorgen. Sie sind einverstanden, ja?“
Bleibt mir etwas Anderes übrig?
„…dann kommen wir zu Zimmer zwohundertvier. Meier, Hermine. Was hat die eigentlich?“
„Frau Meier? Äh… die hat Fieber und hohe Entzündugnswerte und hustet sich die Seele aus dem Leib…“
„Eine Pneumonie hat sie aber nicht?“
„Also… im Röntgenbild hat man keine Infiltrate gesehen…“
„Was ist dann Ihre Diagnose?“
„Naja… akute Bronchitis halt…“
„Hat sie eine COPD?“
„Nichts dergleichen bekannt!“
„Also, Herr Armschlag, eine einfache Bronchitis gibt leider kaum etwas her. Wenn sie keine COPD hat, dann muss sie eine Pneumonie haben. Von mir aus eine Bronchopneumonie. Ändern Sie die Diagnose! Reden Sie halt nochmal mit Ihrem Oberarzt!“
Jawoll, wird gemacht. Also das mit dem Oberarzt reden, dann hat der den Schwarzen Peter.
„…Zimmer Zwohundertfünf. Schneider, Egon. Der ist seit fünf Tagen überfällig.“
„Wie bitte?“
„Obere Grenzverweildauer ist überschritten. Wir zahlen drauf. Spätestens morgen wird er entlassen!“
„Wie bitte? In dem Zustand? Der ist doch quasi… präfinal… er kann jeden Moment sterben…“
„Gibt es ein Versorgungsproblem?“
„Nein, er kommt aus dem Pflegeheim!“
„Wo ist dann das Problem? Morgen früh geht er zurück. Vielen Dank, Herr Armschlag, das war’s dann für heute. Frohes Schaffen noch!“

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Written by medizynicus

5. Januar 2012 um 17:36

13 Antworten

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  1. „Frohes Schaffen noch!“ Ja klaro. Gehts hier eigentlich noch um den Menschen? Ich hab echt Angst vor der Zukunft, wobei es soweit nicht mehr weg ist, wenn die Gesellschaft so weiter macht. :-/

    greenleaflegolas

    5. Januar 2012 at 17:59

  2. Das wird bei Ihnen im Haus noch per Telefon gemacht? Moderne Häuser setzen doch längst Software ein, die auf dem Stationsrechner anzeigt, welcher Patient sich finanziell noch rechnet und welcher nicht. Die Entlassungs-Ampel leuchtet dann entweder rot, gelb oder grün…

    Christian

    5. Januar 2012 at 18:01

  3. Im Rahmen des DRG gibt es doch genau das.

    DD

    5. Januar 2012 at 21:37

  4. @DD: eben!

    medizynicus

    5. Januar 2012 at 21:51

  5. Hart aber wahr.

    Und äh.. Medizynicus… bist du krank? Ein Kommentar zu den Kommentaren? Den Tag streich ich mir rot im Kalender an!

    Knoetchen

    5. Januar 2012 at 22:54

  6. Hihihi, als bei uns die DRG-Onkels rumgingen kam raus, dass der Chef die Patienten bisher zu früh rausgeschmissen hatte. Und allen klappten die Kinnladen runter..

    pescum

    5. Januar 2012 at 23:47

  7. Mich grausts‘.

    MSchnettel

    5. Januar 2012 at 23:48

  8. @KKnötchen: och, manchmal tu ich das 🙂
    Ansonsten halte ich mich an die Regel: die Kommentarfunktion ist für die Leser da, und da halte ich mich raus. Ich habe ja schließlich ein ganzes Blog für mich allein!

    medizynicus

    6. Januar 2012 at 00:36

  9. Nu ja.
    Ganz so krass ist es dann ja doch nicht, oder?
    Ich arbeite in dem Bereich, und ich würde niemals irgendeinem Arzt vorschreiben wollen, wann denn ein Pat. entlassen werden soll. Allerdings würde ich dem Arzt auf die Füße zu treten und ihn auffordern zu dokumentieren WARUM der Patient noch da ist.
    Auch das vorschreiben einer Diagnose ist völlig daneben. Dafür gibt es Regeln die zu beachten sind, und da die Ärzte die Patienten behandeln sollen, gibt es Leute, die sich genau darum kümmern, und die das auch noch gelernt haben und deutlich besser können als Ärzte.

    Das es Ärzten manchmal nicht gefällt, wenn man fragt, warum der Patient, der meistens unterwegs ist und keine Beschwerden hat, noch nicht entlassen ist, ist auch klar.

    Ansonsten bin ich froh, dass ich mit den Ärzten bei uns im Haus gut zusammenarbeiten kann.

    „Das wird bei Ihnen im Haus noch per Telefon gemacht? Moderne Häuser setzen doch längst Software ein, die auf dem Stationsrechner anzeigt, welcher Patient sich finanziell noch rechnet und welcher nicht. Die Entlassungs-Ampel leuchtet dann entweder rot, gelb oder grün…“

    Na Herr Säfken, das glaub ich jetzt mal nicht. Denn das kann man erst wissen, wenn der Fall mit allen Diagnosen und Prozeduren erfasst ist. Und das wird in 99% der Fälle erst dann zutreffen, wenn der Patient entlassen ist. Und dann ist auf dem Stationsrechner nichts mehr von dem Patienten zu sehen.

    Und: Die Leute aus dem Medizincontrolling machen auch nur Ihren Job. Der Job der Ärzte besteht darin die Patienten möglichst gut zu behandeln, der Job des Medizincontrollings besteht darin dafür zu sorgen, das Eure Arbeit auch von den Krankenkassen bezahlt wird. Ihr würdet Euch bestimmt umgucken, wenn das Medizincontrolling mal die Arbeit nicht macht ;-P

    Wolf

    6. Januar 2012 at 13:52

  10. @Wolf Wer stellt denn nun die Diagnose, wenn nicht die Ärzte?

    MSchnettel

    6. Januar 2012 at 14:18

  11. @Wolf
    Zitat1
    „Das wird bei Ihnen im Haus noch per Telefon gemacht? Moderne Häuser setzen doch längst Software ein, die auf dem Stationsrechner anzeigt, welcher Patient sich finanziell noch rechnet und welcher nicht. Die Entlassungs-Ampel leuchtet dann entweder rot, gelb oder grün…“

    Zitat2
    Na Herr Säfken, das glaub ich jetzt mal nicht. Denn das kann man erst wissen, wenn der Fall mit allen Diagnosen und Prozeduren erfasst ist.

    Doch, doch, die Ampel gibt es schon (richtet sich nach der Hauptdiagnose) – aber die leuchtet nur rot und gibt einem keine Wiederworte – man kann sie prima ignorieren!

    medbrain2001

    6. Januar 2012 at 18:59

  12. @MSchnettel:
    Die Diagnose wird vom Arzt gestellt. Allerdings wird die Entscheidung OB eine Diagnose auch kodiert wird / werden kann meist nicht vom Arzt getroffen. (Nebendiagnosendefinition: Tante Google fragen 😉 )
    Es muss auch getrennt werden zwischen der Diagnose zur Behandlung und der Diagnose zur Abrechnung.(Hauptdiagnosendefinition -> auch Tante Google 😉 )

    Beispiel: Pat. kommt als z.n. Sturz; hat ne heftige Knieprellung, Fraktur soll ausgeschlossen werden. Labor am Aufnahmetag völlig normal. Am 2. Tag plötzlich AP Beschwerden, Trop geht massiv hoch. Patient wird 4 Tage auf ITS behandelt, es wird ne Notfall Coro gemacht und ein Stent implantiert.

    Die Behandlungsdiagnose ist mit Sicherheit der Infarkt. Gar keine Frage. Hauptdiagnose zur Abrechnung ist aber die Knieprellung. Warum? Weil der Patient damit stationär aufgenommen wurde. (darum fand ich ja auch das mit der Pneumonie so seltsam; so etwas nennt sich dann nämlich Abrechnungsbetrug. Vielleicht auch nur ein Missverständnis zwischen Arzt und Medizincontrolling?)

    Wie gesagt: Das ist nichts worum sich die Ärzte kümmern müssen sollten, warum auch. Das eine ist die Behandlung, das andere ist die Abrechnung.

    Ganz allgemein: je besser der Arzt dokumentiert, desto besser (korrekter) die Abrechnung, und desto eher kommt man gegen den MDK an. Dabei geht es nicht darum das Romane geschrieben werden, sollte nur nachvollziehbar (und lesbar!) sein.

    @medbrain2001:
    Wie witzlos. 🙂
    Gebe ich was unspezifisches ein wie ne Dyspnoe ein wird das Dingen nach 6 Tagen rot. Kommt am Ende dann ne Linksherzinsuffizienz mit diversen Nebendiganosen raus, hätte man locker noch 10 Tage mehr Zeit.
    Ich würde das auch ignorieren.

    Wolf

    6. Januar 2012 at 21:20

  13. Geht doch nix über eine effektive Patientennutzung

    Elmar Breitbach

    10. Januar 2012 at 23:06


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